Curia Generalizia dei Carmelitani Scalzi -
Corso d'Italia, 38 - 00198 ROMA - Italia
email
ocdinfo@pcn.net Tel. +39-06-854431
Fax +39-06-85350206
|
|
|
 |
ZURüCK ZUM
EVANGELIUM
DIE BOTSCHAFT DER THERESE VON
LISIEUX
Rundbrief der Generaloberen
O.Carm. und O.C.D.
aus Anlaß des 100. Todestages der
HEILIGEN THERESE VON LISIEUX
|
|
|
Liebe Brüder und
Schwestern im Karmel!
1. In wenigen Monaten
beginnen die Feierlichkeiten aus Anlaß
des hundertsten Todestages unserer
Schwester Therese von Lisieux. Dieses
Jubiläum ließ uns die Augen wieder neu
auf diese junge Karmeliten richten, ein
Mitglied eines theresianischen Karmels
in Frankreich, die in ihren Schriften
ihre tiefgründige Sichtweise der
Beziehungen zwischen Gott und dem
menschlichen Dasein auszudrücken wußte,
als einem Ergebnis ihrer durch den
Heiligen Geist geführten persönlichen
Erfahrung.
2. Ihre Sendung war es,
uns an das Wesentliche der christlichen
Botschaft zu erinnern: daß Gott die
Liebe ist und daß er sich ohne
Gegenleistung hingibt an die im
evangelischen Sinn Armen; daß die
Heiligkeit kein Ergebnis unserer
Leistung, sondern des göttlichen
Handelns ist, das von uns nur ein
liebevolles Hingeben an seine rettende
Gnade erwartet. Daher haben ihre Lehren
nicht an Aktualität verloren und hatten
einen solchen Einfluß, daß über dreißig
Bischofskonferenzen und tausende von
Christen erbeten haben, sie zur
Kirchenlehrerin zu erklären.
Eine Frau des Evangeliums
und der Kontemplation
3. Therese von Lisieux
lebte ihr geistliches Leben in der
Klausur des Karmel und wurde trotzdem
zur Patronin der Missionen erklärt, da
es ihr gelang, die kontemplative
Spiritualität mit ihrer apostolischen
Dimension zu vereinen. Zugleich
vermittelte sie ihre religiöse Erfahrung
in einer einfachen und lebendigen
Sprache, die von den Gläubigen aller
Völker und Kulturen verstanden und
umgesetzt werden kann. Durch ihre
Hinwendung zum Evangelium und zum Wort
Gottes, zum historischen Jesus und
seinem österlichen Geheimnis von Tod und
Auferstehung griff sie dem 2.
Vatikanischen Konzil voraus. Sie
unterstrich den Primat der Liebe in der
Kirche, dem Leib Christi. Sie bezeugte
die Spiritualität des Alltags und die
allgemeine Berufung zur Heiligkeit.
4. Die Erfahrung und
Lehre Therese von Lisieux’ als Frau
besitzt in unserer Zeit einen besonderen
Wert, da sich für sie neue Perspektiven
des Lebens und Arbeitens in der
Gesellschaft und in der Kirche eröffnen.
Die Frau ist dazu berufen, “ein Zeichen
der Zärtlichkeit Gottes für die
Menschheit”1
zu sein und die Menschheit mit ihrem
“weiblichen Genius” zu bereichern.
Beides verwirklichte unsere Schwester in
ihrem Leben und ihren Schriften.
Die Botschaft von Therese
von Lisieux neu verstehen
5. Ausgehend vom sozialen
und kirchlichen Kontext unserer Zeit und
auf dem Hintergrund unserer eigenen
Kultur kann uns die Lektüre der Werke
unserer Schwester Therese helfen, uns
auf das Wesentliche zu konzentrieren:
die vertrauensvolle Öffnung auf Gott
hin, den lieben Vater, der uns liebt und
versteht; die Nachfolge Jesu, unseres
Bruders, der uns gegenwärtig und nahe
ist, Weg, Wahrheit und Leben; die
Offenheit für den Heiligen Geist, der
die Geschichte lenkt, die unserer
Ordensgemeinschaften und unsere eigene
kleine Geschichte. Und all das in der
Annahme unserer Armut und Hinfälligkeit,
mit der Gewißheit, daß nichts und
niemand uns scheiden können von der
Liebe Gottes in Christus Jesus (vgl. Röm
8, 37-39).
6. Wir hoffen, daß unsere
Gedanken euch helfen werden, die Dynamik
dieser Feier lebendig zu halten, die zu
einem Augenblick der Gnade werden möge
für den ganzen Karmel: Brüder,
Schwestern, Priester, Laien.
Kirchliche Aktualität von
Therese von Lisieux
7. Während der Synode
über das geweihte Leben wurde unsere
Schwester von den Synodalen bei
verschiedenen Anlässen zitiert als eine
Person, die eine aktuelle Botschaft für
die Kirche besitzt an der Schwelle zum
dritten Jahrtausend. Unter den
Redebeiträgen, die sie erwähnten, sticht
der des Generalsekretärs, Kardinal
Schotte, hervor, der seinen
Dreijahresbericht mit folgenden Worten
beschloß:
“Es sei mir erlaubt,
diesen Bericht zu schließen in
Erinnerung jener Frau, die ein
hervorragendes Beispiel für ein
geweihtes Leben im Auftrag der Kirche
ist: die heilige Therese vom Kinde Jesus
... diese Schwester aus dem Karmel von
Lisieux zeichnete sich aus durch ihre
Demut, ihre religiöse Schlichtheit und
das Vertrauen auf Gott ... In ihrer
Autobiographie bemerkt sie unter
anderem: ‘während ich intensiv das
Martyrium ersehnte, suchte ich in den
Paulusbriefen nach einer Antwort. Der
Apostel erklärt, daß die höchsten
Charismen nichts sind ohne die Liebe und
daß diese Liebe der beste Weg ist, um
mit Sicherheit zu Gott zu gelangen.
Darauf fand ich den Frieden ... ich
werde die Liebe im Herzen der Kirche,
meiner Mutter, sein.’”
8. Als Johannes Paul II.
bei seiner Audienz am 4. Januar 1995 von
der Verpflichtung des geweihten Lebens
zum Gebet sprach, zeigte er die
Bedeutung auf, die dieses bei der
Evangelisierung besitzt und schloß
folgenderweise:
“Daher ist es schön,
diese Katechese mit der Erinnerung an
die Hl. Therese vom Kinde Jesu zu
beschließen, die durch ihr Gebet und ihr
Opfer der Evangelisierung auf eine Weise
und mehr diente, als wenn sie sich dem
aktiven Missionswerk gewidmet hätte, so
sehr, daß sie zur Patronin der Missionen
erklärt wurde.”2
9. Die nachsynodale
apostolische Ermahnung Vita
consecrata erwähnt ebenfalls unsere
Schwester, indem sie ihre Sehnsucht
unterstreicht, die Liebe im Herzen der
Kirche zu sein3,
und ihr Ideal, sich in eine einzigartige
Zusammenarbeit mit der aktiven
Missionierung eingebunden zu sehen,
indem sie so oft ihre Sehnsucht
wiederholt, Jesus zu lieben und ihn
lieben zu machen4durch
ihre Gemeinschaft mit ihm: “Deine Braut
zu sein, o Jesus... in meiner Einheit
mit dir Mutter der Seelen sein.”5
Einladung zum
Wesentlichen
10. Therese von Lisieux
wußte durch ihren Ordensnamen “vom Kinde
Jesu und dem Heiligsten Antlitz” den
ganzen Prozeß ihres Lebens auszudrücken,
der sie durch das Mitleiden der
Menschwerdung (kenosis) und des Leidens
Jesu, der uns durch sein österliches
Geheimnis aus aller Sklaverei befreit,
zur spirituellen Reife führte. Sie
konnte den Lebensentwurf Jesu verstehen
und leben, der unser ganzes
Beziehungsleben verwandelt und unseren
Beziehungen zu Gott, zu den Nächsten und
zu den Dingen eine neue Dimension
verleiht. Angesichts des
Todesentwurfs, der uns beherrscht
und in allen diesen Bereichen versklavt,
finden wir den Lebensentwurf des
Evangeliums, der uns befreit und
verwandelt. Die Sendung Therese von
Lisieux’ war eben dies: uns an diese
Wahrheiten zu erinnern, uns neu auf das
Wesentliche zu konzentrieren.
11. Auf dem Hintergrund
des Lebensentwurfes Jesu, den wir kurz
skizzieren werden, wollen wir die
Botschaft Therese von Lisieux’
vertiefen: sie lädt uns ein, vom
Richtergott zum Vater-/Muttergott
überzugehen; vom Mißtrauen zum Vertrauen
und zur Hingabe an Ihn; von der Suche
nach der Perfektion zur Suche nach der
Gemeinschaft mit Gott; von der
Kompliziertheit zur Einfachheit; von den
Gesetzen, die versklaven, zum Gesetz der
konkreten und tätigen Liebe, das
befreit; von der Unreife zur Reife; von
der äußerlichen Askese zur evangelischen
Entsagung; von den Verdiensten zu den
leeren Händen; von den rein spirituellen
Betrachtungen über das Wort Gottes, von
einem komplizierten Gebet zu einer
einfachen kontemplativen Betrachtung;
von der unerreichbaren Maria zur nahen
Maria des Evangeliums.
I. DER LEBENSENTWURF JESU
12. Das Evangelium Jesu,
die gute Nachricht, die er mitteilt, ist
die Verkündigung von Leben und
Freiheit. Eine Freiheit, die
gleichbedeutend mit Liebe ist, die sich
selbst vergißt und sich hingibt für das
Wohl der anderen.
13. In seinem Erdenleben
und in seiner Predigt lebte Jesus seine
Verbundenheit mit dem Leben bis dahin,
daß er einen Prozeß des Sterbens
akzeptierte, der am Kreuz gipfelte.
Durch seine Menschwerdung nimmt Jesus
menschliche Gestalt an und schätzt sie
in ihrer ganzen Würde. Dies führte ihn
dazu, das Leben jedes Menschen zu achten
und gegen alles zu kämpfen, was es
vermindert und unterdrückt. Er ist
niemals unsensibel und indifferent
angesichts des Leidens und des Todes.
Durch seine Haltung offenbart er den
Plan Gottes, der ein Entwurf des Lebens
ist. Auch das Leid ist darin ein Weg des
Lebens und der Auferstehung.
14. Der Gott des Lebens
machte sich in Jesus von Nazareth
gegenwärtig. Er, der das Wort des Lebens
war (Joh 1,4), kam um uns das Leben in
Fülle zu verheißen (vgl. Joh 10,10) und
um uns in Söhne und Töchter Gottes zu
verwandeln (Joh 1,14). Als Jesus in der
Synagoge von Nazareth beginnt, die frohe
Botschaft vom Leben zu verkünden,
stellte er sie auch als Befreiung dar (Lk
4, 17-21). Bei dieser programmatischen
Rede nannte er einige der Versklavungen
und Unterdrückungen, die den Menschen
beherrschen und ihn im Tod festhalten.
15. Der Lebensentwurf,
den Jesus verkörpert und initiiert,
berührt alle drei Beziehungsbereiche des
Menschen: Gott, die Nächsten und die
Dinge.
1. Vom Fatalismus zur
Verantwortung der Söhne und Töchter
Gottes
16. Dem Todesentwurf, der
Gott als mächtigen und furchterregenden
Schöpfer betrachtete, stellte Jesus
seinen Lebensentwurf entgegen, der Gott
als Vater/Mutter offenbart, der weit
davon entfernt uns ein Schicksal
aufzuzwingen, uns hilft den Fatalismus
zu überwinden und uns als freie und
verantwortliche Mitarbeiter zu fühlen.
Die Beziehung zum Gott des Lebens ist,
laut Jesus, eine Beziehung der Liebe und
des Vertrauens.
17. Das uns von Jesus
offenbarte Antlitz des Vaters ist die
Lebensachse des Glaubenden und wird zum
Mittelpunkt seines Daseins. Dieser Gott
Jesu ist ein Gott, der unsere Freiheit
ernstnimmt. Ein unbekannter Gott, der
sich in seinem menschgewordenen Sohn
offenbart und durch die Wirkung des
Heiligen Geistes alle unsere
Götzenbilder zerstört. Ein immer
größerer Gott und der einzige Grund
unseres Daseins.
18. Von diesem Bild des
Gottes unseres Herrn Jesus Christus
ausgehend können wir uns auf das Leben
in all seinen Dimensionen einlassen.
2. Von der Trennung zur
Gemeinschaft in Geschwisterlichkeit
19. In dem von Jesus
vorgestellten und begonnenen
Lebensentwurf münden die Beziehungen zu
den Nächsten im Gebot der Nächstenliebe,
begründet in der Gottesliebe mit ganzem
Herzen, mit ganzer Seele und mit allen
Kräften (vgl. Mt 27, 37-39).
20. Durch diese Liebe
geführt, steht Jesus an der Seite der
Marginalisierten und Ausgestoßenen, die
auf viele Weise zum Sterben verdammt
sind: Arme, Kranke, Frauen, Kinder,
Sünder, Fremde. Ihnen allen bietet er
das Leben. Er kämpft gegen alles, das
sich dem entgegenstellt, wie auch gegen
alles, was Trennung erzeugt: zwischen
dem Nächsten und dem Nicht-Nächsten;
zwischen Heiden und Juden; zwischen Mann
und Frau.
21. Der Mensch ist eine
Synthese der Schöpfung, die in und durch
das Wort geworden ist (vgl. Kol 1,
15-16; Joh 1,3) und besitzt daher eine
von Gott verliehene Heiligkeit. Der
Mensch erscheint im Licht Christi im
Universum als einer, der das Wort Gottes
hört und ihm im Namen aller Dinge
antwortet, als Gesprächspartner Gottes.
Durch seine Menschwerdung hat sich der
Sohn Gottes “auf gewisse Weise mit jedem
Menschen vereinigt”.6Der
uns nahe und in jedem Menschen
gegenwärtige Christus “wollte sich mit
besonderer Hingabe mit den Schwächsten
und Ärmsten identifizieren”7,
wie es der Text Mt 25, 31-46 deutlich
macht.
22. Es handelt sich um
eine sakramentale Gegenwart, die
zugleich offenbart und verdunkelt. Im
Antlitz jedes Menschen können wir etwas
vom Antlitz Jesu, dem Wort des Lebens,
erkennen. Das Geheimnis Gottes läßt sich
in erster Linie in der unwiederholbaren
Erfahrung jedes Menschen intuitiv
erfahren. Ebenso im autonomen und
reziproken Dasein von Mann und Frau.
Johannes Paul II. hat die Würde der Frau
hervorgehoben und “ihren spezifischen
Beitrag zum Leben und zum pastoralen und
missionarischen Wirken der Kirche ...
wegen ihres ureigenen Beitrags in der
Förderung der Lehre ... besonders was
die Würde der Frau und die Achtung vor
dem menschlichen Leben angeht ... und
die Förderung der grundlegenden Güter
des Lebens und des Friedens.”8
23. Wenn wir Gott als in
den Nächsten gegenwärtig erkennen,
bedeutet dies einen Wechsel in den
zwischenmenschlichen Beziehungen und
führt dazu, ein Leben tätiger und
effizienter Liebe zu führen; es
erfordert, daß wir uns der universellen
Geschwisterlichkeit in der Kirche und in
der Gesellschaft öffnen; und es verlangt
ein Engagement für alles, was Leben,
Gemeinschaft und Teilhabe impliziert,
ausgehend von einer vorrangigen Option
für die Armen, in denen das Angesicht
Gottes “verdunkelt und auch verspottet
wird”.9
3. Von einem egoistischen
zu einem teilenden Gebrauch der Güter
24. Im Lebensentwurf Jesu
verändert sich der Bezug zu den Dingen.
Wir sind eingeladen, von einem bloßen
Gebrauch derselben (der uns entfremdet
und versklavt und uns dazu bringt,
andere zu unterdrücken und sie
Situationen des Todes auszusetzen) hin
zu einer Verwendung in Freiheit und vor
allem zum Teilen mit den anderen in
einer für alle gerechten und
menschlichen Gesellschaft. Für Jesus
sollten die Dinge ein Ort sein, um mit
Gott und den Brüdern und Schwestern
zusammenzutreffen, ein Mittel des
Austausches und der Gemeinschaft
zwischen den Menschen.
25. Die religiöse
Botschaft Jesu beinhaltet soziale
Konsequenzen, die in einen Einsatz für
die Gerechtigkeit als Quelle des Lebens
münden. Hier wird die gemeinschaftliche
und soziale Dimension des Liebesgebotes
explizit. Jesus verkündete das Reich
Gottes, seinen Lebensentwurf, und dieser
beinhaltet Konsequenzen für die
Strukturen menschlichen Zusammenlebens.
Wenn diese auf Ungerechtigkeit und
Unterdrückung basieren, verwandeln sie
sich in Werkzeuge des Todes. Die Lehren
Christi hinterfragen und ermahnen hier
heftig und rufen zu einem Einsatz für
die Gerechtigkeit, die Leben ist.
II. THERESE VON LISIEUX
LEBT UND BEZEUGT DEN LEBENSENTWURF JESU
26. Die Feier des
hundertsten Todestages unserer Schwester
ist ein Anlaß, um ihr Leben und ihre
Schriften aus dem Blickwinkel des
Lebensentwurfes Jesu und unseres
soziokulturellen und kirchlichen
Umfeldes neu zu betrachten. Vor allem
aber verlangt die Betrachtung ihrer
geistlichen Erfahrung von allen eine
tiefe Erneuerung unseres
karmelitanischen Lebens. Die kleine
heilige Theresia erinnert uns an die
Grundwerte des Evangeliums und lädt uns
ein, uns auf sie zu zentrieren. Durch
die Lektüre und Meditation des Wortes
Gottes entdeckt sie das Wesentliche in
der Beziehung zu Ihm, zu den Nächsten
und zu den Dingen; sie lebt es in
Einfachheit, auf natürliche Weise und in
Tiefe und übermittelt es durch ihr Leben
und ihre Schriften.
1. Ein naher Gott, der
uns liebt
Aus der lebendigen Quelle
des Wortes Gottes trinken
27. Therese von Lisieux
nährte ihr Leben und ihre Spiritualiät
in den reinsten Quellen des Wortes
Gottes. In einer für das Bibellesen
wenig aufgeschlossenen Zeit
verwirklichte sie das, was das Konzil
später für alle Christen fordern würde,
besonders für die Menschen eines
geweihten Lebens: “Die erhabene Kenntnis
Jesu Christi durch regelmäßiges Lesen in
den heiligen Schriften” zu erlernen.
“Denn ein Nichtkennen der Schriften ist
ein Nichtkennen Christi.”10
28. In Treue zum Auftrag
der Regel betrachtete sie Tag und Nacht
im Gesetz des Herrn und verharrte im
Gebet.11Wie
Teresa von Avila, ihre Mutter, fand sie
in Jesus das lebendige Buch12und
in Nachahmung des Hl. Johannes vom Kreuz
wußte sie “ihre Augen auf Christus zu
richten”.13
Sie selbst erzählt uns, wie sie Schritt
für Schritt von der Lektüre geistlicher
Bücher, die ihr viel auf ihrem Weg
halfen, besonders Johannes vom Kreuz,
dazu überging, sich auf die Hl. Schrift
zu konzentrieren, vor allem auf die
Evangelien:
“Später aber ließen mich
alle geistlichen Schriftsteller kalt und
ungerührt... Wenn ich ein Buch öffne,
selbst das schönste und ergreifendste,
verkrampft sich mein Herz, und ich lese,
ohne verstehen zu können. Verstehe ich
aber, so versagt mein Geist, ohne
betrachten zu können. Die heilige
Schrift und die ‘Nachfolge Christi’
kommen mir bei diesem Unvermögen zu
Hilfe. In diesen Büchern finde ich ein
verborgenes, kräftiges und reines Manna.
Vor allem ist es das Evangelium, das
mich während meiner Betrachtungen
beschäftigt. Daraus nehme ich alles, was
meine arme, kleine Seele nötig hat. Da
entdecke ich immer wieder neue
Erleuchtungen, verborgene und
geheimnisvolle Sinndeutungen. Ich
verstehe und weiß aus Erfahrung, ‘daß
das Reich Gottes in uns ist’.”14
29. Das Lesen und
Betrachten des Wortes Gottes half ihr,
das Wesentliche der Botschaft Jesu im
alltäglichen Leben zu entdecken. Diese
Beziehung zwischen dem Wort Gottes und
dem konkreten Dasein führt sie dazu, zu
erkennen: “Gerade in jenem Moment, da
ich dessen bedarf, erblicke ich ein bis
dahin ungekanntes Licht ... inmitten der
Beschäftigung des Tages.”15Mehr
noch, durch sein befreiendes Wort wird
Jesus in Therese von Lisieux
gegenwärtig: “Nie habe ich ihn sprechen
hören, aber ich weiß, daß er in mir ist.
Jeden Augenblick leitet und erleuchtet
er mich.”16
Bei ihrer Sendung, uns an
das Wesentliche zu erinnern, stellt uns
unsere Schwester Therese vor das Wort
Gottes als das Licht, das unsere Wege
erleuchtet (vgl. Ps 119,105)17
und macht uns darauf aufmerksam, daß die
Voraussetzung um die Botschaft Gottes zu
verstehen ist, das Herz eines Kindes zu
haben, offen und verfügbar für das, was
der Geist uns als unsere Berufung und
Sendung in der Kirche enthüllt.
31. Es gilt, zu leben im
ständigen Hören auf das Wort Gottes. Es
ist die “Quelle jeder christlichen
Spiritualität”.18Die
Kirche empfiehlt die gemeinsame
Bibelbetrachtung nicht nur für die
Menschen des geweihten Lebens, sondern
auch für alle Glieder des Volkes Gottes.
“Aus dem häufigen Umgang mit dem Wort
Gottes haben sie die notwendige
Erleuchtung für jene individuelle und
gemeinschaftliche Unterscheidung
geschöpft, die ihnen geholfen hat, in
den Zeichen der Zeit die Wege des Herrn
zu suchen.”19
32. Therese von Lisieux,
die die biblischen Sprachen lernen
wollte, um das Wort Gottes besser zu
erspüren, war es nicht vergönnt, die
neue kirchliche Annäherung an die
Heilige Schrift mitzuerleben. Ihr
standen auch nicht die uns heute
bekannten Möglichkeiten für eine bessere
Kenntnis und Aufnahme der biblischen
Botschaft zur Verfügung. Sie
verwirklichte jedoch die Weisung der
Karmelregel, das Wort Gottes überreich
auf dem Herzen und auf den Lippen zu
tragen, um alles aus ihm heraus zu tun.20
Lesen und betrachten auch wir, wie
unsere Schwester, das Wort Gottes und
setzen wir seine Forderungen in die Tat
um, mit den neuen Möglichkeiten, die
Gott uns zu diesem Zeitpunkt der
Kirchengeschichte bietet, damit wir sein
Wort vertiefen und besser verstehen.
Das Antlitz des
väterlich-mütterlichen Gottes neu
entdecken
33. Therese lebte in
einer von jansenistischer Spiritualität
geprägten Zeit, die das Antlitz Gottes
entstellte und ihn einseitig als
strengen Richter darstellte, der zur
Befriedigung seiner Gerechtigkeit selbst
die Darbietung als Opfer verlangen
konnte.
34. Durch das Lesen und
Betrachten der Heiligen Schrift wurde
Therese von Lisieux zur Zuhörerin Jesu,
der ihr das wahrhafte Antlitz Gottes
offenbarte: als erbarmungsvoller Vater
und erbarmungsvolle Mutter, die uns
einlädt, aus einer Haltung von Söhnen
und Töchtern heraus die Hingabe und das
Vertrauen zu leben, indem wir uns an die
göttliche Liebe hingeben und wie
Christus verantwortungsvoll die Sendung
auf uns nehmen, den Heilsplan Gottes für
die Menschheit zu verkünden. Therese
verstand “wie Jesus geliebt werden
möchte” und bot sich der barmherzigen
Liebe als Opfer an, das sich allen
mitteilen will.21
Das Gebet als einfache
und kindliche Zwiesprache
35. In Übereinstimmung
mit ihrer Mutter Teresa von Avila22lebt
Therese das Gebet als vertrauensvolle
und liebevolle Zwiesprache mit einem
väterlichen und mütterlichen Gott.23Die
Kraft, die sich mitteilt und sich der
Notwendigkeit evangelischer Entsagung
öffnet, damit das Gebet echt sein kann,
verwandelt sie in eine gelebte
Erfahrung: “Das Gebet und das Opfer
begründen meine ganze Kraft, sind die
unbesiegbaren Waffen, die Jesus mir
gegeben hat, und sie können, mehr als
alle Worte, die Seelen berühren.”24
Sie lebte eine immer
einfacher werdende Gebetsform, die sie
an die Quelle lebendigen Wassers oder
neben das reinigende und verwandelnde
göttliche Feuer stellte: “Für mich ist
das Gebet ein Aufschwung des Herzens,
ein schlichter Blick zum Himmel, ein
Ausruf der Dankbarkeit und Liebe
inmitten der Prüfung und auch inmitten
der Freude; es ist schließlich etwas
großes, übernatürliches, das meine Seele
erhebt und mich mit Jesus vereint."25
Von der Heiligkeit als
“Perfektion” zur Heiligkeit als
Gemeinschaft
36. Die Wiederentdeckung
des väterlich-mütterlichen Antlitzes
Gottes war der Ausgangspunkt für den
neuen Weg zur Heiligkeit, den sie vor
allem ab 1894 lebte angesichts der
Erfahrung ihrer Schwäche. Wie sie sagt,
zeigte ihr Jesus, daß der Weg aus der
Hingabe und dem Vertrauen eines Kindes
besteht, das ohne Furcht in den Armen
seines Vaters einschläft:
“‘Ist jemand klein, so
komme er zu mir’, spricht der Heilige
Geist durch den Mund Salomos, und
derselbe Geist der Liebe sagt auch daß
‘den Kleinen das Erbarmen zuteil wird’.
In seinem Namen offenbart uns der
Prophet Jesaja über den jüngsten Tag:
‘Wie eine Mutter ihr Kind liebkost, so
will ich euch trösten. An meiner Brust
will ich euch tragen und auf meinen
Knien euch wiegen.’ Jesus verlangt keine
großen Taten, sondern Hingabe und
Anerkennung.”26
37. Hier befindet sich
der Übergang von der Furcht zum
Vertrauen. Wir stehen vor Gott wie Söhne
und Töchter vor ihrem Vater und ihrer
Mutter stehen. Gott läßt alles zu
unserem Wohl arbeiten, selbst unsere
Schwächen und Fehler:
“Das Vertrauen und nichts
als das Vertrauen muß uns zur Liebe
führen”; “ihm gefällt zu sehen, daß ich
meine Kleinheit und meine Armut liebe,
meine blinde Hoffnung auf seine
Barmherzigkeit” ... “um Jesus zu lieben,
um sein kleines Opfer der Liebe zu sein,
ist jemand umso geeigneter für diese
Liebestat, die verzehrt und verwandelt,
wenn er besonders schwach, ohne Wünsche
oder Tugenden ist.”27
38. Unsere Berufung zum
geweihten Leben im Karmel ist in der
Wurzel eine Initiative des Herrn. Die
berufenen Menschen, die auf die
Einladung Gottes antworten, vertrauen
auf seine Liebe und leben die
bedingungslose Hingabe ihres Lebens,
“indem sie alles, Gegenwart und Zukunft,
in seine Hände legen.”28
So wie Therese von Lisieux sind auch wir
berufen, die Erfahrung des
väterlich-mütterlichen Antlitzes Gottes
in ihrer Tiefe zu leben, das Gebet als
liebevolle Zwiesprache mit Gott und
kontemplative Schau der Wirklichkeit zu
sehen, als Hören auf Gott, um uns für
unsere Brüder und Schwestern
einzusetzen; die Heiligkeit nicht als
“Perfektion” in den Blick zu nehmen,
sondern als Gemeinschaft mit Gott durch
den Glauben, die Hoffnung und die Liebe.
Eine theologische Heiligkeit, so wie sie
die Regel und Johannes vom Kreuz, der
Vater und geistliche Führer Therese von
Lisieux, durch seine Schriften
darstellen.
Treue zur Sendung und
Reinigung des Glaubens
39. Die geschenkte
Erfahrung des väterlich-mütterlichen
Antlitzes Gottes, das uns in Jesus
offenbart wurde, und die Treue zur
eigenen Berufung und Sendung
verantwortungsvoll angenommen als Söhne
und Töchter Gottes treten ein in die
Dynamik des österlichen Geheimnisses des
Todes und der Auferstehung; sie sind
offen für eine Läuterung und für die
Erprobung des Glaubens. Therese von
Lisieux wußte dies durch den Zusatz
ihres Namens auszudrücken, in
untrennbarer Einheit: vom Kinde Jesus
und dem heiligsten Antlitz. Das
menschgewordene Wort, das im Geheimnis
seiner Kindheit zu Vertrauen, Liebe,
Hingabe einlädt, ist der selbe leidende
Knecht, der uns in das Mysterium des
Leidens einführt, das er vor uns
durchlitt. Ein Leiden, das ausgeht von
der Treue zur Sendung des Abba.
40. Gerade im Prozeß der
Läuterung ihres Glaubens entdeckt und
versteht sie ihre Berufung. Ihre
apostolischen Sehnsüchte, die Gute
Nachricht von der Erlösung zu verkünden,
verwandeln sich in ein Martyrium der
Liebe als sie nicht sieht, wie sie all
das, was sie ersehnt, vereinen kann, und
wie sie es verwirklichen könnte. In
dieser Situation läßt Gott sie
verstehen, im Licht der Kapitel 12 und
13 des ersten Briefes an die Korinther,
daß die Kirche wie ein Leib ist, und daß
in ihm die Liebe das Herz bildet, das
alle anderen Glieder in Bewegung setzt
und das daher alle Berufungen in sich
einschließt und alle Zeiten und alle
Orte umfaßt; daher ruft sie aus:
"endlich habe ich meine Berufung
gefunden, meine Berufung ist die Liebe!
... Ja, ich habe meinen Platz in der
Kirche gefunden, und diesen Platz, o
mein Gott, hast du selbst mir
zugewiesen...; ich werde die Liebe im
Herzen der Kirche, meiner Mutter, sein!
... So werde ich alles sein..., so wird
mein Traum verwirklicht werden!!!".29
41. In ihren letzten
Gesprächen erscheint mit Nachdruck das,
was man den "Leidensweg der Hl. Therese
von Lisieux" genannt hat.30Es
sind die läuternden Nächte, ausgelöst
durch Krankheit, Dunkelheit, Zweifel,
Todesangst. Bei dem Bemühen, ihrer
kontemplativen Berufung treu zu bleiben,
durchlebte sie ihren Kreuzweg: "Ich
hatte damals große innere Versuchungen
jeder Art (bis hin, das ich mich
manchmal fragte, ob es einen Himmel
gäbe)".31
Besonders intensiv wird die läuternde
Nacht in den letzten Monaten ihres
Lebens. In ihnen trinkt sie den Kelch
des Schmerzes bis zur Neige. So wie
Jesus gibt sie ihr Leben für die
anderen.
42. Die österliche
Dimension des geweihten Lebens
umschließt auch das Kreuz und das Leiden
in Treue zur Erfüllung der Berufung
innerhalb der Sendung der Kirche,32da
"die Sendung für jedes Institut
wesentlich ist, nicht nur für die des
tätigen apostolischen Lebens, sondern
auch für die des beschaulichen Lebens.
Denn noch ehe sich die Sendung durch
äußere Werke kennzeichnet, entfaltet sie
sich dadurch, daß sie durch das
persönliche Zeugnis für die Welt
Christus selbst gegenwärtig macht."33
In der Erfüllung unserer
Sendung sind wir wie Therese von Lisieux
berufen, die Reinigung durch den Glauben
zu erleben, der der Schild ist, der uns
vor den Versuchungen des Bösen
verteidigt,34indem
wir das Kreuz annehmen als "Überfluß der
Liebe Gottes, die auf diese Welt
überströmt, das großartige Zeichen der
Heilsgegenwart Christi. Und dies
besonders bei den Schwierigkeiten und
Heimsuchungen",35
in schwierigen Situationen
einschließlich Verfolgung und
Martyrium.
2. Ein Gott, der unsere
Geschwisterlichkeit schafft
Die evangelischen
Dimensionen der geschwisterlichen Liebe
43. Der zweite Aspekt des
Lebensentwurfes Jesu ist die Überwindung
des Hasses und der Spaltung, um zum
Zusammentreffen der Liebe und zur
Gemeinschaft mit allen, zu der Er uns
ruft, zu gelangen. Diese Forderung ist
eng verknüpft mit der Entdeckung des
väterlich-mütterlichen Antlitzes Gottes,
der uns in Christus zu Brüdern und
Schwestern gemacht hat. Es geht um den
zweiten Teil des einzigen Gebotes der
Liebe: den Nächsten lieben wie uns
selbst.
44. In der Erfahrung und
in der Lehre Therese von Lisieux finden
wir die Überzeugung, daß sich die
Authentizität unserer Gottesliebe in der
Qualität unserer Nächstenliebe zeigt.
Wie in konzentrischen Kreisen öffnet
sich die Dimension der geschwisterlichen
Liebe auf immer weitere Horizonte, die
alle wie eine Ausdehnung sind, die von
der Liebe zu Gott ausgeht. Der erste
Kreis ist der der Allernächsten, der
weiteste ist der der gesamten
Menschheit. Das Vertrauen und die
Hingabe an den Vater-/Muttergott und das
von ihm Geliebtwerden bilden bei Therese
von Lisieux die Quelle der
geschwisterlichen Liebe und des
Apostolates als Ausdruck einer Liebe zu
allen, um ihnen die gute Nachricht von
der Erlösung mitzuteilen.
Geschwisterliche Liebe
und Leben in Gemeinschaft
45. Die evangelischen
Dimensionen geschwisterlicher Liebe
werden in konkreten Umständen gelebt,
unter denen sich unser Menschsein
abspielt: Familie, Ordensgemeinschaft,
christliche Gemeinden, Kirche,
Menschengruppen, Gesellschaft. In ihnen
finden wir Licht- und Schattenseiten,
positive und negative Aspekte. Unsere
Schwester Therese lehrt uns, in die
Wirklichkeit inkarniert zu leben und zu
beginnen, die evangelische Liebe dort zu
leben, wo Gott uns hingestellt hat.
46. Nach den Worten ihrer
Schwester Maria war der Karmel von
Lisieux zur Zeit ihres Eintritts klein
und arm. Er zählte 26 Ordensfrauen. Das
Durchschnittsalter der Gemeinschaft
betrug 47 Jahre. Menschlich gesehen war
es eine arme Gemeinschaft und spirituell
war sie durch den Rigorismus ihrer Zeit
beeinflußt, durch die vom Jansenismus
geprägte Furcht vor einem Richtergott.
Alles dies erschwerte ständig die
Dynamik der Liebe und die
Ausgeglichenheit, die die Hl. Teresa von
Avila mit menschlichem und spirituellem
Realismus zu schützen getrachtet hatte.
In diesem Umfeld, mit konkreten
Menschen, mit Vor- und Nachname, mit
Fähigkeiten und Mängeln, lebte Therese
von Lisieux die geschwisterliche Liebe
und ihre Konsequenzen.
47. Auf vielen Seiten des
Manuskriptes C an M. Maria de Gonzaga,
die Priorin des Klosters, beschreibt
Therese wie sie begann, das Gebot Jesu,
die Nächsten zu lieben wie er uns
geliebt hat, mehr und mehr zu verstehen
und zu leben. Das führte sie dazu, die
Fehler der anderen zu ertragen, sich
nicht an ihren Schwächen zu stoßen, sich
aufzurichten an kleinen Werken der
Tugend, alle mit Verständnis und Güte zu
beurteilen. Sie beschreibt auch kleine
konkrete Taten, die ihrer Übung in der
Nächstenliebe trotzten und das Wachstum
in der Gemeinschaft erschwerten.36
Unsere Schwester lebte das Liebesgebot
in den kleinen Anstrengungen, Diensten
und Opfern des geschwisterlichen
Gemeinschaftslebens.
48. Die gemeinschaftliche
Dimension, die die Berufung zum
geweihten Leben umschließt und auch in
unserer Regel aufgezeigt wird, wurde
durch das Dokument Vita consecrata
von neuem herausgestellt in seinem
zweiten Teil, der den Titel trägt
"Signum Fraternitatis. Das geweihte
Leben als Zeichen der Gemeinschaft in
der Kirche".37
Das Paschamysterium hilft
zu verstehen, daß es ohne Verleugnung,
ohne Kreuz, ohne großherzige Hingabe,
Öffnung und Verzeihung nicht möglich
ist, die Nächstenliebe nach dem Vorbild
Jesu zu leben. Therese von Lisieux ist
für uns ein Ansporn und ein Vorbild, um
die neue Gemeinschaft und
Geschwisterlichkeit in Christus inmitten
aller Schwierigkeiten unter den
konkreten Umständen unserer
Gemeinschaften mit einem spirituellen
Realismus zu leben.
3. Ein Gott, der von uns
die Verkündigung der frohen Botschaft
erwartet
Die missionarische
Dimension: Jesus lieben und andere zu
seiner Liebe führen
49. Die Berufung zur
Evangelisierung ist ein Ausdruck
universeller Liebe. Anderen das neue
Leben in Christus und seine
Hoffnungsbotschaft zu bezeugen und zu
verkünden heißt, sie zu lieben. Therese
als kontemplative Nonne hörte nie auf,
die missionarische und apostolische
Dynamik der christlichen Berufung zu
leben. Sie wollte aus ihrer speziellen
Berufung im Karmel heraus mit Christus
in der Erlösung der Welt mitarbeiten,
nicht nur bis zum Ende ihres Lebens,
sondern bis zum Ende der Welt.38
In ihrer
Briefkorrespondenz mit ihren
missionarischen Brüdern wiederholt sie
auf vielerlei Weise die apostolische und
missionarische Dimension der
kontemplativen Karmelitin. Unter anderem
bekräftigt sie: "Sie wissen ja, eine
Karmelitin, die nicht Apostel wäre,
würde sich vom Ziel ihrer Berufung
entfernen und aufhören, eine Tochter der
Seraphischen Heiligen Teresa zu sein,
die tausend Leben hingeben wollte, um
eine einzige Seele zu retten."39Daher
wollte sie alle Berufungen leben.40Den
Erfolg der Evangelisierung legte sie in
die Liebe. Sie bittet die Heiligen, ihr
ihre Liebe doppelt zu schenken.41
50. In unserer Berufung
zum Karmel sind wir der Mission geweiht.
Wir haben "die prophetische Aufgabe, uns
auf Gottes Plan in bezug auf die
Menschen zu besinnen und ihm zu dienen,
wie es von der Schrift verkündet wird
und wie es aus einem aufmerksamen Lesen
der Zeichen des weisen Wirkens Gottes in
der Geschichte hervorgeht. Es ist der
Plan für eine gerettete und versöhnte
Menschheit."42
Wir müssen von unserer Schwester Therese
die apostolische Ausrichtung unserer
christlichen Liebe lernen; die
Überzeugung von der evangelisierenden
Kraft des Gebetes und die Notwendigkeit
einer in die tägliche Wirklichkeit
inkarnierten Spiritualität.
Evangelisierung heißt nicht einfach nur
Information.
Sie ist vielmehr die
Manifestierung unserer Gotteskindschaft,
die uns in der Liebe und in der
Solidarität wachsen läßt. Sie verlangt,
die Erfahrung der Leiden und der Angst
unserer Brüder und Schwestern
nachzuempfinden und sie uns aus dieser
Perspektive anzueignen. Therese handelte
so, indem sie die Erprobung der Zweifel
der Ungläubigen auf sich nahm, um für
sie die Gnade zu erreichen, sie zu
überwinden. Sie setzt sich an einen
Tisch mit den Sündern und denen, die den
Glauben ablehnen und durchleidet mit
ihnen die Leere und die Dunkelheit: eure
Tochter "bittet euch um Verzeihung für
ihre Brüder, sie ist bereit, für alle
Zeit, die Ihr wollt, das Brot des
Schmerzes zu essen und möchte sich von
diesem Tisch voll Bitterkeit, an dem die
armen Sünder essen, nicht erheben bis zu
dem Tag, den Ihr vorbestimmt."43Dies
bietet auch eine Art von geistlicher
Antwort auf die Suche nach dem Heiligen
und die Sehnsucht nach Gott, die sich
ständig im Herzen der Menschen befindet.44
51. Diese Liebe
beinhaltet auch eine soziale Dimension,
die uns mit den spezifischen Vorgaben
jeder Berufung im Karmel nötigt zu einem
Dienst ganzheitlicher Förderung, um
durch eine echte Humanisierung der
Menschen die Gerechtigkeit und den
Frieden in der Welt zu fördern. Um
wirkungsvoll zu sein, muß sich die
Nächstenliebe im Einklang mit den
Erfordernissen der gegenwärtigen Welt
befinden. In ihr müssen wir eine soziale
Perspektive der Liebe leben, denn die
Mittel der individuellen Liebe werden
von Tag zu Tag begrenzter. Die
notleidenden Nächste sind nicht
isolierte Individuen, sondern durch
ungerechte und entmenschlichte
menschliche Strukturen unterdrückte
Massen.
Die Gegenwart
christlicher Liebe wird auf dringende
und notwendige Art wahrgenommen in der
Bemühung um Wechsel und Veränderung von
Strukturen. Die Liebe ist stärker als
die Spaltungen und hilft, im Kampf für
eine gerechtere Welt den Haß zu
überwinden, damit aus dem Unterdrückten
nicht wieder ein Unterdrücker wird. Nur
die Liebe zu Jesus und das Zeugnis
seines Lebens und seiner Lehre
ermöglichen die echte geschwisterliche
Versöhnung. Die Lehre vom Weg der
geistlichen Kindschaft ist eine
unglaubliche Kraft sozialen Umschwungs
angesichts des Machtmißbrauchs in der
Gesellschaft.
Nahe bei Maria von
Nazareth
52. Die Jungfrau Maria
ist für uns ein Vorbild der Weihe und
Nachfolge; sie erinnert uns an den
Primat der Initiative Gottes und lehrt
uns, seine Gnade anzunehmen. Sie ist
"Lehrmeisterin bedingungsloser Nachfolge
und beständigen Dienstes".45
In der besten Tradition des Karmel lebte
Therese von Lisieux die Gegenwart und
Nähe der Mutter Jesu. Im Vorgriff auf
das zweite Vatikanische Konzil entdeckte
sie die einfache Frau aus Nazareth, die
Pilgerin des Glaubens und der Hoffnung,
die Mutter und das Vorbild. Man kann
sagen, daß sie ihr nahe lebte.
53. Therese weist die
Darstellungen Marias zurück, die sich
damit beschäftigen, ihre Größe
hervorzuheben ohne ihr irdisches Leben
zu berücksichtigen: "Damit mir eine
Predigt über die Heilige Jungfrau
gefällt und nützt, muß ich ihr Lebenvor
mir sehen, wie es wirklich war, aber
nicht ihr erdachtes Leben; und ich bin
überzeugt daß ihr wirkliches Leben ganz
einfach gewesen sein muß. Man stellt sie
unnahbar dar, aber man müßte sie als
nachahmbar zeigen, ihre Tugenden
aufzeigen, sagen, daß sie aus dem
Glauben lebte wie wir ... Sie ist mehr
Mutter als Königin."46
Ihr letztes Gedicht, das
der Jungfrau Maria gewidmet war, trägt
als Titel: "Warum ich dich liebe, o
Maria." Es ist ein Weg durch die Seiten
des Evangeliums, bei dem sie ihre Liebe
zu Gott und den Nächsten entdeckt, ihre
Armut, ihr kontemplatives
Stillschweigen, ihre Einfachheit, ihren
Glauben, ihre Hoffnung, ihre
Verfügbarkeit und ihren Gehorsam, um den
Willen Gottes anzunehmen. Das Evangelium
deckt ihr auf, wer Maria ist, und ihr
Herz offenbart ihr in der Erfahrung der
täglichen Gemeinschaft mit der Jungfrau
ihre wahre Persönlichkeit.47
54. In den Lehren Therese
von Lisieux finden wir einen Weg, um
unser marianisches Leben im Licht des
Evangeliums und der Vertrautheit mit
Maria zu erneuern. Unsere Verehrung,
unser Zeugnis und unsere Verkündigung
können eine feste Grundlage in ihrer
Wiederentdeckung innerhalb des
Mysteriums Christi und der Kirche
finden. Die Jungfrau Maria erfüllt mit
ihrer Gegenwart die ganze Geschichte des
Ordens seit seinen Ursprüngen auf dem
Berg Karmel.
Sie ist vor allem ein
Vorbild der Nachfolge Jesu im Glauben
und in der Kontemplation. Sie lehrt uns
insbesondere, und dies war auch die
Erfahrung Therese von Lisieux, die
Gebetshaltungen: Unterscheidung der
Geister, Verfügbarkeit (Verkündigung),
Lob und Dank für das, was Gott in der
Geschichte für die Armen und Kleinen tut
(Magnifikat), Vertrauen (Kana in
Galiläa), kontemplative und geduldige
Beobachtung bis es Licht wird, indem sie
alles im Herzen bewahrt, ohne viele
Dinge zu verstehen (Wiederfinden Jesu im
Tempel), Treue in der Erprobung (unter
dem Kreuz), Gemeinschaft und
Kirchlichkeit (im Gebet mit den
Jüngern).
Prophetisches Zeugnis
angesichts großer Herausforderungen
55. Das christliche Leben
und im besonderen das geweihte Leben ist
eine Berufung zum prophetischen Zeugnis
von der Verkündigung der evangelischen
Werte und der Absage an alles, was sich
ihnen widersetzt. Indem er den
prophetischen Charakter geweihter
Menschen herausstellte "wie eine
besondere Form der Teilhabe an dem
prophetischen Amt Christi, die dem
ganzen Volk Gottes vom Geist mitgeteilt
wird" hat Johannes Paul II. die Person
des Elija, des "furchtlosen Propheten
und Gottesfreundes" als Vorbild einer
authentischen Prophetie dargestellt. In
der Beschreibung, die er von ihm gibt,
sagt er, er lebte in der Gegenwart des
Herrn "und betrachtete in der Stille
seinen Vorübergang, legte Fürsprache für
das Volk ein und verkündete mutig den
Willen Gottes, verteidigte seine Rechte
und erhob sich, um die Armen gegen die
Mächtigen der Welt zu verteidigen."48
56. Aus diesem
Blickwinkel kann Therese von Lisieux
Prophetin der Neuzeit genannt werden.
Sie wurde zurecht als "Prophetin der
Jugend" bezeichnet, als "Zeichen der
Hoffnung", "Prophetin der Heiligkeit",
zu der wir alle berufen sind, "Prophetin
der Aktualität von Erlösung" in der
Betonung der unsichtbaren Kraft der
Liebe.49
Sie als eine Frau großer Sehnsüchte, die
ihren österlichen Weg zeichnen, hat
einer Menschheit, die unbefriedigt sucht
und lebt, sehr viel zu sagen.
In bester Tradition des
Karmel sieht Therese von Lisieux den
Propheten Elija als Vorbild ihres
Lebens. Sie fühlt sich angezogen von der
Gotteserfahrung, die der Prophet im
"sanften Säuseln"50machte,
aber auch von seinem Kampf gegen die
Baalspropheten: "Nachdem er auf die
erhabenen Anfänge unseres heiligen
Ordens hingewiesen und uns mit dem
Propheten Elija verglichen hatte, der
gegen die Baalspriester kämpfte,
erklärte er, daß 'ähnliche Zeiten wie
die Verfolgung durch Achab wiederkommen
werden'. Es schien uns, als eilten wir
bereits dem Martyrium entgegen."51
57. In Treue zu unserer
karmelitanischen Berufung sind wir
aufgerufen, die prophetische Dimension
zu leben im Zeugnis eines Lebens, das
den Primat Gottes deutlich macht durch
eine Erfahrung seiner Gegenwart im
Herzen der Welt, in einer Offenheit, um
seine Gegenwart auf immer neue und
überraschende Weise zu entdecken, so wie
Elija im sanften Säuseln, und so zur
Hingabe an den Dienst an den Brüdern und
Schwestern zu gelangen und ihnen bei
ihrer persönlichen Befreiung zu helfen.
Das geschwisterliche Leben ist
"verwirklichte gegenwärtige Prophetie im
Kontext einer Gesellschaft, die ohne
sich dessen manchmal bewußt zu sein,
eine tiefe Sehnsucht nach einer
Geschwisterlichkeit ohne Grenzen hat."
Zudem "erwächst der Prophetie eine
innere Überzeugungskraft aus der
Übereinstimmung zwischen Verkündigung
und Leben."52
Lebendige und
richtungsweisende Gegenwart
58. Der evangelische
Charakter der Erfahrung und Lehre
Therese von Lisieux verleiht ihr eine
immerwährende Aktualität. Die
Einfachheit, das Vertrauen und die
Hingabe an Gott, so wie sie von Therese
von Lisieux erfahren und verkündet
wurden, können zum Einsatz für
Gerechtigkeit und Frieden in der Welt
anregen.53
59. Der Einfluß unserer
Schwester Therese von Lisieux auf die
Kirche und auf die Welt von heute ist
unbestreitbar. Sie erahnte ihn, als sie
vor ihrem Tod bekräftigte: "Vor allem
aber fühle ich, daß meine Sendung
anfangen wird, meine Sendung, den lieben
Gott so lieben zu lehren wie ich ihn
liebe, den Seelen meinen kleinen Weg zu
zeigen. Wenn der liebe Gott meine
Wünsche erhört, werde ich meinen Himmel
auf Erden verbringen bis zum Ende der
Welt. Ja, ich möchte meinen Himmel damit
verbringen, auf Erden Gutes zu tun."54
Schluß
Mit unserer Schwester
Therese unser kontemplatives und
apostolisches Leben erneuern
60. Der hundertste
Todestag unserer Schwester Therese von
Lisieux ist eine Einladung Gottes, uns
im Licht ihrer Erfahrung und Lehre zu
erneuern. Wie Johannes Paul II. zu den
Ordensmännern und -frauen sagte, sollen
wir uns nicht nur "einer glanzvollen
Geschichte erinnern und darüber
erzählen, sondern [wir haben] eine große
Geschichte aufzubauen".55
Wir müssen die Augen auf die Zukunft
richten, "in die der Geist [uns]
versetzt, um durch [uns] noch große
Dinge zu vollbringen".
Unsere Schwester Therese
zeigt uns den Weg zurück zum Evangelium
als der einzigen Möglichkeit, um die
kreative Treue zu unserem Charisma
Wirklichkeit werden zu lassen.
61. Sie zeigt uns die
zentrale Stellung der Liebe, die uns die
wahre Freiheit und Befreiung mitteilt,
die zur Reife einer christlichen,
religiösen und karmelitanischen
Identität führt. In einer Welt von Angst
und Furcht verweist sie uns auf das
Vertrauen und die Hingabe an den Herrn,
der alle Furcht überwindet. Angesichts
unserer entmenschlichten Ideale bietet
sie uns einen spirituellen und
evangelischen Realismus, um Propheten
eines gegenwärtigen, nahen und
befreienden Gottes zu sein. Ihre
Botschaft ist eine Herausforderung für
die heutige Spiritualität der Kirche,
die sich nicht nur an die der
Kontemplation geweihten Menschen
richtet, sondern auch an diejenigen, die
auf dem Feld einer dem menschlichen
Fortschritt, der Entwicklung und der
Befreiung gewidmeten Evangelisierung
arbeiten.56
Die geistliche Kindschaft ist ein
evangelisches Konzept, das das
Bewußtsein beinhaltet, daß wir alle das
Geschenk empfangen haben, Söhne und
Töchter Gottes zu sein, und das uns auf
die Geschwisterlichkeit hin ausrichtet.
62. Brüder und Schwestern
im Karmel: wir danken dem Herrn für das
Geschenk unserer Schwester Therese von
Lisieux an die Kirche, an die Welt und
an den Karmel. Mögen wir ihre Gegenwart
und Nähe spüren bei der Feier ihres
hundertsten Todestages und fahren wir
fort mit unserem Leben des Gebetes, der
Geschwisterlichkeit und des
apostolischen Einsatzes im Zeugnis für
den Gott unseres Herrn Jesus Christus
mit der Kraft seines Geistes!
Rom, den 16. Juli 1996
Hochfest Unserer Lieben
Frau vom Berge Karmel
P. Joseph Chalmers O.Carm.
P. Camilo Maccise OCD
-----
1VC
57. Die auch im folgenden
verwendeten Kürzel sind: VC= Vita
Consecrata; GS= Gaudium et Spes; DV=
Dei Verbum; R= Regel des
Karmelitenordens, wobei zuerst die
O.Carm.-Numerierung steht und in
Klammern die OCD-Numerierung.
2L’Osservatore
Romano,
5. Januar 1995, S. 4.
< | | |