Curia Generalizia dei Carmelitani Scalzi -
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Rundschreiben der Generaloberen O.C.D. und
O.Carm.
zum Beginn des Dritten Jahrtausends
DIE HEILIGE
PFORTE DURCHSCHREITEN
Als Brüder und Schwestern auf dem Weg ins
neue Jahrtausend
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EINLEITUNG
1. „Den Blick fest auf das Geheimnis der
Menschwerdung des Gottessohnes
gerichtet, schickt sich die Kirche an,
die Schwelle des dritten Jahrtausends zu
überschreiten“,
um ihrem Herrn mit erneuerter,
selbstloser Treue und mit Hoffnung, die
sich auf die letzte und endgültige
Begegnung mit ihm gründet,
entgegenzugehen. „Es ist wie eine
Einladung zu einem Hochzeitsfest“, wie
der Papst diese Jubiläumsfeier
bezeichnet hat;
es ist Gottes Vermählung mit der
Menschheit durch die Menschwerdung
seines Sohnes in dieser Zeit. „Gott hat
unter uns gewohnt“ (Joh 1,14), um bei
uns und mit uns zu sein; um uns von
aller Sklaverei zu befreien und uns den
Weg der Solidarität und des Einstehens
füreinander zu weisen.
2. Auch von uns, der großen Familie des
Karmel - Brüder, Schwestern, Laien -,
muß dieses Ereignis als eine Zeit der
Gnade gelebt werden, als ein Geschehen,
das uns in der kreativen Treue erneuert.
Die großen Themen des Jubiläums, wie
die Pilgerschaft, die Heilige Pforte,
die Läuterung des Gedächtnisses, die
Zeugenschaft der Märtyrer, die neue
prophetische Solidarität, treffen in
unserem Herzen und in unserem Glauben
auf lebendigen Widerhall.
3.
Wir sind eingeladen, zum Grund- und
Wesensinhalt unserer Regel
zurückzukehren, wie es unsere Heiligen
taten, die Vorkämpfer und Inspiratoren
von Neubegründungen und Erneuerungen
waren. Wir möchten Euch einladen, auf
die Vergangenheit, die Gegenwart, aber
vor allem auf die Zukunft zu schauen, in
die uns der Geist durch die
Herausforderungen der Zeichen der Zeit
und der uns umgebenden Welt führt.
I
DEN BLICK
AUF UNSERE GRÜNDER GERICHTET
1. Eine Geschichte voller Leben
4.
An den Ursprüngen unseres Ordens steht
nicht eine charismatische
Einzelgestalt, sondern eine Gruppe von
Pilgern, die aus dem Abendland kommend
„sich in den Dienst des Herrn“ stellten
und ihre Sehnsüchte und Erfahrungen
miteinander teilten, als sie sich an den
Hängen des Berg Karmel niederließen. In
einem Klima großen Eifers für eine
radikale Erneuerung der Kirche in der
Nachfolge des armen Christus als des
Lehrmeisters echter Brüderlichkeit
bedeutete die Reise ins Heilige Land und
das Verbleiben an jenen Orten im 12.
Jahrhundert die höchste Form der
Neubelebung von Idealen.
5. Das Verweilen an dem einen oder
anderen der für die Heilsgeschichte
bedeutsamen Orte erforderte eine
Relektüre der mit den verschiedenen
Orten verbundenen großen Ereignisse und
Gestalten. So wird auch ein historisches
Zeugnis, das von den Karmeliten spricht,
von neuem lebendig:
„Andere führten in Nachahmung des hl.
Anachoreten, des Propheten Elija, am
Berg Karmel ein Einsiedlerleben,
besonders in jener Gegend, die oberhalb
der Stadt Porphyria liegt, die heute
Haifa genannt wird, in der Nähe der
Quelle, die Eliasquelle heißt, nicht
weit weg vom Kloster der hl. Jungfrau
Margarita. Sie lebten in der Einsamkeit,
jeder für sich, wo sie in
bienenkorbförmigen Zellen gleichsam als
Bienen des Herrn wie Honig geistliche
Süßigkeit bereiteten... Dieser Berg
Karmel, auf dem Elija weilte, liegt nahe
am Meer, vier Meilen von Akkon
entfernt“.
6.
Das also ist unsere
Entstehungsgeschichte. Unsere Vorfahren
wurden von einem propositum
(Vorhaben) zur selbstlosen Nachfolge
Jesu angeregt, die in einer konkreten
Form von gemeinschaftlichem Leben ihren
Ausdruck fand und sich inspirierte an
der beständigen und betenden Betrachtung
des Wortes Gottes, dem brüderlichen
Austausch und der gemeinsamen
Entscheidungsfindung, der Handarbeit
und dem Einstehen füreinander, der
Gütergemeinschaft, der Nüchternheit
und Einfachheit von Strukturen und
Lebensräumen, der zentralen Bedeutung
der Eucharistiefeier am Ort des
Gebetes. Die durch die Niederlassungen
von byzantinischen Mönchen an diesem Ort
schon bestehende geistliche Tradition
lebte von verschiedenen Elementen, wie
dem Psalmengebet, körperlichen
Bußübungen, der Läuterung des Herzens,
dem geistlichen Kampf, der Einsamkeit,
einer großen Flexibilität für
Vorschriften und der wachsamen
Erwartung der Rückkehr des Herrn.
7. Bei der erzwungenen Übersiedlung nach
Europa ist dieses propositum
trotz der Angliederung an die
entstehenden Mendikantengemeinschaften
erhalten geblieben. Das erlaubte es, in
der Urinspiration des Charismas weise
Anpassungen vorzunehmen, ohne deshalb
jedoch die Orientierung in den
Hauptintentionen einzuengen. Der
Ablösungsprozeß von Palästina und die
Eingliederung in Europa erforderte
mutige Entscheidungen und dynamische
Treue.
2. Kraft zum Bestehen neuer
Herausforderungen
8.
Als sich im 15. bis 17. Jahrhundert mit
dem Aufkommen des Rationalismus und dem
unaufhaltsamen Drängen auf die neue
Würde der menschlichen Person und seine
Autonomie die große Wende zur Neuzeit
vollzog, sah sich auch der Karmel vor
neue Herausforderungen gestellt. In
dieser Zeit sind zahlreiche „Reformen“
entstanden, die seit Beginn des 15.
Jahrhunderts die Rückkehr zum
Anfangsideal im Auge hatten. Es
entstanden unsere kontemplativen
Frauengemeinschaften und es
entwickelten sich Gruppierungen von
Laien, die sich vom Leben der
Karmeliten angezogen fühlten und
Anschluß an sie suchten. In diese Zeit
fällt auch die allmähliche Ausbreitung
der Marienfrömmigkeit unter dem Volk
und die Vermehrung von kulturellen und
sozialen Initiativen im Schatten unserer
Konvente.
9.
Unter allen Erneuerungsbewegungen
verdient das Werk, das die hl. Teresa
von Jesus mit Hilfe des hl. Johannes vom
Kreuz durchführte, besondere Erwähnung.
Mehr als eine „Reform“ ist es eine wahre
„Neubegründung“ gewesen. Ihr
spirituelles Lehramt und ihre Tätigkeit
als Gründer von „reformierten Konventen
und Klöstern“ sind den folgenden
Jahrhunderten zum Vorbild und für den
gesamten Karmelorden zur Inspiration
geworden. Daneben sind für den
Stammorden des Karmel auch die Reform
von Touraine, die herausragende Mystiker
und geistliche Schriftsteller
hervorgebracht hat, und die von Maria
Magdalena von Pazzi ausgeübte Rolle mit
ihrer glühenden Liebe zur Kirche und
ihrer mystischen, auf die Schrift und
die Liturgie sich gründenden Erfahrung
von reicher Fruchtbarkeit gewesen.
3. Eine neue Bewußtseinslage
10. Das zu Ende gehende
Jahrhundert mit seinen schnellen und
tiefgreifenden Veränderungen hat uns
geholfen, uns unseres Charismas und
unserer Spiritualität immer mehr bewußt
zu werden. Am Ende eines Jahrhunderts,
das von Säkularisierung, von der Suche
nach Gerechtigkeit und Freiheit und
Globalisierung gekennzeichnet ist,
bricht sich geradezu weltweit auch der
Hunger nach Spiritualität und sogar nach
mystischer Erfahrung Bahn.
11. Eine Folge dieses Bedürfnisses, das
sich am Ende dieses Jahrhunderts mit
aller Deutlichkeit zeigt, ist es nun,
daß wir uns von Seiten der
karmelitanischen Familie an eine
Neuinterpretation des Verständnisses
unseres Charismas und unserer Sendung
machen können. Zu dieser neuen Sicht
haben viele unserer Schriftsteller und
Historiker für Spiritualität
beigetragen, besonders aber das gelebte
Beispiel und das geistliche Lehramt der
heiligen Kirchenlehrerin Therese vom
Kinde Jesus und Edith Steins, des sel.
Titus Brandsma und der sel. Elisabeth
von der Dreifaltigkeit, die uns bei der
Vertiefung und Inkulturierung des
karmelitanischen Charismas helfen.
12. Sie sind es, die die neu
aufbrechenden Probleme verspürt und
benannt haben, wie z. B. die
Alltagsfrömmigkeit und das Verlangen
nach einer möglichst weltumspannenden
Geschwisterlichkeit, das Geheimnis der
Dreifaltigkeit und die Herausforderung
durch die Kultur, das neue Antlitz der
Kirche und die Erinnerung an unsere
jüdische Wurzel, die neuen
Kommunikationsformen und das Bewußtsein
von der Würde der Frau, den Dialog mit
den Weltreligionen und eine neue
Theologie des Kreuzes und des
Martyriums, die zentrale Bedeutung des
Erlösers und die Freiheit des mündigen
Christen. Sie haben uns neue, an unserem
reichen geistlichen Erbe inspirierte
Zugänge und Ausdrucksweisen aufgezeigt,
die für die neuen Generationen nicht
unbedeutend sind.
13. Während eines ganzen Jahrhunderts
ist so in jeder der beiden Ausprägungen
karmelitanischer Lebens- und
Verwirklichungsform der Reichtum der
Ursprünge wieder gefunden worden: die
Regel, die marianische und elianische
Tradition, die pastorale Praxis. Auch
die Originalität von Teresas
„Neubegründung“ ist glücklicherweise
wieder entdeckt worden, ohne daß dabei
ihre Kontinuität mit den grundlegenden
Elementen der vorhergehenden vier
Jahrhunderte verleugnet worden wäre. Wir
haben auch die Gnade verschiedener
Jubiläen und die Aufnahme von Schwestern
und Brüdern unseres Ordens in das
Verzeichnis der Seligen und Heiligen, ja
sogar der Kirchenlehrer erlebt. So
stellt uns dieser lange Weg vor ein
großes Unternehmen, nämlich vor die
Berufung, dem Herrn, der an der Schwelle
des dritten Jahrtausends in den Zeichen
der Zeit und der uns umgebenden Welt zu
uns spricht, mit kreativer Treue zu
antworten.
II
DIE SCHWELLE DES NEUEN JAHRTAUSENDS
MIT EINER ERNEUERTEN IDENTITÄT
ÜBERSCHREITEN
14. Eines der großen und immer wieder
erwähnten Symbole des Jubiläums ist das
Durchschreiten der Heiligen Pforte.
Als erster wird sie der Papst in der
kommenden Weihnachtsnacht durchschreiten
und dabei „der Kirche und der Welt das
Heilige Evangelium zeigen, die Quelle
des Lebens und der Hoffnung für das
bevorstehende Dritte Jahrtausend“.
Wir alle stehen vor der „Heiligen
Pforte“ als Pilger, und indem wir
sie durchschreiten, vollenden wir mit
der gesamten Menschheit einen weiteren
Schritt auf die endgültige Begegnung mit
Jesus Christus hin.
15. Diese Zeichen und Symbole beinhalten
für uns lebensnotwendige Werte, die
unsere Identität gekennzeichnet haben
und auch weiterhin beleben und
orientieren müssen. Ausdrücke wie
Pilgerschaft, Nacht, Christusbegegnung,
Tor zum Leben, aber auch
Läuterung des Erinnerungsvermögens,
Martyrium, Versöhnung mit Gott und der
Gemeinschaft, Geschwisterlichkeit,
Befreiungsgesang und ähnliche
bringen unsere Spiritualität am
deutlichsten zum Ausdruck und sind bis
heute Quelle der Inspiration. Beim
Durchschreiten der Schwelle zum neuen
Jahrtausend haben wir unser historisches
Gedächtnis zwar mit dabei, doch wollen
wir bestimmte Richtungen einschlagen, um
mit einer gut definierten Identität in
dieses neue Millenium einzutreten. Wir
zeigen sie zur Orientierung auf diesem
Weg hier auf.
16. 1. Leben in
Pilgerschaft. Die Erfahrung der
Pilgerschaft ist ohne Zweifel in unserer
Geschichte verwurzelt. Auf sie müssen
wir ständig Bezug nehmen und uns auf den
Weg an die Peripherie zu anderen
soziokulturellen Situationen machen, um
neue Möglichkeiten für Begegnungen,
Zeugenschaft und Dienstbereitschaft zu
erkunden. Dabei weist uns die
orientierende Weisheit unserer
Spiritualität klare Ziele und
angemessene Methoden, um die christliche
Freiheit zu leben und uns in den Dienst
an unseren Schwestern und Brüdern zu
stellen.
17. 2. In Treue zu
einer reichen Tradition. Ein seit
unseren Ursprüngen sehr eindeutiger
Aspekt ist die Verwurzelung in der
großen geistlichen Tradition des
Mönchtums gewesen. Das hat zur Suche
nach einer lebendigen Verbindung mit dem
Propheten Elija geführt, der im
nachsynodalen Schreiben Vita
consecrata als „Vorbild des
monastischen Ordenslebens“ und als
„furchtloser Prophet und Gottesfreund“
bezeichnet wird.
Die Regel nimmt die geistliche,
aszetische und betende Weisheit des
klassischen Mönchtums getreulich auf.
Die intensive Marienverehrung läßt
Anleihen aus der Patristik und dem
Mönchtum erkennen, wenn wir an Titel wie
Mutter, Patronin, Schwester und
Virgo purissima (reinste Jungfrau)
denken. Die neue Interpretation der
Regel, die wir aus den verschiedenen
geopraphisch-kulturellen Kontexten
herauszulesen versuchen, kann als
Beispiel gelten, das wir auch auf andere
Bereiche unseres Lebens und unserer
Spiritualität anwenden könnten.
18. 3. Hingewandt
auf Christus. Der grundlegende
Christozentrismus der Regel, der
immer mit dem Ausdruck „in obsequio Jesu
Christi - in der Gefolgschaft Jesu
Christi“ verbunden wurde, durchwirkt als
internes Strukturprinzip die gesamte
Regel und alle ihre Perspektiven,
und als eschatologischer Ausblick den
Schlußsatz, in dem auf die Wiederkunft
des Herrn als Richter und Retter
hingewiesen wird.
Dieser Ansatz hat in den achthundert
Jahren beachtliche Erweiterungen und
auch wertvolle Bereicherungen erfahren.
Alle unsere großen Lehrmeister,
angefangen von Teresa von Jesus und
Johannes vom Kreuz über Maria Magdalena
von Pazzi und Therese von Lisieux bis zu
Edith Stein und Titus Brandsma, haben
eine besondere Vorliebe für die Suche
nach dem Antlitz des Herrn, für das
Gespräch von Herz zu Herz und für die
Formulierung neuer Ausdrucksformen an
den Tag gelegt, um mit ihrer Hilfe die
Abläufe der vollen Gleichgestaltung an
Gott beschreiben zu können. Entsprechend
den linguistischen, ethischen und
spirituellen Empfindungen der Orte und
Zeiten haben die verschiedenen
Generationen von Karmeliten und
Karmelitinnen dazu beigetragen, das
Geheimnis Christi in den
unterschiedlichen Ausprägungen von
Heiligkeit in den Mittelpunkt zu stellen
und die unerschöpflichen Reichtümer
seiner Menschwerdung zu erforschen. So
sind auch wir eingeladen, diese
Erfahrungen weiterzuführen und sie im
Dialog mit unserer spirituellen
Tradition und der Volksfrömmigkeit zu
leben.
19. 4. Die
beständige Betrachtung des Wortes des
Herrn. Die Betrachtung des Wortes
ist ein anderes tragendes Element des
karmelitanischen Lebensprojektes in der
Nachfolge Christi. Die Ausdrücke „meditantes“
und „vigilantes“ bringen das Verrichten
des Lesens und Meditierens, des Betens
und des Erkennens zum Ausdruck, das mit
den Augen des Herzens die Anwesenheit
des Herrn in seinem Wort und in allen
Ereignissen sieht.
Dieses „Betrachten des Wortes des Herrn“
in der Schule der Regel, das von
Teresa und anderen Mystikern des Karmel
aufgegriffen wurde, bereitet auf das
Gebet als freundschaftliches Verweilen
bei Gott und auf die Kontemplation als
Vereinigung mit ihm, dem
menschgewordenen Wort Gottes, vor. Unser
kontemplatives Charisma und die
erneuerte Praxis der „Lectio divina“
können von einer seriösen
Auseinandersetzung mit der modernen
Hermeneutik und den neuen Relektüren nur
profitieren. In der Begegnung der
Kontemplation wird Gottes Wort in der
Schrift zu Gottes Wort in uns, um mit
Gottes Wort im Leben zu einer Einheit zu
werden. Wir dürfen diese Lektüre des
Wortes nicht nur auf uns beschränken,
sondern müssen sie auch in die
Unterweisungen über Spiritualität, in
die Versammlungen zur „Lectio divina“
und in die pastoralen Methoden
miteinbringen, um dem Volk Gottes einen
existentiellen, kontemplativen und
betenden Zugang zu den Reichtümern des
Wortes zu eröffnen.
20. 5. Die Anfrage
durch den Hunger nach Spiritualität.
Unsere spirituelle Tradition wird heute
in heilsamer Weise vom Hunger nach
Spiritualität angefragt, der seine
Sättigung so oft in einem verkürzten
Spiritualismus zu erreichen sucht. Im
Licht der Erfahrung und Lehre unserer
Heiligen sind wir zu Hilfestellungen und
praktischen Vorschlägen aufgefordert, um
Lösungswege aufzuzeigen, zur
Unterscheidung der Geister beizutragen
und die Gefahr von oberflächlichen
Erfahrungen des Heiligen
auszuschließen. Wir sind dazu
aufgerufen, eine am Leben orientierte
und in die verschiedenen Bereiche
inkulturierte Spiritualität zu leben,
die nicht nur Theorie, sondern gelebte
Erfahrung ist und zur Solidarität mit
allen Menschen, ihren Freuden und
Hoffnungen, ihrer Trauer und Angst wird.
21. 6. Das Leben in
brüderlicher Gemeinschaft und der
apostolische Einsatz. Sowohl in der
Regel als auch in der
Neubegründung Teresas tritt das Projekt
einer einladenden und taktvollen,
betenden und solidarischen, armen und
flexiblen brüderlichen Gemeinschaft
deutlich zu Tage. Heute vermögen wir den
Wert dieses originellen Entwurfes besser
zu verstehen und zu schätzen. Zur
gleichen Zeit verspüren wir auch neue
Herausforderungen für eine echte
Brüderlichkeit, die für noch weitere
Dimensionen von Solidarität offen ist,
um eine „Spiritualität der Gemeinschaft“
wachsen zu lassen, die sich bis in die
Weiten der Evangelisierung der Völker,
dem leidenschaftlichen Verlangen unserer
Heiligen, hinein ausdehnt. Teresa von
Jesus widmet ihr ganzes Leben und Werk
dieser apostolischen Dimension des
Gebetes; Therese von Lisieux hat den
Wunsch, zu allen Zeiten und über ihr
irdisches Leben hinaus das Evangelium zu
verkünden; Titus Brandsma verteidigt die
Würde und die Freiheit des Menschen
gegen Rassenkult und Ideologien aller
Art; Edith Stein lebt das tragische
Geschick ihres von der Shoah, dem
Holocaust, bedrohten jüdischen Volkes
bis zur letzten Konsequenz mit.
III
PRAKTISCHE HINWEISE
ZUM ÜBERSCHREITEN DER SCHWELLE
DES NEUEN JAHRTAUSENDS
22. Der symbolische Aufruf zum
„Überschreiten der Schwelle“ eröffnete
vor uns neue Herausforderungen und
Horizonte. Wir laden Euch ein, einige
davon zu betrachten.
23. 1. Kreative
Treue: Pilger auf dem Weg zur
Authentizität. Wir sind Erben einer
langen und reichen Tradition, von der
sich viele Heilige genährt haben.
Während wir die Schwelle eines neuen
Jahrtausends überschreiten, sind wir
aufgerufen, dieser geistlichen Tradition
treu zu bleiben und sie gleichzeitig für
die neuen Generationen kreativ zu
interpretieren, damit sie auch weiterhin
Leben zeugen und viele durch die Nacht
hindurch geleiten kann, wo die liebende
Menschenseele in den Geliebten
umgewandelt wird.
24. 2. Unterwegs
mit Maria, unserer Mutter und
Schwester. Maria ist im Karmel
beständig gegenwärtig, denn sie ist es,
die uns führt und in den Fußspuren ihres
Sohnes Jesus Christus begleitet. Sie
lehrt uns, in unseren Herzen alles zu
erwägen, was sich ereignet, und Gott für
das, was er in und durch uns vollbringt,
zu lobpreisen. Beim Eintritt ins neue
Jahrtausend nehmen wir die
Herausforderung an, Maria den kommenden
Generationen so vorzustellen, daß sie
auch heute noch als die Gebenedeite
gepriesen werden kann. Das verlangt von
uns, die zentralen Werte unserer
traditionellen Marienverehrung gut zu
überdenken; so können sie für uns zu
Ansätzen werden, die uns helfen, in
einer lebendigen Beziehung mit der
Mutter Gottes zu leben, die zu den
Herzen der Menschen spricht, unter denen
wir leben.
25. 3. Lectio
divina: Unterwegs mit dem Wort. Die
gesamte Kirche hat in den letzten Jahren
die alten Schätze der lectio divina neu
entdeckt, die viele zu den Höhen der
Kontemplation geleitet. Das erwogene und
gebetete Wort Gottes muß alles, was wir
tun, begleiten.
Viele mittelalterliche Karmeliten waren
als „Lehrmeister der Hl. Schrift“
bekannt. Das Wort Gottes ist es, das
Leben gibt. Vertiefen wir uns deshalb in
dieses Wort, um für die anderen zum Wort
des Lebens zu werden. „Ein Wort hat der
Vater gesprochen, und das war sein Sohn,
und er spricht dieses immerfort in
ewigem Schweigen; und im Schweigen soll
es vom Menschen gehört werden“.
26. 4. Berufungen:
Eintreten in neue Lebensräume.
Ähnlich wie die meisten Orden erleben
auch wir einen radikalen Wandel im
Hinblick auf die Herkunft der neuen
Berufungen. Der Rückgang an Berufungen
in einigen Gebieten, wo es früher sehr
viele gab, und die große Anzahl in
anderen Gegenden verändert nach und nach
das Aussehen des Karmel. Die uns
vorangingen haben mit ganzem Herzen auf
das geantwortet, was Gott ihnen sagte.
In gleicher Weise müssen auch wir die
Zeichen der Zeit und der uns umgebenden
Welt zu lesen versuchen, um Gott da
nachzufolgen, wohin er uns führt.
27. 5. Ausbildung:
Anderen auf dem Weg helfen. Wir
haben eine Aufgabe, nämlich denen, die
Gott uns schickt, die bestmögliche
Ausbildung zu bieten. Es gibt in unserer
Welt einen großen Hunger nach Gott, und
die karmelitanische Spiritualität hat
unermeßliche Möglichkeiten, diesen
Hunger zu stillen und die Menschen
tiefer in ihre Beziehung zu Gott
hineinzuführen. Wir haben in den letzten
Jahren die Wichtigkeit der Ausbildung
hervorgehoben und für unsere Brüder,
Schwestern und Laien ein
Ausbildungsprogramm erarbeitet. Ein
neuer, bedeutender Schritt ist die
Konzentrierung unsrer Anstrengungen auf
die Ausbildung der Ausbilder, denn jeder
gibt das, was er hat. Je mehr unsere
Ausbilder in unserer geistlichen
Tradition beheimatet sind, desto mehr
können sie den Auszubildenden
vermitteln.
28. 6.
Gemeinschaftsleben: Gemeinsam unterwegs.
Wir wissen, daß wir in der Zeit eines
wachsenden Individualismus leben, was
wir ganz realistisch sehen müssen.
Andererseits ist das Gemeinschaftsleben
ein wesentlicher Aspekt unseres
Charismas und unserer Sendung in der
Kirche. Trotz des Individualismus in
unserer Gesellschaft sind die Menschen
auf der Suche nach echten
Gemeinschaften, so daß das Zeugnis
unseres konkreten Lebens in Zukunft
große Bedeutung und Ausstrahlung
bekommen kann. Deshalb müssen wir die
Brüderlichkeit fördern und unsere
Kandidaten dafür befähigen.
29. 7. Sendung:
Andere auf dem Weg begleiten. Wir
blicken auf die Zukunft mit Hoffnung und
dem festen Glauben, daß der Karmel den
kommenden Generationen viel zu bieten
hat. Mit Recht erwarten die Menschen von
den Karmeliten und den Karmelitinnen
die Fähigkeit, aufgrund ihrer Erfahrung
mit Gott zuverlässige Begleitung zu
bieten. Das Ziel der Reise ist, mit
Christus eins zu werden und schon jetzt
als neue Schöpfung zu leben. Viele haben
zwar den Wunsch, in ihrer Beziehung mit
Gott zu wachsen, doch haben sie oft
niemand, der ihnen den Weg zeigt, auf
dem sie sicher durch die dunkle Nacht
zum Berg, der Christus ist, gelangen
können. Bei allen von uns ausgeübten
Apostolatsformen ist es wichtig, auf die
Nachfrage der Menschen nach geistlicher
Begleitung einzugehen und zugleich für
das Zeugnis, mit dem sie uns
evangelisieren, offen zu sein.
30. 8.
Gerechtigkeit und Frieden: In sich
gehen, um aus sich herauszugehen. Ob
eine Gotteserfahrung echt ist, zeigt
sich im Alltag, denn eine wahre
Gotteserfahrung wird zum Wunsch, daß das
Reich Gottes kommen möge, und zwar durch
einen verstärkten Einsatz für die Werte
dieses Reiches. Den Karmeliten und
Karmelitinnen wird es natürlich darum
gehen, in ihrem Beten die Liebe und
Erkenntnis dessen bekannt zu machen, dem
sie in ihrem Beten begegnet sind. So
wird es die Liebe zu Gott verhindern,
angesichts der Tatsache, daß viele
Menschen ihre elementarsten Bedürfnisse
nicht befriedigen können, ruhig zu
bleiben, denn die Kontemplation als dem
Wesenskern des karmelitanischen
Charismas findet von ganz allein ihren
Ausdruck in einer echten Liebe zum
Nächsten. Das führt uns zur Frage nach
dem Warum von so vielen
Ungerechtigkeiten in unserer Welt. Der
Einsatz für Gerechtigkeit und Friede
geht jedenfalls gut zusammen mit einer
kontemplativen Berufung, ja ohne dieses
Bemühen wird jede kontemplative Berufung
verdächtig.
31. 9. Das Tor
unserer Geschichte durchschreiten.
Es gibt Tore, die wir noch nicht in
aller Freiheit und Ehrlichkeit zu
durchschreitenvermögen. Da ist das
unserer eigenen Geschichte mit den
vergangenen und gegenwärtigen
Beziehungen zwischen den Angehörigen des
Stammordens des Karmels und den
Angehörigen des Teresianischen Karmels;
oder der Einfluß, den kulturelle
und nationale Empfindlichkeiten auch in
das gegenseitige Verhältnis von
Provinzen und Gruppen von Klöstern
hineinbringen, oft genug aufgrund von
unterschiedlichen spirituellen
Traditionen oder Auffassungen von
Ordensdisziplin, oder noch einfacher
aufgrund von Vorurteilen und
Abschottungen einzelner. Wir müssen uns
zu einer befreienden Relektüre
bestimmter geschichtlicher Ereignisse
und Epochen aufraffen, die nicht so
glücklich verlaufen sind oder von
Rechthaberei und Mangel an Kommunikation
geprägt waren. Von daher sind wir
aufgerufen, in einen demütigen und
ehrlichen Dialog über Frieden und
gegenseitige Versöhnung, in ein neues
Zeitalter von Brüderlichkeit und des
Aushaltens von Gegensätzen einzutreten.
Die vielfachen Formen des Dialogs, des
Austauschs und der gemeinsamen
Unternehmungen, die in den letzten zehn
Jahren gewachsen sind, müssen
weitergehen und noch mehr Frucht bringen
und schließlich alle Menschen und
Institutionen mit einbeziehen.
Ausgangspunkt für einen Dialog und einen
weitergehenden Austausch, der auch die
Laien, die noch intensiver an der
Spiritualität und der Sendung des Karmel
teilhaben wollen,
mit einbeziehen kann und muß, ist immer
das Maß an brüderlichem Leben in der
Gemeinschaft.
SCHLUSS
32. Unter dem Schutz
Marias, die in der spirituellen
Tradition des Karmel als liebenswürdige
Mutter und Schwester betrachtet und
erfahren wurde, durchschreiten wir die
Schwelle zum dritten Jahrtausend. Sie
begleitet uns auch weiterhin in ihrer
Treue zur „Nachfolge Christi“ mit dem
Beispiel ihres betenden und bedenkenden
Herzens, mit ihrer Einladung, zu tun,
was der Meister sagt, mit ihrem Dank-
und Befreiungsgesang, mit ihrer
Anwesenheit unter dem Kreuz ihres
erniedrigten Sohnes und mit ihrer
geistlichen Mutterschaft unter den
Jüngern.
Durchschreiten wir das Tor zu einer
neuen Epoche in Begleitung des großen
Propheten Elija und unserer Heiligen,
die mehr als einmal die Schwelle neuen
Landes und vieler Grenzen überschreiten
mußten. Überschreiten wir die Schwelle
zu unserer eigenen Innerlichkeit, um
dort im Licht Jesu Christi die Spuren
der Gnade und der Barmherzigkeit zu
erkennen.
Überschreiten wir die verschlossene
Schwelle aller Tore, die trennen und
Kommunikation blockieren, die spalten
und Brüderlichkeit und Austausch
verweigern. Durchschreiten wir das Tor
dieses neuen Jahrtausends mit lebendigem
Glauben und gestärkter Hoffnung, um dem
Herrn der Zeit lauteren Herzens und in
Selbstlosigkeit zu dienen.
Rom, 14. November 1999
Fest Allerheiligen des Karmel
Fr. Joseph Chalmers O.Carm.,
Generalprior -
Fr. Camilo Maccise O.C.D., Generaloberer
-------
.
Incarnationis mysterium (IM),
Verkündigungsbulle des Großen
Jubiläums, Nr. 1.
.
Teresa von Jesus,
Gründungen 14,4.
.
Jacobus de Vitriaco,
Historia orientalis sive
hierosolymitana, in: J. Bongars
(Hg.), Gesta Dei per Francos,
Hannoviae 1611, vol.
I, 1074f.
.
Vita consecrata (VC) 84.
.
Vgl. Regel, Kap. 9.14.24.
.
Johannes vom Kreuz, Dunkle
Nacht, Strophe 5.
.
Johannes vom Kreuz,
Merksätze von Licht und Liebe,
Nr. 99.
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