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Curia Generalizia dei Carmelitani Scalzi - Corso d'Italia, 38 - 00198 ROMA - Italia
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OFFEN FÜR GOTTES ZUKUNFT

Rundschreiben der Generaloberen
Fr. Camilo Maccise OCD und Fr.
Joseph Chalmers O.Carm.
zum 750. Jahrestag der endgültigen Approbation der

KARMELREGEL

durch Innozenz IV. (1. Oktober 1247 - 1. Oktober 1997)
 

 

 

 

 

 

 

Liebe Mitbrüder und Mitschwestern im Karmel,

 

1.       Während wir in Gemeinschaft mit der ganzen Kirche den „neuen Advent“ [1] zum dritten Jahrtausend des neuen Zeitalters begehen und unseren Blick auf Jesus Christus richten, den „Urheber und Vollender des Glaubens“ (Hebr 12,2), darf die Ordensfamilie des Karmel im Jahr 1997 den 750. Jahrestag der endgültigen Approbation der Karmelregel durch Innozenz  IV. (1. Oktober 1247 - 1. Oktober 1997) begehen.

 

2.       Die Regel wurde den Eremitenbrüdern zwischen 1206 und 1214 als der am Berg Karmel gerade entstehenden „karmelitanischen“ Gemeinschaft von Albert, dem Patriarchen von Jerusalem, als vitae formula gegeben, und zwar in Übereinstimmung mit ihrem Lebensentwurf (propositum), nach welchem sie, vom Hl. Geist inspiriert, bereits lebten. Mit großem geistlichem Unterscheidungsvermögen, das seiner Hirtensorge als Bischof und seiner eigenen Ordenserfahrung als Regularkanoniker von Mortara (Pavia) entsprang, vereinte Patriarch Albert die Eremitenbrüder zur ersten Gemeinschaft des Karmel.

 

3.       In der Folge wurde die vitae formula Alberts von mehreren Päpsten bestätigt, so von Honorius III. (1226), Gregor IX. (1229) und Innozenz IV. (1245; 1246). Die wichtigste päpstliche Intervention geschah jedoch mit der päpstlichen Bulle Quae honorem Conditoris von Innozenz IV., die das Datum vom 1. Oktober 1247 trägt. Mit seiner Intervention bestätigt Innozenz IV. die Verbesserungen, Verdeutlichungen und Ergänzungen, die aufgrund der veränderten Lebenssitution der nunmehr in Europa lebenden Karmeliten am „albertinischen“ Text angebracht worden waren; er approbiert den „albertinischen“ Text mit den nachträglichen Verbesserungen und Ergänzungen als Regel und bestätigt so, daß aus den Karmeliten echte „Ordensleute“ geworden sind, eingebettet nun in den Strom der am Evangelium ausgerichteten apostolischen Brüdergemeinde der „Mendikanten“, damit sie „mit Gottes Hilfe zu ihrem eigenen Seelenheil und dem ihrer Nächsten beitragen können“.[2]

 

1. „mehr geben“

 

4.       Folglich betrachten wir die 750-Jahrfeier der Approbation durch Innozenz als ein besonderes Gnadenjahr für die ganze karmelitanische Familie, als einen kairos, eine Zeit, die sich besonders dazu eignet, uns nicht nur unsere Vergangenheit in Erinnerung zu rufen, sondern vor allem auch mutig und mit der nötigen Weisheit und dem nötigen Unterscheidungsvermögen unsere Zukunft an der Schwelle des bevorstehenden neuen Jahrtausends in den Blick zu nehmen.

 

In diesem Zusammenhang machen wir uns den Aufruf des Papstes an alle Ordenschristen zu eigen: „Ihr sollt euch nicht nur einer glanzvollen Geschichte erinnern und darüber erzählen, sondern ihr habt eine große Geschichte aufzubauen! Blickt in die Zukunft, in die der Geist euch versetzt, um durch euch noch große Dinge zu vollbringen. Macht euer Leben zu einer leidenschaftlichen Christuserwartung, indem ihr ihm entgegengeht wie die klugen Jungfrauen dem Bräutigam entgegengehen. Seid immer bereit zur Treue zu Christus, zur Kirche, zu eurem Institut und zu den Menschen unserer Zeit.“[3]

 

Die Worte Teresas von Jesus ermutigen uns, unsere gegenwärtige Situation in kreativer Treue zu verbessern: „... damit man nicht von uns sagen kann, was man von gewissen Orden sagt: Nur ihr Anfang war lobenswert. Jetzt fangen wir an, und bemüht euch, immer wieder von neuem anzufangen und vom Guten zum Besseren voranzuschreiten.“[4]

 

a) In der Dynamik kreativer Treue

 

5.       Indem wir den Aufruf des Papstes aufgreifen, möchten wir die Öffnung zur kreativen Treue - um einen heutigen Begriff zu benützen - hervorheben, die uns unsere Regel im Epilog, fast wie ein Vermächtnis, ans Herz legt: „Will aber einer noch mehr tun, dann wird es ihm der Herr vergelten, wenn er wiederkommt. Er gehe aber mit Klugheit vor, denn sie lenkt und leitet alle Tugend.“[5]

 

Dieses von großem geistlichem Unterscheidungsvermögen und von echtem Weitblick zeugende Kriterium stammt vom Regelgeber Albert und steht für das Beste, was es an monastischer Tradition gibt. Es betrachtet Ordensregeln nicht als „heilige, unantastbare“ Texte, sondern sieht deren charakteristische Eigenart darin, daß sie das Wesentliche enthalten. Folglich ist es gar nicht die Intention eines solchen Textes, die ganze charismatische Erfahrung des Autors bzw. der Gemeinschaft, für die er bestimmt ist, zu beschreiben, und noch viel weniger den Primat des Wortes Gottes, die Mittlerschaft Jesu Christi oder die österliche Gabe des Heiligen Geistes zu ersetzen. Im Grunde ist dies die Größe, aber zugleich auch die Grenze einer jeden Ordensregel.

 

Unsere Regel und unsere Heiligen, die lebendige Worte an uns sind, haben unser geistliches Erbe vermehrt. Das Charisma, das uns vereint, ist jedoch größer als das, was uns unsere Vorfahren in ihren Schriften und durch ihr eigenes Leben überliefert haben. Sie laden uns ein, in der Treue zu unserer Berufungsgnade voranschreiten und sie in der je persönlichen kreativen Weise im Heute zu inkarnieren. Als Jünger und Jüngerinnen des Herrn können wir, wie der hl. Johannes vom Kreuz sagt, „immer noch tiefer in Christus eindringen“.[6]

 

Der Patriarch Albert hält sich an dieses Kriterium, wenn er uns rät, das, was er in der Regel „in Kürze“ darlegt, als einen pädagogischen Weg der Nachfolge Christi[7] aufzufassen, der nie abgeschlossen, sondern immer offen ist für die Herausforderungen der Zukunft und unter dem absoluten Primat des Wortes Gottes steht, das, wenn es das Herz des Gläubigen brennen macht (vgl. Lk 24,22), diesen immerzu drängt, in der Hingabe seiner selbst „noch mehr zu geben“ (supererogaverit) (vgl. Lk 10,35), „noch weiter zu gehen“, und zwar mit wachem Blick für neue kreative Beiträge, zu denen ihn der Geist bewegt.

 

b) Die „Auswirkungen“ in der Geschichte des Karmel

 

6.       In der Tat, wir können die ganze Geschichte unseres Ordens unter dem Blickwinkel dieser „Auswirkungen“ der discretio spiritualis, dieses geistlichen Unterscheidungsvermögens lesen. Es hat die verschiedenen Generationen von Karmeliten und Karmelitinnen dazu angeregt, „mehr zu tun“, indem sie in wesentlichen Punkten den charismatischen Werten der Regel zwar treu blieben, dabei aber in dialektischer Konfrontation angesichts neuer Herausforderungen und der Möglichkeit, den karmelitanischen Lebensentwurf „neu zu begründen“, durchaus Kreativität entwickelten.

 

Wir denken dabei an den Übergang von der eremitisch-zönobitischen Lebensform zu der am Evangelium ausgerichteten apostolischen der „Mendikanten“, wie auch an heiligmäßige Seelenhirten, wie Albert von Trapani und Andreas Corsini , und gelehrte Theologen. Ferner denken wir an die Neuinterpretation der biblischen Vorbilder Maria und Elija und an die Evangelisierung breiter Volksschichten durch die Skapulierfrömmigkeit, an das Aufkommen von Reformbewegungen, an die verschiedenen Gründungen, und an die zur Fülle gekommene geistliche bzw. mystische Erfahrung, die in manchen Fällen für eine ganze Epoche in der Geschichte der Spiritualität prägend war, wie das zum Beispiel für die Erfahrung und die Lehre der hl. Teresa von Jesus[8], des hl. Johannes vom Kreuz und der hl. Therese vom Kinde Jesus gilt. Aus einem tiefen Verständnis für die geschichtliche Entwicklung hat Teresa von Jesus gesagt: „Richten wir unsere Augen stets auf das Geschlecht jener heiligen Propheten, von denen wir abstammen. Wie viele Heilige haben wir im Himmel, die unser Ordenskleid getragen haben! Hoffen wir gleichsam mit heiliger Vermessenheit, daß auch wir mit der Gnade Gottes einst zu ihnen kommen werden.“[9]

 

7.       Wenn wir auf unsere eigene Zeit, das heißt, auf die Jahre nach dem Konzil blicken, dann denken wir an all die Bemühungen zur Erneuerung der Gemeinschaften, von denen manche auch neue, noch ungebahnte Wege zu gehen versucht haben. Ferner denken wir an das Aufblühen von Studien und Reflexionen über die Texte unserer Heiligen, vor allem von Teresa von Jesus, Johannes vom  Kreuz und Therese vom Kinde Jesus, die als Lehrmeister in der universalen Kirche und in der ganzen Welt anerkannt und geschätzt werden. Außerdem sind uns neue Studien über den Text der Regel geschenkt worden, durch die wir deren inhaltlichen Reichtum und deren Aktualität neu entdecken konnten.

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Diese Rückkehr zu unseren Quellen war sehr wichtig und segensreich für das Leben der ganzen karmelitanischen Familie. Wie der Schriftgelehrte im Evangelium haben wir den Seiten dieses kurzen mittelalterlichen Textes alte und neue Bedeutungen entnommen (vgl. Mt 13,52); an die Stelle des Alten ist Neues gerückt, und das Neue hat gerade wegen seiner Treue zum Alten dieses neu ausgedrückt, indem es das Alte den Lebensbedingungen unserer Zeit entsprechend neu gestaltet hat.

 

8.       Auch hier haben die „Auswirkungen“ der Rückkehr zu den Quellen nicht auf sich warten lassen. Wir denken dabei an die Neuinterpretation der elianisch-marianischen Dimension des Karmel, an die geschichtliche Aufwertung der Gestalt Alberts, des Patriarchen von Jerusalem, an das Interesse unserer Kommunitäten für die Praxis der lectio divina und die Spiritualität; an das Bemühen der karmelitanischen Familie im Bereich der geistlichen Begleitung und Pastoral, das in vielen verschiedenen Formen des Dienstes zum Ausdruck kommt, wie Forschung und Unterricht in Studienzentren, in Exerzitienhäusern und Häusern des Gebets, in der allgemeinen Seelsorge, die immer deutlicher von unserer eigenen Spiritualität geprägt ist; an die Zusammenarbeit von Karmeliten O.Carm und O.C.D.

 

Über all das freuen wir uns und danken dem Herrn für die Wunder, die er weiterhin in unserer Mitte wirkt.

 

 

2. DIE HERAUSFORDERUNGEN DER GEGENWÄRTIGEN STUNDE 

 

9.       Wir wollen aber nicht nur bei der gegenwärtigen Situation stehenbleiben und diese verherrlichen, vielmehr möchten wir dazu ermuntern, immer tiefer in die Karmelregel einzudringen, und zwar sowohl im Sinne der kritischen Reflexion als auch auf der existentiellen Ebene des Gemeinschaftslebens.

 

Dabei machen wir uns die Worte des Papstes zu eigen, der die Ordenschristen bittet, ihren „unsersetzlichen Beitrag zur Verwandlung der Welt zu leisten“[10]; den jungen Ordenschristen führt er vor Augen, daß „das dritte Jahrtausend den Beitrag des Glaubens und der Phantasie von Scharen junger Menschen des geweihten Lebens erwartet, auf daß die Welt heiterer und fähiger werde, Gott und in ihm alle seine Söhne und Töchter anzunehmen.“[11]

 

In unserer Lebenszeit, die zweifellos die Jahre des dritten Jahrtausends prägen wird, sind wir dazu aufgerufen, „noch mehr zu geben“, unsere ‘forma vitae’ mit Weisheit und Unterscheidungsvermögen „neu zu beleben“, damit sie zu einem bedeutungsvollen Zeichen für den Mann und die Frau von heute wird, und in kreativer Treue die Werte unserer Regel aufleuchten zu lassen, um die Qualität des geistlichen Lebens im Karmel und die Präsenz des Karmel in Kirche und Gesellschaft unserer Zeit zu verbessern.

 

10.     Einige gesellschaftlich-kulturelle Ereignisse, die sich in diesen Jahren bemerkbar gemacht haben, gehören zu den Herausforderungen unserer Zeit. Wir sind uns bewußt, daß im Gewand dieser Herausforderungen, sofern sie mit der Gabe der Unterscheidung gedeutet werden, genau das auf uns zukommt, „was der Geist der Kirche sagt“ (Offb 2,7), daß uns dort offenbart wird, wie unsere Sendung heute auszusehen hat. Darum wollen wir unsere Aufmerksamkeit auf einige Herausforderungen richten, die uns für den Karmel unserer Tage wichtig erscheinen.

 

a) Die Suche nach dem Sinn für Gott

 

11.     Wir wissen, wie komplex und ambivalent sich heute die Suche unserer Zeitgenossen nach Religion bzw. Spiritualität darstellt, besonders in dieser Übergangszeit. Die sogenannten „neuen Formen der Hinwendung zu Gott“, ob im kirchlichen Umfeld oder auch im Sinne der Annäherung an andere Religionen, müssen allesamt kritisch hinterfragt werden. Wie es scheint, lassen sie sich auf zwei Bedürfnisse zurückführen: Einerseits auf das Bedürfnis nach Sicherheit und glaubwürdigeren Anhaltspunkten, andererseits auf die Suche nach Sinn und Transzendenz, die als Bedürfnis in jedem Mann und in jeder Frau lebt. Trotzdem müssen wir unterscheiden, ob es bei der religiösen Suche nur um eine Religion der Geborgenheit und Innerlichkeit geht oder sich ein starkes Bedürfnis nach emotionalen „Erlebnissen“ zeigt oder ein bequemer Synkretismus angestrebt wird, der Elemente aus verschiedenen Religionen miteinander vermischt, oder ob es um eine wirkliche Suche nach Sinn und nach einem transzendenten Ziel geht, das dem eigenen Leben Richtung gibt. Unschwer läßt sich in diesem neuen Klima das Bedürfnis erkennen, Männern und Frauen begegnen zu dürfen, die aus eigener Erfahrung und mit fundiertem Wissen über Gott sprechen, und die dabei einen Hauch göttlicher Gegenwart erfahrbar machen; ferner das Bedürfnis nach aktiver, verantwortlicher Teilnahme am Leben der Kirche; sodann die Notwendigkeit eines angemessenen Inkulturationsprozesses des Evangeliums in den verschiedenen kulturellen Kontexten, und zwar als wesentlicher Bestandteil der Missionsarbeit[12]; und schließlich die wichtige Aufgabe, sich mit den Schwestern und Brüdern der anderen Religionen auf einen Weg des Dialogs einzulassen, was ebenfalls ein wesentlicher Teil der Missionierung sein muß, wobei wir in ihnen die „Samenkörner des Wortes“ erkennen, die „Strahlen der Wahrheit, die alle Menschen erleuchten“ und eine andere Weise, Zeugnis von der Gegenwart Gottes in dieser Welt abzulegen.[13]

 

b) Der andere als Geschenk und Wert

 

12.     Ein weiteres neu aufkommendes kulturelles Phänomen, dem wir unsere besondere Aufmerksamkeit widmen wollen, betrifft das Menschenbild. Selbstverständlich gibt es in dieser Welt mehrere Menschenbilder. Wo immer aus ideologischen Gründen oder auch aus Parteiinteressen der volle Sinn für die Würde des Menschen und für die zwischenmenschlichen Beziehungen fehlt, wird einerseits der Individualismus und andererseits der kommunitäre Totalitarismus gestärkt. Wie aus Gegenwehr wird der Mensch dadurch häufig zu verschiedenen Formen der Gewalt verführt, wie Krieg, Manipulation, Mißbrauch jeder Art, Rache usw. In diesem Kontext wird der andere Mensch oft mehr zur Bedrohung als zum Geschenk, mehr zum Konkurrenten als zum Bruder, mehr zum Problem als zur Person, die man lieben kann.

 

Andererseits aber ist die neu aufkommende Kultur der Andersartigkeit, die sich sowohl gegen den Individualismus als auch gegen den „kommunitären“ Totalitarismus richtet und den anderen Menschen als Geschenk und unveräußerlichen Wert sieht, der an meine Solidarität und mein Verantwortungsbewußtsein appelliert, eine weitere positive Herausforderung, die auf uns zukommt. Dieses eröffnet uns fruchtbare neue Möglichkeiten, die Geschwisterlichkeit zu leben und zu bezeugen.

 

c) Die Gefährung der sozialen Gerechtigkeit

 

13.     Während in einigen Teilen der Welt ein starker Individualismus herrscht, scheint uns andererseits alles nahe gerückt und voneinander abhängig geworden zu sein. Der Prozeß der Globalisierung der Welt, der durch die gewaltige Entwicklung der Kommunikationsmittel beschleunigt wird, hat es uns ermöglicht, die Entfernungen auf das Maß eines „Dorfes“ zu reduzieren.

 

In diesem Kontext spielt die Wirtschaft eine starke, dominierende Rolle. Tatsächlich ist heute oft die Rede von der „Globalisierung der Marktwirtschaft“. Durch Ausnützung der Ressourcen und Steigerung der Produktivität wie auch der Qualität des Angebots sollte diese Globalisierung positiv zum Allgemeinwohl beitragen, das heißt, sie sollte den Lebensstandard aller heben.

 

In Wirklichkeit aber sehen wir, daß die Armut immer größere Ausmaße annimmt und auf zwei Dritteln der Weltbevölkerung lastet, während der Reichtum in den Händen von wenigen ist. Von einem regulierenden Faktor der Wirtschaft hat sich der sogenannte „Markt“ in den Händen weniger multinationaler Finanzinstitute zu einem Instrument entwickelt, das ideologischen Druck ausübt, und zwar ohne Kontrollmöglichkeit der nationalen Regierungen; dadurch kann es geschehen, daß Entscheidungen, die an einem bestimmten Ort auf der Erde fallen, die Bevölkerung eines anderen Ortes treffen, und zwar ohne jede Rücksicht auf deren nationale Souveränität oder deren grundlegende Bürgerrechte.

 

Die Zielvorstellung dieser Ideologie, die man „Neoliberalismus“ nennt, ist äußerst pragmatisch: Sie besteht im finanziellen Wachstum als Ziel in sich, im Gewinn um des Gewinnes willen, zum Nutzen einiger weniger, eben der Stärksten. Dieser Ideologie liegt eine individualistische Sicht des Menschen zugrunde, der die Fähigkeit, sein Geldeinkommen zu vergrößern, verabsolutiert, den Konkurrenzkampf auf jedem Gebiet verherrlicht und seine Habgier zum Schaden des Nächsten wie auch der Umwelt nährt.

 

Daher müssen wir an erster Stelle auf uns selbst schauen und im Lichte der Werte des Evangeliums, die für unsere Berufung richtungweisend sind, „einen Beitrag zur Vermenschlichung der Welt“[14] leisten, „ein neues, starkes Zeugnis der evangeliumsgemäßen Selbstverleugnung und Genügsamkeit, und einen geschwisterlichen Lebensstil, der sich von den Werten der Einfachheit und Gastfreundschaft inspirieren läßt.“[15]

 

d) Das Ordensleben als Zeichen

 

14.     Da wir schließlich die Welt des Ordenslebens in den Blick nehmen wollen, dürfen wir die kürzlich abgehaltene Synode über das Ordensleben wie auch das nachfolgende nachsynodale Schreiben des Papstes nicht übergehen.

 

An dieser Stelle möchten wir nur eine Herausforderung unterstreichen, die im postsynodalen Schreiben genannt wird: die der Sichtbarkeit.[16] Ganz im Sinne von Lumen Gentium spricht der Papst wiederholt vom Ordensleben als Zeichen, Ikone, Bild, Zeugnis, „Spiegel der Schönheit Gottes“ usw. Der Papst bittet, das Ordensleben möge in der dreifachen Dimension der Weihe, der Gemeinschaft und der Sendung Zeugnis davon ablegen, daß es eine lebendige Erinnerung an die Lebensweise Jesu Christi sein soll, d. h. bei aller menschlichen Zerbrechlichkeit und Schwäche der Berufenen ein Zeichen für eine vom Licht des Auferstandenen verklärte Existenz, für einen mystischen Weg, der das Übermaß der unentgeltlichen Liebe Gottes sichtbar macht.

 

Um in dieser Perspektive zu leben, ermahnt uns der Papst, die nützlichkeitsbezogene, funktionalistische Sicht des Ordenslebens aufzugeben[17] und den Exodus hin zu einer mehr theologalen, prophetischen Sicht zu vollziehen, in der die Qualität des Lebens eines religösen Instituts Priorität hat. In der Tat besteht er nicht zufällig auf der Notwendigkeit, die spirituelle Qualität der Ordensfamilien zu verbessern, wobei unter Spiritualität ein dynamischer Weg des Lebens in Christus bzw. des Lebens nach dem Geist verstanden wird, der Gestalt annimmt in „einem konkreten Plan der Beziehung zu Gott und zur Umgebung, der von besonderen geistlichen Akzenten und Entscheidungen zum Handeln[18] gekennzeichnet ist, die bald den einen, bald den anderen Aspekt des einen Geheimnisses Christi herausstellen und verkörpern.“[19]

Aus seiner mystischen und spirituellen Qualität und nicht aus der Mitgliederzahl oder den Werken[20] schöpft das Ordensleben die Reserven, um „ein starkes prophetisches Zeugnis“[21] zu geben und eine „geistliche Therapie für die Menschheit“[22] zu sein. 

 

3. ZUKUNFTSFÄHIGKEIT 

 

15.     Wenn dies einige der wahren Herausforderungen unserer Zeit sind, die sich uns, und sei es in der Komplexität der Geschehnisse, am Horizont der Zukunft Gottes auftun, und wenn wir unter den vielen Inspirationsquellen, die es heute in der Kirche gibt, unsere Regel als inspirierenden Text für die Spiritualität und die Sendung des Karmel haben, dann fragen wir uns: Wie sollen wir diese alte Regel neu lesen, damit sie für die ganze karmelitanische Familie auch auf dem Weg ins dritte Jahrtausend zu einem lebendigen, aktuellen Text wird?

 

a) Kontemplative Dimension und Wachstum in Christus

 

16.     Die Suche nach echter Gotteserfahrung, die unsere Zeitgenossen umtreibt, betrifft uns zutiefst, allein schon deshalb, weil sie uns häufig im Dialog mit unseren Heiligen begegnet. Die Gotteserfahrung, „ein neuer Name für die Kontemplation“, erwächst „aus der Meditation des Wortes Gottes, aus dem persönlichen und gemeinschaftlichen Gebet, aus der Entdeckung der Gegenwart Gottes und des göttlichen Wirkens in unserem Leben, wobei man zugleich diese Erfahrung mit dem ganzenVolk Gottes teilt“.[23] Wir meinen, daß diese Sicht dem Karmel sehr verwandt ist.

 

In der Tat ist der kontemplative Erfahrungsweg, den unsere Regel vorzeichnet, auch wenn sie diese Begriffe nicht benützt, zutiefst in einem theologalen Kontext verwurzelt, der Christus in die Mitte stellt, und in einigen spirituellen Elementen, die von wesentlicher Bedeutung für das Leben des einzelnen wie auch der Gemeinschaft sind, fest verankert. Diese Christozentrik wurde von unserer ganzen Ordensüberlieferung weiter entfaltet, wie das in besonderer Weise durch die Erfahrung und Lehre der hl. Teresa von Jesus[24] und des hl. Johannes vom Kreuz[25] bezeugt ist.

 

17.     Diese Christozentrik bildet den theologalen Hintergrund der ganzen Regel. An ihren wichtigsten Stellen stellt sie uns de facto einen Verwandlungs- und Reifungsweg in Christus als Lebensziel vor Augen.

Dieser Weg wird auf dem Hintergrund des „obsequium Jesu Christi“ zurückgelegt. Damit wird, wie wir heute mit einem Begriff des Zweiten Vatikanischen Konzils sagen können, der Primat der Nachfolge Christi bestätigt, der als „Grundgesetz“, als „wichtigste Regel“ des christlichen Lebens als solchen und somit auch des Ordenslebens gilt.[26] Diese Norm gibt dem ganzen Lebensentwurf, der in der Regel vorgezeichnet wird, Richtung und Sinn.

 

In der Tat finden wir zu Beginn der Regel einige sehr dichte Aussagen über die Nachfolge, die eine eindeutig paulinische Inspiration verraten: „In der Gefolgschaft Jesu Christi leben“, womit die Nachfolge als Glaubensgehorsam (vgl. 2 Kor 10,5) und als existentieller Gottesdienst, nämlich als Hingabe an Gott und an die Brüder und Schwestern gedeutet wird (vgl. Phil 2,17.30; Röm 12,1)[27]; „Ihm treu, mit reinem Herzen und gutem Gewissen dienen“, womit die inneren Einstellungen aufgezeigt werden, die für eine echte Nachfolge Christi förderlich sind, nämlich bedingungslose Selbsthingabe an Ihn, den Herrn der Geschichte (vgl. Kol 3,24), moralische Integrität und ein Gewissen, das seine Entscheidungen aus dem Geist des Evangelims zu treffen vermag (vgl. 1 Tim 1,5.19).

 

Das bedeutet, daß die ganze kontemplative Erfahrung darauf ausgerichtet ist, das Leben der Brüder im Glaubensgehorsam und in der Selbsthingabe zum Vollmaß Jesu Christi heranreifen zu lassen, der durch die Gabe des Heiligen Geistes den neuen Menschen in uns erschafft.

 

18.     Wie aber sollen wir im Glaubensgehorsam und in der Selbsthingabe wachsen? In diesem Punkt wird unsere Regel sehr konkret. Ohne Zögern weist sie auf die drei Grundpfeiler christlichen Lebens hin: Wort Gottes, Liturgie, Nächstenliebe. Echte Gottsuche im christlichen Sinn entsteht, wächst und reift dort, wo man sich beharrlich dem betenden Hören auf das Wort  Gottes widmet[28], sich im liturgischen Psalmengebet des Stundengebetes in das Gebet Christi zum Vater hineingibt[29], die Eucharistiefeier als geschwisterliche Zusammenkunft um den Herrn Jesus Christus erlebt, um von ihm im österlichen Geheimnis erneuert und zu einem neuen Leben umgestaltet zu werden[30], sich in den zwischenmenschlichen Beziehungen vom Hl. Geist zur Nächstenliebe ermuntern läßt.[31]

 

Hier sind wir weit davon entfernt, aus der Gottsuche nur eine Art Selbstsuche zu machen oder einem leeren, abstrakten Spiritualismus zu verfallen. Hier werden wir in die Mitte und an die Quelle der kontemplativen Erfahrung geführt: Wir stehen vor einer lebendigen und lebenschaffenden Gegenwart, vor dem Antlitz des Gottes Jesu Christi, der uns anspricht und uns in sich umgestaltet.

 

19.     Auf die sichtbaren Zeichen dieses verwandelnden Wirkens Gottes in uns weist die Regel mit konkreten, auf das Wesentliche beschränkten Worten hin. Wir wollen einen Augenblick innehalten, um über die Ermahnungen der Regel nachzudenken: die Gütergemeinschaft[32], die Genügsamkeit[33], das Anlegen der Waffen des Geistes, das heißt, die Assimilation und Verinnerlichung der Logik des göttlichen Handelns, damit wir in den Alltagskonflikten bestehen können[34]; die Arbeit als Hingabe unserer selbst an die Brüder und Schwestern nach der Lehre und dem Beispiel des hl. Paulus[35]; das Schweigen als weise Erziehung zu echter Kommunikation unter Brüdern[36] und die Aufforderung an den Prior und die Brüder, eine ausgeglichene geschwisterliche Liebe zu leben, indem beide auf das Wort Christi hören, das uns zum gegenseitigen Dienen aufruft[37]. Wir wollen auch innehalten,um über die Texte der Regel nachzudenken, die uns ermuntern, wachend und betend auf den Herrn zu warten[38], indem wir beim Empfang seines Heils tätig mitwirken[39] und mit uneigennütziger Kreativität „mehr geben“ für das Leben der Brüder und Schwestern[40]. In all diesen Abschnitten finden wir genügend Hinweise, durch die wir feststellen können, ob wir es allmählich wirklich lernen, kontemplative Männer und Frauen zu werden, das heißt, ob wir es verstehen, die Wirklichkeit mit den Augen Gottes zu sehen und die Zeichen der Zeit wahrzunehmen, ob das Wort Gottes überfließend in unserem Mund und in unseren Herzen lebt, und ob wir uns in unserem Handeln nur an ihm orientieren und von ihm führen lassen.

 

b) Im theologalen Kontext der Geschwisterlichkeit

 

20.     Das Ordensleben hat das Verdienst, „in der Kirche das Verlangen nach Geschwisterlichkeit als Bekenntnis zur Dreifaltigkeit lebendig zu erhalten“, indem es bezeugt, „daß die Teilnahme an der trinitarischen Gemeinschaft die menschlichen Beziehungen dahingehend zu verändern vermag, daß sie eine neue Art von Solidarität hervorbringt“.[41] Mit Blick auf das Leben in geschwisterlicher Gemeinschaft ermuntert die Regel zum persönlichen Hören auf das Wort Gottes in der lectio divina[42] und zum gemeinsamen Anhören beim gemeinsamen Tisch[43], damit wir in Christus verwurzelt bleiben und in inniger Beziehung mit ihm leben. Sie fordert uns zum gemeinsamen Gebet auf[44], durch das wir uns im Psalmenlob auf die Wunder der Erlösung als Kinder des Vaters und Brüder und Schwestern vor Gott bekennen. Ferner ermuntert sie uns, die zentrale Feier der Eucharistie[45] als sacramentum fraternitas zu begehen, als geschwisterliche Zusammenkunft um den Herrn der Gemeinschaft, damit Er durch die Dynamik des Ostergeheimnisses das Geschenk der Einheit in der Verschiedenheit der Personen erneuert.

 

21.     Dieses Geschenk der Einheit in der Verschiedenheit äußert sich im konkreten Leben am deutlichsten in der theologalen Dynamik der Agape, der gottgewirkten Nächstenliebe. Das ist der Grund, weshalb die Regel uns auffordert, in den Zusammenkünften der Gemeinschaft den gemeinsamen Weg der Geschwisterlichkeit zu festigen, indem wir uns gegenseitig „behüten“, auf das geistliche Wohl der einzelnen achten und den Bruder, der sich verirrt hat, mit schonender Liebe wiedergewinnen.[46]

 

22.     In der theologalen Dynamik der Liebe verdient ferner die Betonung der gegenseitigen Solidarität unsere Beachtung. In der Tat ist es nicht die Absicht der Regel, das Gemeinschaftliche auf Kosten des einzelnen überzubetonen. Im Gegenteil, in kluger Ausgewogenheit ermuntert sie uns, die Würde des einzelnen zu achten und die Einzelperson aufzuwerten, indem sie dem einzelnen einen persönlichen Lebensraum zusichert, den dieser treu bewahren soll[47]; sie ermahnt uns, fleißig zu arbeiten, um niemandem zur Last zu fallen[48], beim Reden auf Ausgewogenheit bedacht zu sein[49], die persönlichen[50] und gesundheitlichen[51] Bedürfnisse des anderen zu beachten, und aufmerksam und rücksichtsvoll zu sein sowohl zu denen, die von außen kommen, sei es als Freunde oder Gäste oder aus sonstigen Gründen[52], als auch zu denen, die uns Gastfreundschaft erweisen.[53]

 

23.     Die Aufmerksamkeit gegenüber Besuchern von außerhalb und die Rücksicht auf diejenigen, die uns Gastfreundschaft erweisen, zwingt die Gemeinschaft, sich nicht in bequemer Selbstgenügsamkeit in sich zu verschließen, sondern für den Austausch von Gaben mit anderen offen sein zu können. Dabei geht es sowohl darum, geben zu können, als auch dankbar annehmen zu können, was uns von anderen an Gutem, an Erhellendem und an prophetischen Hinweisen zukommt.[54]

 

24.     Der Aufbau einer Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern, die offen ist für den anderen, wer auch immer dieser sei - nach dem Vorbild des himmlischen Jerusalem, dessen „Tore den ganzen Tag nicht geschlossen werden“ (Offb 21,25) - bewirkt, daß diese durch ihren Lebensstil die prophetische Bedeutung der Geschwisterlichkeit zum Aufleuchten bringt. Nur wenn wir in jedem Menschen, ob Mann oder Frau, einen Weggefährten beim Aufbau des Reiches Gottes erkennen, wird jede Gemeinschaft des Karmel fähig, sich mit Weitblick und Geduld den Schwierigkeiten der geschichtlichen Stunde zu stellen, und mit parresía, das heißt mit prophetischem Freimut vor allem dort anwesend zu sein, wo das Antlitz des Bruders und der Schwester verkannt oder entstellt wird.

 

c) Gütergemeinschaft, Genügsamkeit und Schweigen

 

25.     Die heutige Herausforderung der sozialen Gerechtigkeit hängt unserer Meinung nach eng mit diesem Blick für das „Anderssein“ zusammen. Gefährdet wird die soziale Gerechtigkeit durch „einen habgierigen Materialismus, der gegenüber den Bedürfnissen und Leiden der Schwächsten gleichgültig ist und sich nicht um das Gleichgewicht der natürlichen Hilfsquellen kümmert“.[55]

 

26.     Die Karmelregel umreißt einen Lebensentwurf, der die Bedürfnisse des anderen und die eigenen legitimen Bedürfnisse wahrnimmt. Diese Aufmerksamkeit stellt sie in den Kontext der evangelischen Werte der Armut bzw. Gütergemeinschaft[56], des Fastens bzw. der Abstinenz[57] und des Schweigens.[58]

 

Der evangelische Wert der Armut bzw. der Gütergemeinschaft hilft uns, uns von jeder Spaltung und jedem Antagonismus zu befreien, die ohne jeden Zweifel durch die Gier nach Besitz entstehen, damit wir imstande werden, die Dinge nach ihrem wahren Wert einzuschätzen und die materiellen wie auch spirituellen Güter zum Wohl aller, besonders der Armen, miteinander zu teilen. Wenn wir im Fasten bzw. in der Abstinenz den österlichen Weg der Befreiung von allen falschen Götzen sehen, um den Herrn als einzigen Reichtum des menschlichen Herzens aufnehmen zu können, so wird es zu einem Wert, der uns zur Selbstbeschränkung in unseren Bedürfnissen und zu einem einfachen, wesentlichen Leben anleitet. Das Schweigen, das nicht mit Stummsein verwechselt werden darf, lädt den einzelnen ein, seine Worte abzuwägen, bevor er sie ausspricht, und dem anderen aufmerksam zuzuhören, um den wirklichen Sinn seiner Worte zu erfassen.

 

Das Miteinander-Teilen, das bewirkt, daß keiner in Not gerät, das Schweigen, das die Voraussetzung für den rechten, befreienden Gebrauch des Wortes schafft, und die Übung des Fastens und der Abstinenz, die uns den wahren Wert der unentgeltlichen Liebe Gottes lehrt, sind etwas ganz anderes als die Mechanismen, die zu ungleicher Verteilung der Güter, Ungerechtigkeit und Verarmung führen; sie befähigen uns, das Vorhandensein und die Auswirkungen gerade dieser Übel wahrzunehmen.

 

27.     Die Gemeinschaft der Brüder und Schwestern kann gegenüber der Sache der Armen, die aus markwirtschaftlichen Gründen und wegen der hohen Auslandsverschuldung immer zahlreicher werden, nicht unsensibel bleiben. Wenn sie zusammen mit all denen, die sich für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung einsetzen, den Weg zur Einfachheit und Wesentlichkeit zurückfindet, wird sie das Bewußtsein schärfen, daß es für unsere Erde keine Zukunft gibt, wenn sie nicht erneut zur Erkenntnis gelangt, daß jeder sogenannte Fortschritt Grenzen hat, und daß es dringend notwendig ist, unsere Bedürfnisse freiwillig zurückzuschrauben. Nur durch diese Bewußtmachung kann denen Gerechtigkeit widerfahren, die vom Festmahl des Lebens ausgeschlossen sind.

 

Auf der Grundlage dieses Gedankengangs ergibt sich für den Karmel der praktische Weg, als einzelne und als Gemeinschaft, Lebensstil, Konsumverhalten und Umgang mit Geld zu überprüfen und kritisch zu hinterfragen, und zugleich alle Initiativen zu unterstützen, die für ein alternatives Wirtschaftssystem mit mehr Gerechtigkeit werben.

 

d) Spiritualität als Lebensweisheit

 

28.     Im Licht des postsynodalen Schreibens sehen wir für das Ordensleben heute einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen der Notwendigkeit, der Spiritualität einen vorrangigen Platz einzuräumen, und der Herausforderung, in der Öffentlichkeit in Erscheinung zu treten. Ob wir ein prophetisches Zeichen „für das Übermaß der unentgeltlichen Liebe Gottes“ sind, hängt sehr von der Intensität und Qualität des geistlichen Lebens der einzelnen wie auch der Gemeinschaft ab. „Was in den Augen der Menschen als Verschwendung erscheinen mag, ist für den in seinem innersten Herzen von der Schönheit und der Güte des Herrn angezogenen Menschen eine klare Antwort der Liebe“.[59] Unsere Mystiker, die Weisheitslehrer waren, laden uns zur Erkenntnis, die Weisheit ist, ein durch ein kontemplatives Leben, das Freundschaft und Dialog mit Gott ist.[60]

 

29.     Auf dem Hintergrund dieser Behauptungen erscheint der Lebensentwurf, der in unserer Regel vorgezeichnet wird, noch aktueller für die heutige Zeit. Die Regel bewegt sich nicht auf der Ebene des Funktionierens, sondern auf der des „Strebens nach Weisheit“, das „die Kunst des gut Lebens“ in Harmonie mit Gott, mit sich selbst, mit den anderen und mit der Umwelt lehren will. Im Grunde erzieht die Regel uns zu einer Spiritualität, die Lebensweisheit sein will; ihre Hauptelemente sind Christozentrik und Betonung des Wortes Gottes, ein Netz von menschlichen Beziehungen innerhalb und außerhalb der Gemeinschaft, und das Anlegen der Waffen Gottes, die unser Leben in seinen verschiedenen Dimensionen umwandeln.

 

30.     Darüberhinaus legt der Text uns weitere Werte nahe, die das Mosaik unseres Lebens bilden, wie zum Beispiel eine bestimmte Art und Weise, mit der Zeit umzugehen, bei der die für das Gebet reservierte Zeit eine eindeutige Priorität darstellt; das Schweigen; die Arbeit; die den Brüdern und Schwestern geschenkte Zeit, ob im Kommunitätsgespräch[61] oder - wie wir schon gesehen haben - in der Sorge für ihre Bedürfnisse, ob bei der Aufnahme von Gästen[62] oder bei der Verkündigung des Wortes.[63] Pädagogische Bedeutung haben ferner die Winke zur Pflege der lebendigen Erinnerung an die Vergangenheit[64], zur Kreativität bei der Vorausplanung der Zukunft[65]; zur Treue gegenüber der eigenen Berufung, die im Heute gelebt werden muß, besonders in den schwierigen und dunklen Zeiten.[66]

 

31.     Weitere Hinweise, die von Lebensweisheit zeugen, betreffen die Beziehung der Gemeinschaft zu ihrem Umfeld. Bemerkenswert ist die Forderung der Osmose zwischen der besonderen Art von Ordensleben und der Wahl des Ortes, an dem man sich niederläßt.[67] Es ist nicht einfach jeder Ort geeignet. Unterscheidung tut not, um sicherzustellen, daß auch die äußerlich sichtbaren Strukturen etwas über unsere Spiritualität aussagen. So ist zum Beispiel die Anordnung der Zellen um den Gebetsraum auf dem Berg Karmel Ausdruck der Dynamik der Umgestaltung, in der sich der einzelne in die Gemeinschaft begibt und die Gemeinschaft zum einzelnen kommt. Bemerkenswert und aktuell ist ferner das Bemühen, sich harmonisch in das Umfeld einzufügen, im Sinne der Anpassung an die örtlichen Gegebenheiten und an die realen Möglichkeiten[68], um einen Lebensraum „nach menschlichem Maß“ und zum Wohl des Ganzen aufzubauen. 

 

SCHLUSS

 

32.     Stellen wir die 750-Jahrfeier der Approbation unserer Regel durch Innozenz in den Kontext des Weges der Kirche zum dritten Jahrtausend, dann eröffnet sie der Karmelfamilie in menschlicher und geistlicher Hinsicht hochaktuelle und sehr fruchtbare Perspektiven.

 

Wenn der Karmel es versteht, die tragenden Werte seiner Berufung auf kreative Weise neu zu aktualisieren, in Treue zum Primat des Wortes Gottes, zu den Richtlinien des kirchlichen Lehramtes, zu seiner eigenen charismatischen Erfahrung und zu den Erwartungen der Menschen unserer Zeit, dann wird es uns der Herr selbst „vergelten, wenn er wiederkommt“[69], und es nicht versäumen, uns in reichem, überfließendem Maß (vgl. Lk 6,38) mit einem Leben zu beschenken, das von der Schönheit des Auferstandenen verklärt ist.

 

Maria, der das erste Kirchlein auf dem Berge Karmel geweiht war, möchten wir unseren Dank sagen mit den Worten der hl. Teresa: „Ihr, meine Töchter,...lobpreist Gott, weil ihr in Wahrheit Töchter dieser Herrin seid. Da ihr eine so gute Mutter habt, ahmt sie nach... Erwägt wie groß diese Herrin sein muß, und wie gut es ist, sie zur Patronin zu haben“.[70]

 

Der seligen Jungfrau, die uns Mutter und Schwester im Glauben ist, vertrauen wir die ganze Familie des Karmel an, damit sie fähig sei, „in der Gefolgschaft Jesu Christi zu leben und Ihm treu, mit reinem Herzen und gutem Gewissen zu dienen.“[71]


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[1] Siehe Johannes Paul II., Tertio millennio adveniente, Nr. 23.

 

[2] Innozenz IV., Paganorum incursus vom 27. Juli 1246; hg. von A. Staring, Four Bulls of Innocent IV, in Carmelus 27 (1980) 282.

 

[3] Johannes Paul II., Vita consecrata Nr. 110.

 

[4] Gründungen 29,32.

 

[5] Regel, Epilog (deutscher Text der Regel nach der Ausgabe der Konstitutionen von 1986 bzw. 1991)

 

[6] Geistlicher Gesang A 36,3 bzw. B 37,4.

 

[7] „Leben in der Nachfolge Jesu Christi“ (Regel, Prolog); „Will aber einer noch mehr tun, dann wird es ihm der Herr vergelten, wenn er wiederkommt.“ (AaO., Epilog).

 

[8] Im geistlichen Handbuch für ihre Schwestern, dem Weg der Vollkommenheit, und in der Chronik ihrer „Taubenschläge der seligsten Jungfrau“ (Klostergründungen 4,5) hat Teresa von Jesus uns einige wichtige Bemerkungen über die Regel und über die „Anfänge“ hinterlassen. In den Klostergründungen heißt es geradezu beschwörend: „In seinem Namen bitte ich euch, meine Schwestern und Töchter, dies ohne Unterlaß von unserem Herrn zu erflehen; und jede von denen, die noch zu uns kommen werden, soll der Meinung sein, daß durch sie die Beobachtung der ursprünglichen Regel Unserer Lieben Frau ihren Anfang nehme.“ (27,11).

 

[9] Gründungen 29,33.

 

[10] Johannes Paul II., Vita consecrata, Nr. 110.

 

[11] AaO., Nr. 106.

 

[12] Vgl. Johannes Paul II., Redemptoris missio, Nr. 52-54.

 

[13] AaO., Nr. 55-56.

 

[14] AaO.

 

[15] AaO., Nr. 90.

 

[16] „Unterdessen gewannen die Nonnen allmählich das Vertrauen des Volkes, und man brachte ihnen große Hochachtung entgegen... Sie beobachteten die Regel und die Satzungen... Unser Herr berief allmählich einige zur Annahme des Ordenskleides...“ Gründungen 3,18.

 

[17] Johannes Paul II., Vita consecrata, Nr. 104.

 

[18] „..wenn meine Gefährtinnen so wären, wie ich sie mir meinen Wünschen gemäß vorgestellt hatte...“ Weg der Vollkommenheit 1,2

 

[19] Vgl. Vita consecrata, Nr. 93.

 

[20] AaO., Nr. 63.

 

[21] AaO., Nr. 85.

 

[22] AaO., Nr. 87.

 

[23] Johannes Paul II., Los caminos del Evangelio, Nr. 25, in: AAS 83 (1991) 22-45.

 

[24] Siehe Leben 22.

 

[25] Siehe 2 Aufstieg 22,3-7.

 

[26] Siehe Perfectae Caritatis, Nr. 2a.

 

[27] Es sei darauf hingewiesen, daß die Vulgata an diesen Stellen die Vokabel obsequium benützt.

 

[28] Vgl. Regel, Kap. 7.

 

[29] AaO., Kap. 8.

 

[30] AaO., Kap. 10.

 

[31] AaO., Kap. 11.

 

[32] AaO., Kap. 9.

 

[33] AaO., Kap. 12-13.

 

[34] AaO., Kap. 14.

 

[35] AaO., Kap. 15.

 

[36] AaO., Kap. 16.

 

[37] AaO., Kap. 17-18.

 

[38] AaO., Kap. 6 und 7.

 

[39] AaO., Kap. 14.

 

[40] AaO., Epilog.

 

[41] Johannes Paul II., Vita consecrata, Nr. 41.

 

[42] Regel, Kap. 6.

 

[43] Regel, Kap. 4. Obwohl wir diesen altehrwürdigen Brauch nicht aufgeben, ziehen wir heute andere Orte und andere Formen der gemeinsamen Schriftlesung vor, die mehr Austausch ermöglichen.

 

[44] AaO., Kap. 7.

 

[45] AaO., Kap. 10.

 

[46] AaO., Kap. 11.

 

[47] AaO., Kap. 3 und 5. Es sei daran erinnert, daß dieser „Privatraum“ in Kapitel 6 vor allem dem Zweck zugeführt wird, der beständigen Meditation des Wortes Gottes und dem Gebet zu dienen.

 

[48] AaO., Kap. 15.

 

[49] AaO., Kap. 16.

 

[50] AaO., Kap. 7.

 

[51] AaO., Kap. 9; 12; 13.

 

[52] AaO., Kap. 5.

 

[53] AaO., Kap. 13.

 

[54] Siehe Gaudium et spes, Nr. 44.

 

[55] Johannes Paul II., Vita consecrata, Nr. 89.

 

[56] Regel, Kap. 8-9.

 

[57] AaO., Kap. 12-13.