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Curia Generalizia dei Carmelitani Scalzi - Corso d'Italia, 38 - 00198 ROMA - Italia
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EINE KIRCHENLEHRERINPRIVATE FÜR DAS DRITTE JAHRTAUSEND

Rundschreiben der Generaloberen O.C.D. und O.Carm.
anläßlich der Ernennung der hl. Therese von Lisieux zur Kirchenlehrerin
 

 

 

 

 

 

 

am 19. Oktober 1997 in Rom 

 

Liebe Schwestern und Brüder im Karmel!

 

1. Vor etwas mehr als einem Jahr luden wir Euch anläßlich des 100. Todestages unserer hl. Schwester Therese vom Kinde Jesus und vom Heiligen Antlitz zur Reflexion über ihre Botschaft ein. Wir dachten damals nicht daran, daß wir in kurzer Zeit schon wieder einen Rundbrief schreiben würden. Diesmal möchten wir mit Euch darüber nachdenken, was der Titel eines Kirchenlehrers bedeutet, den Papst Johannes Paul II., wie er beim Weltjugendtag in Paris angekündigt hat, am kommenden Weltmissionssonntag, dem 19. Oktober 1997, Therese in Rom verleihen möchte.

 

2. Am Vormittag des 24. August beschrieb der Papst bei der Schlußkundgebung des Weltjugendtags die Persönlichkeit und die Lehre unserer Schwester und nannte dabei die Gründe, die ihn bewegen, sie nach einem „aufmerksamen Studium“ und angesichts vieler Bittgesuche zur Kirchenlehrerin zu ernennen. Dabei bezeichnete er Therese als junge Karmelitin, die in ihrem Leben von Gottes Liebe erfüllt war und sich radikal seiner Liebe darbot und es verstand, in der Einfachheit des Alltags die Nächstenliebe zu üben. Sie folgte Jesus nach, indem sie sich an den Tisch der Sünder, ihrer Brüder, setzte, damit diese durch die Liebe geläutert würden, denn sie war vom heißen Wunsch erfüllt, daß alle Menschen vom Licht des Glaubens erleuchtet würden. Sie hat entdeckt, fuhr der Papst fort, daß es ihre Berufung war, im Herzen der Kirche die Liebe zu sein, und zeigte ihren „kleinen Weg“ der Kinder auf, die sich mit kühnem Vertrauen bei Gott bergen. Herzstück ihrer Botschaft ist ihre Haltung des Kindseins, das sie allen Gläubigen vorlebt. „Ihre Lehren, eine wahre Wissenschaft der Liebe“, sind der strah­lende Ausdruck ihrer Kenntnis des Mysteriums Christi und ihrer persönlichen Erfahrung von Gnade. Sie hilft den Menschen von heute und ebenso wird sie den zukünftigen Generationen helfen, Gottes Geschenke besser wahrzunehmen und die Frohe Botschaft von seiner unermeßlichen Liebe zu verbreiten.

 

3. Der Papst nannte sie „Karmelitin und Apostolin, Lehrmeisterin geistlicher Weisheit für zahllose Ordens- und Weltchristen, Patronin der Missionen“. Er betonte, daß „sie einen erstrangigen Platz in der Kirche innehat und daß ihre herausragende Lehre sich als überaus fruchtbar erwiesen hat“. Er schloß ab mit der Feststellung, daß er die Ankündigung der Ernennung Thereses zur Kirchenlehrerin vor den Jugendlichen der Welt vornehmen wollte, weil sie als in unserer Zeit so sehr gegenwärtige junge Heilige eine Botschaft bereit hält, die besonders für die Jugendlichen geeignet ist. In der Schule des Evangeliums eröffnet sie den jungen Menschen den Weg, mündige Christen zu wereden; „sie ruft sie zu grenzenloser Einsatzbereitschaft auf und lädt sie ein, im Herzen der Kirche Apostel und eifrige Zeugen der Liebe Christi zu sein“. Zusammen mit den Jugendlichen rief der Papst Therese an, daß sie die Männer und Frauen dieser Zeit auf dem Weg der Wahrheit und des Lebens begleiten möge, und beendete seine Predigt mit folgenden Worten: „Mit Therese vom Kinde Jesus wenden wir uns der Jungfrau Maria zu, mit der sie ihr ganzes Leben lang in kindlichem Vertrauen durch Lobpreis und Gebet verbunden war“.

 

.EIN LANGER WEG BIS ZUR ERNENNUNG ZUR KIRCHENLEHRERIN

 

 Die ersten Schritte

 

4. Bereits zum Zeitpunkt der Heiligsprechung Thereses fehlte es nicht an Bischöfen, Predigern, Theologen und Gläubigen aus verschiedenen Ländern, die um die Ernennung unserer Schwester zur Kirchenlehrerin baten. Diese Stimmen zugunsten Thereses als Kirchenlehrerin erhielten offiziellen Charakter, als 1932 die Krypta der Basilika in Lisieux eingeweiht wurde; dies geschah im Rahmen eines Kongresses, an dem fünf Kardinäle, 50 Bischöfe und eine große Menge von Gläubigen teilnahmen. Am 30. Juni sprach P. Gustave Desbuquois SJ von Therese von Lisieux als Kirchenlehrerin und begründete seine Meinung mit stichhaltigen theologischen Argumenten. Dieser uner­war­tete Vorschlag fand bei vielen Teilnehmern, darunter auch Bischöfen und Theologen, Zustimmung, was weitgehende Folgen haben sollte. Der Bischof von Trois Rivières in Kanada, Clouthier, schrieb an alle Bischöfe der Welt, um ein Bittgesuch an den Hl. Stuhl vorzubereiten. 1933 hatte er bereits 342 zustimmende Antworten erhalten, die das Vorhaben unter­stützten, Therese zur Kirchenlehrerin zu ernennen.

 

Frausein als Stolperstein

 

5. Die Ausführungen von P. Desbuquois wurden zusammen mit einem Brief von Mutter M. Agnes von Jesus, der Schwester unserer Heiligen und Priorin des Karmel von Lisieux, Pius XI. vorgelegt. In ihrem Schreiben berichtete sie dem Papst vom großen Erfolg des Kongresses von Lisieux. Am 31. August 1932 antwortete der damalige Kardinalstaatssekretär Pacelli im Namen des Papstes der Priorin des Karmel, indem er seine Freude über die positiven Ergebnisses des Kongresses zum Ausdruck brachte, aber hinzufügte, daß es besser sei, vom Titel eines Kirchenlehrers für Therese nicht weiter zu reden, wiewohl „ihre Lehre deshalb nicht aufhört, eine sichere Leuchte für die Seelen zu sein, die den Geist des Evangeliums kennenlernen wollen“.

 Die Zeit war noch nicht reif, um eine Frau zur Kirchen­lehrerin zu ernennen, denn bereits einige Zeit zuvor hatte Pius XI. die Karmeliten mit einer negativen Antwort beschieden, als sie ihn darum baten, die hl. Teresa von Jesus, die seit alters „Mater spiritualium“ genannt wurde, zur Kirchenlehrerin zu ernennen. Der einzige Grund war, weil sie eine Frau ist. „Obstat sexus“ (das Geschlecht steht im Weg), hat der Papst geantwortet und hinzugefügt, daß er die Entscheidung seinem Nachfolger überlasse. Angesichts dieser negativen Haltung des Vatikans und seiner Anordnung sammelte man keine weiteren Unterschriften mehr zugunsten des Kirchenlehrertitels für Therese von Lisieux.

 

Die Zeiten ändern sich

 

6. Die Ernennung Teresas von Jesus und Katharinas von Siena zu Kirchenlehrerinnen im Jahre 1970 hat das Hindernis, daß eine Frau zur Kirchenlehrerin ernannt werden kann, endgültig aus dem Weg geräumt So tauchte schon bald wieder der Gedanke auf, auch unserer Schwester Therese von Lisieux diesen Titel zu verleihen.

 Als man 1973 ihren 100. Geburtstag feierte, warf Erzbischof Garonne von neuem die Frage auf: „Könnte die hl. Therese von Lisieux eines Tages Kirchenlehrerin werden? Ich beantworte diese Frage ohne Zögern mit Ja, ermutigt durch das, was mit der großen Teresa und mit Katharina von Siena geschehen ist“. In der Folgezeit sprachen die Karmeliten das Thema immer wieder an. 1981 richtete Kardinal Roger Etchegaray auf Bitten des Teresianischen Karmel und nach Rückspache mit dem Ständigen Rat der französischen Bischofskonferenz eine offizielle Bittschrift an Papst Johannes Paul II., um die Ernennung Thereses von Lisieux zur Kirchenlehrerin zu erbitten. Aus verschiedenen Anlässen schrieben die Generalpostulation des Ordens und der Bischof von Lisieux, Pierre Pican, ebenfalls derartige Bittschriften, ebenso das Generalkapitel des Teresianischen Karmel 1991 und der Stammorden des Karmel im Jahre 1995. Im gleichen Sinn sprachen sich mehr als 30 Bischofskonferenzen und Tausende von Priestern, Ordensleuten und Laien aus 107 Ländern aus.

 

Studium und Approbation der Positio

 

7. In den ersten Monaten des Jahres 1997 wurde der Teresianische Karmel offiziell um die Erarbeitung der  „Positio“ ersucht, das ist die Sammlung der notwendigen Zeugnisse, die beweisen sollen, daß eine Person die für die Ernennung zum Kirchenlehrer notwendigen Bedingungen erfüllt. Da die Zeit drängte, wurde die Arbeit auf mehrere verteilt, und bereits Anfang Mai hatte man einen umfangreichen Band von 965 Seiten mit vier Teilen und 13 Kapiteln erarbeitet, in dem die herausragende Lehre, der Einfluß und die Aktualität der Botschaft Thereses dargestellt wurde. Am Anfang steht ein kurzer historischer Überblick über den Prozeß der Selig- und Heiligsprechung (1. Kapitel) und der Ernennung zur Kirchenlehrerin (2. Kapitel). Es folgen eine geraffte Biographie Thereses (3. Kapitel), eine Darstellung ihrer Persönlichkeit (4. Kapitel), eine Chronologie (5. Kapitel) und Präsentation ihrer Schriften (6. Kapitel), ein summarischer Überblick über die Lehre Thereses (7. Kapitel), eine Synthese ihrer Theologie (8. Kapitel) und eine Studie der Quellen ihrer Lehren (9. Kapitel). Der Einfluß und die Aktualität Thereses werden von drei Perspektiven aus dargestellt: Aufnahme und Präsentation ihrer Lehre von Seiten des kirchlichen Lehramtes (10. Kapitel), Auswirkung und Einflüsse (11. Kapitel) und Aktualität ihrer Lehre für die Kirche und die Welt von heute (12. Kapitel). Schließlich wird die „herausragende“ Lehre der hl. Therese vom Kinde Jesus und vom hl. Antlitz hervorgehoben (13. Kapitel). Im Schlußteil der Positio folgen die Bittschreiben von Bischofskonferenzen und Persönlichkeiten aus Kirche und Welt, ein 130 Seiten umfassendes Literaturverzeichnis, die Voten der fünf von der Glaubenskongregation und der zwei von der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungen bestellten Theologen, und schließlich ein ikonographischer Anhang, der Therese als Lehrmeisterin und Kirchenlehrerin ausweist.

 Nach dem Studium der Positio gaben die Kongregationen für den Glauben und die Selig- und Heiligsprechungen, sowie das Konsistorium der Kardinäle ihre Zustimmung zur Ernennung unserer Schwester zur Kirchenlehrerin. Papst Johannes Paul II. traf die Entscheidung, diese Ernennung vorzunehmen, wie wir bereits sagten, und teilte sie bei der Schlußkundgebung des Weltjugendtags in Paris der gesamten Kirche mit.

 

 

 

II.THERESE VON LISIEUX - KIRCHENLEHRERIN FÜR DAS DRITTE JAHRTAUSEND

 

8. Vom dritten Jahrtausend zu sprechen, bedeutet vor allem, von der Zeit und vom Walten Gottes zu sprechen, denn in der Geschichte waltet und offenbart sich Gott. Schon Teresa von Jesus sagte uns, daß „jede Zeit geeignet ist, daß Gott große Gnaden gewährt“ (Gründungen 4,5). Wenn wir uns nun anschicken, zweitausend Jahre Christentum zu feiern, „will man gewiß nicht einem neuen Chiliasmus frönen, wie es am Ende des ersten Jahrtausends mitunter geschah; man will jedoch eine besondere Sensibilität für alles wecken, was der Geist der Kirche und den Kirchen (vgl. Offb 2,7ff) wie auch den einzelnen Menschen durch die Gnadengaben zum Dienst an der ganzen Gemeinschaft sagt...Trotz des äußeren Anscheins wartet die Menschheit weiter auf die Offenbarung der Kinder Gottes und lebt von dieser Hoffnung...“.[1] Gott spricht uns heute an, so wie gestern und zu allen Zeiten, um unser individuelles und gemeinschaftliches Leben zu einer in Freiheit und Verantwortung gegebenen Antwort zu machen.

 

9. Im Hinblick auf die Feier des großen Jubeljahres 2000 hat Gott in der Kirche das Bewußtsein für die Notwendigkeit einer Neuevangelisierung geweckt, um auf diese besondere Zeit der Gnade zu antworten und den Glauben, die Hoffnung und die Liebe dadurch zu erneuern, daß sie auf Jesus, den einzigen Retter und die Mitte der Geschichte, ausgerichtet werden. Er offenbart uns Gottes wahres Antlitz und enthüllt uns die Gegenwart und das Wirken des Geistes in den Menschen und in der Welt.

 Ort für dieses Heilswirken Gottes und die Wahrnehmung von Verantwortung von Seiten der Menschen ist die Geschichte. Daher „hebt die Kirche die Bedeutung der Geschichte als Ort hervor, an dem sich Gott offenbart...Doch muß auch gesagt werden, daß die Kirche die Zeit, die Freiheit und die Geschichte als den Ort versteht, wo der Mensch seine Existenz als Mensch gestaltet - zwei Orte, die nicht getrennt nebeneinander herlaufen, sondern in einem Dialog miteinander stehen, der von Gott her initiert wurde und unverdienbar, von Seiten des Menschen auf Transzendenz hin offen ist“.[2]

 Die Stunde einer Neu-Evangelisierung ist auch die Stunde der großen Herausforderungen und Anfragen an die Welt, zwei Dinge, die nicht voneinander zu trennen sind. Es gibt Herausforderungen, die im Gegensatz zum Evangelium Jesu, und andere, die in Übereinstimmung mit ihm stehen; das Evangelium jedenfalls ist der Kirche anvertraut, damit sie ihren Auftrag der Verkündigung in der Geschichte ausführt. Aber auch die Herausforderungen verlangen von uns höchste Aufmerksamkeit im Licht des Evangeliums. Wir stellen das hier nur fest, konzentrieren uns in den folgenden Ausführungen aber vor allem auf die Herausforderungen, die sich für uns von der Evangelisierung her stellen.

 

 

A. Ansprüche an die Neuevangelisierung

 

10. Wenn wir hier von der Verkündigung des Evangeliums sprechen, so erfordert das von uns, daß wir uns auf einige von der Enzyklika Redemptoris Missio gewiesene Wege begeben: Das persönliche Zeugnis, die Verkündigung, die Gemeinschaft, der Dienst. [3] Diese Wege wollen wir uns vor Augen halten, damit wir die Grundlage und die Aktualität der Botschaft der Kirchenlehrerin Therese von Lisieux verstehen.

 

Das persönliche Zeugnis

 

11. Das Evangelium zu verkünden, bedeutet nicht, eine Lehre, sondern eine zu Leben gewordene Erfahrung weiterzugeben, und genau diese Erfahrung ist es, die mitgeteilt wird: „...Was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut haben..., das verkünden wir euch, damit ihr Gemeinschaft mit uns habt“ (1 Joh 1,1-3). Wer zur Zeugenschaft berufen ist, für den stellt sich die Welt an der Schwelle zum dritten Jahrtausend als eine Welt des Unglaubens und der Ungerechtigkeit dar. Als Christen sind wir aufgerufen, „jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt“ (1 Petr 3,15). Die Frage ist, wie diese Hoffnung und dieses persönliche Zeugnis verständlich gemacht werden können, und das führt den gläubigen Menschen zur Überprüfung seines persönlichen Lebens und seiner Einstellung zur Kirche, denn „der Mensch unserer Zeit glaubt mehr den Zeugen als den Lehrern, mehr der Erfahrung als der Lehre, mehr dem Leben und den Taten als den Theorien“.[4] Jenes evangelische Zeugnis aber, für das die Welt von heute noch die meiste Sensibilität zeigt, ist „jenes der Aufmerksamkeit für die Menschen und der Liebe zu den Armen und den Kleinen, zu den Leidenden“,[5] und ebenso des Einsatzes für den Frieden, die Gerechtigkeit und die Menschenrechte.[6]

 

Die Verkündigung

 

12. Zusammen mit dem persönlichen Zeugnis erfüllt der Christ seinen Evangelisierungsauftrag durch die Verkündigung der Frohen Botschaft von der Erlösung, daß nämlich Christus gestorben und auferstanden ist, uns zu Söhnen und Töchtern Gottes gemacht und aus der Knechtschaft des Bösen, der Sünde und des Todes befreit hat. Das, was zu verkündigen ist, ist die Liebe Gottes, unseres Vaters, der uns zur Gemeinschaft mit sich ruft. Empfänger dieser Verkündigung sind zwar alle Menschen, doch gibt es in unserer Zeit Bereiche, die eine besondere Aufmerksamkeit verlangen, wie die großen Städte, die den Individualismus, die Anonymität, die kulturelle Entwurzelung, den Pluralismus und die Indifferenz fördern, oder auch die jungen Menschen, die der Evangelisierung besonders bedürfen, denn sie sind die Zukunft der Welt. In gleicher Weise muß die Frohe Botschaft der großen Zahl von nicht praktizierenden Menschen zur Kenntnis gebracht werden, ebenso wie auch denen, die sie noch nicht vernommen haben und Jesus Christus noch nicht kennen. Die Erst-Verkündigung ist also nach wie vor aktuell und dringlich.

 

Die Gemeinschaft

 

13. „Gott hat es gefallen, die Menschen nicht einzeln, unabhängig von aller wechselseitigen Verbindung, zu heiligen und zu retten, sondern sie zu einem Volk zu machen, das ihn in Wahrheit anerkennen und ihm in Heiligkeit dienen soll“.[7] Mit diesen Worten hat das Zweite Vatikanische Konzil klar und deutlich gesagt, daß der Glaube in Gemeinschaft gelebt wird, und daß die Frucht der Evangelisierung und des Wirkens des Geistes die Schaffung von geschwisterlichen Gemeinschaften ist, die das neue Volk Gottes bilden. So ist die Gemeinschaft der Ort, wo sich die Ankunft Christi ereignet. „In ihr wissen wir, daß wir aus dem Tod in das Leben hinübergegangen sind“ (vgl. 1 Joh 3,14), „und von ihr geht eine große apostolische Kraft aus“.[8] Gemeinschaft entsteht durch den Glauben und die Sakramente des Glaubens, die durch einen aktiven und solidarischen Ökumenismus zu einer allen Menschen, insbesondere aber den an Christus Glaubenden offen stehenden „koinonía“ führen. Gemeinschaft aber erfordert den ehrlichen und geschwisterlichen Dialog.

 

Der Dienst

 

14. Der Glaube muß sich in Werken ausdrücken, denn in Christus hat nur „der Glaube Wert, der in der Liebe wirksam ist“ (Gal 5,6). Der Dienst für Gott und die Mitmenschen ist der beste Beweis für die Liebe. Christliche Diakonie ist nichts anderes als Nachfolge Jesu, der „gekommen ist, nicht um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen“ (Mt 20,28), und der unter uns weilte „als einer, der dient“ (Lk 22,27). Von Anfang an gab es im Christentum besonders Privilegierte, denen der Dienst der Gläubigen galt, nämlich die Armen, die Randgruppen, die Leidenden. Deshalb zögert der Papst im Blick auf das große Jubeljahr 2000 in seinem Apostolischen Schreiben Tertio Millenio Adveniente nicht zu behaupten: „Ja, man muß sagen, daß in einer Welt wie der unseren, die von so vielen Konflikten und unerträglichen sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheiten gezeichnet ist, der Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden ein tauglicher Gesichtspunkt der Vorbereitung und Feier des Jubeljahres ist“.[9]

 

 

B.Therese von Lisieux - Kirchenlehrerin für das dritte Jahrtausend

 

15. Am Anfang unserer weiterer Überlegungen müssen wir auf die Verbindung zur Tradition oder zum geistlichen Erbe hinweisen, von dem sich Thereses Lehre und Erfahrung nährt. Der Karmel - jene „Wüste“, in die sie mit ihrer Schwester Pauline gehen wollte - ist das Land, in das sie seit ihrer Kindheit ihre Wurzeln gesenkt hat. Aufgrund der ihr eigenen Frühreife, die typisch ist für ihren „Weg eines Riesen“, „lebt“ sie die Spiritualität des Karmel zeitlich gesehen viel früher als sie sie bei Teresa von Avila und besonders bei Johannes vom Kreuz niedergeschrieben vorfindet. Die tiefreichende Übereinstimmung ihrer persönlichen Berufung mit der des Karmel ist nicht allein mit der Lektüre seiner Heiligen zu erklären, sondern ist Frucht des Geistes, der sie mit ihrer Berufung zum Karmel zu deren Tochter macht und ihr hilft, eine vergleichbare und klar umrissene geistliche Erfahrung zu leben, die dann im Kontakt mit der Erfahrung und der Lehre der hl. Teresa von Avila und des hl. Johannes vom Kreuz Bestätigung und Bereicherung erhält.

 

16. Wenn wir die geistliche Erfahrung Thereses von Lisieux gut bedenken und uns in ihre Lehren vertiefen, dann können wir leicht verstehen, welcher Aspekt ihrer Lehre und Erfahrung es vor allem ist, der sie für den Evangelisierungsauftrag im dritten Jahrtausend als Lehrmeisterin und Kirchenlehrerin prädestiniert: Es ist die Liebe eines väterlich-mütterlichen Gottes.

 Unter der Führung des Hl. Geistes gelang es ihr, die Offenbarung der erbarmenden Liebe Gottes als die Zusammenfassung des ganzen Evangeliums zu verstehen. Gott ist Liebe, die sich den Armen und Schlichten offenbart. Gott, der die Liebe ist, lädt uns ein, in Gemeinschaft mit ihm und den Mitmenschen zu leben und nach Jesu Vorbild unseren Schwestern und Brüdern zu dienen, um so die Frohe Botschaft zu bezeugen und zu verkünden.

 

ADVANCE \D 5.60PRIVATE Kirchenlehrerin der Erfahrung eines nahen und erbarmenden Gottestc  \l 3 "Kirchenlehrerin der Erfahrung eines nahen und erbarmenden Gottes"

 

17. Die Wiederentdeckung des väterlich-mütterlichen Antlitzes Gottes ist der Ausgangspunkt für den neuen Weg der Heiligkeit gewesen, den unsere Schwester vor allem seit dem Jahre 1894 gegangen ist, als sie ihre Schwachheit besonders zu verspüren bekam. Jesus zeigte ihr, wie sie selbst sagt, daß dieser Weg darin besteht, sich voll Vertrauen wie ein in den Armen seines Vaters sorglos schlafendes Kind auszuliefern:

ADVANCE \D 5.60„‘Wenn einer ganz klein ist, so komme er zu mir’, hat der Heilige Geist durch den Mund Salomons gesagt, und derselbe Geist der Liebe hat ferner gesagt: ‘Barmherzigkeit wird den Kleinen gewährt’. In  seinem Namen verkündet uns der Prophet Jesaja, daß am letzten Tage ‘der Herr seine Herde auf die Weideplätze führen, daß er die kleinen Lämmer versammeln und an seinen Busen drücken wird’...Jesus fordert keine großen Taten, sondern nur Hingabe und Dankbarkeit“.[10]

ADVANCE \D 5.60 Diese Erfahrung Thereses von Lisieux zeigt uns einen Gott, der Vater und Mutter zugleich ist, und Gerechte und Sünder liebt (vgl. Lk 6,35); der weiß, was wir brauchen, noch bevor wir ihn darum bitten; der uns verzeiht und uns bittet zu verzeihen; der uns bei sich birgt und schützt (vgl. Mt 6,8-9.14-15.26). Hier vollzieht sich der Übergang von der Furcht zum Vertrauen, so daß wir vor Gott wie Söhne und Töchter vor ihrem Vater und ihrer Mutter stehen. Dieser Gott fügt alles so, daß es zu unserem Heil gereicht, auch unsere Mängel und Versagen. Wer Gott als Vater und Mutter sieht, bedarf des Herzens eines Kindes, das sich wünscht, klein zu bleiben:

ADVANCE \D 5.60„Jesus gefällt zu sehen, daß ich meine Kleinheit und meine Armut liebe, meine blinde Hoffnung auf seine Barmherzigkeit...Das Vertrauen, und nichts als das Vertrauen muß uns zur Liebe führen“.[11]

Am Anfang jeder christlichen Berufung steht die Initiative des Herrn. Er beruft die Menschen, die als Antwort auf die Einladung Gottes sich seiner Liebe anvertrauen und sich ihm mit ihrem ganzen Leben hingeben, indem sie ihm alles weihen, die Gegenwart und die Zukunft, und voll Vertrauen alles in seine Hände übergeben. Im Leben und Denken des Christen im dritten Jahrtausend ist das alles von höchster Wichtigkeit.

 

Kirchenlehrerin der Erfahrung von Gottes Liebe als Dasein für die anderen

 

18. Einer der Schlüsselbegriff in unserer technisierten und wissenschaftlichen Welt, in der nahezu alles erst einmal ausprobiert werden muß, ist das Experimentieren. Davon ist auch die christliche Spiritualität nicht ausgenommen, denn auch im Leben als Christ kommt es auf die Erfahrung und das Zeugnis an, was heutzutage ganz besonders wichtig ist. Gerade im Hinblick auf Glaube und Frommsein erleben wir heute eine Reaktion gegenüber einem übertriebenen Intellektualismus. Auch wenn dieser Hunger nach Erfahrung oft in Subjekti­vismus und einen gewissen geistlichen Infantilismus abgleitet, so kann er doch nicht einfach abgetan werden, denn die geistlichen Erfahrungen sind Quelle für die Erkenntnis und die Vertiefung der Offenbarung Gottes.

 Therese von Lisieux ist eine Lehrmeisterin für eine echte Erfahrung Gottes, die mit der Nachfolge Jesu ernst macht. Sie lehrt uns, das Wort Gottes zu einer Erfahrung werden zu lassen und ein Gespür für Geschwisterlichkeit zu entwickeln, wie Christus sie uns vorgelebt hat; sie zeigt uns, daß wir konkrete Antworten geben müssen, die von der Liebe motiviert sind.

 

19. In der Kirche wird heute im Zusammenhang mit der Spiritualität oft von der Gemeinschaft aller in Christus und im Geist gesprochen, wo wir alle unsere Gaben in den Dienst der Gemeinschaft der Glaubenden stellen sollen. In dieser Art von Spiritualität stoßen wir auf viele Spuren von Thereses Erfahrung und Lehre, vor allem daß sie für die Kirche, den mystischen Leib Christi, lebt. In ihr wollte sie alle Berufungen leben, um das Evangelium in den entlegensten Teilen der Welt zu bezeugen und zu verkünden, bis sie bei der Betrachtung der Kapitel 12 und 13 des ersten Briefes an die Korinther ihre Berufung und Sendung in der Kirche entdeckt und ausruft: „O Jesus, meine Liebe...endlich habe ich meine Berufung gefunden! Meine Berufung ist die Liebe! Ja, ich habe meinen Platz in der Kirche gefunden, und diesen Platz, mein Gott, den hast du mir geschenkt...Im Herzen der Kirche, meiner Mutter, werde ich die Liebe sein...so werde ich alles sein...So wird mein Traum Wirklichkeit werden!!!“[12]

 

20. Therese, die ganz auf Gott hin als dem Einzigen und Absoluten ausgerichtet lebte, stand deshalb in einem ständigen Gespräch mit ihm, in das sie die Nöte ihrer Brüder und Schwestern miteinbezog. Von diesem Gespräch ausgehend gab sie sich ihren Mitmenschen hin und lebte ihre Berufung zum Heil der Welt. In der Handschrift C gibt Therese einige wertvolle Anhaltspunkte, die bei unserem Bemühen um eine Neuevangelisierung eine wirksame Hilfe sein können:

„Wie ein Sturzbach, der sich mit Ungestüm in den Ozean wirft, alles, was ihm unterwegs begegnet, mit sich schwemmt, so, o mein Jesus, zieht die Seele, die in den uferlosen Ozean deiner Liebe eintaucht, alles Kostbare mit sich, das sie besitzt...Herr, du weißt es, ich habe keine anderen Schätze als die Seelen, die es dir gefallen hat, der meinigen zu einen“.[13]

Diese Überzeugung Thereses, daß sich die Echtheit unserer Liebe zu Gott im Maß unserer Liebe zu unseren Mitmenschen zeigt, hat sich nachhaltig in der Frömmigkeit unseres Jahrhundert ausgewirkt, besonders in der spirituellen Grundlegung des Auftrags zur Verkündigung des Evangeliums. Ihre Erfahrung und ihre Lehre haben den Christen gezeigt, daß sich die Nächstenliebe, konzentrischen Kreisen gleich, zu immer weiteren Horizonten hin öffnet nach Art einer Zentrifugalkraft, die fest in Gottes Liebe verankert ist. Der erste Kreis umfaßt die uns am nächsten stehenden Menschen, der weiteste ist die gesamte Menschheit. Das Vertrauen auf den väterlich-mütterlichen Gott und ihre Auslieferung an ihn sind bei Therese die Quelle für die Nächstenliebe und für das Apostolat, die zum Ausdruck ihrer Liebe zu allen Menschen werden, denen sie die gute Nachricht vom Heil mitteilen möchte.

 Therese von Lisieux überträgt die Forderung des Evangeliums, den Kleinsten und Ärmsten zu dienen, ins Leben, da in ihnen Christi Antlitz aufstrahlt (vgl. Mt 25,31-45), und Gott sich in ihnen in besonderer Weise offenbart (vgl. Mt 11,25-27). Bei diesem Dienst muß man bereit sein, sein Leben hinzugeben wie Christus, darf aber auch mit ihm den Vater bitten, den Kelch des Leidens und Schmerzes vorübergehen zu lassen, jedoch immer offen und bereit für die Erfüllung seines Willens.

 

PRIVATE Kirchenlehrerin auf dem evangelischen Weg zur Heiligkeittc  \l 3 "Kirchenlehrerin auf dem evangelischen Weg zur Heiligkeit"

 

21. Im Schlußteil der Enzyklika Redemptoris missio, in dem Johannes Paul II. die ständige Gültigkeit des Missionsauftrages Christi erklärt, sagt er: „Jeder Missionar ist nur dann ein echter Missionar, wenn er sich auf den Weg der Heiligkeit einläßt...Die universale Berufung zur Heiligkeit ist eng mit der universalen Berufung zur Mission verbunden: jeder Gläubige ist zur Heiligkeit und zur Mission berufen...Die missionarische Spiritualität der Kirche ist ein Weg zur Heiligkeit“.[14] Therese von Lisieux hat diese Lehre in gelebte Erfahrung übertragen und ist deshalb zusammen mit dem großen Apostel Franz Xaver zur Patronin der Weltmissionen ernannt worden. In diesem Punkt ist ihre zur Lehre gewordene Erfahrung von großer Aktualität für die Neuevangelisierung. Beim Eintritt in den Karmel hat sie das Ziel vor Augen, durch das kontemplative Leben eine Heilige zu werden, und schreibt dazu: Gott „ließ mich auch verstehen, daß mein Ruhm nicht sterblichen Augen ansichtig werden sollte, sondern daß er darin bestünde, eine große Heilige zu werden...!!!“[15] Von Anfang an war sie überzeugt, daß sie nicht deshalb in den Karmel eintrat, um vor der Welt zu fliehen, sondern um sich noch viel intensiver auf sie einzulassen. Ihre geistliche Erfahrung ist nicht Suche nach einer Zufluchtsstätte angesichts einer feindlichen Welt, sondern bewußte Bereitschaft zum Martyrium.

 

22. „Mehr denn je ist heute ein erneuertes Engagement für Heiligkeit nötig...Es muß in jedem Gläubigen eine echte Sehnsucht nach Heiligkeit geweckt werden, ein starkes Verlangen nach Umkehr und persönlicher Erneuerung in einem Klima eifrigeren Betens und solidarischer Annahme des Mitmenschen, besonders des am meisten Bedürftigen“.[16] Durch das ihr eigene Verständnis von ihrer Berufung verbindet Therese von Lisieux auf bewundernswerte Weise Heiligkeit und Mission, echte Kontemplation und Evangelisierung, die sich von dieser in Pflicht nehmen läßt. So vermeidet sie jede Art von Dualismus und zeigt dafür einen sich am Evangelium orientierenden Weg auf, der geeignet ist, angesichts der Herausforderungen der heutigen Zeit die frohe Botschaft zu bezeugen und zu verkünden.

 Da Therese Heiligkeit auf die Liebe hin zuspitzt, hilft sie, die Kluft zwischen Kontemplation und Aktion zu überwinden, denn die Liebe ist es, die beides zusammenhält. Sie entschied sich für ein kontemplatives Leben, um besser apostolisch wirken zu können, wodurch sie das überkommene Verhältnis zwischen Aszetik und Mystik in Frage stellte. Dabei setzte sie den Akzent auf die Mystik, denn sie erfordert die täglich neu zu leistende Anstrengung der Selbstzurücknahme im Geist des Evangeliums. Die im Dienst für die Mitmenschen verwirklichte Selbstüberwindung, wie die Annahme des anderen, das Ver­ständnis für ihn, Vergebung, Hilfeleistung und Solidarität, wird für sie deshalb wichtiger als alle körperlichen Bußübungen.

 All das sind bedeutsame Lektionen, die sie uns für eine der Neuevangelisierung entsprechende Frömmigkeit erteilt.

 

Kirchenlehrerin auf dem Weg zu einer integrierten Persönlichkeit

 

23. Wie alle Menschen war auch Therese den Bedingungen menschlichen Daseins unterworfen, doch durchlebte sie einen innerlichen Befreiungsprozeß, der sie befähigte, sich selbst anzunehmen, und sie so mit allen Begrenztheiten ihrer Lebensgeschichte zu einer integrierten Persönlichkeit werden zu lassen.

 Heute ist oft die Rede von innerlichen Spannungen, seelischen Verwundungen und unterschiedlichsten Bedin­gungen, die der Selbstwerdung des Menschen im Weg stehen. Therese lernte es, ihr eigenes begrenztes und unvollkommenes Leben anzunehmen, das durch das familiäre, klösterliche und gesellschaftliche Milieu vielfach eingeschränkt war, indem sie dieses Joch abschüttelte. So wurde sie mit der Gnade Gottes zu einem freien Menschen, der den treuen und barmherzigen Gott Jesu Christi entdeckte. Ihre Lehre aufnehmend bedeutet das für uns, alles zu tun, um als Menschen und Christen zu wachsen und erwachsen zu werden.

 

24. Auch eine Therese vom Kinde Jesus und vom Heiligen Antlitz mußte kämpfen, um alle Hindernisse zu überwinden, die ihre Selbstwerdung behinderten. Auf ihrem Weg zur menschlichen Reife bleibt ihr die tiefe Verwundung, die ihr der Tod ihrer Mutter verursacht, nicht erspart.[17] Die Liebe Gottes und die Freundschaft mit ihm setzen in ihr den inneren Schwung frei, der in der Lage ist, alle Bedingtheiten zur Entfaltung einer integrierten Persönlichkeit beitragen zu lassen.

 Von ihrem vierten bis zu ihrem vierzehnten Lebensjahr durchlebt sie diese schwere Zeit mit den Anforderungen der Schule, die sie eher als aggressiv erfährt, und dem Eintritt ihrer Schwester Pauline in den Karmel, die für sie zur zweiten Mutter geworden war. In Folge dieser Trennung wird sie ernstlich krank, was sich an psychosomatischen Symptomen zeigt; später wird sie von Skrupeln heimgesucht.[18]

 Alle diese Leiden verstärkten sich noch durch ihre übergroße Empfindlichkeit: „Wenn ich mich endlich über die Sache selbst zu trösten begann, weinte ich darüber, geweint zu haben“.[19] Sie bewegte sich wie in einem Teufelskreis, aus dem sie nicht ausbrechen konnte.

 Um diese Zeit ist es, daß sie allmählich auf den Weg der Liebe zu Jesus und ihrer Hingabe an ihn gelangt, was dann in der Weihnachtsnacht 1886 zur vollständigen Heilung von ihrer übertriebenen Empfindlichkeit führt. Von diesem Augenblick an befreit sie sich von allen unbewußten Bindungen, die sie in sich selbst verschlossen hielten, und kann sich nun auf das Leben hin öffnen, den Studien, den Kontakten, der Natur, den Reisen...

 

25. Den Menschen unserer Zeit, die in Familie und Gesellschaft durch so viele negative Erfahrungen niedergedrückt und dadurch mit Angst und Unsicherheit angesichts der Zukunft erfüllt werden, zeigt Therese, daß sich die Furcht vor der alltäglichen Unsicherheit auflöst, wenn sie sich auf die Liebe zu Gott und den Mitmenschen einlassen. Getragen vom Wissen, daß Gott ein erbarmender Vater ist, der alle seine Söhne und Töchter mit seiner Liebe und Vorsehung begleitet, kommen sie allmählich zum Frieden und zur Freude. Unsere Heilige bietet einer an Angst und Furcht erkrankten Welt die Therapie der Liebe zu Gott und des Vertrauens auf ihn sowie des Daseins für den Mitmenschen und der Hingabe an ihn an. Sie hat für sich die tiefe Wahrheit entdeckt und an uns weitergegeben, daß Gott erbarmende Liebe ist, die sich in ihrer ganzen Fülle allen mitteilen möchte, die offen sind für ihn.

 

Kirchenlehrerin des Glaubens für eine Welt des Unglaubens

 

26. Einer der Bereiche, in denen die Aktualität der Lehre Thereses von Lisieux am eindeutigsten aufstrahlt, ist der Atheismus und der Unglaube. Bereits das Zweite Vatikanische Konzil hat bei seiner Beschreibung des heutigen Atheismus darauf hingewiesen, daß dieses Wort sehr unterschiedliche Bedeutungen hat: „Manche leugnen Gott ausdrücklich; andere meinen, der Mensch könne überhaupt nichts über ihn aussagen; wieder andere stellen die Frage nach Gott unter solchen methodischen Voraussetzungen, daß sie von vornherein sinnlos zu sein scheint... Andere machen sich ein solches Bild von Gott, daß jenes Gebilde, das sie ablehnen, keineswegs der Gott des Evangeliums ist... Der Atheismus entsteht außerdem nicht selten aus dem heftigen Protest gegen das Übel in der Welt“.[20]

 Gott hat es gefallen, daß Thereses geistliche Erfahrung sie zu einer echten Gesprächspartnerin mit der Welt des Unglaubens von heute werden ließ, denn inmitten einer Welt, die im Namen der Wissenschaft und des Rationalismus die Existenz Gottes leugnete und zum Atheismus anleitete, erfuhr sie, was Prüfung des Glaubens bedeutet.

 

27. Die Nicht-Glaubenden von heute sind anders als die zur Zeit Thereses. Heute sind es Agnostiker oder Gleichgültige, die nach Anhaltspunkten suchen, um ihrem Leben Sinn zu geben, nachdem die Moderne und die atheistischen und materialistischen Ideologien gescheitert sind und in ihnen Frustration hinterlassen haben. Sie verspüren einen Ruf nach dem Absoluten, das ihre existentielle Leere ausfüllen und ihre Sehnsüchte stillen soll.

ADVANCE \D 5.60 Therese von Lisieux ist selbst mit dem Problem der Angst vor dem Tod konfrontiert, das auch dem Atheismus zugrunde liegt, der die Frage nach der Existenz Gottes und dem Weiterleben nach dem Tod stellt. Dabei fühlte sie sich unweigerlich in den Abgrund dieser Ängste hineingeworfen und machte in der Prüfung ihres Glaubens die beängstigende Erfahrung des Nichts. Sie erfuhr den Verlust dessen, was sie „den Genuß des Glaubens“ oder „das Frohsein, diesen schönen Himmel auf Erden zu genießen“ nennt“.[21] Sie begibt sich in eine Welt voller Dunkelheiten, die sie einhüllen und niederdrücken. Es ist ihr, als hörte sie sagen: „Du wähnst, eines Tages den Nebeln, die dich umfangen, zu entrinnen! Nur zu, nur zu, freu dich über den Tod, der dir geben wird nicht, was du erhoffst, sondern eine noch tiefere Nacht, die Nacht des Nichts“.[22] 

 

28. Mitten in dieser Situation bewahrt Therese ihren Glauben und ihre Liebe. So verwandelt sich ihre Erfahrung von der Nacht der Läuterung in eine lebendige und fruchtbare Solidarität mit denen, die im Unglauben stecken. Vor ihrer Glaubensprüfung sagt sie, daß sie nicht glauben konnte, daß es Menschen gäbe, die nicht glaubten: „Ich konnte mir nicht vorstellen, daß es Gottlose gäbe, die keinen Glauben haben. Ich meinte, sie sprächen gegen ihre bessere Erkenntnis, wenn sie die Existenz des Himmels leugneten“. Nach ihrer leidvollen Erfahrung ist sie vom Gegenteil überzeugt: „In den so fröhlichen Tagen der Osterzeit ließ Jesus mich fühlen, daß es tatsächlich Seelen gibt, die den Glauben nicht haben“.[23]

Doch obwohl sie in tiefster Dunkelheit steckt, hört die Heilige nicht auf, Jenen zu lieben, auf den sie vertraut. Ihr innerer Kampf entsteht dadurch, daß sie zur gleichen Zeit das Licht des Glaubens und die Dunkelheiten der Ungläubigen durchlebt. Dadurch geht ihr auf, daß Gott ihr damit sagen möchte, ihre in Liebe ausgehaltenen Leiden für die Ungläubigen aufzuopfern, indem sie sich an den Tisch der Sünder setzt und mit ihnen das Brot der Schmerzen ißt.[24]

 Es gibt glaubwürdige Zeugnisse von Menschen, die durch die Lektüre der Schriften Thereses von Lisieux zum Glauben gefunden haben. Unzählige haben in ihnen Gottes wahres Antlitz entdeckt und zugleich Erleuchtung bei ihrer mühsamen Suche inmitten der Dunkelheiten und der Versuchung zum Unglauben. Das macht ihrer Botschaft für die Fernstehenden, Ungläubigen und Gleichgültigen aktuell. 

 

Therese von Lisieux - eine Frau als Kirchenlehrerin

 

29. In unserer Zeit, in der sich allmählich eine neue Einstellung zur Präsenz und zum Wirken der Frau in Kirche und Gesellschaft Bahn bricht, kommt der Erfahrung und Lehre Thereses von Lisieux eine besondere Bedeutung zu. Die Frau ist berufen, „ein Zeichen für Gottes Zärtlichkeit gegenüber dem Menschengechlecht“ zu sein[25] und die Menschheit mit ihrem „weiblichen Genius“ zu bereichern. Beides hat die junge Karmelitin in ihrem Leben verwirklicht, wovon es in ihren Schriften viele eindeutige Spuren gibt.

 Therese vom Kinde Jesus vermittelt ihre geistliche Botschaft in ihrem konkreten, direkten, unverstellten weiblichen Stil. Auch wenn sie ein Kind ihrer Zeit ist, unterläßt sie es doch nicht, ihre im Evangelium verwurzelte Überzeugung von der Gleichheit von Mann und Frau und der Bedeutung einer wechselseitigen Zusammenarbeit als Jünger und Jüngerinnen Jesu auszusprechen. Das geht besonders aus ihren Briefen an ihre geistlichen Brüder in den Missionen hervor, denen sie ihre menschlichen und geistlichen Erfahrungen schreibt und ohne zu Zögern mitteilt, wie sie in Fragen der Theologie und des Lebens als Christ denkt, so z. B. ihre Vorstellung von der Gerechtigkeit Gottes, ihren Weg der geistlichen Kindheit, das Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit.

 

30. Ähnlich wie bei Teresa von Jesus mündet auch ihr Feminismus in einen verstärkten Einsatz für das Evangelium, jenseits aller Vorurteile, die die Frau in ihrer Zeit an den Rand drängten. Wie es um die Rolle der Frau in Gesellschaft und Kirche bestellt war, erlebte Therese am Ende des 19. Jahrhunderts. In der Handschrift A erzählt sie klar und humorvoll, was sie bei ihrer Romreise vor dem Eintritt in den Karmel erlebte:

„Ich kann noch immer nicht verstehen, warum die Frauen in Italien so leicht exkommuniziert werden. Jeden Augenblick sagte man uns: ‘Hier dürfen Sie nicht hinein..., dort dürfen Sie nicht hinein, sonst sind Sie exkommuniziert!...’ O! die armen Frauen, wie sind sie doch verachtet!... Und doch lieben sie den Lieben Gott in viel größerer Zahl als die Männer, und während der Passion unseres Herrn zeigten die Frauen mehr Mut als die Apostel, da sie den Beleidigungen der Soldaten trotzten und es wagten, das anbetungswürdige Antlitz Jesu abzuwischen...“[26]

 Ihre Rolle als Frau, über die sie ungekünstelt und offen als ein freier Mensch berichtet, bringt sie auf folgenden, dem Evangelium entlehnten Gedanken: Diese Verdrängung an den Rand, die sie als Frau erlebt, macht sie der Verachtung ähnlicher, der Jesus bei seiner Passion ausgesetzt war, wo die Frauen den Mut hatten, ihm das Antlitz abzuwischen. „Das ist sicher der Grund, warum er es zuläßt, daß ihr Teil auf Erden das Verachtetwerden ist, das er ja auch für sich gewählt hat... Im Himmel wird er deutlich zeigen, daß seine Gedanken nicht die der Menschen sind, denn dann werden die letzten die ersten sein...“[27] Jesus hat dementsprechend gehandelt und sie zu den ersten Zeugen seiner Auferstehung gemacht.

 

31. Die Frau, die sich in Gesellschaft und Kirche Räume zu größerer Mitwirkung eröffnet hat, findet in Therese von Lisieux sicherlich einen Anreiz, um, wie Johannes Paul II. behauptet, „eine Kultur der Gleichheit zwischen Mann und Frau“ zu leben. Andererseits hat sie, wie es Hans Urs von Balthasar bei der Feier des 100. Geburtstages Thereses forderte, mit ihrer Botschaft den Bereich der theologischen Forschung für die Frau geöffnet: „Die Theologie der Frauen ist vom Stand der Theologen noch niemals ernst genommen noch integriert worden. Und doch müßte man nach der Botschaft von Lisieux bei der derzeitigen Neugestaltung der Dogmatik endlich auch daran denken“.[28]

 Das entspricht auch dem, was das nachsynodale Schreiben Vita consecrata als neue Perspektiven für die Frau in der Kirche aufzeigt, wenn es heißt: „Auch auf dem Gebiet der theologischen, kulturellen und spirituellen Reflexion darf man sich vom Genius der Frau viel erwarten, nicht nur in bezug auf die besondere Eigenart des geweihten Lebens, sondern auch was das Verständnis des Glaubens in allen seinen Aus­drucksformen betrifft“.[29] 

 

SCHLUSS

 

32. Gott hat uns durch diese unsere Schwester, die so viele Festlegungen menschlicher Logik durchbricht, von neuem überrascht, um zu unterstreichen, daß er in seinen Initiativen ganz frei ist, und auswählt wen er will und wann er will, um seine Werke durchzuführen und die Größe seiner Macht und seines Wirkens in dem zu offenbaren, der sich zur Erfüllung seines Willens vertrauensvoll seiner erbarmenden Liebe öffnet.

 

 Mit der Ernennung unserer Schwester Therese von Lisieux zur Kirchenlehrerin bestätigt der Herr, was bereits das Alte Testament behauptete und was im Neuen Testament zu seiner Fülle gekommen ist, daß nämlich Gott sich den einfachen Menschen mitteilt, ihnen seine Weisheit verleiht und die Geheimnisse seines Lebens und seines Wirkens in der Geschichte offenbart. So behauptet das Buch der Weisheit schon fast am Vorabend der Ankunft Jesu: „Ehrenvolles Alter besteht nicht in einem langen Leben und wird nicht an der Zahl der Jahre gemessen. Mehr als graues Haar bedeutet für die Menschen die Klugheit, und mehr als Greisenalter wiegt ein Leben ohne Tadel. Er gefiel Gott und wurde von ihm geliebt...Früh vollendet, hat der Gerechte doch ein volles Leben gehabt“ (Weish 4,8-10.13). Im Evangelium nach Lukas preist Jesus voll der Freude im Hl. Geist die Logik Gottes, die so anders ist als unsere: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du all das den Weisen und Klugen verborgen, den Unmündigen aber offenbart hast. Ja, Vater, so hat es dir gefallen“ (Lk 10,21f).

 

33. Der Herr, der Vater der Gestirne, von dem jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt (vgl. Jak 1,17), hat dem Karmel durch die Ernennung Thereses von Lisieux ein neues Geschenk gemacht. Es ist eine unverdiente Gabe, die eine Antwort der Liebe und der hochherzigen Hingabe an unsere Berufung und unsere Sendung in der Kirche und der Welt erfordert. Unsere Schwester Therese von Lisieux erwirke uns vom Herrn die Gnade, bei der Bezeugung und der Verkündigung der Guten Nachricht an unsere Schwestern und Brüder im dritten Jahrtausend seine Mitarbeiter zu sein, in Treue in der Nachfolge Jesu und in Gemeinschaft mit Maria, die als erste die Frohe Botschaft empfing und ihre Entdeckung, daß Gott sich den Armen, Kleinen und Unmündigen unverdient schenkt, voll Freude verkündet hat.

 

Rom, den 1. Oktober 1997

 

fr. Camilo Maccise O.C.D. - fr. Joseph Chalmers O.Carm.

 

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[1].  .Tertio Millenio Adveniente (TMA) 23.

[2].  .A. OLIVAR JUNIOR, Uma reflexâo sobre o tempo; sentido do tempo milenar, in: AA. VV., Rumo ao Terceiro Milênio, Sâo Paulo, 1997, 30.

[3].  .Vgl. 41-60.

[4].  .TMA 42.

[5].  .A.a.O.

[6].  .A.a.O.

[7].  .Lumen gentium 9.

[8].  .Perfectae caritatis 15.

[9].  .TMA 51.

[10].  .Handschrift B 1r-v (SS 192f).

[11].  .Brief 197 an Schw. Marie du Sacré Coeur (17.09.1896).

[12].  .Handschrift B 3v (SS 200f).

[13].  .Handschrift C 34r (SS 270).

[14].  .Redemptoris missio 90.

[15].  .Handschrift A 32r (SS 66).

[16].  .Vita consecrata 39.

[17].  .Vgl. Handschrift A 13r (SS 28).

[18].  .A.a.O. 39r (SS 82).

[19].  .A.a.O. 44v (SS 93).

[20].  .Gaudium et spes 19.

[21].  .Handschrift C 7r (SS 222).

[22].  .A.a.O. 6v (SS 221).

[23].  .A.a.O. 5v (SS 219).

[24].  .Vgl. a.a.O. 6r (SS 220).

[25].  .Vita consecrata 57.

[26].  .Handschrift A 66v (SS 144).

[27].  .A.a.O. (SS 145f).

[28].  .Zitiert bei G. Gaucher, Actualité de sainte Thérèse de Lisieux, futur docteur de l’Eglise?, in: Thérèse de Lisieux et les missions. Mission et contemplation, Kinshasa, 1996, 115-127 (127).

[29].  .Vita consecrata 58.

 

 

 

 

 
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Updated 16 mar 2006 by OCD General House
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