Liebe Mitbrüder und Mitschwestern im
Karmel,
1.
Während wir in Gemeinschaft mit der
ganzen Kirche den „neuen Advent“
[1] zum
dritten Jahrtausend des neuen Zeitalters
begehen und unseren Blick auf Jesus
Christus richten, den „Urheber und
Vollender des Glaubens“ (Hebr 12,2),
darf die Ordensfamilie des Karmel im
Jahr 1997 den 750. Jahrestag der
endgültigen Approbation der
Karmelregel durch Innozenz IV.
(1. Oktober 1247 - 1. Oktober 1997)
begehen.
2.
Die Regel wurde den Eremitenbrüdern
zwischen 1206 und 1214 als der am Berg
Karmel gerade entstehenden „karmelitanischen“
Gemeinschaft von Albert, dem Patriarchen
von Jerusalem, als vitae formula
gegeben, und zwar in Übereinstimmung mit
ihrem Lebensentwurf (propositum),
nach welchem sie, vom Hl. Geist
inspiriert, bereits lebten. Mit großem
geistlichem Unterscheidungsvermögen, das
seiner Hirtensorge als Bischof und
seiner eigenen Ordenserfahrung als
Regularkanoniker von Mortara (Pavia)
entsprang, vereinte Patriarch Albert die
Eremitenbrüder zur ersten Gemeinschaft
des Karmel.
3.
In der Folge wurde die vitae formula
Alberts von mehreren Päpsten bestätigt,
so von Honorius III. (1226), Gregor IX.
(1229) und Innozenz IV. (1245; 1246).
Die wichtigste päpstliche Intervention
geschah jedoch mit der päpstlichen Bulle
Quae honorem Conditoris von
Innozenz IV., die das Datum vom 1.
Oktober 1247 trägt. Mit seiner
Intervention bestätigt Innozenz IV. die
Verbesserungen, Verdeutlichungen und
Ergänzungen, die aufgrund der
veränderten Lebenssitution der nunmehr
in Europa lebenden Karmeliten am „albertinischen“
Text angebracht worden waren; er
approbiert den „albertinischen“ Text mit
den nachträglichen Verbesserungen und
Ergänzungen als Regel und
bestätigt so, daß aus den Karmeliten
echte „Ordensleute“ geworden sind,
eingebettet nun in den Strom der am
Evangelium ausgerichteten apostolischen
Brüdergemeinde der „Mendikanten“, damit
sie „mit Gottes Hilfe zu ihrem eigenen
Seelenheil und dem ihrer Nächsten
beitragen können“.[2]
1.
„mehr geben“
4.
Folglich betrachten wir die
750-Jahrfeier der Approbation durch
Innozenz als ein besonderes
Gnadenjahr für die ganze
karmelitanische Familie, als einen
kairos, eine Zeit, die sich
besonders dazu eignet, uns nicht nur
unsere Vergangenheit in Erinnerung zu
rufen, sondern vor allem auch mutig und
mit der nötigen Weisheit und dem nötigen
Unterscheidungsvermögen unsere Zukunft
an der Schwelle des bevorstehenden neuen
Jahrtausends in den Blick zu nehmen.
In diesem Zusammenhang machen wir uns
den Aufruf des Papstes an alle
Ordenschristen zu eigen: „Ihr sollt euch
nicht nur einer glanzvollen Geschichte
erinnern und darüber erzählen, sondern
ihr habt eine große Geschichte
aufzubauen! Blickt in die Zukunft,
in die der Geist euch versetzt, um durch
euch noch große Dinge zu vollbringen.
Macht euer Leben zu einer
leidenschaftlichen Christuserwartung,
indem ihr ihm entgegengeht wie die
klugen Jungfrauen dem Bräutigam
entgegengehen. Seid immer bereit zur
Treue zu Christus, zur Kirche, zu eurem
Institut und zu den Menschen unserer
Zeit.“[3]
Die Worte Teresas von Jesus ermutigen
uns, unsere gegenwärtige Situation in
kreativer Treue zu verbessern: „...
damit man nicht von uns sagen kann, was
man von gewissen Orden sagt: Nur ihr
Anfang war lobenswert. Jetzt fangen wir
an, und bemüht euch, immer wieder von
neuem anzufangen und vom Guten zum
Besseren voranzuschreiten.“[4]
a) In der Dynamik kreativer Treue
5.
Indem wir den Aufruf des Papstes
aufgreifen, möchten wir die Öffnung zur
kreativen Treue - um einen
heutigen Begriff zu benützen -
hervorheben, die uns unsere Regel im
Epilog, fast wie ein Vermächtnis, ans
Herz legt: „Will aber einer noch mehr
tun, dann wird es ihm der Herr
vergelten, wenn er wiederkommt. Er gehe
aber mit Klugheit vor, denn sie lenkt
und leitet alle Tugend.“[5]
Dieses von großem geistlichem
Unterscheidungsvermögen und von
echtem Weitblick zeugende Kriterium
stammt vom Regelgeber Albert und steht
für das Beste, was es an monastischer
Tradition gibt. Es betrachtet
Ordensregeln nicht als „heilige,
unantastbare“ Texte, sondern sieht deren
charakteristische Eigenart darin, daß
sie das Wesentliche enthalten.
Folglich ist es gar nicht die Intention
eines solchen Textes, die ganze
charismatische Erfahrung des Autors bzw.
der Gemeinschaft, für die er bestimmt
ist, zu beschreiben, und noch viel
weniger den Primat des Wortes Gottes,
die Mittlerschaft Jesu Christi oder die
österliche Gabe des Heiligen Geistes zu
ersetzen. Im Grunde ist dies die Größe,
aber zugleich auch die Grenze einer
jeden Ordensregel.
Unsere Regel und unsere Heiligen, die
lebendige Worte an uns sind, haben unser
geistliches Erbe vermehrt. Das Charisma,
das uns vereint, ist jedoch größer als
das, was uns unsere Vorfahren in ihren
Schriften und durch ihr eigenes Leben
überliefert haben. Sie laden uns ein, in
der Treue zu unserer Berufungsgnade
voranschreiten und sie in der je
persönlichen kreativen Weise im Heute zu
inkarnieren. Als Jünger und Jüngerinnen
des Herrn können wir, wie der hl.
Johannes vom Kreuz sagt, „immer noch
tiefer in Christus eindringen“.[6]
Der Patriarch Albert hält sich an dieses
Kriterium, wenn er uns rät, das, was er
in der Regel „in Kürze“ darlegt, als
einen pädagogischen Weg der Nachfolge
Christi[7]
aufzufassen, der nie abgeschlossen,
sondern immer offen ist für die
Herausforderungen der Zukunft und unter
dem absoluten Primat des Wortes Gottes
steht, das, wenn es das Herz des
Gläubigen brennen macht (vgl. Lk 24,22),
diesen immerzu drängt, in der Hingabe
seiner selbst „noch mehr zu geben“ (supererogaverit)
(vgl. Lk 10,35), „noch weiter zu gehen“,
und zwar mit wachem Blick für neue
kreative Beiträge, zu denen ihn der
Geist bewegt.
b) Die „Auswirkungen“ in der Geschichte
des Karmel
6.
In der Tat, wir können die ganze
Geschichte unseres Ordens unter dem
Blickwinkel dieser „Auswirkungen“ der
discretio spiritualis, dieses
geistlichen Unterscheidungsvermögens
lesen. Es hat die verschiedenen
Generationen von Karmeliten und
Karmelitinnen dazu angeregt, „mehr zu
tun“, indem sie in wesentlichen Punkten
den charismatischen Werten der Regel
zwar treu blieben, dabei aber in
dialektischer Konfrontation angesichts
neuer Herausforderungen und der
Möglichkeit, den karmelitanischen
Lebensentwurf „neu zu begründen“,
durchaus Kreativität entwickelten.
Wir denken dabei an den Übergang von der
eremitisch-zönobitischen Lebensform zu
der am Evangelium ausgerichteten
apostolischen der „Mendikanten“, wie
auch an heiligmäßige Seelenhirten, wie
Albert von Trapani und Andreas Corsini ,
und gelehrte Theologen. Ferner denken
wir an die Neuinterpretation der
biblischen Vorbilder Maria und Elija und
an die Evangelisierung breiter
Volksschichten durch die
Skapulierfrömmigkeit, an das Aufkommen
von Reformbewegungen, an die
verschiedenen Gründungen, und an die zur
Fülle gekommene geistliche bzw.
mystische Erfahrung, die in manchen
Fällen für eine ganze Epoche in der
Geschichte der Spiritualität prägend
war, wie das zum Beispiel für die
Erfahrung und die Lehre der hl. Teresa
von Jesus[8],
des hl. Johannes vom Kreuz und der hl.
Therese vom Kinde Jesus gilt. Aus einem
tiefen Verständnis für die
geschichtliche Entwicklung hat Teresa
von Jesus gesagt: „Richten wir unsere
Augen stets auf das Geschlecht jener
heiligen Propheten, von denen wir
abstammen. Wie viele Heilige haben wir
im Himmel, die unser Ordenskleid
getragen haben! Hoffen wir gleichsam mit
heiliger Vermessenheit, daß auch wir mit
der Gnade Gottes einst zu ihnen kommen
werden.“[9]
7.
Wenn wir auf unsere eigene Zeit, das
heißt, auf die Jahre nach dem Konzil
blicken, dann denken wir an all die
Bemühungen zur Erneuerung der
Gemeinschaften, von denen manche auch
neue, noch ungebahnte Wege zu gehen
versucht haben. Ferner denken wir an das
Aufblühen von Studien und Reflexionen
über die Texte unserer Heiligen, vor
allem von Teresa von Jesus, Johannes vom
Kreuz und Therese vom Kinde Jesus, die
als Lehrmeister in der universalen
Kirche und in der ganzen Welt anerkannt
und geschätzt werden. Außerdem sind uns
neue Studien über den Text der Regel
geschenkt worden, durch die wir deren
inhaltlichen Reichtum und deren
Aktualität neu entdecken konnten.
.
Diese Rückkehr zu unseren Quellen war
sehr wichtig und segensreich für das
Leben der ganzen karmelitanischen
Familie. Wie der Schriftgelehrte im
Evangelium haben wir den Seiten dieses
kurzen mittelalterlichen Textes alte und
neue Bedeutungen entnommen (vgl. Mt
13,52); an die Stelle des Alten ist
Neues gerückt, und das Neue hat gerade
wegen seiner Treue zum Alten dieses neu
ausgedrückt, indem es das Alte den
Lebensbedingungen unserer Zeit
entsprechend neu gestaltet hat.
8.
Auch hier haben die „Auswirkungen“ der
Rückkehr zu den Quellen nicht auf sich
warten lassen. Wir denken dabei an die
Neuinterpretation der
elianisch-marianischen Dimension des
Karmel, an die geschichtliche Aufwertung
der Gestalt Alberts, des Patriarchen von
Jerusalem, an das Interesse unserer
Kommunitäten für die Praxis der
lectio divina und die Spiritualität;
an das Bemühen der karmelitanischen
Familie im Bereich der geistlichen
Begleitung und Pastoral, das in vielen
verschiedenen Formen des Dienstes zum
Ausdruck kommt, wie Forschung und
Unterricht in Studienzentren, in
Exerzitienhäusern und Häusern des
Gebets, in der allgemeinen Seelsorge,
die immer deutlicher von unserer eigenen
Spiritualität geprägt ist; an die
Zusammenarbeit von Karmeliten O.Carm und
O.C.D.
Über all das freuen wir uns und danken
dem Herrn für die Wunder, die er
weiterhin in unserer Mitte wirkt.
2. DIE HERAUSFORDERUNGEN DER
GEGENWÄRTIGEN STUNDE
9.
Wir wollen aber nicht nur bei der
gegenwärtigen Situation stehenbleiben
und diese verherrlichen, vielmehr
möchten wir dazu ermuntern, immer tiefer
in die Karmelregel einzudringen, und
zwar sowohl im Sinne der kritischen
Reflexion als auch auf der
existentiellen Ebene des
Gemeinschaftslebens.
Dabei machen wir uns die Worte des
Papstes zu eigen, der die Ordenschristen
bittet, ihren „unsersetzlichen Beitrag
zur Verwandlung der Welt zu leisten“[10];
den jungen Ordenschristen führt er vor
Augen, daß „das dritte Jahrtausend den
Beitrag des Glaubens und der Phantasie
von Scharen junger Menschen des
geweihten Lebens erwartet, auf daß die
Welt heiterer und fähiger werde, Gott
und in ihm alle seine Söhne und Töchter
anzunehmen.“[11]
In unserer Lebenszeit, die zweifellos
die Jahre des dritten Jahrtausends
prägen wird, sind wir dazu aufgerufen,
„noch mehr zu geben“, unsere ‘forma
vitae’ mit Weisheit und
Unterscheidungsvermögen „neu zu
beleben“, damit sie zu einem
bedeutungsvollen Zeichen für den Mann
und die Frau von heute wird, und in
kreativer Treue die Werte unserer Regel
aufleuchten zu lassen, um die Qualität
des geistlichen Lebens im Karmel und die
Präsenz des Karmel in Kirche und
Gesellschaft unserer Zeit zu verbessern.
10. Einige
gesellschaftlich-kulturelle Ereignisse,
die sich in diesen Jahren bemerkbar
gemacht haben, gehören zu den
Herausforderungen unserer Zeit. Wir sind
uns bewußt, daß im Gewand dieser
Herausforderungen, sofern sie mit der
Gabe der Unterscheidung gedeutet werden,
genau das auf uns zukommt, „was der
Geist der Kirche sagt“ (Offb 2,7), daß
uns dort offenbart wird, wie unsere
Sendung heute auszusehen hat. Darum
wollen wir unsere Aufmerksamkeit auf
einige Herausforderungen richten, die
uns für den Karmel unserer Tage wichtig
erscheinen.
a) Die Suche nach dem Sinn für Gott
11. Wir wissen,
wie komplex und ambivalent sich heute
die Suche unserer Zeitgenossen nach
Religion bzw. Spiritualität darstellt,
besonders in dieser Übergangszeit. Die
sogenannten „neuen Formen der Hinwendung
zu Gott“, ob im kirchlichen Umfeld oder
auch im Sinne der Annäherung an andere
Religionen, müssen allesamt kritisch
hinterfragt werden. Wie es scheint,
lassen sie sich auf zwei Bedürfnisse
zurückführen: Einerseits auf das
Bedürfnis nach Sicherheit und
glaubwürdigeren Anhaltspunkten,
andererseits auf die Suche nach Sinn und
Transzendenz, die als Bedürfnis in jedem
Mann und in jeder Frau lebt. Trotzdem
müssen wir unterscheiden, ob es bei der
religiösen Suche nur um eine Religion
der Geborgenheit und Innerlichkeit geht
oder sich ein starkes Bedürfnis nach
emotionalen „Erlebnissen“ zeigt oder ein
bequemer Synkretismus angestrebt wird,
der Elemente aus verschiedenen
Religionen miteinander vermischt, oder
ob es um eine wirkliche Suche nach Sinn
und nach einem transzendenten Ziel geht,
das dem eigenen Leben Richtung gibt.
Unschwer läßt sich in diesem neuen Klima
das Bedürfnis erkennen, Männern und
Frauen begegnen zu dürfen, die aus
eigener Erfahrung und mit fundiertem
Wissen über Gott sprechen, und die dabei
einen Hauch göttlicher Gegenwart
erfahrbar machen; ferner das Bedürfnis
nach aktiver, verantwortlicher Teilnahme
am Leben der Kirche; sodann die
Notwendigkeit eines angemessenen
Inkulturationsprozesses des Evangeliums
in den verschiedenen kulturellen
Kontexten, und zwar als wesentlicher
Bestandteil der Missionsarbeit[12];
und schließlich die wichtige Aufgabe,
sich mit den Schwestern und Brüdern der
anderen Religionen auf einen Weg des
Dialogs einzulassen, was ebenfalls ein
wesentlicher Teil der Missionierung sein
muß, wobei wir in ihnen die „Samenkörner
des Wortes“ erkennen, die „Strahlen der
Wahrheit, die alle Menschen erleuchten“
und eine andere Weise, Zeugnis von der
Gegenwart Gottes in dieser Welt
abzulegen.[13]
b) Der andere als Geschenk und Wert
12. Ein weiteres
neu aufkommendes kulturelles Phänomen,
dem wir unsere besondere Aufmerksamkeit
widmen wollen, betrifft das
Menschenbild. Selbstverständlich gibt es
in dieser Welt mehrere Menschenbilder.
Wo immer aus ideologischen Gründen oder
auch aus Parteiinteressen der volle Sinn
für die Würde des Menschen und für die
zwischenmenschlichen Beziehungen fehlt,
wird einerseits der Individualismus und
andererseits der kommunitäre
Totalitarismus gestärkt. Wie aus
Gegenwehr wird der Mensch dadurch häufig
zu verschiedenen Formen der Gewalt
verführt, wie Krieg, Manipulation,
Mißbrauch jeder Art, Rache usw. In
diesem Kontext wird der andere Mensch
oft mehr zur Bedrohung als zum Geschenk,
mehr zum Konkurrenten als zum Bruder,
mehr zum Problem als zur Person, die man
lieben kann.
Andererseits aber ist die neu
aufkommende Kultur der
Andersartigkeit, die sich sowohl
gegen den Individualismus als auch gegen
den „kommunitären“ Totalitarismus
richtet und den anderen Menschen als
Geschenk und unveräußerlichen Wert
sieht, der an meine Solidarität und mein
Verantwortungsbewußtsein appelliert,
eine weitere positive Herausforderung,
die auf uns zukommt. Dieses eröffnet uns
fruchtbare neue Möglichkeiten, die
Geschwisterlichkeit zu leben und zu
bezeugen.
c) Die Gefährung der sozialen
Gerechtigkeit
13. Während in
einigen Teilen der Welt ein starker
Individualismus herrscht, scheint uns
andererseits alles nahe gerückt und
voneinander abhängig geworden zu sein.
Der Prozeß der Globalisierung der Welt,
der durch die gewaltige Entwicklung der
Kommunikationsmittel beschleunigt wird,
hat es uns ermöglicht, die Entfernungen
auf das Maß eines „Dorfes“ zu
reduzieren.
In diesem Kontext spielt die Wirtschaft
eine starke, dominierende Rolle.
Tatsächlich ist heute oft die Rede von
der „Globalisierung der
Marktwirtschaft“. Durch Ausnützung der
Ressourcen und Steigerung der
Produktivität wie auch der Qualität des
Angebots sollte diese Globalisierung
positiv zum Allgemeinwohl beitragen, das
heißt, sie sollte den Lebensstandard
aller heben.
In Wirklichkeit aber sehen wir, daß die
Armut immer größere Ausmaße annimmt und
auf zwei Dritteln der Weltbevölkerung
lastet, während der Reichtum in den
Händen von wenigen ist. Von einem
regulierenden Faktor der Wirtschaft hat
sich der sogenannte „Markt“ in den
Händen weniger multinationaler
Finanzinstitute zu einem Instrument
entwickelt, das ideologischen Druck
ausübt, und zwar ohne
Kontrollmöglichkeit der nationalen
Regierungen; dadurch kann es geschehen,
daß Entscheidungen, die an einem
bestimmten Ort auf der Erde fallen, die
Bevölkerung eines anderen Ortes treffen,
und zwar ohne jede Rücksicht auf deren
nationale Souveränität oder deren
grundlegende Bürgerrechte.
Die Zielvorstellung dieser Ideologie,
die man „Neoliberalismus“ nennt, ist
äußerst pragmatisch: Sie besteht im
finanziellen Wachstum als Ziel in sich,
im Gewinn um des Gewinnes willen, zum
Nutzen einiger weniger, eben der
Stärksten. Dieser Ideologie liegt eine
individualistische Sicht des Menschen
zugrunde, der die Fähigkeit, sein
Geldeinkommen zu vergrößern,
verabsolutiert, den Konkurrenzkampf auf
jedem Gebiet verherrlicht und seine
Habgier zum Schaden des Nächsten wie
auch der Umwelt nährt.
Daher müssen wir an erster Stelle auf
uns selbst schauen und im Lichte der
Werte des Evangeliums, die für unsere
Berufung richtungweisend sind, „einen
Beitrag zur Vermenschlichung der Welt“[14]
leisten, „ein neues, starkes Zeugnis der
evangeliumsgemäßen Selbstverleugnung und
Genügsamkeit, und einen
geschwisterlichen Lebensstil, der sich
von den Werten der Einfachheit und
Gastfreundschaft inspirieren läßt.“[15]
d) Das Ordensleben als Zeichen
14. Da wir
schließlich die Welt des Ordenslebens in
den Blick nehmen wollen, dürfen wir die
kürzlich abgehaltene Synode über das
Ordensleben wie auch das nachfolgende
nachsynodale Schreiben des Papstes nicht
übergehen.
An dieser Stelle möchten wir nur eine
Herausforderung unterstreichen, die im
postsynodalen Schreiben genannt wird:
die der Sichtbarkeit.[16]
Ganz im Sinne von Lumen Gentium
spricht der Papst wiederholt vom
Ordensleben als Zeichen, Ikone, Bild,
Zeugnis, „Spiegel der Schönheit Gottes“
usw. Der Papst bittet, das Ordensleben
möge in der dreifachen Dimension der
Weihe, der Gemeinschaft und der Sendung
Zeugnis davon ablegen, daß es eine
lebendige Erinnerung an die
Lebensweise Jesu Christi sein soll, d.
h. bei aller menschlichen
Zerbrechlichkeit und Schwäche der
Berufenen ein Zeichen für eine vom Licht
des Auferstandenen verklärte Existenz,
für einen mystischen Weg, der das
Übermaß der unentgeltlichen Liebe Gottes
sichtbar macht.
Um in dieser Perspektive zu leben,
ermahnt uns der Papst, die
nützlichkeitsbezogene,
funktionalistische Sicht des
Ordenslebens aufzugeben[17]
und den Exodus hin zu einer mehr
theologalen, prophetischen Sicht zu
vollziehen, in der die Qualität des
Lebens eines religösen Instituts
Priorität hat. In der Tat besteht er
nicht zufällig auf der Notwendigkeit,
die spirituelle Qualität der
Ordensfamilien zu verbessern, wobei
unter Spiritualität ein dynamischer Weg
des Lebens in Christus bzw. des Lebens
nach dem Geist verstanden wird, der
Gestalt annimmt in „einem konkreten Plan
der Beziehung zu Gott und zur Umgebung,
der von besonderen geistlichen Akzenten
und Entscheidungen zum Handeln[18]
gekennzeichnet ist, die bald den einen,
bald den anderen Aspekt des einen
Geheimnisses Christi herausstellen und
verkörpern.“[19]
Aus seiner mystischen und spirituellen
Qualität und nicht aus der
Mitgliederzahl oder den Werken[20]
schöpft das Ordensleben die Reserven, um
„ein starkes prophetisches Zeugnis“[21]
zu geben und eine „geistliche Therapie
für die Menschheit“[22]
zu sein.
3. ZUKUNFTSFÄHIGKEIT
15. Wenn dies
einige der wahren Herausforderungen
unserer Zeit sind, die sich uns, und sei
es in der Komplexität der Geschehnisse,
am Horizont der Zukunft Gottes auftun,
und wenn wir unter den vielen
Inspirationsquellen, die es heute in der
Kirche gibt, unsere Regel als
inspirierenden Text für die
Spiritualität und die Sendung des Karmel
haben, dann fragen wir uns: Wie sollen
wir diese alte Regel neu lesen, damit
sie für die ganze karmelitanische
Familie auch auf dem Weg ins dritte
Jahrtausend zu einem lebendigen,
aktuellen Text wird?
a) Kontemplative Dimension und Wachstum
in Christus
16. Die Suche
nach echter Gotteserfahrung, die unsere
Zeitgenossen umtreibt, betrifft uns
zutiefst, allein schon deshalb, weil sie
uns häufig im Dialog mit unseren
Heiligen begegnet. Die Gotteserfahrung,
„ein neuer Name für die
Kontemplation“, erwächst „aus der
Meditation des Wortes Gottes, aus dem
persönlichen und gemeinschaftlichen
Gebet, aus der Entdeckung der Gegenwart
Gottes und des göttlichen Wirkens in
unserem Leben, wobei man zugleich diese
Erfahrung mit dem ganzenVolk Gottes
teilt“.[23]
Wir meinen, daß diese Sicht dem Karmel
sehr verwandt ist.
In der Tat ist der kontemplative
Erfahrungsweg, den unsere Regel
vorzeichnet, auch wenn sie diese
Begriffe nicht benützt, zutiefst in
einem theologalen Kontext verwurzelt,
der Christus in die Mitte stellt,
und in einigen spirituellen
Elementen, die von wesentlicher
Bedeutung für das Leben des einzelnen
wie auch der Gemeinschaft sind, fest
verankert. Diese Christozentrik
wurde von unserer ganzen
Ordensüberlieferung weiter entfaltet,
wie das in besonderer Weise durch die
Erfahrung und Lehre der hl. Teresa von
Jesus[24]
und des hl. Johannes vom Kreuz[25]
bezeugt ist.
17. Diese
Christozentrik bildet den
theologalen Hintergrund der ganzen
Regel. An ihren wichtigsten Stellen
stellt sie uns de facto einen
Verwandlungs- und Reifungsweg in
Christus als Lebensziel vor Augen.
Dieser Weg wird auf dem Hintergrund des
„obsequium Jesu Christi“ zurückgelegt.
Damit wird, wie wir heute mit einem
Begriff des Zweiten Vatikanischen
Konzils sagen können, der Primat der
Nachfolge Christi bestätigt, der als
„Grundgesetz“, als „wichtigste Regel“
des christlichen Lebens als solchen und
somit auch des Ordenslebens gilt.[26]
Diese Norm gibt dem ganzen
Lebensentwurf, der in der Regel
vorgezeichnet wird, Richtung und Sinn.
In der Tat finden wir zu Beginn der
Regel einige sehr dichte Aussagen über
die Nachfolge, die eine eindeutig
paulinische Inspiration verraten: „In
der Gefolgschaft Jesu Christi leben“,
womit die Nachfolge als Glaubensgehorsam
(vgl. 2 Kor 10,5) und als existentieller
Gottesdienst, nämlich als Hingabe an
Gott und an die Brüder und Schwestern
gedeutet wird (vgl. Phil 2,17.30; Röm
12,1)[27];
„Ihm treu, mit reinem Herzen und gutem
Gewissen dienen“, womit die inneren
Einstellungen aufgezeigt werden, die für
eine echte Nachfolge Christi förderlich
sind, nämlich bedingungslose
Selbsthingabe an Ihn, den Herrn der
Geschichte (vgl. Kol 3,24), moralische
Integrität und ein Gewissen, das seine
Entscheidungen aus dem Geist des
Evangelims zu treffen vermag (vgl. 1 Tim
1,5.19).
Das bedeutet, daß die ganze
kontemplative Erfahrung darauf
ausgerichtet ist, das Leben der Brüder
im Glaubensgehorsam und in der
Selbsthingabe zum Vollmaß Jesu
Christi heranreifen zu lassen, der durch
die Gabe des Heiligen Geistes den neuen
Menschen in uns erschafft.
18. Wie aber
sollen wir im Glaubensgehorsam und in
der Selbsthingabe wachsen? In diesem
Punkt wird unsere Regel sehr konkret.
Ohne Zögern weist sie auf die drei
Grundpfeiler christlichen Lebens hin:
Wort Gottes, Liturgie, Nächstenliebe.
Echte Gottsuche im christlichen Sinn
entsteht, wächst und reift dort, wo man
sich beharrlich dem betenden Hören auf
das Wort Gottes widmet[28],
sich im liturgischen Psalmengebet des
Stundengebetes in das Gebet Christi zum
Vater hineingibt[29],
die Eucharistiefeier als
geschwisterliche Zusammenkunft um den
Herrn Jesus Christus erlebt, um von ihm
im österlichen Geheimnis erneuert und zu
einem neuen Leben umgestaltet zu werden[30],
sich in den zwischenmenschlichen
Beziehungen vom Hl. Geist zur
Nächstenliebe ermuntern läßt.[31]
Hier sind wir weit davon entfernt, aus
der Gottsuche nur eine Art Selbstsuche
zu machen oder einem leeren, abstrakten
Spiritualismus zu verfallen. Hier werden
wir in die Mitte und an die
Quelle der kontemplativen Erfahrung
geführt: Wir stehen vor einer lebendigen
und lebenschaffenden Gegenwart, vor dem
Antlitz des Gottes Jesu Christi, der uns
anspricht und uns in sich umgestaltet.
19. Auf die
sichtbaren Zeichen dieses verwandelnden
Wirkens Gottes in uns weist die Regel
mit konkreten, auf das Wesentliche
beschränkten Worten hin. Wir wollen
einen Augenblick innehalten, um über die
Ermahnungen der Regel nachzudenken: die
Gütergemeinschaft[32],
die Genügsamkeit[33],
das Anlegen der Waffen des Geistes, das
heißt, die Assimilation und
Verinnerlichung der Logik des göttlichen
Handelns, damit wir in den
Alltagskonflikten bestehen können[34];
die Arbeit als Hingabe unserer selbst an
die Brüder und Schwestern nach der Lehre
und dem Beispiel des hl. Paulus[35];
das Schweigen als weise Erziehung zu
echter Kommunikation unter Brüdern[36]
und die Aufforderung an den Prior und
die Brüder, eine ausgeglichene
geschwisterliche Liebe zu leben, indem
beide auf das Wort Christi hören, das
uns zum gegenseitigen Dienen aufruft[37].
Wir wollen auch innehalten,um über die
Texte der Regel nachzudenken, die uns
ermuntern, wachend und betend auf den
Herrn zu warten[38],
indem wir beim Empfang seines Heils
tätig mitwirken[39]
und mit uneigennütziger Kreativität
„mehr geben“ für das Leben der Brüder
und Schwestern[40].
In all diesen Abschnitten finden wir
genügend Hinweise, durch die wir
feststellen können, ob wir es allmählich
wirklich lernen, kontemplative Männer
und Frauen zu werden, das heißt, ob wir
es verstehen, die Wirklichkeit mit den
Augen Gottes zu sehen und die Zeichen
der Zeit wahrzunehmen, ob das Wort
Gottes überfließend in unserem Mund und
in unseren Herzen lebt, und ob wir uns
in unserem Handeln nur an ihm
orientieren und von ihm führen lassen.
b) Im theologalen Kontext der
Geschwisterlichkeit
20. Das
Ordensleben hat das Verdienst, „in der
Kirche das Verlangen nach
Geschwisterlichkeit als Bekenntnis zur
Dreifaltigkeit lebendig zu erhalten“,
indem es bezeugt, „daß die Teilnahme
an der trinitarischen Gemeinschaft die
menschlichen Beziehungen dahingehend zu
verändern vermag, daß sie eine neue
Art von Solidarität hervorbringt“.[41]
Mit Blick auf das Leben in
geschwisterlicher Gemeinschaft ermuntert
die Regel zum persönlichen Hören auf das
Wort Gottes in der lectio divina[42]
und zum gemeinsamen Anhören beim
gemeinsamen Tisch[43],
damit wir in Christus verwurzelt bleiben
und in inniger Beziehung mit ihm leben.
Sie fordert uns zum gemeinsamen Gebet
auf[44],
durch das wir uns im Psalmenlob auf die
Wunder der Erlösung als Kinder des
Vaters und Brüder und Schwestern vor
Gott bekennen. Ferner ermuntert sie uns,
die zentrale Feier der Eucharistie[45]
als sacramentum fraternitas zu
begehen, als geschwisterliche
Zusammenkunft um den Herrn der
Gemeinschaft, damit Er durch die Dynamik
des Ostergeheimnisses das Geschenk der
Einheit in der Verschiedenheit der
Personen erneuert.
21. Dieses
Geschenk der Einheit in der
Verschiedenheit äußert sich im konkreten
Leben am deutlichsten in der theologalen
Dynamik der Agape, der
gottgewirkten Nächstenliebe. Das ist der
Grund, weshalb die Regel uns auffordert,
in den Zusammenkünften der Gemeinschaft
den gemeinsamen Weg der
Geschwisterlichkeit zu festigen, indem
wir uns gegenseitig „behüten“, auf das
geistliche Wohl der einzelnen achten und
den Bruder, der sich verirrt hat, mit
schonender Liebe wiedergewinnen.[46]
22. In der
theologalen Dynamik der Liebe verdient
ferner die Betonung der gegenseitigen
Solidarität unsere Beachtung. In der Tat
ist es nicht die Absicht der Regel, das
Gemeinschaftliche auf Kosten des
einzelnen überzubetonen. Im Gegenteil,
in kluger Ausgewogenheit ermuntert sie
uns, die Würde des einzelnen zu achten
und die Einzelperson aufzuwerten, indem
sie dem einzelnen einen persönlichen
Lebensraum zusichert, den dieser treu
bewahren soll[47];
sie ermahnt uns, fleißig zu arbeiten, um
niemandem zur Last zu fallen[48],
beim Reden auf Ausgewogenheit bedacht zu
sein[49],
die persönlichen[50]
und gesundheitlichen[51]
Bedürfnisse des anderen zu beachten, und
aufmerksam und rücksichtsvoll zu sein
sowohl zu denen, die von außen kommen,
sei es als Freunde oder Gäste oder aus
sonstigen Gründen[52],
als auch zu denen, die uns
Gastfreundschaft erweisen.[53]
23. Die
Aufmerksamkeit gegenüber Besuchern von
außerhalb und die Rücksicht auf
diejenigen, die uns Gastfreundschaft
erweisen, zwingt die Gemeinschaft, sich
nicht in bequemer Selbstgenügsamkeit in
sich zu verschließen, sondern für den
Austausch von Gaben mit anderen offen
sein zu können. Dabei geht es sowohl
darum, geben zu können, als auch dankbar
annehmen zu können, was uns von anderen
an Gutem, an Erhellendem und an
prophetischen Hinweisen zukommt.[54]
24. Der Aufbau
einer Gemeinschaft von Brüdern und
Schwestern, die offen ist für den
anderen, wer auch immer dieser sei -
nach dem Vorbild des himmlischen
Jerusalem, dessen „Tore den ganzen Tag
nicht geschlossen werden“ (Offb 21,25) -
bewirkt, daß diese durch ihren
Lebensstil die prophetische Bedeutung
der Geschwisterlichkeit zum Aufleuchten
bringt. Nur wenn wir in jedem Menschen,
ob Mann oder Frau, einen Weggefährten
beim Aufbau des Reiches Gottes erkennen,
wird jede Gemeinschaft des Karmel fähig,
sich mit Weitblick und Geduld den
Schwierigkeiten der geschichtlichen
Stunde zu stellen, und mit parresía,
das heißt mit prophetischem Freimut vor
allem dort anwesend zu sein, wo das
Antlitz des Bruders und der Schwester
verkannt oder entstellt wird.
c) Gütergemeinschaft, Genügsamkeit und
Schweigen
25. Die heutige
Herausforderung der sozialen
Gerechtigkeit hängt unserer Meinung nach
eng mit diesem Blick für das
„Anderssein“ zusammen. Gefährdet wird
die soziale Gerechtigkeit durch „einen
habgierigen Materialismus, der
gegenüber den Bedürfnissen und Leiden
der Schwächsten gleichgültig ist und
sich nicht um das Gleichgewicht der
natürlichen Hilfsquellen kümmert“.[55]
26. Die
Karmelregel umreißt einen Lebensentwurf,
der die Bedürfnisse des anderen und die
eigenen legitimen Bedürfnisse wahrnimmt.
Diese Aufmerksamkeit stellt sie in den
Kontext der evangelischen Werte der
Armut bzw. Gütergemeinschaft[56],
des Fastens bzw. der Abstinenz[57]
und des Schweigens.[58]
Der evangelische Wert der Armut bzw. der
Gütergemeinschaft hilft uns, uns von
jeder Spaltung und jedem Antagonismus zu
befreien, die ohne jeden Zweifel durch
die Gier nach Besitz entstehen, damit
wir imstande werden, die Dinge nach
ihrem wahren Wert einzuschätzen und die
materiellen wie auch spirituellen Güter
zum Wohl aller, besonders der Armen,
miteinander zu teilen. Wenn wir im
Fasten bzw. in der Abstinenz den
österlichen Weg der Befreiung von allen
falschen Götzen sehen, um den Herrn als
einzigen Reichtum des menschlichen
Herzens aufnehmen zu können, so wird es
zu einem Wert, der uns zur
Selbstbeschränkung in unseren
Bedürfnissen und zu einem einfachen,
wesentlichen Leben anleitet. Das
Schweigen, das nicht mit Stummsein
verwechselt werden darf, lädt den
einzelnen ein, seine Worte abzuwägen,
bevor er sie ausspricht, und dem anderen
aufmerksam zuzuhören, um den wirklichen
Sinn seiner Worte zu erfassen.
Das Miteinander-Teilen, das bewirkt, daß
keiner in Not gerät, das Schweigen, das
die Voraussetzung für den rechten,
befreienden Gebrauch des Wortes schafft,
und die Übung des Fastens und der
Abstinenz, die uns den wahren Wert der
unentgeltlichen Liebe Gottes lehrt, sind
etwas ganz anderes als die Mechanismen,
die zu ungleicher Verteilung der Güter,
Ungerechtigkeit und Verarmung führen;
sie befähigen uns, das Vorhandensein und
die Auswirkungen gerade dieser Übel
wahrzunehmen.
27. Die
Gemeinschaft der Brüder und Schwestern
kann gegenüber der Sache der Armen, die
aus markwirtschaftlichen Gründen und
wegen der hohen Auslandsverschuldung
immer zahlreicher werden, nicht
unsensibel bleiben. Wenn sie zusammen
mit all denen, die sich für
Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der
Schöpfung einsetzen, den Weg zur
Einfachheit und Wesentlichkeit
zurückfindet, wird sie das Bewußtsein
schärfen, daß es für unsere Erde keine
Zukunft gibt, wenn sie nicht erneut zur
Erkenntnis gelangt, daß jeder sogenannte
Fortschritt Grenzen hat, und daß es
dringend notwendig ist, unsere
Bedürfnisse freiwillig
zurückzuschrauben. Nur durch diese
Bewußtmachung kann denen Gerechtigkeit
widerfahren, die vom Festmahl des Lebens
ausgeschlossen sind.
Auf der Grundlage dieses Gedankengangs
ergibt sich für den Karmel der
praktische Weg, als einzelne und als
Gemeinschaft, Lebensstil,
Konsumverhalten und Umgang mit Geld zu
überprüfen und kritisch zu hinterfragen,
und zugleich alle Initiativen zu
unterstützen, die für ein alternatives
Wirtschaftssystem mit mehr Gerechtigkeit
werben.
d) Spiritualität als Lebensweisheit
28. Im Licht des
postsynodalen Schreibens sehen wir für
das Ordensleben heute einen
unmittelbaren Zusammenhang zwischen der
Notwendigkeit, der Spiritualität einen
vorrangigen Platz einzuräumen, und der
Herausforderung, in der Öffentlichkeit
in Erscheinung zu treten. Ob wir ein
prophetisches Zeichen „für das Übermaß
der unentgeltlichen Liebe Gottes“ sind,
hängt sehr von der Intensität und
Qualität des geistlichen Lebens der
einzelnen wie auch der Gemeinschaft ab.
„Was in den Augen der Menschen als
Verschwendung erscheinen mag, ist für
den in seinem innersten Herzen von der
Schönheit und der Güte des Herrn
angezogenen Menschen eine klare Antwort
der Liebe“.[59]
Unsere Mystiker, die Weisheitslehrer
waren, laden uns zur Erkenntnis, die
Weisheit ist, ein durch ein
kontemplatives Leben, das Freundschaft
und Dialog mit Gott ist.[60]
29. Auf dem
Hintergrund dieser Behauptungen
erscheint der Lebensentwurf, der in
unserer Regel vorgezeichnet wird, noch
aktueller für die heutige Zeit. Die
Regel bewegt sich nicht auf der Ebene
des Funktionierens, sondern auf der des
„Strebens nach Weisheit“, das
„die Kunst des gut Lebens“ in Harmonie
mit Gott, mit sich selbst, mit den
anderen und mit der Umwelt lehren will.
Im Grunde erzieht die Regel uns zu einer
Spiritualität, die Lebensweisheit
sein will; ihre Hauptelemente sind
Christozentrik und Betonung des Wortes
Gottes, ein Netz von menschlichen
Beziehungen innerhalb und außerhalb der
Gemeinschaft, und das Anlegen der Waffen
Gottes, die unser Leben in seinen
verschiedenen Dimensionen umwandeln.
30.
Darüberhinaus legt der Text uns weitere
Werte nahe, die das Mosaik unseres
Lebens bilden, wie zum Beispiel eine
bestimmte Art und Weise, mit der Zeit
umzugehen, bei der die für das Gebet
reservierte Zeit eine eindeutige
Priorität darstellt; das Schweigen; die
Arbeit; die den Brüdern und Schwestern
geschenkte Zeit, ob im
Kommunitätsgespräch[61]
oder - wie wir schon gesehen haben - in
der Sorge für ihre Bedürfnisse, ob bei
der Aufnahme von Gästen[62]
oder bei der Verkündigung des Wortes.[63]
Pädagogische Bedeutung haben ferner die
Winke zur Pflege der lebendigen
Erinnerung an die Vergangenheit[64],
zur Kreativität bei der Vorausplanung
der Zukunft[65];
zur Treue gegenüber der eigenen
Berufung, die im Heute gelebt werden
muß, besonders in den schwierigen und
dunklen Zeiten.[66]
31. Weitere
Hinweise, die von Lebensweisheit zeugen,
betreffen die Beziehung der
Gemeinschaft zu ihrem Umfeld.
Bemerkenswert ist die Forderung der
Osmose zwischen der besonderen Art
von Ordensleben und der Wahl des Ortes,
an dem man sich niederläßt.[67]
Es ist nicht einfach jeder Ort geeignet.
Unterscheidung tut not, um
sicherzustellen, daß auch die äußerlich
sichtbaren Strukturen etwas über unsere
Spiritualität aussagen. So ist zum
Beispiel die Anordnung der Zellen um den
Gebetsraum auf dem Berg Karmel Ausdruck
der Dynamik der Umgestaltung, in der
sich der einzelne in die Gemeinschaft
begibt und die Gemeinschaft zum
einzelnen kommt. Bemerkenswert und
aktuell ist ferner das Bemühen, sich
harmonisch in das Umfeld einzufügen,
im Sinne der Anpassung an die örtlichen
Gegebenheiten und an die realen
Möglichkeiten[68],
um einen Lebensraum „nach menschlichem
Maß“ und zum Wohl des Ganzen
aufzubauen.
SCHLUSS
32. Stellen wir
die 750-Jahrfeier der Approbation
unserer Regel durch Innozenz in den
Kontext des Weges der Kirche zum dritten
Jahrtausend, dann eröffnet sie der
Karmelfamilie in menschlicher und
geistlicher Hinsicht hochaktuelle und
sehr fruchtbare Perspektiven.
Wenn der Karmel es versteht, die
tragenden Werte seiner Berufung auf
kreative Weise neu zu aktualisieren, in
Treue zum Primat des Wortes Gottes, zu
den Richtlinien des kirchlichen
Lehramtes, zu seiner eigenen
charismatischen Erfahrung und zu den
Erwartungen der Menschen unserer Zeit,
dann wird es uns der Herr selbst
„vergelten, wenn er wiederkommt“[69],
und es nicht versäumen, uns in reichem,
überfließendem Maß (vgl. Lk 6,38) mit
einem Leben zu beschenken, das von der
Schönheit des Auferstandenen verklärt
ist.
Maria, der das erste Kirchlein auf dem
Berge Karmel geweiht war, möchten wir
unseren Dank sagen mit den Worten der
hl. Teresa: „Ihr, meine
Töchter,...lobpreist Gott, weil ihr in
Wahrheit Töchter dieser Herrin seid. Da
ihr eine so gute Mutter habt, ahmt sie
nach... Erwägt wie groß diese Herrin
sein muß, und wie gut es ist, sie zur
Patronin zu haben“.[70]
Der seligen Jungfrau, die uns Mutter und
Schwester im Glauben ist, vertrauen wir
die ganze Familie des Karmel an, damit
sie fähig sei, „in der Gefolgschaft Jesu
Christi zu leben und Ihm treu, mit
reinem Herzen und gutem Gewissen zu
dienen.“[71]