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Curia Generalizia dei Carmelitani Scalzi - Corso d'Italia, 38 - 00198 ROMA - Italia
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ZURüCK ZUM EVANGELIUM

DIE BOTSCHAFT DER THERESE VON LISIEUX

Rundbrief der Generaloberen O.Carm. und O.C.D.
aus Anlaß des 100. Todestages der

HEILIGEN THERESE VON LISIEUX
 

 

 

 

 

 

Liebe Brüder und Schwestern im Karmel!

 

1. In wenigen Monaten beginnen die Feierlichkeiten aus Anlaß des hundertsten Todestages unserer Schwester Therese von Lisieux. Dieses Jubiläum ließ uns die Augen wieder neu auf diese junge Karmeliten richten, ein Mitglied eines theresianischen Karmels in Frankreich, die in ihren Schriften ihre tiefgründige Sichtweise der Beziehungen zwischen Gott und dem menschlichen Dasein auszudrücken wußte, als einem Ergebnis ihrer durch den Heiligen Geist geführten persönlichen Erfahrung.

 

2. Ihre Sendung war es, uns an das Wesentliche der christlichen Botschaft zu erinnern: daß Gott die Liebe ist und daß er sich ohne Gegenleistung hingibt an die im evangelischen Sinn Armen; daß die Heiligkeit kein Ergebnis unserer Leistung, sondern des göttlichen Handelns ist, das von uns nur ein liebevolles Hingeben an seine rettende Gnade erwartet. Daher haben ihre Lehren nicht an Aktualität verloren und hatten einen solchen Einfluß, daß über dreißig Bischofskonferenzen und tausende von Christen erbeten haben, sie zur Kirchenlehrerin zu erklären. 

 

Eine Frau des Evangeliums und der Kontemplation

 

3. Therese von Lisieux lebte ihr geistliches Leben in der Klausur des Karmel und wurde trotzdem zur Patronin der Missionen erklärt, da es ihr gelang, die kontemplative Spiritualität mit ihrer apostolischen Dimension zu vereinen. Zugleich vermittelte sie ihre religiöse Erfahrung in einer einfachen und lebendigen Sprache, die von den Gläubigen aller Völker und Kulturen verstanden und umgesetzt werden kann. Durch ihre Hinwendung zum Evangelium und zum Wort Gottes, zum historischen Jesus und seinem österlichen Geheimnis von Tod und Auferstehung griff sie dem 2. Vatikanischen Konzil voraus. Sie unterstrich den Primat der Liebe in der Kirche, dem Leib Christi. Sie bezeugte die Spiritualität des Alltags und die allgemeine Berufung zur Heiligkeit.

 

4. Die Erfahrung und Lehre Therese von Lisieux’ als Frau besitzt in unserer Zeit einen besonderen Wert, da sich für sie neue Perspektiven des Lebens und Arbeitens in der Gesellschaft und in der Kirche eröffnen. Die Frau ist dazu berufen, “ein Zeichen der Zärtlichkeit Gottes für die Menschheit”1 zu sein und die Menschheit mit ihrem “weiblichen Genius” zu bereichern. Beides verwirklichte unsere Schwester in ihrem Leben und ihren Schriften. 

 

Die Botschaft von Therese von Lisieux neu verstehen

 

5. Ausgehend vom sozialen und kirchlichen Kontext unserer Zeit und auf dem Hintergrund unserer eigenen Kultur kann uns die Lektüre der Werke unserer Schwester Therese helfen, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren: die vertrauensvolle Öffnung auf Gott hin, den lieben Vater, der uns liebt und versteht; die Nachfolge Jesu, unseres Bruders, der uns gegenwärtig und nahe ist, Weg, Wahrheit und Leben; die Offenheit für den Heiligen Geist, der die Geschichte lenkt, die unserer Ordensgemeinschaften und unsere eigene kleine Geschichte. Und all das in der Annahme unserer Armut und Hinfälligkeit, mit der Gewißheit, daß nichts und niemand uns scheiden können von der Liebe Gottes in Christus Jesus (vgl. Röm 8, 37-39).

 

6. Wir hoffen, daß unsere Gedanken euch helfen werden, die Dynamik dieser Feier lebendig zu halten, die zu einem Augenblick der Gnade werden möge für den ganzen Karmel: Brüder, Schwestern, Priester, Laien. 

 

Kirchliche Aktualität von Therese von Lisieux

 

7. Während der Synode über das geweihte Leben wurde unsere Schwester von den Synodalen bei verschiedenen Anlässen zitiert als eine Person, die eine aktuelle Botschaft für die Kirche besitzt an der Schwelle zum dritten Jahrtausend. Unter den Redebeiträgen, die sie erwähnten, sticht der des Generalsekretärs, Kardinal Schotte, hervor, der seinen Dreijahresbericht mit folgenden Worten beschloß:

 

“Es sei mir erlaubt, diesen Bericht zu schließen in Erinnerung jener Frau, die ein hervorragendes Beispiel für ein geweihtes Leben im Auftrag der Kirche ist: die heilige Therese vom Kinde Jesus ... diese Schwester aus dem Karmel von Lisieux zeichnete sich aus durch ihre Demut, ihre religiöse Schlichtheit und das Vertrauen auf Gott ... In ihrer Autobiographie bemerkt sie unter anderem: ‘während ich intensiv das Martyrium ersehnte, suchte ich in den Paulusbriefen nach einer Antwort. Der Apostel erklärt, daß die höchsten Charismen nichts sind ohne die Liebe und daß diese Liebe der beste Weg ist, um mit Sicherheit zu Gott zu gelangen. Darauf fand ich den Frieden ... ich werde die Liebe im Herzen der Kirche, meiner Mutter, sein.’”

 

8. Als Johannes Paul II. bei seiner Audienz am 4. Januar 1995 von der Verpflichtung des geweihten Lebens zum Gebet sprach, zeigte er die Bedeutung auf, die dieses bei der Evangelisierung besitzt und schloß folgenderweise:

 

“Daher ist es schön, diese Katechese mit der Erinnerung an die Hl. Therese vom Kinde Jesu zu beschließen, die durch ihr Gebet und ihr Opfer der Evangelisierung auf eine Weise und mehr diente, als wenn sie sich dem aktiven Missionswerk gewidmet hätte, so sehr, daß sie zur Patronin der Missionen erklärt wurde.”2

 

9. Die nachsynodale apostolische Ermahnung Vita consecrata erwähnt ebenfalls unsere Schwester, indem sie ihre Sehnsucht unterstreicht, die Liebe im Herzen der Kirche zu sein3, und ihr Ideal, sich in eine einzigartige Zusammenarbeit mit der aktiven Missionierung eingebunden zu sehen, indem sie so oft ihre Sehnsucht wiederholt, Jesus zu lieben und ihn lieben zu machen4durch ihre Gemeinschaft mit ihm: “Deine Braut zu sein, o Jesus... in meiner Einheit mit dir Mutter der Seelen sein.”5

 

Einladung zum Wesentlichen

 

10. Therese von Lisieux wußte durch ihren Ordensnamen “vom Kinde Jesu und dem Heiligsten Antlitz” den ganzen Prozeß ihres Lebens auszudrücken, der sie durch das Mitleiden der Menschwerdung (kenosis) und des Leidens Jesu, der uns durch sein österliches Geheimnis aus aller Sklaverei befreit, zur spirituellen Reife führte. Sie konnte den Lebensentwurf Jesu verstehen und leben, der unser ganzes Beziehungsleben verwandelt und unseren Beziehungen zu Gott, zu den Nächsten und zu den Dingen eine neue Dimension verleiht. Angesichts des Todesentwurfs, der uns beherrscht und in allen diesen Bereichen versklavt, finden wir den Lebensentwurf des Evangeliums, der uns befreit und verwandelt. Die Sendung Therese von Lisieux’ war eben dies: uns an diese Wahrheiten zu erinnern, uns neu auf das Wesentliche zu konzentrieren.

 

11. Auf dem Hintergrund des Lebensentwurfes Jesu, den wir kurz skizzieren werden, wollen wir die Botschaft Therese von Lisieux’ vertiefen: sie lädt uns ein, vom Richtergott zum Vater-/Muttergott überzugehen; vom Mißtrauen zum Vertrauen und zur Hingabe an Ihn; von der Suche nach der Perfektion zur Suche nach der Gemeinschaft mit Gott; von der Kompliziertheit zur Einfachheit; von den Gesetzen, die versklaven, zum Gesetz der konkreten und tätigen Liebe, das befreit; von der Unreife zur Reife; von der äußerlichen Askese zur evangelischen Entsagung; von den Verdiensten zu den leeren Händen; von den rein spirituellen Betrachtungen über das Wort Gottes, von einem komplizierten Gebet zu einer einfachen kontemplativen Betrachtung; von der unerreichbaren Maria zur nahen Maria des Evangeliums. 

 

I. DER LEBENSENTWURF JESU

 

12. Das Evangelium Jesu, die gute Nachricht, die er mitteilt, ist die Verkündigung von Leben und Freiheit. Eine Freiheit, die gleichbedeutend mit Liebe ist, die sich selbst vergißt und sich hingibt für das Wohl der anderen.

 

13. In seinem Erdenleben und in seiner Predigt lebte Jesus seine Verbundenheit mit dem Leben bis dahin, daß er einen Prozeß des Sterbens akzeptierte, der am Kreuz gipfelte. Durch seine Menschwerdung nimmt Jesus menschliche Gestalt an und schätzt sie in ihrer ganzen Würde. Dies führte ihn dazu, das Leben jedes Menschen zu achten und gegen alles zu kämpfen, was es vermindert und unterdrückt. Er ist niemals unsensibel und indifferent angesichts des Leidens und des Todes. Durch seine Haltung offenbart er den Plan Gottes, der ein Entwurf des Lebens ist. Auch das Leid ist darin ein Weg des Lebens und der Auferstehung.

 

14. Der Gott des Lebens machte sich in Jesus von Nazareth gegenwärtig. Er, der das Wort des Lebens war (Joh 1,4), kam um uns das Leben in Fülle zu verheißen (vgl. Joh 10,10) und um uns in Söhne und Töchter Gottes zu verwandeln (Joh 1,14). Als Jesus in der Synagoge von Nazareth beginnt, die frohe Botschaft vom Leben zu verkünden, stellte er sie auch als Befreiung dar (Lk 4, 17-21). Bei dieser programmatischen Rede nannte er einige der Versklavungen und Unterdrückungen, die den Menschen beherrschen und ihn im Tod festhalten.

 

15. Der Lebensentwurf, den Jesus verkörpert und initiiert, berührt alle drei Beziehungsbereiche des Menschen: Gott, die Nächsten und die Dinge. 

 

1. Vom Fatalismus zur Verantwortung der Söhne und Töchter Gottes

 

16. Dem Todesentwurf, der Gott als mächtigen und furchterregenden Schöpfer betrachtete, stellte Jesus seinen Lebensentwurf entgegen, der Gott als Vater/Mutter offenbart, der weit davon entfernt uns ein Schicksal aufzuzwingen, uns hilft den Fatalismus zu überwinden und uns als freie und verantwortliche Mitarbeiter zu fühlen. Die Beziehung zum Gott des Lebens ist, laut Jesus, eine Beziehung der Liebe und des Vertrauens.

 

17. Das uns von Jesus offenbarte Antlitz des Vaters ist die Lebensachse des Glaubenden und wird zum Mittelpunkt seines Daseins. Dieser Gott Jesu ist ein Gott, der unsere Freiheit ernstnimmt. Ein unbekannter Gott, der sich in seinem menschgewordenen Sohn offenbart und durch die Wirkung des Heiligen Geistes alle unsere Götzenbilder zerstört. Ein immer größerer Gott und der einzige Grund unseres Daseins.

 

18. Von diesem Bild des Gottes unseres Herrn Jesus Christus ausgehend können wir uns auf das Leben in all seinen Dimensionen einlassen. 

 

2. Von der Trennung zur Gemeinschaft in Geschwisterlichkeit

 

19. In dem von Jesus vorgestellten und begonnenen Lebensentwurf münden die Beziehungen zu den Nächsten im Gebot der Nächstenliebe, begründet in der Gottesliebe mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit allen Kräften (vgl. Mt 27, 37-39).

 

20. Durch diese Liebe geführt, steht Jesus an der Seite der Marginalisierten und Ausgestoßenen, die auf viele Weise zum Sterben verdammt sind: Arme, Kranke, Frauen, Kinder, Sünder, Fremde. Ihnen allen bietet er das Leben. Er kämpft gegen alles, das sich dem entgegenstellt, wie auch gegen alles, was Trennung erzeugt: zwischen dem Nächsten und dem Nicht-Nächsten; zwischen Heiden und Juden; zwischen Mann und Frau.

 

21. Der Mensch ist eine Synthese der Schöpfung, die in und durch das Wort geworden ist (vgl. Kol 1, 15-16; Joh 1,3) und besitzt daher eine von Gott verliehene Heiligkeit. Der Mensch erscheint im Licht Christi im Universum als einer, der das Wort Gottes hört und ihm im Namen aller Dinge antwortet, als Gesprächspartner Gottes. Durch seine Menschwerdung hat sich der Sohn Gottes “auf gewisse Weise mit jedem Menschen vereinigt”.6Der uns nahe und in jedem Menschen gegenwärtige Christus “wollte sich mit besonderer Hingabe mit den Schwächsten und Ärmsten identifizieren”7, wie es der Text Mt 25, 31-46 deutlich macht.

 

22. Es handelt sich um eine sakramentale Gegenwart, die zugleich offenbart und verdunkelt. Im Antlitz jedes Menschen können wir etwas vom Antlitz Jesu, dem Wort des Lebens, erkennen. Das Geheimnis Gottes läßt sich in erster Linie in der unwiederholbaren Erfahrung jedes Menschen intuitiv erfahren. Ebenso im autonomen und reziproken Dasein von Mann und Frau. Johannes Paul II. hat die Würde der Frau hervorgehoben und “ihren spezifischen Beitrag zum Leben und zum pastoralen und missionarischen Wirken der Kirche ... wegen ihres ureigenen Beitrags in der Förderung der Lehre ... besonders was die Würde der Frau und die Achtung vor dem menschlichen Leben angeht ... und die Förderung der grundlegenden Güter des Lebens und des Friedens.”8

 

23. Wenn wir Gott als in den Nächsten gegenwärtig erkennen, bedeutet dies einen Wechsel in den zwischenmenschlichen Beziehungen und führt dazu, ein Leben tätiger und effizienter Liebe zu führen; es erfordert, daß wir uns der universellen Geschwisterlichkeit in der Kirche und in der Gesellschaft öffnen; und es verlangt ein Engagement für alles, was Leben, Gemeinschaft und Teilhabe impliziert, ausgehend von einer vorrangigen Option für die Armen, in denen das Angesicht Gottes “verdunkelt und auch verspottet wird”.9 

 

3. Von einem egoistischen zu einem teilenden Gebrauch der Güter

 

24. Im Lebensentwurf Jesu verändert sich der Bezug zu den Dingen. Wir sind eingeladen, von einem bloßen Gebrauch derselben (der uns entfremdet und versklavt und uns dazu bringt, andere zu unterdrücken und sie Situationen des Todes auszusetzen) hin zu einer Verwendung in Freiheit und vor allem zum Teilen mit den anderen in einer für alle gerechten und menschlichen Gesellschaft. Für Jesus sollten die Dinge ein Ort sein, um mit Gott und den Brüdern und Schwestern zusammenzutreffen, ein Mittel des Austausches und der Gemeinschaft zwischen den Menschen.

 

25. Die religiöse Botschaft Jesu beinhaltet soziale Konsequenzen, die in einen Einsatz für die Gerechtigkeit als Quelle des Lebens münden. Hier wird die gemeinschaftliche und soziale Dimension des Liebesgebotes explizit. Jesus verkündete das Reich Gottes, seinen Lebensentwurf, und dieser beinhaltet Konsequenzen für die Strukturen menschlichen Zusammenlebens. Wenn diese auf Ungerechtigkeit und Unterdrückung basieren, verwandeln sie sich in Werkzeuge des Todes. Die Lehren Christi hinterfragen und ermahnen hier heftig und rufen zu einem Einsatz für die Gerechtigkeit, die Leben ist. 

 

II. THERESE VON LISIEUX LEBT UND BEZEUGT DEN LEBENSENTWURF JESU

 

26. Die Feier des hundertsten Todestages unserer Schwester ist ein Anlaß, um ihr Leben und ihre Schriften aus dem Blickwinkel des Lebensentwurfes Jesu und unseres soziokulturellen und kirchlichen Umfeldes neu zu betrachten. Vor allem aber verlangt die Betrachtung ihrer geistlichen Erfahrung von allen eine tiefe Erneuerung unseres karmelitanischen Lebens. Die kleine heilige Theresia erinnert uns an die Grundwerte des Evangeliums und lädt uns ein, uns auf sie zu zentrieren. Durch die Lektüre und Meditation des Wortes Gottes entdeckt sie das Wesentliche in der Beziehung zu Ihm, zu den Nächsten und zu den Dingen; sie lebt es in Einfachheit, auf natürliche Weise und in Tiefe und übermittelt es durch ihr Leben und ihre Schriften. 

 

1. Ein naher Gott, der uns liebt

 

Aus der lebendigen Quelle des Wortes Gottes trinken

 

27. Therese von Lisieux nährte ihr Leben und ihre Spiritualiät in den reinsten Quellen des Wortes Gottes. In einer für das Bibellesen wenig aufgeschlossenen Zeit verwirklichte sie das, was das Konzil später für alle Christen fordern würde, besonders für die Menschen eines geweihten Lebens: “Die erhabene Kenntnis Jesu Christi durch regelmäßiges Lesen in den heiligen Schriften” zu erlernen. “Denn ein Nichtkennen der Schriften ist ein Nichtkennen Christi.”10

 

28. In Treue zum Auftrag der Regel betrachtete sie Tag und Nacht im Gesetz des Herrn und verharrte im Gebet.11Wie Teresa von Avila, ihre Mutter, fand sie in Jesus das lebendige Buch12und in Nachahmung des Hl. Johannes vom Kreuz wußte sie “ihre Augen auf Christus zu richten”.13 Sie selbst erzählt uns, wie sie Schritt für Schritt von der Lektüre geistlicher Bücher, die ihr viel auf ihrem Weg halfen, besonders Johannes vom Kreuz, dazu überging, sich auf die Hl. Schrift zu konzentrieren, vor allem auf die Evangelien:

 

“Später aber ließen mich alle geistlichen Schriftsteller kalt und ungerührt... Wenn ich ein Buch öffne, selbst das schönste und ergreifendste, verkrampft sich mein Herz, und ich lese, ohne verstehen zu können. Verstehe ich aber, so versagt mein Geist, ohne betrachten zu können. Die heilige Schrift und die ‘Nachfolge Christi’ kommen mir bei diesem Unvermögen zu Hilfe. In diesen Büchern finde ich ein verborgenes, kräftiges und reines Manna. Vor allem ist es das Evangelium, das mich während meiner Betrachtungen beschäftigt. Daraus nehme ich alles, was meine arme, kleine Seele nötig hat. Da entdecke ich immer wieder neue Erleuchtungen, verborgene und geheimnisvolle Sinndeutungen. Ich verstehe und weiß aus Erfahrung, ‘daß das Reich Gottes in uns ist’.”14

 

29. Das Lesen und Betrachten des Wortes Gottes half ihr, das Wesentliche der Botschaft Jesu im alltäglichen Leben zu entdecken. Diese Beziehung zwischen dem Wort Gottes und dem konkreten Dasein führt sie dazu, zu erkennen: “Gerade in jenem Moment, da ich dessen bedarf, erblicke ich ein bis dahin ungekanntes Licht ... inmitten der Beschäftigung des Tages.”15Mehr noch, durch sein befreiendes Wort wird Jesus in Therese von Lisieux gegenwärtig: “Nie habe ich ihn sprechen hören, aber ich weiß, daß er in mir ist. Jeden Augenblick leitet und erleuchtet er mich.”16

 

Bei ihrer Sendung, uns an das Wesentliche zu erinnern, stellt uns unsere Schwester Therese vor das Wort Gottes als das Licht, das unsere Wege erleuchtet (vgl. Ps 119,105)17 und macht uns darauf aufmerksam, daß die Voraussetzung um die Botschaft Gottes zu verstehen ist, das Herz eines Kindes zu haben, offen und verfügbar für das, was der Geist uns als unsere Berufung und Sendung in der Kirche enthüllt.

 

31. Es gilt, zu leben im ständigen Hören auf das Wort Gottes. Es ist die “Quelle jeder christlichen Spiritualität”.18Die Kirche empfiehlt die gemeinsame Bibelbetrachtung nicht nur für die Menschen des geweihten Lebens, sondern auch für alle Glieder des Volkes Gottes. “Aus dem häufigen Umgang mit dem Wort Gottes haben sie die notwendige Erleuchtung für jene individuelle und gemeinschaftliche Unterscheidung geschöpft, die ihnen geholfen hat, in den Zeichen der Zeit die Wege des Herrn zu suchen.”19

 

32. Therese von Lisieux, die die biblischen Sprachen lernen wollte, um das Wort Gottes besser zu erspüren, war es nicht vergönnt, die neue kirchliche Annäherung an die Heilige Schrift mitzuerleben. Ihr standen auch nicht die uns heute bekannten Möglichkeiten für eine bessere Kenntnis und Aufnahme der biblischen Botschaft zur Verfügung. Sie verwirklichte jedoch die Weisung der Karmelregel, das Wort Gottes überreich auf dem Herzen und auf den Lippen zu tragen, um alles aus ihm heraus zu tun.20 Lesen und betrachten auch wir, wie unsere Schwester, das Wort Gottes und setzen wir seine Forderungen in die Tat um, mit den neuen Möglichkeiten, die Gott uns zu diesem Zeitpunkt der Kirchengeschichte bietet, damit wir sein Wort vertiefen und besser verstehen. 

 

Das Antlitz des väterlich-mütterlichen Gottes neu entdecken

 

33. Therese lebte in einer von jansenistischer Spiritualität geprägten Zeit, die das Antlitz Gottes entstellte und ihn einseitig als strengen Richter darstellte, der zur Befriedigung seiner Gerechtigkeit selbst die Darbietung als Opfer verlangen konnte.

 

34. Durch das Lesen und Betrachten der Heiligen Schrift wurde Therese von Lisieux zur Zuhörerin Jesu, der ihr das wahrhafte Antlitz Gottes offenbarte: als erbarmungsvoller Vater und erbarmungsvolle Mutter, die uns einlädt, aus einer Haltung von Söhnen und Töchtern heraus die Hingabe und das Vertrauen zu leben, indem wir uns an die göttliche Liebe hingeben und wie Christus verantwortungsvoll die Sendung auf uns nehmen, den Heilsplan Gottes für die Menschheit zu verkünden. Therese verstand “wie Jesus geliebt werden möchte” und bot sich der barmherzigen Liebe als Opfer an, das sich allen mitteilen will.21 

 

Das Gebet als einfache und kindliche Zwiesprache

 

35. In Übereinstimmung mit ihrer Mutter Teresa von Avila22lebt Therese das Gebet als vertrauensvolle und liebevolle Zwiesprache mit einem väterlichen und mütterlichen Gott.23Die Kraft, die sich mitteilt und sich der Notwendigkeit evangelischer Entsagung öffnet, damit das Gebet echt sein kann, verwandelt sie in eine gelebte Erfahrung: “Das Gebet und das Opfer begründen meine ganze Kraft, sind die unbesiegbaren Waffen, die Jesus mir gegeben hat, und sie können, mehr als alle Worte, die Seelen berühren.”24

Sie lebte eine immer einfacher werdende Gebetsform, die sie an die Quelle lebendigen Wassers oder neben das reinigende und verwandelnde göttliche Feuer stellte: “Für mich ist das Gebet ein Aufschwung des Herzens, ein schlichter Blick zum Himmel, ein Ausruf der Dankbarkeit und Liebe inmitten der Prüfung und auch inmitten der Freude; es ist schließlich etwas großes, übernatürliches, das meine Seele erhebt und mich mit Jesus vereint."25

  

Von der Heiligkeit als “Perfektion” zur Heiligkeit als Gemeinschaft

 

36. Die Wiederentdeckung des väterlich-mütterlichen Antlitzes Gottes war der Ausgangspunkt für den neuen Weg zur Heiligkeit, den sie vor allem ab 1894 lebte angesichts der Erfahrung ihrer Schwäche. Wie sie sagt, zeigte ihr Jesus, daß der Weg aus der Hingabe und dem Vertrauen eines Kindes besteht, das ohne Furcht in den Armen seines Vaters einschläft:

 

“‘Ist jemand klein, so komme er zu mir’, spricht der Heilige Geist durch den Mund Salomos, und derselbe Geist der Liebe sagt auch daß ‘den Kleinen das Erbarmen zuteil wird’. In seinem Namen offenbart uns der Prophet Jesaja über den jüngsten Tag: ‘Wie eine Mutter ihr Kind liebkost, so will ich euch trösten. An meiner Brust will ich euch tragen und auf meinen Knien euch wiegen.’ Jesus verlangt keine großen Taten, sondern Hingabe und Anerkennung.”26

 

37. Hier befindet sich der Übergang von der Furcht zum Vertrauen. Wir stehen vor Gott wie Söhne und Töchter vor ihrem Vater und ihrer Mutter stehen. Gott läßt alles zu unserem Wohl arbeiten, selbst unsere Schwächen und Fehler:

“Das Vertrauen und nichts als das Vertrauen muß uns zur Liebe führen”; “ihm gefällt zu sehen, daß ich meine Kleinheit und meine Armut liebe, meine blinde Hoffnung auf seine Barmherzigkeit” ... “um Jesus zu lieben, um sein kleines Opfer der Liebe zu sein, ist jemand umso geeigneter für diese Liebestat, die verzehrt und verwandelt, wenn er besonders schwach, ohne Wünsche oder Tugenden ist.”27

 

38. Unsere Berufung zum geweihten Leben im Karmel ist in der Wurzel eine Initiative des Herrn. Die berufenen Menschen, die auf die Einladung Gottes antworten, vertrauen auf seine Liebe und leben die bedingungslose Hingabe ihres Lebens, “indem sie alles, Gegenwart und Zukunft, in seine Hände legen.”28 So wie Therese von Lisieux sind auch wir berufen, die Erfahrung des väterlich-mütterlichen Antlitzes Gottes in ihrer Tiefe zu leben, das Gebet als liebevolle Zwiesprache mit Gott und kontemplative Schau der Wirklichkeit zu sehen, als Hören auf Gott, um uns für unsere Brüder und Schwestern einzusetzen; die Heiligkeit nicht als “Perfektion” in den Blick zu nehmen, sondern als Gemeinschaft mit Gott durch den Glauben, die Hoffnung und die Liebe. Eine theologische Heiligkeit, so wie sie die Regel und Johannes vom Kreuz, der Vater und geistliche Führer Therese von Lisieux, durch seine Schriften darstellen. 

 

Treue zur Sendung und Reinigung des Glaubens

 

39. Die geschenkte Erfahrung des väterlich-mütterlichen Antlitzes Gottes, das uns in Jesus offenbart wurde, und die Treue zur eigenen Berufung und Sendung verantwortungsvoll angenommen als Söhne und Töchter Gottes treten ein in die Dynamik des österlichen Geheimnisses des Todes und der Auferstehung; sie sind offen für eine Läuterung und für die Erprobung des Glaubens. Therese von Lisieux wußte dies durch den Zusatz ihres Namens auszudrücken, in untrennbarer Einheit: vom Kinde Jesus und dem heiligsten Antlitz. Das menschgewordene Wort, das im Geheimnis seiner Kindheit zu Vertrauen, Liebe, Hingabe einlädt, ist der selbe leidende Knecht, der uns in das Mysterium des Leidens einführt, das er vor uns durchlitt. Ein Leiden, das ausgeht von der Treue zur Sendung des Abba.

 

40. Gerade im Prozeß der Läuterung ihres Glaubens entdeckt und versteht sie ihre Berufung. Ihre apostolischen Sehnsüchte, die Gute Nachricht von der Erlösung zu verkünden, verwandeln sich in ein Martyrium der Liebe als sie nicht sieht, wie sie all das, was sie ersehnt, vereinen kann, und wie sie es verwirklichen könnte. In dieser Situation läßt Gott sie verstehen, im Licht der Kapitel 12 und 13 des ersten Briefes an die Korinther, daß die Kirche wie ein Leib ist, und daß in ihm die Liebe das Herz bildet, das alle anderen Glieder in Bewegung setzt und das daher alle Berufungen in sich einschließt und alle Zeiten und alle Orte umfaßt; daher ruft sie aus: "endlich habe ich meine Berufung gefunden, meine Berufung ist die Liebe! ... Ja, ich habe meinen Platz in der Kirche gefunden, und diesen Platz, o mein Gott, hast du selbst mir zugewiesen...; ich werde die Liebe im Herzen der Kirche, meiner Mutter, sein! ... So werde ich alles sein..., so wird mein Traum verwirklicht werden!!!".29

 

41. In ihren letzten Gesprächen erscheint mit Nachdruck das, was man den "Leidensweg der Hl. Therese von Lisieux" genannt hat.30Es sind die läuternden Nächte, ausgelöst durch Krankheit, Dunkelheit, Zweifel, Todesangst. Bei dem Bemühen, ihrer kontemplativen Berufung treu zu bleiben, durchlebte sie ihren Kreuzweg: "Ich hatte damals große innere Versuchungen jeder Art (bis hin, das ich mich manchmal fragte, ob es einen Himmel gäbe)".31 Besonders intensiv wird die läuternde Nacht in den letzten Monaten ihres Lebens. In ihnen trinkt sie den Kelch des Schmerzes bis zur Neige. So wie Jesus gibt sie ihr Leben für die anderen.

 

42. Die österliche Dimension des geweihten Lebens umschließt auch das Kreuz und das Leiden in Treue zur Erfüllung der Berufung innerhalb der Sendung der Kirche,32da "die Sendung für jedes Institut wesentlich ist, nicht nur für die des tätigen apostolischen Lebens, sondern auch für die des beschaulichen Lebens. Denn noch ehe sich die Sendung durch äußere Werke kennzeichnet, entfaltet sie sich dadurch, daß sie durch das persönliche Zeugnis für die Welt Christus selbst gegenwärtig macht."33

In der Erfüllung unserer Sendung sind wir wie Therese von Lisieux berufen, die Reinigung durch den Glauben zu erleben, der der Schild ist, der uns vor den Versuchungen des Bösen verteidigt,34indem wir das Kreuz annehmen als "Überfluß der Liebe Gottes, die auf diese Welt überströmt, das großartige Zeichen der Heilsgegenwart Christi. Und dies besonders bei den Schwierigkeiten und Heimsuchungen",35 in schwierigen Situationen einschließlich Verfolgung und Martyrium. 

 

2. Ein Gott, der unsere Geschwisterlichkeit schafft 

Die evangelischen Dimensionen der geschwisterlichen Liebe

 

43. Der zweite Aspekt des Lebensentwurfes Jesu ist die Überwindung des Hasses und der Spaltung, um zum Zusammentreffen der Liebe und zur Gemeinschaft mit allen, zu der Er uns ruft, zu gelangen. Diese Forderung ist eng verknüpft mit der Entdeckung des väterlich-mütterlichen Antlitzes Gottes, der uns in Christus zu Brüdern und Schwestern gemacht hat. Es geht um den zweiten Teil des einzigen Gebotes der Liebe: den Nächsten lieben wie uns selbst.

 

44. In der Erfahrung und in der Lehre Therese von Lisieux finden wir die Überzeugung, daß sich die Authentizität unserer Gottesliebe in der Qualität unserer Nächstenliebe zeigt. Wie in konzentrischen Kreisen öffnet sich die Dimension der geschwisterlichen Liebe auf immer weitere Horizonte, die alle wie eine Ausdehnung sind, die von der Liebe zu Gott ausgeht. Der erste Kreis ist der der Allernächsten, der weiteste ist der der gesamten Menschheit. Das Vertrauen und die Hingabe an den Vater-/Muttergott und das von ihm Geliebtwerden bilden bei Therese von Lisieux die Quelle der geschwisterlichen Liebe und des Apostolates als Ausdruck einer Liebe zu allen, um ihnen die gute Nachricht von der Erlösung mitzuteilen. 

 

Geschwisterliche Liebe und Leben in Gemeinschaft

 

45. Die evangelischen Dimensionen geschwisterlicher Liebe werden in konkreten Umständen gelebt, unter denen sich unser Menschsein abspielt: Familie, Ordensgemeinschaft, christliche Gemeinden, Kirche, Menschengruppen, Gesellschaft. In ihnen finden wir Licht- und Schattenseiten, positive und negative Aspekte. Unsere Schwester Therese lehrt uns, in die Wirklichkeit inkarniert zu leben und zu beginnen, die evangelische Liebe dort zu leben, wo Gott uns hingestellt hat.

 

46. Nach den Worten ihrer Schwester Maria war der Karmel von Lisieux zur Zeit ihres Eintritts klein und arm. Er zählte 26 Ordensfrauen. Das Durchschnittsalter der Gemeinschaft betrug 47 Jahre. Menschlich gesehen war es eine arme Gemeinschaft und spirituell war sie durch den Rigorismus ihrer Zeit beeinflußt, durch die vom Jansenismus geprägte Furcht vor einem Richtergott. Alles dies erschwerte ständig die Dynamik der Liebe und die Ausgeglichenheit, die die Hl. Teresa von Avila mit menschlichem und spirituellem Realismus zu schützen getrachtet hatte. In diesem Umfeld, mit konkreten Menschen, mit Vor- und Nachname, mit Fähigkeiten und Mängeln, lebte Therese von Lisieux die geschwisterliche Liebe und ihre Konsequenzen.

 

47. Auf vielen Seiten des Manuskriptes C an M. Maria de Gonzaga, die Priorin des Klosters, beschreibt Therese wie sie begann, das Gebot Jesu, die Nächsten zu lieben wie er uns geliebt hat, mehr und mehr zu verstehen und zu leben. Das führte sie dazu, die Fehler der anderen zu ertragen, sich nicht an ihren Schwächen zu stoßen, sich aufzurichten an kleinen Werken der Tugend, alle mit Verständnis und Güte zu beurteilen. Sie beschreibt auch kleine konkrete Taten, die ihrer Übung in der Nächstenliebe trotzten und das Wachstum in der Gemeinschaft erschwerten.36 Unsere Schwester lebte das Liebesgebot in den kleinen Anstrengungen, Diensten und Opfern des geschwisterlichen Gemeinschaftslebens.

 

48. Die gemeinschaftliche Dimension, die die Berufung zum geweihten Leben umschließt und auch in unserer Regel aufgezeigt wird, wurde durch das Dokument Vita consecrata von neuem herausgestellt in seinem zweiten Teil, der den Titel trägt "Signum Fraternitatis. Das geweihte Leben als Zeichen der Gemeinschaft in der Kirche".37

Das Paschamysterium hilft zu verstehen, daß es ohne Verleugnung, ohne Kreuz, ohne großherzige Hingabe, Öffnung und Verzeihung nicht möglich ist, die Nächstenliebe nach dem Vorbild Jesu zu leben. Therese von Lisieux ist für uns ein Ansporn und ein Vorbild, um die neue Gemeinschaft und Geschwisterlichkeit in Christus inmitten aller Schwierigkeiten unter den konkreten Umständen unserer Gemeinschaften mit einem spirituellen Realismus zu leben. 

 

3. Ein Gott, der von uns die Verkündigung der frohen Botschaft erwartet  

Die missionarische Dimension: Jesus lieben und andere zu seiner Liebe führen

 

49. Die Berufung zur Evangelisierung ist ein Ausdruck universeller Liebe. Anderen das neue Leben in Christus und seine Hoffnungsbotschaft zu bezeugen und zu verkünden heißt, sie zu lieben. Therese als kontemplative Nonne hörte nie auf, die missionarische und apostolische Dynamik der christlichen Berufung zu leben. Sie wollte aus ihrer speziellen Berufung im Karmel heraus mit Christus in der Erlösung der Welt mitarbeiten, nicht nur bis zum Ende ihres Lebens, sondern bis zum Ende der Welt.38

In ihrer Briefkorrespondenz mit ihren missionarischen Brüdern wiederholt sie auf vielerlei Weise die apostolische und missionarische Dimension der kontemplativen Karmelitin. Unter anderem bekräftigt sie: "Sie wissen ja, eine Karmelitin, die nicht Apostel wäre, würde sich vom Ziel ihrer Berufung entfernen und aufhören, eine Tochter der Seraphischen Heiligen Teresa zu sein, die tausend Leben hingeben wollte, um eine einzige Seele zu retten."39Daher wollte sie alle Berufungen leben.40Den Erfolg der Evangelisierung legte sie in die Liebe. Sie bittet die Heiligen, ihr ihre Liebe doppelt zu schenken.41

 

50. In unserer Berufung zum Karmel sind wir der Mission geweiht. Wir haben "die prophetische Aufgabe, uns auf Gottes Plan in bezug auf die Menschen zu besinnen und ihm zu dienen, wie es von der Schrift verkündet wird und wie es aus einem aufmerksamen Lesen der Zeichen des weisen Wirkens Gottes in der Geschichte hervorgeht. Es ist der Plan für eine gerettete und versöhnte Menschheit."42 Wir müssen von unserer Schwester Therese die apostolische Ausrichtung unserer christlichen Liebe lernen; die Überzeugung von der evangelisierenden Kraft des Gebetes und die Notwendigkeit einer in die tägliche Wirklichkeit inkarnierten Spiritualität. Evangelisierung heißt nicht einfach nur Information.

Sie ist vielmehr die Manifestierung unserer Gotteskindschaft, die uns in der Liebe und in der Solidarität wachsen läßt. Sie verlangt, die Erfahrung der Leiden und der Angst unserer Brüder und Schwestern nachzuempfinden und sie uns aus dieser Perspektive anzueignen. Therese handelte so, indem sie die Erprobung der Zweifel der Ungläubigen auf sich nahm, um für sie die Gnade zu erreichen, sie zu überwinden. Sie setzt sich an einen Tisch mit den Sündern und denen, die den Glauben ablehnen und durchleidet mit ihnen die Leere und die Dunkelheit: eure Tochter "bittet euch um Verzeihung für ihre Brüder, sie ist bereit, für alle Zeit, die Ihr wollt, das Brot des Schmerzes zu essen und möchte sich von diesem Tisch voll Bitterkeit, an dem die armen Sünder essen, nicht erheben bis zu dem Tag, den Ihr vorbestimmt."43Dies bietet auch eine Art von geistlicher Antwort auf die Suche nach dem Heiligen und die Sehnsucht nach Gott, die sich ständig im Herzen der Menschen befindet.44

 

51. Diese Liebe beinhaltet auch eine soziale Dimension, die uns mit den spezifischen Vorgaben jeder Berufung im Karmel nötigt zu einem Dienst ganzheitlicher Förderung, um durch eine echte Humanisierung der Menschen die Gerechtigkeit und den Frieden in der Welt zu fördern. Um wirkungsvoll zu sein, muß sich die Nächstenliebe im Einklang mit den Erfordernissen der gegenwärtigen Welt befinden. In ihr müssen wir eine soziale Perspektive der Liebe leben, denn die Mittel der individuellen Liebe werden von Tag zu Tag begrenzter. Die notleidenden Nächste sind nicht isolierte Individuen, sondern durch ungerechte und entmenschlichte menschliche Strukturen unterdrückte Massen.

Die Gegenwart christlicher Liebe wird auf dringende und notwendige Art wahrgenommen in der Bemühung um Wechsel und Veränderung von Strukturen. Die Liebe ist stärker als die Spaltungen und hilft, im Kampf für eine gerechtere Welt den Haß zu überwinden, damit aus dem Unterdrückten nicht wieder ein Unterdrücker wird. Nur die Liebe zu Jesus und das Zeugnis seines Lebens und seiner Lehre ermöglichen die echte geschwisterliche Versöhnung. Die Lehre vom Weg der geistlichen Kindschaft ist eine unglaubliche Kraft sozialen Umschwungs angesichts des Machtmißbrauchs in der Gesellschaft.

 

Nahe bei Maria von Nazareth

 

52. Die Jungfrau Maria ist für uns ein Vorbild der Weihe und Nachfolge; sie erinnert uns an den Primat der Initiative Gottes und lehrt uns, seine Gnade anzunehmen. Sie ist "Lehrmeisterin bedingungsloser Nachfolge und beständigen Dienstes".45 In der besten Tradition des Karmel lebte Therese von Lisieux die Gegenwart und Nähe der Mutter Jesu. Im Vorgriff auf das zweite Vatikanische Konzil entdeckte sie die einfache Frau aus Nazareth, die Pilgerin des Glaubens und der Hoffnung, die Mutter und das Vorbild. Man kann sagen, daß sie ihr nahe lebte.

 

53. Therese weist die Darstellungen Marias zurück, die sich damit beschäftigen, ihre Größe hervorzuheben ohne ihr irdisches Leben zu berücksichtigen: "Damit mir eine Predigt über die Heilige Jungfrau gefällt und nützt, muß ich ihr Lebenvor mir sehen, wie es wirklich war, aber nicht ihr erdachtes Leben; und ich bin überzeugt daß ihr wirkliches Leben ganz einfach gewesen sein muß. Man stellt sie unnahbar dar, aber man müßte sie als nachahmbar zeigen, ihre Tugenden aufzeigen, sagen, daß sie aus dem Glauben lebte wie wir ... Sie ist mehr Mutter als Königin."46

Ihr letztes Gedicht, das der Jungfrau Maria gewidmet war, trägt als Titel: "Warum ich dich liebe, o Maria." Es ist ein Weg durch die Seiten des Evangeliums, bei dem sie ihre Liebe zu Gott und den Nächsten entdeckt, ihre Armut, ihr kontemplatives Stillschweigen, ihre Einfachheit, ihren Glauben, ihre Hoffnung, ihre Verfügbarkeit und ihren Gehorsam, um den Willen Gottes anzunehmen. Das Evangelium deckt ihr auf, wer Maria ist, und ihr Herz offenbart ihr in der Erfahrung der täglichen Gemeinschaft mit der Jungfrau ihre wahre Persönlichkeit.47

 

54. In den Lehren Therese von Lisieux finden wir einen Weg, um unser marianisches Leben im Licht des Evangeliums und der Vertrautheit mit Maria zu erneuern. Unsere Verehrung, unser Zeugnis und unsere Verkündigung können eine feste Grundlage in ihrer Wiederentdeckung innerhalb des Mysteriums Christi und der Kirche finden. Die Jungfrau Maria erfüllt mit ihrer Gegenwart die ganze Geschichte des Ordens seit seinen Ursprüngen auf dem Berg Karmel.

Sie ist vor allem ein Vorbild der Nachfolge Jesu im Glauben und in der Kontemplation. Sie lehrt uns insbesondere, und dies war auch die Erfahrung Therese von Lisieux, die Gebetshaltungen: Unterscheidung der Geister, Verfügbarkeit (Verkündigung), Lob und Dank für das, was Gott in der Geschichte für die Armen und Kleinen tut (Magnifikat), Vertrauen (Kana in Galiläa), kontemplative und geduldige Beobachtung bis es Licht wird, indem sie alles im Herzen bewahrt, ohne viele Dinge zu verstehen (Wiederfinden Jesu im Tempel), Treue in der Erprobung (unter dem Kreuz), Gemeinschaft und Kirchlichkeit (im Gebet mit den Jüngern). 

 

Prophetisches Zeugnis angesichts großer Herausforderungen

 

55. Das christliche Leben und im besonderen das geweihte Leben ist eine Berufung zum prophetischen Zeugnis von der Verkündigung der evangelischen Werte und der Absage an alles, was sich ihnen widersetzt. Indem er den prophetischen Charakter geweihter Menschen herausstellte "wie eine besondere Form der Teilhabe an dem prophetischen Amt Christi, die dem ganzen Volk Gottes vom Geist mitgeteilt wird" hat Johannes Paul II. die Person des Elija, des "furchtlosen Propheten und Gottesfreundes" als Vorbild einer authentischen Prophetie dargestellt. In der Beschreibung, die er von ihm gibt, sagt er, er lebte in der Gegenwart des Herrn "und betrachtete in der Stille seinen Vorübergang, legte Fürsprache für das Volk ein und verkündete mutig den Willen Gottes, verteidigte seine Rechte und erhob sich, um die Armen gegen die Mächtigen der Welt zu verteidigen."48

 

56. Aus diesem Blickwinkel kann Therese von Lisieux Prophetin der Neuzeit genannt werden. Sie wurde zurecht als "Prophetin der Jugend" bezeichnet, als "Zeichen der Hoffnung", "Prophetin der Heiligkeit", zu der wir alle berufen sind, "Prophetin der Aktualität von Erlösung" in der Betonung der unsichtbaren Kraft der Liebe.49 Sie als eine Frau großer Sehnsüchte, die ihren österlichen Weg zeichnen, hat einer Menschheit, die unbefriedigt sucht und lebt, sehr viel zu sagen.

In bester Tradition des Karmel sieht Therese von Lisieux den Propheten Elija als Vorbild ihres Lebens. Sie fühlt sich angezogen von der Gotteserfahrung, die der Prophet im "sanften Säuseln"50machte, aber auch von seinem Kampf gegen die Baalspropheten: "Nachdem er auf die erhabenen Anfänge unseres heiligen Ordens hingewiesen und uns mit dem Propheten Elija verglichen hatte, der gegen die Baalspriester kämpfte, erklärte er, daß 'ähnliche Zeiten wie die Verfolgung durch Achab wiederkommen werden'. Es schien uns, als eilten wir bereits dem Martyrium entgegen."51

 

57. In Treue zu unserer karmelitanischen Berufung sind wir aufgerufen, die prophetische Dimension zu leben im Zeugnis eines Lebens, das den Primat Gottes deutlich macht durch eine Erfahrung seiner Gegenwart im Herzen der Welt, in einer Offenheit, um seine Gegenwart auf immer neue und überraschende Weise zu entdecken, so wie Elija im sanften Säuseln, und so zur Hingabe an den Dienst an den Brüdern und Schwestern zu gelangen und ihnen bei ihrer persönlichen Befreiung zu helfen. Das geschwisterliche Leben ist "verwirklichte gegenwärtige Prophetie im Kontext einer Gesellschaft, die ohne sich dessen manchmal bewußt zu sein, eine tiefe Sehnsucht nach einer Geschwisterlichkeit ohne Grenzen hat." Zudem "erwächst der Prophetie eine innere Überzeugungskraft aus der Übereinstimmung zwischen Verkündigung und Leben."52

  

Lebendige und richtungsweisende Gegenwart

 

58. Der evangelische Charakter der Erfahrung und Lehre Therese von Lisieux verleiht ihr eine immerwährende Aktualität. Die Einfachheit, das Vertrauen und die Hingabe an Gott, so wie sie von Therese von Lisieux erfahren und verkündet wurden, können zum Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden in der Welt anregen.53

59. Der Einfluß unserer Schwester Therese von Lisieux auf die Kirche und auf die Welt von heute ist unbestreitbar. Sie erahnte ihn, als sie vor ihrem Tod bekräftigte: "Vor allem aber fühle ich, daß meine Sendung anfangen wird, meine Sendung, den lieben Gott so lieben zu lehren wie ich ihn liebe, den Seelen meinen kleinen Weg zu zeigen. Wenn der liebe Gott meine Wünsche erhört, werde ich meinen Himmel auf Erden verbringen bis zum Ende der Welt. Ja, ich möchte meinen Himmel damit verbringen, auf Erden Gutes zu tun."54

  

Schluß

 

Mit unserer Schwester Therese unser kontemplatives und apostolisches Leben erneuern

 

60. Der hundertste Todestag unserer Schwester Therese von Lisieux ist eine Einladung Gottes, uns im Licht ihrer Erfahrung und Lehre zu erneuern. Wie Johannes Paul II. zu den Ordensmännern und -frauen sagte, sollen wir uns nicht nur "einer glanzvollen Geschichte erinnern und darüber erzählen, sondern [wir haben] eine große Geschichte aufzubauen".55 Wir müssen die Augen auf die Zukunft richten, "in die der Geist [uns] versetzt, um durch [uns] noch große Dinge zu vollbringen".

Unsere Schwester Therese zeigt uns den Weg zurück zum Evangelium als der einzigen Möglichkeit, um die kreative Treue zu unserem Charisma Wirklichkeit werden zu lassen.

 

61. Sie zeigt uns die zentrale Stellung der Liebe, die uns die wahre Freiheit und Befreiung mitteilt, die zur Reife einer christlichen, religiösen und karmelitanischen Identität führt. In einer Welt von Angst und Furcht verweist sie uns auf das Vertrauen und die Hingabe an den Herrn, der alle Furcht überwindet. Angesichts unserer entmenschlichten Ideale bietet sie uns einen spirituellen und evangelischen Realismus, um Propheten eines gegenwärtigen, nahen und befreienden Gottes zu sein. Ihre Botschaft ist eine Herausforderung für die heutige Spiritualität der Kirche, die sich nicht nur an die der Kontemplation geweihten Menschen richtet, sondern auch an diejenigen, die auf dem Feld einer dem menschlichen Fortschritt, der Entwicklung und der Befreiung gewidmeten Evangelisierung arbeiten.56 Die geistliche Kindschaft ist ein evangelisches Konzept, das das Bewußtsein beinhaltet, daß wir alle das Geschenk empfangen haben, Söhne und Töchter Gottes zu sein, und das uns auf die Geschwisterlichkeit hin ausrichtet.

 

62. Brüder und Schwestern im Karmel: wir danken dem Herrn für das Geschenk unserer Schwester Therese von Lisieux an die Kirche, an die Welt und an den Karmel. Mögen wir ihre Gegenwart und Nähe spüren bei der Feier ihres hundertsten Todestages und fahren wir fort mit unserem Leben des Gebetes, der Geschwisterlichkeit und des apostolischen Einsatzes im Zeugnis für den Gott unseres Herrn Jesus Christus mit der Kraft seines Geistes! 

 

Rom, den 16. Juli 1996

Hochfest Unserer Lieben Frau vom Berge Karmel 

 

P. Joseph Chalmers O.Carm.   P. Camilo Maccise OCD

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1VC 57. Die auch im folgenden verwendeten Kürzel sind: VC= Vita Consecrata; GS= Gaudium et Spes; DV= Dei Verbum; R= Regel des Karmelitenordens, wobei zuerst die O.Carm.-Numerierung steht und in Klammern die OCD-Numerierung.

 

2L’Osservatore Romano, 5. Januar 1995, S. 4.

 

3VC 46.

 

4Ebd. 77.

 

5Ebd. Anm. 72.

 

6GS 22.

 

7Dokument von Puebla, 196.

 

8VC 57-58.

 

9Puebla, n. 1142.

 

10DV, 25.

 

11Vgl. R 7(8).

 

12Vgl. Leben der Hl. Theresia von Jesus 26,5.

 

13Aufstieg zum Berg Karmel III, Kap. 22.

 

14Geschichte einer Seele VIII (Manuskript A, 83v); vgl. Katechismus der katholischen Kirche, n. 127.

 

15ebd.

 

16ebd.

 

17Vgl. Geschichte einer Seele X (Manuskript C 4r).

 

18VC 94.

 

19Ebd. 94.

 

20Vgl. R 14(16).

 

21Geschichte einer Seele VIII (Manuskript A 83v).

 

22Vgl. Leben der hl. Theresia von Jesus 8,5: “das innerliche Gebet ist in meinen Augen nichts anderes, als sich in Freundschaft zu bemühen, oft allein zu sein mit dem, von dem wir wissen, daß er uns liebt.”

 

23Vgl. Hl. Teresa, Leben 8,5; Weg der Vollkommenheit 31,9.

 

24Geschichte einer Seele XI (Manuskript C 24v).

 

25Geschichte einer Seele XI (Manuskript 25r-v). Mit dieser Definition des Gebetes beginnt der dem Gebet gewidmete Abschnitt im Katechismus der katholischen Kirche, n. 2559.

 

26Geschichte einer Seele IX (Manuskript B 1r-v).

 

27Brief 197, an Schwester Maria v. hl. Herzen Jesu, 17.09.1896.

 

28VC 19.

 

29Geschichte einer Seele IX (Manuskript B 3v).

 

30Titel des Buches von GUY GAUCHER.

 

31Geschichte einer Seele VIII (Manuskript A 80v).

 

32Vgl. VC 24.

 

33ebd. 72.

 

34Vgl. R 14 (16)

 

35VC 24.

 

36Vgl. Geschichte einer Seele X-XI (Manuskript C 11v-22v).

 

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