am 19. Oktober 1997 in
Rom
Liebe Schwestern und
Brüder im Karmel!
1. Vor etwas mehr als
einem Jahr luden wir Euch anläßlich des
100. Todestages unserer hl. Schwester
Therese vom Kinde Jesus und vom Heiligen
Antlitz zur Reflexion über ihre
Botschaft ein. Wir dachten damals nicht
daran, daß wir in kurzer Zeit schon
wieder einen Rundbrief schreiben würden.
Diesmal möchten wir mit Euch darüber
nachdenken, was der Titel eines
Kirchenlehrers bedeutet, den Papst
Johannes Paul II., wie er beim
Weltjugendtag in Paris angekündigt hat,
am kommenden Weltmissionssonntag, dem
19. Oktober 1997, Therese in Rom
verleihen möchte.
2. Am Vormittag des 24.
August beschrieb der Papst bei der
Schlußkundgebung des Weltjugendtags die
Persönlichkeit und die Lehre unserer
Schwester und nannte dabei die Gründe,
die ihn bewegen, sie nach einem
„aufmerksamen Studium“ und angesichts
vieler Bittgesuche zur Kirchenlehrerin
zu ernennen. Dabei bezeichnete er
Therese als junge Karmelitin, die in
ihrem Leben von Gottes Liebe erfüllt war
und sich radikal seiner Liebe darbot und
es verstand, in der Einfachheit des
Alltags die Nächstenliebe zu üben. Sie
folgte Jesus nach, indem sie sich an den
Tisch der Sünder, ihrer Brüder, setzte,
damit diese durch die Liebe geläutert
würden, denn sie war vom heißen Wunsch
erfüllt, daß alle Menschen vom Licht des
Glaubens erleuchtet würden. Sie hat
entdeckt, fuhr der Papst fort, daß es
ihre Berufung war, im Herzen der Kirche
die Liebe zu sein, und zeigte ihren
„kleinen Weg“ der Kinder auf, die sich
mit kühnem Vertrauen bei Gott bergen.
Herzstück ihrer Botschaft ist ihre
Haltung des Kindseins, das sie allen
Gläubigen vorlebt. „Ihre Lehren, eine
wahre Wissenschaft der Liebe“, sind der
strahlende Ausdruck ihrer Kenntnis des
Mysteriums Christi und ihrer
persönlichen Erfahrung von Gnade. Sie
hilft den Menschen von heute und ebenso
wird sie den zukünftigen Generationen
helfen, Gottes Geschenke besser
wahrzunehmen und die Frohe Botschaft von
seiner unermeßlichen Liebe zu
verbreiten.
3. Der Papst nannte sie „Karmelitin
und Apostolin, Lehrmeisterin geistlicher
Weisheit für zahllose Ordens- und
Weltchristen, Patronin der Missionen“.
Er betonte, daß „sie einen erstrangigen
Platz in der Kirche innehat und daß ihre
herausragende Lehre sich als überaus
fruchtbar erwiesen hat“. Er schloß ab
mit der Feststellung, daß er die
Ankündigung der Ernennung Thereses zur
Kirchenlehrerin vor den Jugendlichen der
Welt vornehmen wollte, weil sie als in
unserer Zeit so sehr gegenwärtige junge
Heilige eine Botschaft bereit hält, die
besonders für die Jugendlichen geeignet
ist. In der Schule des Evangeliums
eröffnet sie den jungen Menschen den
Weg, mündige Christen zu wereden; „sie
ruft sie zu grenzenloser
Einsatzbereitschaft auf und lädt sie
ein, im Herzen der Kirche Apostel und
eifrige Zeugen der Liebe Christi zu
sein“. Zusammen mit den Jugendlichen
rief der Papst Therese an, daß sie die
Männer und Frauen dieser Zeit auf dem
Weg der Wahrheit und des Lebens
begleiten möge, und beendete seine
Predigt mit folgenden Worten: „Mit
Therese vom Kinde Jesus wenden wir uns
der Jungfrau Maria zu, mit der sie ihr
ganzes Leben lang in kindlichem
Vertrauen durch Lobpreis und Gebet
verbunden war“.
.EIN LANGER WEG BIS ZUR
ERNENNUNG ZUR KIRCHENLEHRERIN
Die ersten Schritte
4. Bereits zum Zeitpunkt
der Heiligsprechung Thereses fehlte es
nicht an Bischöfen, Predigern, Theologen
und Gläubigen aus verschiedenen Ländern,
die um die Ernennung unserer Schwester
zur Kirchenlehrerin baten. Diese Stimmen
zugunsten Thereses als Kirchenlehrerin
erhielten offiziellen Charakter, als
1932 die Krypta der Basilika in Lisieux
eingeweiht wurde; dies geschah im Rahmen
eines Kongresses, an dem fünf Kardinäle,
50 Bischöfe und eine große Menge von
Gläubigen teilnahmen. Am 30. Juni sprach
P. Gustave Desbuquois SJ von Therese von
Lisieux als Kirchenlehrerin und
begründete seine Meinung mit
stichhaltigen theologischen Argumenten.
Dieser unerwartete Vorschlag fand bei
vielen Teilnehmern, darunter auch
Bischöfen und Theologen, Zustimmung, was
weitgehende Folgen haben sollte. Der
Bischof von Trois Rivières in Kanada,
Clouthier, schrieb an alle Bischöfe der
Welt, um ein Bittgesuch an den Hl. Stuhl
vorzubereiten. 1933 hatte er bereits 342
zustimmende Antworten erhalten, die das
Vorhaben unterstützten, Therese zur
Kirchenlehrerin zu ernennen.
Frausein als Stolperstein
5. Die Ausführungen von
P. Desbuquois wurden zusammen mit einem
Brief von Mutter M. Agnes von Jesus, der
Schwester unserer Heiligen und Priorin
des Karmel von Lisieux, Pius XI.
vorgelegt. In ihrem Schreiben berichtete
sie dem Papst vom großen Erfolg des
Kongresses von Lisieux. Am 31. August
1932 antwortete der damalige
Kardinalstaatssekretär Pacelli im Namen
des Papstes der Priorin des Karmel,
indem er seine Freude über die positiven
Ergebnisses des Kongresses zum Ausdruck
brachte, aber hinzufügte, daß es besser
sei, vom Titel eines Kirchenlehrers für
Therese nicht weiter zu reden, wiewohl
„ihre Lehre
deshalb nicht aufhört, eine sichere
Leuchte für die Seelen zu sein, die den
Geist des Evangeliums kennenlernen
wollen“.
Die Zeit war noch
nicht reif, um eine Frau zur
Kirchenlehrerin zu ernennen, denn
bereits einige Zeit zuvor hatte Pius XI.
die Karmeliten mit einer negativen
Antwort beschieden, als sie ihn darum
baten, die hl. Teresa von Jesus, die
seit alters „Mater spiritualium“ genannt
wurde, zur Kirchenlehrerin zu ernennen.
Der einzige Grund war, weil sie eine
Frau ist. „Obstat sexus“ (das Geschlecht
steht im Weg), hat der Papst geantwortet
und hinzugefügt, daß er die Entscheidung
seinem Nachfolger überlasse. Angesichts
dieser negativen Haltung des Vatikans
und seiner Anordnung sammelte man keine
weiteren Unterschriften mehr zugunsten
des Kirchenlehrertitels für Therese von
Lisieux.
Die Zeiten ändern sich
6. Die Ernennung Teresas
von Jesus und Katharinas von Siena zu
Kirchenlehrerinnen im Jahre 1970 hat das
Hindernis, daß eine Frau zur
Kirchenlehrerin ernannt werden kann,
endgültig aus dem Weg geräumt So tauchte
schon bald wieder der Gedanke auf, auch
unserer Schwester Therese von Lisieux
diesen Titel zu verleihen.
Als man 1973 ihren
100. Geburtstag feierte, warf Erzbischof
Garonne von neuem die Frage auf:
„Könnte die hl. Therese von Lisieux
eines Tages Kirchenlehrerin werden?
Ich beantworte diese Frage ohne Zögern
mit Ja, ermutigt durch das, was mit der
großen Teresa und mit Katharina von
Siena geschehen ist“. In der Folgezeit
sprachen die Karmeliten das Thema immer
wieder an. 1981 richtete Kardinal Roger
Etchegaray auf Bitten des Teresianischen
Karmel und nach Rückspache mit dem
Ständigen Rat der französischen
Bischofskonferenz eine offizielle
Bittschrift an Papst Johannes Paul II.,
um die Ernennung Thereses von Lisieux
zur Kirchenlehrerin zu erbitten. Aus
verschiedenen Anlässen schrieben die
Generalpostulation des Ordens und der
Bischof von Lisieux, Pierre Pican,
ebenfalls derartige Bittschriften,
ebenso das Generalkapitel des
Teresianischen Karmel 1991 und der
Stammorden des Karmel im Jahre 1995. Im
gleichen Sinn sprachen sich mehr als 30
Bischofskonferenzen und Tausende von
Priestern, Ordensleuten und Laien aus
107 Ländern aus.
Studium und Approbation
der Positio
7. In den ersten Monaten
des Jahres 1997 wurde der Teresianische
Karmel offiziell um die Erarbeitung der
„Positio“ ersucht, das ist die
Sammlung der notwendigen Zeugnisse, die
beweisen sollen, daß eine Person die für
die Ernennung zum Kirchenlehrer
notwendigen Bedingungen erfüllt. Da die
Zeit drängte, wurde die Arbeit auf
mehrere verteilt, und bereits Anfang Mai
hatte man einen umfangreichen Band von
965 Seiten mit vier Teilen und 13
Kapiteln erarbeitet, in dem die
herausragende Lehre, der Einfluß und die
Aktualität der Botschaft Thereses
dargestellt wurde. Am Anfang steht ein
kurzer historischer Überblick über den
Prozeß der Selig- und Heiligsprechung
(1. Kapitel) und der Ernennung zur
Kirchenlehrerin (2. Kapitel). Es folgen
eine geraffte Biographie Thereses (3.
Kapitel), eine Darstellung ihrer
Persönlichkeit (4. Kapitel), eine
Chronologie (5. Kapitel) und
Präsentation ihrer Schriften (6.
Kapitel), ein summarischer Überblick
über die Lehre Thereses (7. Kapitel),
eine Synthese ihrer Theologie (8.
Kapitel) und eine Studie der Quellen
ihrer Lehren (9. Kapitel). Der Einfluß
und die Aktualität Thereses werden von
drei Perspektiven aus dargestellt:
Aufnahme und Präsentation ihrer Lehre
von Seiten des kirchlichen Lehramtes
(10. Kapitel), Auswirkung und Einflüsse
(11. Kapitel) und Aktualität ihrer Lehre
für die Kirche und die Welt von heute
(12. Kapitel). Schließlich wird die
„herausragende“ Lehre der hl. Therese
vom Kinde Jesus und vom hl. Antlitz
hervorgehoben (13. Kapitel). Im
Schlußteil der Positio folgen die
Bittschreiben von Bischofskonferenzen
und Persönlichkeiten aus Kirche und
Welt, ein 130 Seiten umfassendes
Literaturverzeichnis, die Voten der fünf
von der Glaubenskongregation und der
zwei von der Kongregation für die Selig-
und Heiligsprechungen bestellten
Theologen, und schließlich ein
ikonographischer Anhang, der Therese als
Lehrmeisterin und Kirchenlehrerin
ausweist.
Nach dem Studium
der Positio gaben die
Kongregationen für den Glauben und die
Selig- und Heiligsprechungen, sowie das
Konsistorium der Kardinäle ihre
Zustimmung zur Ernennung unserer
Schwester zur Kirchenlehrerin. Papst
Johannes Paul II. traf die Entscheidung,
diese Ernennung vorzunehmen, wie wir
bereits sagten, und teilte sie bei der
Schlußkundgebung des Weltjugendtags in
Paris der gesamten Kirche mit.
II.THERESE VON LISIEUX -
KIRCHENLEHRERIN FÜR DAS DRITTE
JAHRTAUSEND
8. Vom dritten
Jahrtausend zu sprechen, bedeutet vor
allem, von der Zeit und vom Walten
Gottes zu sprechen, denn in der
Geschichte waltet und offenbart sich
Gott. Schon Teresa von Jesus sagte uns,
daß „jede Zeit geeignet ist, daß Gott
große Gnaden gewährt“ (Gründungen 4,5).
Wenn wir uns nun anschicken, zweitausend
Jahre Christentum zu feiern, „will man
gewiß nicht einem neuen Chiliasmus
frönen, wie es am Ende des ersten
Jahrtausends mitunter geschah; man will
jedoch eine besondere Sensibilität für
alles wecken, was der Geist der Kirche
und den Kirchen (vgl. Offb 2,7ff) wie
auch den einzelnen Menschen durch die
Gnadengaben zum Dienst an der ganzen
Gemeinschaft sagt...Trotz des äußeren
Anscheins wartet die Menschheit weiter
auf die Offenbarung der Kinder Gottes
und lebt von dieser Hoffnung...“.
Gott spricht uns heute an, so wie
gestern und zu allen Zeiten, um unser
individuelles und gemeinschaftliches
Leben zu einer in Freiheit und
Verantwortung gegebenen Antwort zu
machen.
9. Im Hinblick auf die
Feier des großen Jubeljahres 2000 hat
Gott in der Kirche das Bewußtsein für
die Notwendigkeit einer
Neuevangelisierung geweckt, um auf
diese besondere Zeit der Gnade zu
antworten und den Glauben, die Hoffnung
und die Liebe dadurch zu erneuern, daß
sie auf Jesus, den einzigen Retter und
die Mitte der Geschichte, ausgerichtet
werden. Er offenbart uns Gottes wahres
Antlitz und enthüllt uns die Gegenwart
und das Wirken des Geistes in den
Menschen und in der Welt.
Ort für dieses
Heilswirken Gottes und die Wahrnehmung
von Verantwortung von Seiten der
Menschen ist die Geschichte. Daher „hebt
die Kirche die Bedeutung der Geschichte
als Ort hervor, an dem sich Gott
offenbart...Doch muß auch gesagt werden,
daß die Kirche die Zeit, die Freiheit
und die Geschichte als den Ort versteht,
wo der Mensch seine Existenz als Mensch
gestaltet - zwei Orte, die nicht
getrennt nebeneinander herlaufen,
sondern in einem Dialog miteinander
stehen, der von Gott her initiert wurde
und unverdienbar, von Seiten des
Menschen auf Transzendenz hin offen
ist“.
Die Stunde einer
Neu-Evangelisierung ist auch die
Stunde der großen Herausforderungen und
Anfragen an die Welt, zwei Dinge, die
nicht voneinander zu trennen sind. Es
gibt Herausforderungen, die im Gegensatz
zum Evangelium Jesu, und andere, die in
Übereinstimmung mit ihm stehen; das
Evangelium jedenfalls ist der Kirche
anvertraut, damit sie ihren Auftrag der
Verkündigung in der Geschichte ausführt.
Aber auch die Herausforderungen
verlangen von uns höchste Aufmerksamkeit
im Licht des Evangeliums. Wir stellen
das hier nur fest, konzentrieren uns in
den folgenden Ausführungen aber vor
allem auf die Herausforderungen, die
sich für uns von der Evangelisierung her
stellen.
A. Ansprüche
an die Neuevangelisierung
10. Wenn wir hier von der
Verkündigung des Evangeliums sprechen,
so erfordert das von uns, daß wir uns
auf einige von der Enzyklika
Redemptoris Missio gewiesene Wege
begeben: Das persönliche Zeugnis, die
Verkündigung, die Gemeinschaft, der
Dienst.
Diese Wege wollen wir uns vor Augen
halten, damit wir die Grundlage und die
Aktualität der Botschaft der
Kirchenlehrerin Therese von Lisieux
verstehen.
Das persönliche Zeugnis
11. Das Evangelium zu
verkünden, bedeutet nicht, eine Lehre,
sondern eine zu Leben gewordene
Erfahrung weiterzugeben, und genau diese
Erfahrung ist es, die mitgeteilt wird:
„...Was wir gehört haben, was wir mit
unseren Augen gesehen, was wir geschaut
haben..., das verkünden wir euch, damit
ihr Gemeinschaft mit uns habt“ (1 Joh
1,1-3). Wer zur Zeugenschaft berufen
ist, für den stellt sich die Welt an der
Schwelle zum dritten Jahrtausend als
eine Welt des Unglaubens und der
Ungerechtigkeit dar. Als Christen sind
wir aufgerufen, „jedem Rede und Antwort
zu stehen, der nach der Hoffnung fragt,
die euch erfüllt“ (1 Petr 3,15). Die
Frage ist, wie diese Hoffnung und dieses
persönliche Zeugnis verständlich gemacht
werden können, und das führt den
gläubigen Menschen zur Überprüfung
seines persönlichen Lebens und seiner
Einstellung zur Kirche, denn „der Mensch
unserer Zeit glaubt mehr den Zeugen als
den Lehrern, mehr der Erfahrung als der
Lehre, mehr dem Leben und den Taten als
den Theorien“.
Jenes evangelische Zeugnis aber, für das
die Welt von heute noch die meiste
Sensibilität zeigt, ist „jenes der
Aufmerksamkeit für die Menschen und der
Liebe zu den Armen und den Kleinen, zu
den Leidenden“,
und ebenso des Einsatzes für den
Frieden, die Gerechtigkeit und die
Menschenrechte.
Die Verkündigung
12. Zusammen mit dem
persönlichen Zeugnis erfüllt der Christ
seinen Evangelisierungsauftrag durch die
Verkündigung der Frohen Botschaft von
der Erlösung, daß nämlich Christus
gestorben und auferstanden ist, uns zu
Söhnen und Töchtern Gottes gemacht und
aus der Knechtschaft des Bösen, der
Sünde und des Todes befreit hat. Das,
was zu verkündigen ist, ist die Liebe
Gottes, unseres Vaters, der uns zur
Gemeinschaft mit sich ruft. Empfänger
dieser Verkündigung sind zwar alle
Menschen, doch gibt es in unserer Zeit
Bereiche, die eine besondere
Aufmerksamkeit verlangen, wie die großen
Städte, die den Individualismus, die
Anonymität, die kulturelle Entwurzelung,
den Pluralismus und die Indifferenz
fördern, oder auch die jungen Menschen,
die der Evangelisierung besonders
bedürfen, denn sie sind die Zukunft der
Welt. In gleicher Weise muß die Frohe
Botschaft der großen Zahl von nicht
praktizierenden Menschen zur Kenntnis
gebracht werden, ebenso wie auch denen,
die sie noch nicht vernommen haben und
Jesus Christus noch nicht kennen. Die
Erst-Verkündigung ist also nach wie vor
aktuell und dringlich.
Die Gemeinschaft
13. „Gott hat es
gefallen, die Menschen nicht einzeln,
unabhängig von aller wechselseitigen
Verbindung, zu heiligen und zu retten,
sondern sie zu einem Volk zu machen, das
ihn in Wahrheit anerkennen und ihm in
Heiligkeit dienen soll“.
Mit diesen Worten hat das Zweite
Vatikanische Konzil klar und deutlich
gesagt, daß der Glaube in Gemeinschaft
gelebt wird, und daß die Frucht der
Evangelisierung und des Wirkens des
Geistes die Schaffung von
geschwisterlichen Gemeinschaften ist,
die das neue Volk Gottes bilden. So ist
die Gemeinschaft der Ort, wo sich die
Ankunft Christi ereignet. „In ihr wissen
wir, daß wir aus dem Tod in das Leben
hinübergegangen sind“ (vgl. 1 Joh 3,14),
„und von ihr geht eine große
apostolische Kraft aus“.
Gemeinschaft entsteht durch den Glauben
und die Sakramente des Glaubens, die
durch einen aktiven und solidarischen
Ökumenismus zu einer allen Menschen,
insbesondere aber den an Christus
Glaubenden offen stehenden „koinonía“
führen. Gemeinschaft aber erfordert den
ehrlichen und geschwisterlichen Dialog.
Der Dienst
14. Der Glaube muß sich
in Werken ausdrücken, denn in Christus
hat nur „der Glaube Wert, der in der
Liebe wirksam ist“ (Gal 5,6). Der Dienst
für Gott und die Mitmenschen ist der
beste Beweis für die Liebe. Christliche
Diakonie ist nichts anderes als
Nachfolge Jesu, der „gekommen ist, nicht
um sich dienen zu lassen, sondern um zu
dienen“ (Mt 20,28), und der unter uns
weilte „als einer, der dient“ (Lk
22,27). Von Anfang an gab es im
Christentum besonders Privilegierte,
denen der Dienst der Gläubigen galt,
nämlich die Armen, die Randgruppen, die
Leidenden. Deshalb zögert der Papst im
Blick auf das große Jubeljahr 2000 in
seinem Apostolischen Schreiben Tertio
Millenio Adveniente nicht zu
behaupten: „Ja, man muß sagen, daß in
einer Welt wie der unseren, die von so
vielen Konflikten und unerträglichen
sozialen und wirtschaftlichen
Ungleichheiten gezeichnet ist, der
Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden
ein tauglicher Gesichtspunkt der
Vorbereitung und Feier des Jubeljahres
ist“.
B.Therese
von Lisieux - Kirchenlehrerin für das
dritte Jahrtausend
15. Am Anfang unserer
weiterer Überlegungen müssen wir auf die
Verbindung zur Tradition oder zum
geistlichen Erbe hinweisen, von dem sich
Thereses Lehre und Erfahrung nährt. Der
Karmel - jene „Wüste“, in die sie mit
ihrer Schwester Pauline gehen wollte -
ist das Land, in das sie seit ihrer
Kindheit ihre Wurzeln gesenkt hat.
Aufgrund der ihr eigenen Frühreife, die
typisch ist für ihren „Weg eines
Riesen“, „lebt“ sie die Spiritualität
des Karmel zeitlich gesehen viel früher
als sie sie bei Teresa von Avila und
besonders bei Johannes vom Kreuz
niedergeschrieben vorfindet. Die
tiefreichende Übereinstimmung ihrer
persönlichen Berufung mit der des Karmel
ist nicht allein mit der Lektüre seiner
Heiligen zu erklären, sondern ist Frucht
des Geistes, der sie mit ihrer Berufung
zum Karmel zu deren Tochter macht und
ihr hilft, eine vergleichbare und klar
umrissene geistliche Erfahrung zu leben,
die dann im Kontakt mit der Erfahrung
und der Lehre der hl. Teresa von Avila
und des hl. Johannes vom Kreuz
Bestätigung und Bereicherung erhält.
16. Wenn wir die
geistliche Erfahrung Thereses von
Lisieux gut bedenken und uns in ihre
Lehren vertiefen, dann können wir leicht
verstehen, welcher Aspekt ihrer Lehre
und Erfahrung es vor allem ist, der sie
für den Evangelisierungsauftrag im
dritten Jahrtausend als Lehrmeisterin
und Kirchenlehrerin prädestiniert: Es
ist die Liebe
eines väterlich-mütterlichen Gottes.
Unter der Führung
des Hl. Geistes gelang es ihr, die
Offenbarung der erbarmenden Liebe Gottes
als die Zusammenfassung des ganzen
Evangeliums zu verstehen. Gott ist
Liebe, die sich den Armen und Schlichten
offenbart. Gott, der die Liebe ist, lädt
uns ein, in Gemeinschaft mit ihm und den
Mitmenschen zu leben und nach Jesu
Vorbild unseren Schwestern und Brüdern
zu dienen, um so die Frohe Botschaft zu
bezeugen und zu verkünden.
ADVANCE \D 5.60PRIVATE
Kirchenlehrerin der Erfahrung eines
nahen und erbarmenden Gottestc \l 3
"Kirchenlehrerin der Erfahrung eines
nahen und erbarmenden Gottes"
17. Die Wiederentdeckung
des väterlich-mütterlichen Antlitzes
Gottes ist der Ausgangspunkt für den
neuen Weg der Heiligkeit gewesen, den
unsere Schwester vor allem seit dem
Jahre 1894 gegangen ist, als sie ihre
Schwachheit besonders zu verspüren
bekam. Jesus zeigte ihr, wie sie selbst
sagt, daß dieser Weg darin besteht, sich
voll Vertrauen wie ein in den Armen
seines Vaters sorglos schlafendes Kind
auszuliefern:
ADVANCE \D 5.60„‘Wenn
einer ganz klein ist, so komme er zu
mir’, hat der Heilige Geist durch den
Mund Salomons gesagt, und derselbe Geist
der Liebe hat ferner gesagt:
‘Barmherzigkeit wird den Kleinen
gewährt’. In seinem Namen
verkündet uns der Prophet Jesaja, daß am
letzten Tage ‘der Herr seine Herde auf
die Weideplätze führen, daß er die
kleinen Lämmer versammeln und an seinen
Busen drücken wird’...Jesus fordert
keine großen Taten, sondern nur Hingabe
und Dankbarkeit“.
ADVANCE \D 5.60 Diese
Erfahrung Thereses von Lisieux zeigt uns
einen Gott, der Vater und Mutter
zugleich ist, und Gerechte und Sünder
liebt (vgl. Lk 6,35); der weiß, was wir
brauchen, noch bevor wir ihn darum
bitten; der uns verzeiht und uns bittet
zu verzeihen; der uns bei sich birgt und
schützt (vgl. Mt 6,8-9.14-15.26). Hier
vollzieht sich der Übergang von der
Furcht zum Vertrauen, so daß wir vor
Gott wie Söhne und Töchter vor ihrem
Vater und ihrer Mutter stehen. Dieser
Gott fügt alles so, daß es zu unserem
Heil gereicht, auch unsere Mängel und
Versagen. Wer Gott als Vater und Mutter
sieht, bedarf des Herzens eines Kindes,
das sich wünscht, klein zu bleiben:
ADVANCE \D 5.60„Jesus
gefällt zu sehen, daß ich meine
Kleinheit und meine Armut liebe, meine
blinde Hoffnung auf seine
Barmherzigkeit...Das Vertrauen, und
nichts als das Vertrauen muß uns zur
Liebe führen“.
Am Anfang jeder
christlichen Berufung steht die
Initiative des Herrn. Er beruft die
Menschen, die als Antwort auf die
Einladung Gottes sich seiner Liebe
anvertrauen und sich ihm mit ihrem
ganzen Leben hingeben, indem sie ihm
alles weihen, die Gegenwart und die
Zukunft, und voll Vertrauen alles in
seine Hände übergeben. Im Leben und
Denken des Christen im dritten
Jahrtausend ist das alles von höchster
Wichtigkeit.
Kirchenlehrerin der
Erfahrung von Gottes Liebe als Dasein
für die anderen
18. Einer der
Schlüsselbegriff in unserer
technisierten und wissenschaftlichen
Welt, in der nahezu alles erst einmal
ausprobiert werden muß, ist das
Experimentieren. Davon ist auch die
christliche Spiritualität nicht
ausgenommen, denn auch im Leben als
Christ kommt es auf die Erfahrung und
das Zeugnis an, was heutzutage ganz
besonders wichtig ist. Gerade im
Hinblick auf Glaube und Frommsein
erleben wir heute eine Reaktion
gegenüber einem übertriebenen
Intellektualismus. Auch wenn dieser
Hunger nach Erfahrung oft in
Subjektivismus und einen gewissen
geistlichen Infantilismus abgleitet, so
kann er doch nicht einfach abgetan
werden, denn die geistlichen Erfahrungen
sind Quelle für die Erkenntnis und die
Vertiefung der Offenbarung Gottes.
Therese von Lisieux
ist eine Lehrmeisterin für eine echte
Erfahrung Gottes, die mit der Nachfolge
Jesu ernst macht. Sie lehrt uns, das
Wort Gottes zu einer Erfahrung werden zu
lassen und ein Gespür für
Geschwisterlichkeit zu entwickeln, wie
Christus sie uns vorgelebt hat; sie
zeigt uns, daß wir konkrete Antworten
geben müssen, die von der Liebe
motiviert sind.
19. In der Kirche wird
heute im Zusammenhang mit der
Spiritualität oft von der Gemeinschaft
aller in Christus und im Geist
gesprochen, wo wir alle unsere Gaben in
den Dienst der Gemeinschaft der
Glaubenden stellen sollen. In dieser Art
von Spiritualität stoßen wir auf viele
Spuren von Thereses Erfahrung und Lehre,
vor allem daß sie für die Kirche, den
mystischen Leib Christi, lebt. In ihr
wollte sie alle Berufungen leben, um das
Evangelium in den entlegensten Teilen
der Welt zu bezeugen und zu verkünden,
bis sie bei der Betrachtung der Kapitel
12 und 13 des ersten Briefes an die
Korinther ihre Berufung und Sendung in
der Kirche entdeckt und ausruft: „O
Jesus, meine Liebe...endlich habe ich
meine Berufung gefunden! Meine Berufung
ist die Liebe! Ja, ich habe meinen Platz
in der Kirche gefunden, und diesen
Platz, mein Gott, den hast du mir
geschenkt...Im Herzen der Kirche, meiner
Mutter, werde ich die Liebe sein...so
werde ich alles sein...So wird mein
Traum Wirklichkeit werden!!!“
20. Therese, die ganz auf
Gott hin als dem Einzigen und Absoluten
ausgerichtet lebte, stand deshalb in
einem ständigen Gespräch mit ihm, in das
sie die Nöte ihrer Brüder und Schwestern
miteinbezog. Von diesem Gespräch
ausgehend gab sie sich ihren Mitmenschen
hin und lebte ihre Berufung zum Heil der
Welt. In der Handschrift C gibt Therese
einige wertvolle Anhaltspunkte, die bei
unserem Bemühen um eine
Neuevangelisierung eine wirksame Hilfe
sein können:
„Wie ein Sturzbach, der
sich mit Ungestüm in den Ozean wirft,
alles, was ihm unterwegs begegnet, mit
sich schwemmt, so, o mein Jesus, zieht
die Seele, die in den uferlosen Ozean
deiner Liebe eintaucht, alles Kostbare
mit sich, das sie besitzt...Herr, du
weißt es, ich habe keine anderen Schätze
als die Seelen, die es dir gefallen hat,
der meinigen zu einen“.
Diese Überzeugung
Thereses, daß sich die Echtheit unserer
Liebe zu Gott im Maß unserer Liebe zu
unseren Mitmenschen zeigt, hat sich
nachhaltig in der Frömmigkeit unseres
Jahrhundert ausgewirkt, besonders in der
spirituellen Grundlegung des Auftrags
zur Verkündigung des Evangeliums. Ihre
Erfahrung und ihre Lehre haben den
Christen gezeigt, daß sich die
Nächstenliebe, konzentrischen Kreisen
gleich, zu immer weiteren Horizonten hin
öffnet nach Art einer Zentrifugalkraft,
die fest in Gottes Liebe verankert ist.
Der erste Kreis umfaßt die uns am
nächsten stehenden Menschen, der
weiteste ist die gesamte Menschheit. Das
Vertrauen auf den väterlich-mütterlichen
Gott und ihre Auslieferung an ihn sind
bei Therese die Quelle für die
Nächstenliebe und für das Apostolat, die
zum Ausdruck ihrer Liebe zu allen
Menschen werden, denen sie die gute
Nachricht vom Heil mitteilen möchte.
Therese von Lisieux
überträgt die Forderung des Evangeliums,
den Kleinsten und Ärmsten zu dienen, ins
Leben, da in ihnen Christi Antlitz
aufstrahlt (vgl. Mt 25,31-45), und Gott
sich in ihnen in besonderer Weise
offenbart (vgl. Mt 11,25-27). Bei diesem
Dienst muß man bereit sein, sein Leben
hinzugeben wie Christus, darf aber auch
mit ihm den Vater bitten, den Kelch des
Leidens und Schmerzes vorübergehen zu
lassen, jedoch immer offen und bereit
für die Erfüllung seines Willens.
PRIVATE Kirchenlehrerin
auf dem evangelischen Weg zur
Heiligkeittc \l 3 "Kirchenlehrerin auf
dem evangelischen Weg zur Heiligkeit"
21. Im Schlußteil der
Enzyklika Redemptoris missio, in
dem Johannes Paul II. die ständige
Gültigkeit des Missionsauftrages Christi
erklärt, sagt er: „Jeder Missionar ist
nur dann ein echter Missionar, wenn er
sich auf den Weg der Heiligkeit
einläßt...Die universale Berufung zur
Heiligkeit ist eng mit der universalen
Berufung zur Mission verbunden: jeder
Gläubige ist zur Heiligkeit und zur
Mission berufen...Die missionarische
Spiritualität der Kirche ist ein Weg zur
Heiligkeit“.
Therese von Lisieux hat diese Lehre in
gelebte Erfahrung übertragen und ist
deshalb zusammen mit dem großen Apostel
Franz Xaver zur Patronin der
Weltmissionen ernannt worden. In diesem
Punkt ist ihre zur Lehre gewordene
Erfahrung von großer Aktualität für die
Neuevangelisierung. Beim Eintritt in den
Karmel hat sie das Ziel vor Augen, durch
das kontemplative Leben eine Heilige zu
werden, und schreibt dazu: Gott „ließ
mich auch verstehen, daß mein Ruhm nicht
sterblichen Augen ansichtig werden
sollte, sondern daß er darin bestünde,
eine große Heilige zu werden...!!!“
Von Anfang an war sie überzeugt, daß sie
nicht deshalb in den Karmel eintrat, um
vor der Welt zu fliehen, sondern um sich
noch viel intensiver auf sie
einzulassen. Ihre geistliche Erfahrung
ist nicht Suche nach einer
Zufluchtsstätte angesichts einer
feindlichen Welt, sondern bewußte
Bereitschaft zum Martyrium.
22. „Mehr denn je ist
heute ein erneuertes Engagement für
Heiligkeit nötig...Es muß in jedem
Gläubigen eine echte Sehnsucht nach
Heiligkeit geweckt werden, ein starkes
Verlangen nach Umkehr und persönlicher
Erneuerung in einem Klima eifrigeren
Betens und solidarischer Annahme des
Mitmenschen, besonders des am meisten
Bedürftigen“.
Durch das ihr eigene Verständnis von
ihrer Berufung verbindet Therese von
Lisieux auf bewundernswerte Weise
Heiligkeit und Mission, echte
Kontemplation und Evangelisierung, die
sich von dieser in Pflicht nehmen läßt.
So vermeidet sie jede Art von Dualismus
und zeigt dafür einen sich am Evangelium
orientierenden Weg auf, der geeignet
ist, angesichts der Herausforderungen
der heutigen Zeit die frohe Botschaft zu
bezeugen und zu verkünden.
Da Therese
Heiligkeit auf die Liebe hin zuspitzt,
hilft sie, die Kluft zwischen
Kontemplation und Aktion zu überwinden,
denn die Liebe ist es, die beides
zusammenhält. Sie entschied sich für ein
kontemplatives Leben, um besser
apostolisch wirken zu können, wodurch
sie das überkommene Verhältnis zwischen
Aszetik und Mystik in Frage stellte.
Dabei setzte sie den Akzent auf die
Mystik, denn sie erfordert die täglich
neu zu leistende Anstrengung der
Selbstzurücknahme im Geist des
Evangeliums. Die im Dienst für die
Mitmenschen verwirklichte
Selbstüberwindung, wie die Annahme des
anderen, das Verständnis für ihn,
Vergebung, Hilfeleistung und
Solidarität, wird für sie deshalb
wichtiger als alle körperlichen
Bußübungen.
All das sind
bedeutsame Lektionen, die sie uns für
eine der Neuevangelisierung
entsprechende Frömmigkeit erteilt.
Kirchenlehrerin auf dem
Weg zu einer integrierten Persönlichkeit
23. Wie alle Menschen war
auch Therese den Bedingungen
menschlichen Daseins unterworfen, doch
durchlebte sie einen innerlichen
Befreiungsprozeß, der sie befähigte,
sich selbst anzunehmen, und sie so mit
allen Begrenztheiten ihrer
Lebensgeschichte zu einer integrierten
Persönlichkeit werden zu lassen.
Heute ist oft die
Rede von innerlichen Spannungen,
seelischen Verwundungen und
unterschiedlichsten Bedingungen, die
der Selbstwerdung des Menschen im Weg
stehen. Therese lernte es, ihr eigenes
begrenztes und unvollkommenes Leben
anzunehmen, das durch das familiäre,
klösterliche und gesellschaftliche
Milieu vielfach eingeschränkt war, indem
sie dieses Joch abschüttelte. So wurde
sie mit der Gnade Gottes zu einem freien
Menschen, der den treuen und
barmherzigen Gott Jesu Christi
entdeckte. Ihre Lehre aufnehmend
bedeutet das für uns, alles zu tun, um
als Menschen und Christen zu wachsen und
erwachsen zu werden.
24. Auch eine Therese vom
Kinde Jesus und vom Heiligen Antlitz
mußte kämpfen, um alle Hindernisse zu
überwinden, die ihre Selbstwerdung
behinderten. Auf ihrem Weg zur
menschlichen Reife bleibt ihr die tiefe
Verwundung, die ihr der Tod ihrer Mutter
verursacht, nicht erspart.
Die Liebe Gottes und die Freundschaft
mit ihm setzen in ihr den inneren
Schwung frei, der in der Lage ist, alle
Bedingtheiten zur Entfaltung einer
integrierten Persönlichkeit beitragen zu
lassen.
Von ihrem vierten
bis zu ihrem vierzehnten Lebensjahr
durchlebt sie diese schwere Zeit mit den
Anforderungen der Schule, die sie eher
als aggressiv erfährt, und dem Eintritt
ihrer Schwester Pauline in den Karmel,
die für sie zur zweiten Mutter geworden
war. In Folge dieser Trennung wird sie
ernstlich krank, was sich an
psychosomatischen Symptomen zeigt;
später wird sie von Skrupeln
heimgesucht.
Alle diese Leiden
verstärkten sich noch durch ihre
übergroße Empfindlichkeit: „Wenn ich
mich endlich über die Sache selbst zu
trösten begann, weinte ich darüber,
geweint zu haben“.
Sie bewegte sich wie in einem
Teufelskreis, aus dem sie nicht
ausbrechen konnte.
Um diese Zeit ist
es, daß sie allmählich auf den Weg der
Liebe zu Jesus und ihrer Hingabe an ihn
gelangt, was dann in der Weihnachtsnacht
1886 zur vollständigen Heilung von ihrer
übertriebenen Empfindlichkeit führt. Von
diesem Augenblick an befreit sie sich
von allen unbewußten Bindungen, die sie
in sich selbst verschlossen hielten, und
kann sich nun auf das Leben hin öffnen,
den Studien, den Kontakten, der Natur,
den Reisen...
25. Den Menschen unserer
Zeit, die in Familie und Gesellschaft
durch so viele negative Erfahrungen
niedergedrückt und dadurch mit Angst und
Unsicherheit angesichts der Zukunft
erfüllt werden, zeigt Therese, daß sich
die Furcht vor der alltäglichen
Unsicherheit auflöst, wenn sie sich auf
die Liebe zu Gott und den Mitmenschen
einlassen. Getragen vom Wissen, daß Gott
ein erbarmender Vater ist, der alle
seine Söhne und Töchter mit seiner Liebe
und Vorsehung begleitet, kommen sie
allmählich zum Frieden und zur Freude.
Unsere Heilige bietet einer an Angst und
Furcht erkrankten Welt die Therapie der
Liebe zu Gott und des Vertrauens auf ihn
sowie des Daseins für den Mitmenschen
und der Hingabe an ihn an. Sie hat für
sich die tiefe Wahrheit entdeckt und an
uns weitergegeben, daß Gott erbarmende
Liebe ist, die sich in ihrer ganzen
Fülle allen mitteilen möchte, die offen
sind für ihn.
Kirchenlehrerin des
Glaubens für eine Welt des Unglaubens
26. Einer der Bereiche,
in denen die Aktualität der Lehre
Thereses von Lisieux am eindeutigsten
aufstrahlt, ist der Atheismus und der
Unglaube. Bereits das Zweite
Vatikanische Konzil hat bei seiner
Beschreibung des heutigen Atheismus
darauf hingewiesen, daß dieses Wort sehr
unterschiedliche Bedeutungen hat:
„Manche leugnen Gott ausdrücklich;
andere meinen, der Mensch könne
überhaupt nichts über ihn aussagen;
wieder andere stellen die Frage nach
Gott unter solchen methodischen
Voraussetzungen, daß sie von vornherein
sinnlos zu sein scheint... Andere machen
sich ein solches Bild von Gott, daß
jenes Gebilde, das sie ablehnen,
keineswegs der Gott des Evangeliums
ist... Der Atheismus entsteht außerdem
nicht selten aus dem heftigen Protest
gegen das Übel in der Welt“.
Gott hat es
gefallen, daß Thereses geistliche
Erfahrung sie zu einer echten
Gesprächspartnerin mit der Welt des
Unglaubens von heute werden ließ, denn
inmitten einer Welt, die im Namen der
Wissenschaft und des Rationalismus die
Existenz Gottes leugnete und zum
Atheismus anleitete, erfuhr sie, was
Prüfung des Glaubens bedeutet.
27. Die Nicht-Glaubenden
von heute sind anders als die zur Zeit
Thereses. Heute sind es Agnostiker oder
Gleichgültige, die nach Anhaltspunkten
suchen, um ihrem Leben Sinn zu geben,
nachdem die Moderne und die
atheistischen und materialistischen
Ideologien gescheitert sind und in ihnen
Frustration hinterlassen haben. Sie
verspüren einen Ruf nach dem Absoluten,
das ihre existentielle Leere ausfüllen
und ihre Sehnsüchte stillen soll.
ADVANCE \D 5.60 Therese
von Lisieux ist selbst mit dem Problem
der Angst vor dem Tod konfrontiert, das
auch dem Atheismus zugrunde liegt, der
die Frage nach der Existenz Gottes und
dem Weiterleben nach dem Tod stellt.
Dabei fühlte sie sich unweigerlich in
den Abgrund dieser Ängste hineingeworfen
und machte in der Prüfung ihres Glaubens
die beängstigende Erfahrung des Nichts.
Sie erfuhr den Verlust dessen, was sie
„den Genuß des Glaubens“ oder „das
Frohsein, diesen schönen Himmel auf
Erden zu genießen“ nennt“.
Sie begibt sich in eine Welt voller
Dunkelheiten, die sie einhüllen und
niederdrücken. Es ist ihr, als hörte sie
sagen: „Du wähnst, eines Tages den
Nebeln, die dich umfangen, zu entrinnen!
Nur zu, nur zu, freu dich über den Tod,
der dir geben wird nicht, was du
erhoffst, sondern eine noch tiefere
Nacht, die Nacht des Nichts“.
28. Mitten in dieser
Situation bewahrt Therese ihren Glauben
und ihre Liebe. So verwandelt sich ihre
Erfahrung von der Nacht der Läuterung in
eine lebendige und fruchtbare
Solidarität mit denen, die im Unglauben
stecken. Vor ihrer Glaubensprüfung sagt
sie, daß sie nicht glauben konnte, daß
es Menschen gäbe, die nicht glaubten:
„Ich konnte mir nicht vorstellen, daß es
Gottlose gäbe, die keinen Glauben haben.
Ich meinte, sie sprächen gegen ihre
bessere Erkenntnis, wenn sie die
Existenz des Himmels leugneten“. Nach
ihrer leidvollen Erfahrung ist sie vom
Gegenteil überzeugt: „In den so
fröhlichen Tagen der Osterzeit ließ
Jesus mich fühlen, daß es tatsächlich
Seelen gibt, die den Glauben nicht
haben“.
Doch obwohl sie in
tiefster Dunkelheit steckt, hört die
Heilige nicht auf, Jenen zu lieben, auf
den sie vertraut. Ihr innerer Kampf
entsteht dadurch, daß sie zur gleichen
Zeit das Licht des Glaubens und die
Dunkelheiten der Ungläubigen durchlebt.
Dadurch geht ihr auf, daß Gott ihr damit
sagen möchte, ihre in Liebe
ausgehaltenen Leiden für die Ungläubigen
aufzuopfern, indem sie sich an den Tisch
der Sünder setzt und mit ihnen das Brot
der Schmerzen ißt.
Es gibt
glaubwürdige Zeugnisse von Menschen, die
durch die Lektüre der Schriften Thereses
von Lisieux zum Glauben gefunden haben.
Unzählige haben in ihnen Gottes wahres
Antlitz entdeckt und zugleich
Erleuchtung bei ihrer mühsamen Suche
inmitten der Dunkelheiten und der
Versuchung zum Unglauben. Das macht
ihrer Botschaft für die Fernstehenden,
Ungläubigen und Gleichgültigen aktuell.
Therese von Lisieux -
eine Frau als Kirchenlehrerin
29. In unserer Zeit, in
der sich allmählich eine neue
Einstellung zur Präsenz und zum Wirken
der Frau in Kirche und Gesellschaft Bahn
bricht, kommt der Erfahrung und Lehre
Thereses von Lisieux eine besondere
Bedeutung zu. Die Frau ist berufen, „ein
Zeichen für Gottes Zärtlichkeit
gegenüber dem Menschengechlecht“ zu sein
und die Menschheit mit ihrem „weiblichen
Genius“ zu bereichern. Beides hat die
junge Karmelitin in ihrem Leben
verwirklicht, wovon es in ihren
Schriften viele eindeutige Spuren gibt.
Therese vom Kinde
Jesus vermittelt ihre geistliche
Botschaft in ihrem konkreten, direkten,
unverstellten weiblichen Stil. Auch wenn
sie ein Kind ihrer Zeit ist, unterläßt
sie es doch nicht, ihre im Evangelium
verwurzelte Überzeugung von der
Gleichheit von Mann und Frau und der
Bedeutung einer wechselseitigen
Zusammenarbeit als Jünger und
Jüngerinnen Jesu auszusprechen. Das geht
besonders aus ihren Briefen an ihre
geistlichen Brüder in den Missionen
hervor, denen sie ihre menschlichen und
geistlichen Erfahrungen schreibt und
ohne zu Zögern mitteilt, wie sie in
Fragen der Theologie und des Lebens als
Christ denkt, so z. B. ihre Vorstellung
von der Gerechtigkeit Gottes, ihren Weg
der geistlichen Kindheit, das Vertrauen
auf Gottes Barmherzigkeit.
30. Ähnlich wie bei
Teresa von Jesus mündet auch ihr
Feminismus in einen verstärkten Einsatz
für das Evangelium, jenseits aller
Vorurteile, die die Frau in ihrer Zeit
an den Rand drängten. Wie es um die
Rolle der Frau in Gesellschaft und
Kirche bestellt war, erlebte Therese am
Ende des 19. Jahrhunderts. In der
Handschrift A erzählt sie klar und
humorvoll, was sie bei ihrer Romreise
vor dem Eintritt in den Karmel erlebte:
„Ich kann noch immer
nicht verstehen, warum die Frauen in
Italien so leicht exkommuniziert werden.
Jeden Augenblick sagte man uns: ‘Hier
dürfen Sie nicht hinein..., dort dürfen
Sie nicht hinein, sonst sind Sie
exkommuniziert!...’ O! die armen Frauen,
wie sind sie doch verachtet!... Und doch
lieben sie den Lieben Gott in viel
größerer Zahl als die Männer, und
während der Passion unseres Herrn
zeigten die Frauen mehr Mut als die
Apostel, da sie den Beleidigungen der
Soldaten trotzten und es wagten, das
anbetungswürdige Antlitz Jesu
abzuwischen...“
Ihre Rolle als
Frau, über die sie ungekünstelt und
offen als ein freier Mensch berichtet,
bringt sie auf folgenden, dem Evangelium
entlehnten Gedanken: Diese Verdrängung
an den Rand, die sie als Frau erlebt,
macht sie der Verachtung ähnlicher, der
Jesus bei seiner Passion ausgesetzt war,
wo die Frauen den Mut hatten, ihm das
Antlitz abzuwischen. „Das ist sicher der
Grund, warum er es zuläßt, daß ihr Teil
auf Erden das Verachtetwerden ist, das
er ja auch für sich gewählt hat... Im
Himmel wird er deutlich zeigen, daß
seine Gedanken nicht die der Menschen
sind, denn dann werden die letzten
die ersten sein...“
Jesus hat dementsprechend gehandelt und
sie zu den ersten Zeugen seiner
Auferstehung gemacht.
31. Die Frau, die sich in
Gesellschaft und Kirche Räume zu
größerer Mitwirkung eröffnet hat, findet
in Therese von Lisieux sicherlich einen
Anreiz, um, wie Johannes Paul II.
behauptet, „eine Kultur der Gleichheit
zwischen Mann und Frau“ zu leben.
Andererseits hat sie, wie es Hans Urs
von Balthasar bei der Feier des 100.
Geburtstages Thereses forderte, mit
ihrer Botschaft den Bereich der
theologischen Forschung für die Frau
geöffnet: „Die Theologie der Frauen ist
vom Stand der Theologen noch niemals
ernst genommen noch integriert worden.
Und doch müßte man nach der Botschaft
von Lisieux bei der derzeitigen
Neugestaltung der Dogmatik endlich auch
daran denken“.
Das entspricht auch
dem, was das nachsynodale Schreiben
Vita consecrata als neue
Perspektiven für die Frau in der Kirche
aufzeigt, wenn es heißt: „Auch auf dem
Gebiet der theologischen, kulturellen
und spirituellen Reflexion darf man sich
vom Genius der Frau viel erwarten, nicht
nur in bezug auf die besondere Eigenart
des geweihten Lebens, sondern auch was
das Verständnis des Glaubens in allen
seinen Ausdrucksformen betrifft“.
SCHLUSS
32. Gott hat uns durch
diese unsere Schwester, die so viele
Festlegungen menschlicher Logik
durchbricht, von neuem überrascht, um zu
unterstreichen, daß er in seinen
Initiativen ganz frei ist, und auswählt
wen er will und wann er will, um seine
Werke durchzuführen und die Größe seiner
Macht und seines Wirkens in dem zu
offenbaren, der sich zur Erfüllung
seines Willens vertrauensvoll seiner
erbarmenden Liebe öffnet.
Mit der Ernennung
unserer Schwester Therese von Lisieux
zur Kirchenlehrerin bestätigt der Herr,
was bereits das Alte Testament
behauptete und was im Neuen Testament zu
seiner Fülle gekommen ist, daß nämlich
Gott sich den einfachen Menschen
mitteilt, ihnen seine Weisheit verleiht
und die Geheimnisse seines Lebens und
seines Wirkens in der Geschichte
offenbart. So behauptet das Buch der
Weisheit schon fast am Vorabend der
Ankunft Jesu: „Ehrenvolles Alter besteht
nicht in einem langen Leben und wird
nicht an der Zahl der Jahre gemessen.
Mehr als graues Haar bedeutet für die
Menschen die Klugheit, und mehr als
Greisenalter wiegt ein Leben ohne Tadel.
Er gefiel Gott und wurde von ihm
geliebt...Früh vollendet, hat der
Gerechte doch ein volles Leben gehabt“ (Weish
4,8-10.13). Im Evangelium nach Lukas
preist Jesus voll der Freude im Hl.
Geist die Logik Gottes, die so anders
ist als unsere: „Ich preise dich, Vater,
Herr des Himmels und der Erde, weil du
all das den Weisen und Klugen verborgen,
den Unmündigen aber offenbart hast. Ja,
Vater, so hat es dir gefallen“ (Lk
10,21f).
33. Der Herr, der Vater
der Gestirne, von dem jede gute Gabe und
jedes vollkommene Geschenk kommt (vgl.
Jak 1,17), hat dem Karmel durch die
Ernennung Thereses von Lisieux ein neues
Geschenk gemacht. Es ist eine
unverdiente Gabe, die eine Antwort der
Liebe und der hochherzigen Hingabe an
unsere Berufung und unsere Sendung in
der Kirche und der Welt erfordert.
Unsere Schwester Therese von Lisieux
erwirke uns vom Herrn die Gnade, bei der
Bezeugung und der Verkündigung der Guten
Nachricht an unsere Schwestern und
Brüder im dritten Jahrtausend seine
Mitarbeiter zu sein, in Treue in der
Nachfolge Jesu und in Gemeinschaft mit
Maria, die als erste die Frohe Botschaft
empfing und ihre Entdeckung, daß Gott
sich den Armen, Kleinen und Unmündigen
unverdient schenkt, voll Freude
verkündet hat.
Rom, den 1. Oktober 1997
fr. Camilo Maccise O.C.D.
-
fr.
Joseph Chalmers O.Carm.
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