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Curia Generalizia dei Carmelitani Scalzi - Corso d'Italia, 38 - 00198 ROMA - Italia
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Rundschreiben der Generaloberen O.C.D. und O.Carm.

zum Beginn des Dritten Jahrtausends

DIE HEILIGE PFORTE DURCHSCHREITEN

Als Brüder und Schwestern auf dem Weg ins neue Jahrtausend
 

 

 

 

 

 

 

EINLEITUNG

 

1. „Den Blick fest auf das Geheimnis der Menschwerdung des Gottessohnes gerichtet, schickt sich die Kirche an, die Schwelle des dritten Jahrtausends zu überschreiten“[1], um ihrem Herrn mit erneuerter, selbstloser Treue und mit Hoffnung, die sich auf die letzte und endgültige Begeg­nung mit ihm gründet, entgegenzugehen. „Es ist wie eine Ein­ladung zu einem Hochzeitsfest“, wie der Papst diese Jubiläums­feier bezeichnet hat[2]; es ist Gottes Vermählung mit der Menschheit durch die Menschwerdung seines Sohnes in dieser Zeit. „Gott hat unter uns gewohnt“ (Joh 1,14), um bei uns und mit uns zu sein; um uns von aller Sklaverei zu befreien und uns den Weg der Solidarität und des Einstehens füreinander zu weisen.

 

2. Auch von uns, der großen Familie des Karmel - Brüder, Schwestern, Laien -, muß dieses Ereignis als eine Zeit der Gnade gelebt werden, als ein Geschehen, das uns in der kreativen Treue erneuert. Die großen Themen des Jubi­läums, wie die Pilgerschaft, die Heilige Pforte, die Läuterung des Gedächtnisses, die Zeugen­schaft der Märtyrer, die neue prophetische Solidarität, treffen in unserem Herzen und in unserem Glauben auf lebendigen Widerhall.

 

3.       Wir sind eingeladen, zum Grund- und Wesensinhalt unserer Regel zurück­zukehren, wie es unsere Heiligen taten, die Vor­kämpfer und Inspiratoren von Neubegrün­dungen und Erneuerun­gen waren. Wir möchten Euch einladen, auf die Vergangenheit, die Gegenwart, aber vor allem auf die Zukunft zu schauen, in die uns der Geist durch die Herausforderungen der Zeichen der Zeit und der uns umgebenden Welt führt. 

                                                            I

DEN BLICK AUF UNSERE GRÜNDER GERICHTET [3]

 

1. Eine Geschichte voller Leben

 

4.       An den Ursprüngen unseres Ordens steht nicht eine charisma­tische Einzelgestalt, sondern eine Gruppe von Pilgern, die aus dem Abendland kommend „sich in den Dienst des Herrn“ stellten und ihre Sehnsüchte und Erfahrun­gen miteinander teilten, als sie sich an den Hängen des Berg Karmel niederließen. In einem Klima großen Eifers für eine radikale Erneuerung der Kirche in der Nachfolge des armen Christus als des Lehrmeis­ters echter Brüderlich­keit bedeutete die Reise ins Heilige Land und das Verblei­ben an jenen Orten im 12. Jahrhundert die höchste Form der Neubelebung von Idealen.

 

5. Das Verweilen an dem einen oder anderen der für die Heilsgeschichte bedeutsamen Orte erforderte eine Relektüre der mit den verschiedenen Orten verbundenen großen Ereignisse und Gestalten. So wird auch ein historisches Zeugnis, das von den Karmeliten spricht, von neuem lebendig:

 

„Andere führten in Nachahmung des hl. Anacho­reten, des Propheten Elija, am Berg Karmel ein Einsiedlerleben, besonders in jener Gegend, die oberhalb der Stadt Porphyria liegt, die heute Haifa genannt wird, in der Nähe der Quelle, die Elias­quelle heißt, nicht weit weg vom Kloster der hl. Jungfrau Margarita. Sie lebten in der Einsamkeit, jeder für sich, wo sie in bienenkorbförmigen Zellen gleichsam als Bienen des Herrn wie Honig geist­liche Süßigkeit bereiteten... Dieser Berg Karmel, auf dem Elija weilte, liegt nahe am Meer, vier Meilen von Akkon entfernt“.[4]

 

6.       Das also ist unsere Entstehungsgeschichte. Unsere Vor­fahren wurden von einem propositum (Vorhaben) zur selbstlosen Nachfolge Jesu angeregt, die in einer konkreten Form von gemeinschaftlichem Leben ihren Ausdruck fand und sich inspirierte an der beständigen und betenden Betrachtung des Wortes Gottes, dem brüderlichen Aus­tausch und der gemeinsamen Entscheidungsfin­dung, der Handarbeit und dem Einstehen füreinander, der Güter­gemein­schaft, der Nüchternheit und Einfachheit von Struk­turen und Lebensräumen, der zentralen Bedeutung der Eucharistie­feier am Ort des Gebetes. Die durch die Nieder­lassun­gen von byzantinischen Mönchen an diesem Ort schon bestehende geistliche Tradition lebte von verschiede­nen Elementen, wie dem Psalmen­gebet, körperli­chen Bußübungen, der Läuterung des Herzens, dem geistlichen Kampf, der Einsamkeit, einer großen Flexibilität für Vor­schriften und der wachsamen Erwartung der Rückkehr des Herrn.

 

7. Bei der erzwungenen Übersiedlung nach Europa ist dieses propositum trotz der Angliederung an die entste­henden Mendikantengemeinschaften erhalten geblieben. Das erlaubte es, in der Urinspiration des Charismas weise Anpassungen vorzunehmen, ohne deshalb jedoch die Orien­tierung in den Hauptintentionen einzuengen. Der Ablösungs­pro­zeß von Palästina und die Eingliederung in Europa erforderte mutige Entscheidungen und dynamische Treue.

 

 

2. Kraft zum Bestehen neuer Herausforderungen 

 

8.       Als sich im 15. bis 17. Jahrhundert mit dem Aufkom­men des Rationalismus und dem unaufhaltsamen Drängen auf die neue Würde der menschlichen Person und seine Auto­nomie die große Wende zur Neuzeit vollzog, sah sich auch der Karmel vor neue Herausforderun­gen gestellt. In dieser Zeit sind zahl­reiche „Reformen“ entstanden, die seit Beginn des 15. Jahrhunderts die Rückkehr zum Anfangs­ideal im Auge hatten. Es entstanden unsere kontemplativen Frauengemein­schaften und es entwickelten sich Gruppie­run­gen von Laien, die sich vom Leben der Karmeli­ten angezogen fühlten und Anschluß an sie suchten. In diese Zeit fällt auch die allmähliche Ausbreitung der Marien­frömmig­keit unter dem Volk und die Vermehrung von kulturellen und sozialen Initiativen im Schatten unserer Konvente.

 

9.       Unter allen Erneuerungsbewegungen verdient das Werk, das die hl. Teresa von Jesus mit Hilfe des hl. Johannes vom Kreuz durchführte, besondere Erwähnung. Mehr als eine „Reform“ ist es eine wahre „Neubegründung“ gewesen. Ihr spirituelles Lehramt und ihre Tätigkeit als Gründer von „reformierten Konventen und Klöstern“ sind den folgenden Jahrhunderten zum Vorbild und für den gesamten Karmel­orden zur Inspiration geworden. Daneben sind für den Stammorden des Karmel auch die Reform von Touraine, die herausragende Mystiker und geistliche Schriftsteller hervorgebracht hat, und die von Maria Magdalena von Pazzi ausgeübte Rolle mit ihrer glühenden Liebe zur Kirche und ihrer mystischen, auf die Schrift und die Liturgie sich gründenden Erfahrung von reicher Fruchtbarkeit gewesen. 

 

3. Eine neue Bewußtseinslage

 

10.   Das zu Ende gehende Jahrhundert mit seinen schnellen und tiefgreifenden Veränderungen hat uns geholfen, uns unseres Charismas und unserer Spiritualität immer mehr bewußt zu werden. Am Ende eines Jahrhunderts, das von Säkularisierung, von der Suche nach Gerechtigkeit und Freiheit und Globalisierung gekennzeichnet ist, bricht sich geradezu weltweit auch der Hunger nach Spiritualität und sogar nach mystischer Erfahrung Bahn.

 

11. Eine Folge dieses Bedürfnisses, das sich am Ende dieses Jahrhunderts mit aller Deutlichkeit zeigt, ist es nun, daß wir uns von Seiten der karmelitanischen Familie an eine Neuinterpretation des Verständnisses unseres Charis­mas und unserer Sendung machen können. Zu dieser neuen Sicht haben viele unserer Schriftsteller und Histori­ker für Spiritualität beigetragen, besonders aber das gelebte Beispiel und das geistliche Lehramt der heiligen Kirchenleh­rerin Therese vom Kinde Jesus und Edith Steins, des sel. Titus Brandsma und der sel. Elisabeth von der Dreifaltig­keit, die uns bei der Vertiefung und Inkulturierung des karmelitanischen Charismas helfen.

 

12. Sie sind es, die die neu aufbrechenden Probleme verspürt und benannt haben, wie z. B. die Alltagsfrömmig­keit und das Verlangen nach einer möglichst weltumspan­nen­den Geschwisterlichkeit, das Geheimnis der Dreifaltigkeit und die Herausforderung durch die Kultur, das neue Antlitz der Kirche und die Erinnerung an unsere jüdische Wurzel, die neuen Kommunikationsformen und das Bewußtsein von der Würde der Frau, den Dialog mit den Weltreligionen und eine neue Theologie des Kreuzes und des Martyriums, die zentrale Bedeutung des Erlösers und die Freiheit des mündigen Christen. Sie haben uns neue, an unserem reichen geistlichen Erbe inspirierte Zugänge und Ausdrucks­weisen aufgezeigt, die für die neuen Generationen nicht unbedeutend sind.

 

13. Während eines ganzen Jahrhunderts ist so in jeder der beiden Ausprägungen karmelitanischer Lebens- und Ver­wirk­lichungsform der Reichtum der Ursprünge wieder gefunden worden: die Regel, die marianische und elianische Tradition, die pastorale Praxis. Auch die Originalität von Teresas „Neubegründung“ ist glücklicherweise wieder entdeckt worden, ohne daß dabei ihre Kontinuität mit den grundlegenden Elementen der vorhergehenden vier Jahrhunderte verleugnet worden wäre. Wir haben auch die Gnade verschiedener Jubiläen und die Aufnahme von Schwestern und Brüdern unseres Ordens in das Verzeichnis der Seligen und Heiligen, ja sogar der Kirchenlehrer erlebt. So stellt uns dieser lange Weg vor ein großes Unternehmen, nämlich vor die Berufung, dem Herrn, der an der Schwelle des dritten Jahrtausends in den Zeichen der Zeit und der uns umgebenden Welt zu uns spricht, mit kreativer Treue zu antworten. 

 

II

 

DIE SCHWELLE DES NEUEN JAHR­TAUSENDS

MIT EINER ERNEUERTEN IDENTITÄT ÜBERSCHREITEN 

 

14. Eines der großen und immer wieder erwähnten Symbole des Jubiläums ist das Durchschreiten der Heiligen Pforte. Als erster wird sie der Papst in der kommenden Weihnachtsnacht durchschreiten und dabei „der Kirche und der Welt das Heilige Evangelium zeigen, die Quelle des Lebens und der Hoffnung für das bevorstehende Dritte Jahrtausend“.[5] Wir alle stehen vor der „Heiligen Pforte“ als Pilger, und indem wir sie durchschreiten, vollenden wir mit der gesamten Menschheit einen weiteren Schritt auf die endgültige Begegnung mit Jesus Christus hin.

 

15. Diese Zeichen und Symbole beinhalten für uns lebensnotwendige Werte, die unsere Identität gekennzeichnet haben und auch weiterhin beleben und orientieren müssen. Ausdrücke wie Pilgerschaft, Nacht, Christusbegegnung, Tor zum Leben, aber auch Läuterung des Erinnerungsvermögens, Martyrium, Versöhnung mit Gott und der Gemeinschaft, Geschwisterlichkeit, Befreiungsgesang und ähnliche bringen unsere Spiritualität am deutlichsten zum Ausdruck und sind bis heute Quelle der Inspiration. Beim Durchschreiten der Schwelle zum neuen Jahrtausend haben wir unser historisches Gedächtnis zwar mit dabei, doch wollen wir bestimmte Richtungen einschlagen, um mit einer gut definierten Identität in dieses neue Millenium einzutreten. Wir zeigen sie zur Orientierung auf diesem Weg hier auf.

 

16.    1. Leben in Pilgerschaft. Die Erfahrung der Pilgerschaft ist ohne Zweifel in unserer Geschichte verwurzelt. Auf sie müssen wir ständig Bezug nehmen und uns auf den Weg an die Peripherie zu anderen soziokulturellen Situationen machen, um neue Möglich­keiten für Begegnungen, Zeugenschaft und Dienstbereitschaft zu erkunden. Dabei weist uns die orientierende Weisheit unserer Spiritualität klare Ziele und angemessene Methoden, um die christliche Freiheit zu leben und uns in den Dienst an unseren Schwestern und Brüdern zu stellen.

 

17.    2. In Treue zu einer reichen Tradition. Ein seit unseren Ursprüngen sehr eindeutiger Aspekt ist die Verwurzelung in der großen geistlichen Tradition des Mönchtums gewesen. Das hat zur Suche nach einer lebendigen Verbindung mit dem Propheten Elija geführt, der im nachsynodalen Schreiben Vita consecrata als „Vorbild des monastischen Ordenslebens“ und als „furchtloser Prophet und Gottesfreund“ bezeichnet wird.[6] Die Regel nimmt die geistliche, aszetische und betende Weisheit des klassischen Mönchtums getreulich auf. Die intensive Marienverehrung läßt Anleihen aus der Patristik und dem Mönchtum erkennen, wenn wir an Titel wie Mutter, Patronin, Schwester und Virgo purissima (reinste Jungfrau) denken. Die neue Interpretation der Regel, die wir aus den verschiedenen geopraphisch-kulturellen Kontexten herauszulesen versuchen, kann als Beispiel gelten, das wir auch auf andere Bereiche unseres Lebens und unserer Spiritualität anwenden könnten.

 

18.    3. Hingewandt auf Christus. Der grundlegende Christozentrismus der Regel, der immer mit dem Ausdruck „in obsequio Jesu Christi - in der Gefolgschaft Jesu Christi“ verbunden wurde, durchwirkt als internes Strukturprinzip die gesamte Regel und alle ihre Perspektiven, und als eschatologischer Ausblick den Schlußsatz, in dem auf die Wiederkunft des Herrn als Richter und Retter hingewiesen wird.[7]

 

Dieser Ansatz hat in den achthundert Jahren beachtliche Erweiterungen und auch wertvolle Bereicherungen erfahren. Alle unsere großen Lehrmeister, angefangen von Teresa von Jesus und Johannes vom Kreuz über Maria Magdalena von Pazzi und Therese von Lisieux bis zu Edith Stein und Titus Brandsma, haben eine besondere Vorliebe für die Suche nach dem Antlitz des Herrn, für das Gespräch von Herz zu Herz und für die Formulierung neuer Ausdrucksformen an den Tag gelegt, um mit ihrer Hilfe die Abläufe der vollen Gleichgestaltung an Gott beschreiben zu können. Entsprechend den linguistischen, ethischen und spirituellen Empfindungen der Orte und Zeiten haben die verschiedenen Generationen von Karmeliten und Karmelitinnen dazu beigetragen, das Geheimnis Christi in den unterschiedlichen Ausprägungen von Heiligkeit in den Mittelpunkt zu stellen und die unerschöpflichen Reichtümer seiner Menschwerdung zu erforschen. So sind auch wir eingeladen, diese Erfahrungen weiterzuführen und sie im Dialog mit unserer spirituellen Tradition und der Volksfrömmigkeit zu leben.

 

19.    4. Die beständige Betrachtung des Wortes des Herrn. Die Betrachtung des Wortes ist ein anderes tragendes Element des karmelitanischen Lebensprojektes in der Nachfolge Christi. Die Ausdrücke „meditantes“ und „vigilantes“ bringen das Verrichten des Lesens und Meditierens, des Betens und des Erkennens zum Ausdruck, das mit den Augen des Herzens die Anwesenheit des Herrn in seinem Wort und in allen Ereignissen sieht.

Dieses „Betrachten des Wortes des Herrn“ in der Schule der Regel, das von Teresa und anderen Mystikern des Karmel aufgegriffen wurde, bereitet auf das Gebet als freundschaftliches Verweilen bei Gott und auf die Kontemplation als Vereinigung mit ihm, dem menschgewordenen Wort Gottes, vor. Unser kontemplatives Charisma und die erneuerte Praxis der „Lectio divina“ können von einer seriösen Auseinandersetzung mit der modernen Hermeneutik und den neuen Relektüren nur profitieren. In der Begegnung der Kontemplation wird Gottes Wort in der Schrift zu Gottes Wort in uns, um mit Gottes Wort im Leben zu einer Einheit zu werden. Wir dürfen diese Lektüre des Wortes nicht nur auf uns beschränken, sondern müssen sie auch in die Unterweisungen über Spiritualität, in die Versammlungen zur „Lectio divina“ und in die pastoralen Methoden miteinbringen, um dem Volk Gottes einen existentiellen, kontemplativen und betenden Zugang zu den Reichtümern des Wortes zu eröffnen.

 

20.    5. Die Anfrage durch den Hunger nach Spiritualität. Unsere spirituelle Tradition wird heute in heilsamer Weise vom Hunger nach Spiritualität angefragt, der seine Sättigung so oft in einem verkürzten Spiritualismus zu erreichen sucht. Im Licht der Erfahrung und Lehre unserer Heiligen sind wir zu Hilfestellungen und praktischen Vorschlägen aufgefordert, um Lösungswege aufzuzeigen, zur Unterscheidung der Geister beizutragen und die Gefahr von oberflächlichen Erfahrungen des Heiligen auszu­schließen. Wir sind dazu aufgerufen, eine am Leben orientierte und in die verschiedenen Bereiche inkulturierte Spiritualität zu leben, die nicht nur Theorie, sondern gelebte Erfahrung ist und zur Solidarität mit allen Menschen, ihren Freuden und Hoffnungen, ihrer Trauer und Angst wird.

 

21.    6. Das Leben in brüderlicher Gemeinschaft und der apostolische Einsatz. Sowohl in der Regel als auch in der Neubegründung Teresas tritt das Projekt einer einladenden und taktvollen, betenden und solidarischen, armen und flexiblen brüderlichen Gemeinschaft deutlich zu Tage. Heute vermögen wir den Wert dieses originellen Entwurfes besser zu verstehen und zu schätzen. Zur gleichen Zeit verspüren wir auch neue Herausforderungen für eine echte Brüderlichkeit, die für noch weitere Dimensionen von Solidarität offen ist, um eine „Spiritualität der Gemeinschaft“ wachsen zu lassen, die sich bis in die Weiten der Evangelisierung der Völker, dem leidenschaftlichen Verlangen unserer Heiligen, hinein ausdehnt. Teresa von Jesus widmet ihr ganzes Leben und Werk dieser apostolischen Dimension des Gebetes; Therese von Lisieux hat den Wunsch, zu allen Zeiten und über ihr irdisches Leben hinaus das Evangelium zu verkünden; Titus Brandsma verteidigt die Würde und die Freiheit des Menschen gegen Rassenkult und Ideologien aller Art; Edith Stein lebt das tragische Geschick ihres von der Shoah, dem Holocaust, bedrohten jüdischen Volkes bis zur letzten Konsequenz mit. 

 

III

 

PRAKTISCHE HINWEISE

ZUM ÜBERSCHREITEN DER SCHWELLE

DES NEUEN JAHRTAUSENDS  

 

22. Der symbolische Aufruf zum „Überschreiten der Schwelle“ eröffnete vor uns neue Herausforderungen und Horizonte. Wir laden Euch ein, einige davon zu betrachten.

 

23.    1. Kreative Treue: Pilger auf dem Weg zur Authenti­zität. Wir sind Erben einer langen und reichen Tradition, von der sich viele Heilige genährt haben. Während wir die Schwelle eines neuen Jahrtausends überschreiten, sind wir aufgerufen, dieser geistlichen Tradition treu zu bleiben und sie gleichzeitig für die neuen Generationen kreativ zu interpretieren, damit sie auch weiterhin Leben zeugen und viele durch die Nacht hindurch geleiten kann, wo die liebende Menschenseele in den Geliebten umgewandelt wird.[8]

 

24.    2. Unterwegs mit Maria, unserer Mutter und Schwes­ter. Maria ist im Karmel beständig gegenwärtig, denn sie ist es, die uns führt und in den Fußspuren ihres Sohnes Jesus Christus begleitet. Sie lehrt uns, in unseren Herzen alles zu erwägen, was sich ereignet, und Gott für das, was er in und durch uns vollbringt, zu lobpreisen. Beim Eintritt ins neue Jahrtausend nehmen wir die Herausforderung an, Maria den kommenden Generationen so vorzustellen, daß sie auch heute noch als die Gebenedeite gepriesen werden kann. Das verlangt von uns, die zentralen Werte unserer traditionellen Marienverehrung gut zu überdenken; so können sie für uns zu Ansätzen werden, die uns helfen, in einer lebendigen Beziehung mit der Mutter Gottes zu leben, die zu den Herzen der Menschen spricht, unter denen wir leben.

 

25.    3. Lectio divina: Unterwegs mit dem Wort. Die gesamte Kirche hat in den letzten Jahren die alten Schätze der lectio divina neu entdeckt, die viele zu den Höhen der Kontemplation geleitet. Das erwogene und gebetete Wort Gottes muß alles, was wir tun, begleiten.[9] Viele mittelalterliche Karmeliten waren als „Lehrmeister der Hl. Schrift“ bekannt. Das Wort Gottes ist es, das Leben gibt. Vertiefen wir uns deshalb in dieses Wort, um für die anderen zum Wort des Lebens zu werden. „Ein Wort hat der Vater gesprochen, und das war sein Sohn, und er spricht dieses immerfort in ewigem Schweigen; und im Schweigen soll es vom Menschen gehört werden“.[10]

 

26.    4. Berufungen: Eintreten in neue Lebensräume. Ähnlich wie die meisten Orden erleben auch wir einen radikalen Wandel im Hinblick auf die Herkunft der neuen Berufungen. Der Rückgang an Berufungen in einigen Gebieten, wo es früher sehr viele gab, und die große Anzahl in anderen Gegenden verändert nach und nach das Aussehen des Karmel. Die uns vorangingen haben mit ganzem Herzen auf das geantwortet, was Gott ihnen sagte. In gleicher Weise müssen auch wir die Zeichen der Zeit und der uns umgebenden Welt zu lesen versuchen, um Gott da nachzufolgen, wohin er uns führt.

 

27.    5. Ausbildung: Anderen auf dem Weg helfen. Wir haben eine Aufgabe, nämlich denen, die Gott uns schickt, die bestmögliche Ausbildung zu bieten. Es gibt in unserer Welt einen großen Hunger nach Gott, und die karmelitanische Spiritualität hat unermeßliche Möglichkeiten, diesen Hunger zu stillen und die Menschen tiefer in ihre Beziehung zu Gott hineinzuführen. Wir haben in den letzten Jahren die Wichtigkeit der Ausbildung hervorgehoben und für unsere Brüder, Schwestern und Laien ein Ausbildungsprogramm erarbeitet. Ein neuer, bedeutender Schritt ist die Konzentrierung unsrer Anstrengungen auf die Ausbildung der Ausbilder, denn jeder gibt das, was er hat. Je mehr unsere Ausbilder in unserer geistlichen Tradition beheimatet sind, desto mehr können sie den Auszubildenden vermitteln.

 

28.    6. Gemeinschaftsleben: Gemeinsam unterwegs. Wir wissen, daß wir in der Zeit eines wachsenden Individualismus leben, was wir ganz realistisch sehen müssen. Andererseits ist das Gemeinschaftsleben ein wesentlicher Aspekt unseres Charismas und unserer Sendung in der Kirche. Trotz des Individualismus in unserer Gesellschaft sind die Menschen auf der Suche nach echten Gemeinschaften, so daß das Zeugnis unseres konkreten Lebens in Zukunft große Bedeutung und Ausstrahlung bekommen kann. Deshalb müssen wir die Brüderlichkeit fördern und unsere Kandidaten dafür befähigen.

 

29.    7. Sendung: Andere auf dem Weg begleiten. Wir blicken auf die Zukunft mit Hoffnung und dem festen Glauben, daß der Karmel den kommenden Generationen viel zu bieten hat. Mit Recht erwarten die Menschen von den Karmeliten und den Karmelitin­nen die Fähigkeit, aufgrund ihrer Erfahrung mit Gott zuverlässige Begleitung zu bieten. Das Ziel der Reise ist, mit Christus eins zu werden und schon jetzt als neue Schöpfung zu leben. Viele haben zwar den Wunsch, in ihrer Beziehung mit Gott zu wachsen, doch haben sie oft niemand, der ihnen den Weg zeigt, auf dem sie sicher durch die dunkle Nacht zum Berg, der Christus ist, gelangen können. Bei allen von uns ausgeübten Apostolatsformen ist es wichtig, auf die Nachfrage der Menschen nach geistlicher Begleitung einzugehen und zugleich für das Zeugnis, mit dem sie uns evangelisieren, offen zu sein.

 

30.    8. Gerechtigkeit und Frieden: In sich gehen, um aus sich herauszugehen. Ob eine Gotteserfahrung echt ist, zeigt sich im Alltag, denn eine wahre Gotteserfahrung wird zum Wunsch, daß das Reich Gottes kommen möge, und zwar durch einen verstärkten Einsatz für die Werte dieses Reiches. Den Karmeliten und Karmelitinnen wird es natürlich darum gehen, in ihrem Beten die Liebe und Erkenntnis dessen bekannt zu machen, dem sie in ihrem Beten begegnet sind. So wird es die Liebe zu Gott verhindern, angesichts der Tatsache, daß viele Menschen ihre elementarsten Bedürfnisse nicht befriedigen können, ruhig zu bleiben, denn die Kontemplation als dem Wesenskern des karmelitanischen Charismas findet von ganz allein ihren Ausdruck in einer echten Liebe zum Nächsten. Das führt uns zur Frage nach dem Warum von so vielen Ungerechtigkeiten in unserer Welt. Der Einsatz für Gerechtigkeit und Friede geht jedenfalls gut zusammen mit einer kontemplativen Berufung, ja ohne dieses Bemühen wird jede kontemplative Berufung verdächtig.

 

31.    9. Das Tor unserer Geschichte durchschreiten. Es gibt Tore, die wir noch nicht in aller Freiheit und Ehrlichkeit zu durchschreitenvermögen. Da ist das unserer eigenen Geschichte mit den vergangenen und gegenwärtigen Beziehungen zwischen den Angehörigen des Stammordens des Karmels und den Angehörigen des Teresianischen Karmels; oder der Einfluß,  den kulturelle und nationale Empfindlichkeiten auch in das gegenseitige Verhältnis von Provinzen und Gruppen von Klöstern hineinbringen, oft genug aufgrund von unterschiedlichen spirituellen Traditionen oder Auffassungen von Ordensdisziplin, oder noch einfacher aufgrund von Vorurteilen und Abschottungen einzelner. Wir müssen uns zu einer befreienden Relektüre bestimmter geschichtlicher Ereignisse und Epochen aufraffen, die nicht so glücklich verlaufen sind oder von Rechthaberei und Mangel an Kommunikation geprägt waren. Von daher sind wir aufgerufen, in einen demütigen und ehrlichen Dialog über Frieden und gegenseitige Versöhnung, in ein neues Zeitalter von Brüderlichkeit und des Aushaltens von Gegensätzen einzutreten. Die vielfachen Formen des Dialogs, des Austauschs und der gemeinsamen Unternehmungen, die in den letzten zehn Jahren gewachsen sind, müssen weitergehen und noch mehr Frucht bringen und schließlich alle Menschen und Institutionen mit einbeziehen. Ausgangspunkt für einen Dialog und einen weitergehenden Austausch, der auch die Laien, die noch intensiver an der Spiritualität und der Sendung des Karmel teilhaben wollen[11], mit einbeziehen kann und muß, ist immer das Maß an brüderlichem Leben in der Gemeinschaft. 

 

SCHLUSS

 

32.    Unter dem Schutz Marias, die in der spirituellen Tradition des Karmel als liebenswürdige Mutter und Schwester betrachtet und erfahren wurde, durchschreiten wir die Schwelle zum dritten Jahrtausend. Sie begleitet uns auch weiterhin in ihrer Treue zur „Nachfolge Christi“ mit dem Beispiel ihres betenden und bedenkenden Herzens, mit ihrer Einladung, zu tun, was der Meister sagt, mit ihrem Dank- und Befreiungsgesang, mit ihrer Anwesenheit unter dem Kreuz ihres erniedrigten Sohnes und mit ihrer geistlichen Mutterschaft unter den Jüngern.


Durchschreiten wir das Tor zu einer neuen Epoche in Begleitung des großen Propheten Elija und unserer Heiligen, die mehr als einmal die Schwelle neuen Landes und vieler Grenzen überschreiten mußten. Überschreiten wir die Schwelle zu unserer eigenen Innerlichkeit, um dort im Licht Jesu Christi die Spuren der Gnade und der Barmherzigkeit zu erkennen.

Überschreiten wir die verschlossene Schwelle aller Tore, die trennen und Kommunikation blockieren, die spalten und Brüderlichkeit und Austausch verweigern. Durchschreiten wir das Tor dieses neuen Jahrtausends mit lebendigem Glauben und gestärkter Hoffnung, um dem Herrn der Zeit lauteren Herzens und in Selbstlosigkeit zu dienen.

 

 

Rom, 14. November 1999

Fest Allerheiligen des Karmel

        

 

Fr. Joseph Chalmers O.Carm., Generalprior  - Fr. Camilo Maccise O.C.D., Generaloberer

 

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[1].      Incarnationis mysterium (IM), Verkündigungsbulle des Großen Jubi­läums, Nr. 1.

[2].      IM 4.

[3].      Teresa von Jesus, Gründungen 14,4.

[4].      Jacobus de Vitriaco, Historia orientalis sive hierosolymitana, in: J. Bongars (Hg.), Gesta Dei per Francos, Hannoviae 1611, vol. I, 1074f.

[5].      IM 8.

[6].      Vita consecrata (VC) 84.

[7].      Vgl. Regel, Kap. 9.14.24.

[8].      Johannes vom Kreuz, Dunkle Nacht, Strophe 5.

[9].      Regel, Kap. 19.

[10].    Johannes vom Kreuz, Merksätze von Licht und Liebe, Nr. 99.

[11].     Vgl. VC 54.

 

     
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Updated 18 mar 2006 by OCD General House
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