Liebe Schwestern und Brüder im Karmel!
1. Ein Jahr nach dem Beginn der zweiten Amtszeit von
P. Joseph Chalmers an der Spitze des
Ordens vom Karmel und nur wenige Monate
vor Ende des Leitungsdienstes von P.
Camilo Maccise als Generaloberer des
Teresianischen Karmel wenden wir uns von
neuem in einem Brief an Euch. Damit
wollen wir Gott für den gemeinsamen Weg
danken, den die beiden
Generaldefinitorien auf der Suche nach
Dialog und Zusammenarbeit und der
gemeinsamen Reflexion darüber gegangen
sind.
Eine von der Kirche erbetene
Zusammenarbeit
2. Im Geist des Konzils
lädt Vita consecrata die
Oberinnen und Oberen der Ordensinstitute
zu einem ständigen Dialog ein, „zur
Förderung des gegenseitigen
Kennenlernens als unerläßlicher
Voraussetzung für eine tatkräftige
Zusammenarbeit, vor allem auf pastoralem
Gebiet“.
Ausgehend von der Treue zum eigenen
Charisma nährt dieser „die
brüderliche geistliche Beziehung und die
gegenseitige Zusammenarbeit zwischen den
verschiedenen Instituten des geweihten
Lebens und Gesellschaften des
apostolischen Lebens“.
Angeleitet von diesen Lehren der Kirche
und im Bewußtsein, daß der Dialog und
die Zusammenarbeit zwischen den Orden
ein Zeichen der Zeit ist, war es uns ein
Anliegen, uns auf die Wege des Geistes
einzulassen. Eine weitere Motivation
sind unsere gemeinsamen Wurzeln. Hören
wir dazu die hl. Teresa: „Richten wir
unsere Augen immer auf das Geschlecht,
von dem wir abstammen, auf jene heiligen
Propheten“.
„Halten wir uns unsere wahren Gründer
vor Augen, jene heiligen Väter, von
denen wir abstammen – wir wissen ja, daß
sie sich aufgrund ihres Weges in Armut
und Demut an Gott erfreuen“.
Anfänge und erste Schritte
3. Nach mehreren Vorgesprächen fand am 6. Dezember
1991 das erste Treffen der beiden
Generaldefinitorien statt, das im Geist
der Brüderlichkeit und Schlichtheit
ablief. Zu Beginn jenes wahrhaft
historischen Ereignisses stellten sich
die Mitglieder der beiden Gremien
zunächst einmal vor; dann kam man auf
die Initiativen zu sprechen, die in den
beiden Orden gerade verwirklicht wurden,
und schließlich tauschte man sich über
Erfahrungen in den Bereichen Nachwuchs,
Ausbildung, Neuevangelisierung und
Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden
aus. Das Mittagessen mit der Kommunität
der Generalkurie OCD setzte die
brüderliche Atmosphäre in einem anderen
Rahmen fort. Zu den Beschlüssen gehörte
die feste Absicht, die Kontakte
weiterzupflegen, um bestimmte Themen
gemeinsam zu behandeln und Kanäle für
eine größere Zusammenarbeit und den
Austausch über die je eigene Identität
und Berufung zu schaffen. Schließlich
kam man überein, sich jährlich zweimal
zu treffen, im Mai in der Generalkurie
O.Carm. und im Dezember in der
Generalkurie O.C.D.
So begann eine Phase der Annäherung und
Zusammenarbeit zwischen uns, die es
zwischen anderen Orden und
Kongregationen mit verschiedenen Zweigen
schon gab, die, wie die franziskanischen
Ordensfamilien, aus den gleichen Wurzeln
hervorgegangen sind und vom gleichen
Stamm getragen werden. Trotz der
Schwierigkeiten sind wir auf diesem Weg
geblieben. Da wir nun Rückblick halten,
wollen wir Euch an dem, was wir erlebt
haben, Anteil geben und einige Wege für
unsere zukünftigen Beziehungen und
gemeinsamen Bemühungen aufzeigen.
I.
Seid fröhlich in der Hoffnung
(Röm 12,12)
4. Bevor der Dialog und die Zusammenarbeit auf der
Ebene der Generaldefinitorien anfingen,
gab es in verschiedenen Teilen der Welt,
wie in Spanien, den Vereinigten Staaten,
den Philippinen, Deutschland, Polen
bereits gemeinsame Initiativen und gute
brüderliche Beziehungen auf Lokal- oder
Provinzebene, während in anderen Teilen
weiterhin gegenseitige Vorurteile
überwogen; dadurch waren die Annäherung
und der Austausch zunächst noch
erschwert. Inzwischen wurden diese
allmählich überwunden und der positive
Aspekt der Beziehungen ist stetig
stärker geworden.
5. Bei unserem Meinungsaustausch und den Gesprächen
gingen wir von der Überzeugung aus, daß
wir unterschiedliche Orden sind, doch an
der Quelle des Elija auf dem Berg Karmel
gemeinsame Wurzeln haben. Seit den
Anfängen der Neubegründung durch Teresa
bemühten wir uns auf anderen Wegen, die
Ideale der karmelitanischen
Spiritualität zu leben. Bei unserer
Zusammenarbeit ist es immer unsere
Absicht gewesen, zu vertiefen, was uns
gemeinsam ist, und zu respektieren, was
uns unterscheidet.
In unserem gemeinsamen Brief Die Heilige Pforte
durchschreiten im Jahr des Großen
Jubiläums 2000 haben wir geschrieben:
„Es gibt Tore, die wir nicht in aller
Freiheit und Ehrlichkeit zu
durchschreiten vermögen. Da gibt es das
unserer eigenen Geschichte mit den
vergangenen und gegenwärtigen
Beziehungen zwischen den Angehörigen des
Stammordens des Karmels und den
Angehörigen des Teresianischen Karmels;
oder auch den Einfluß, den kulturelle
und nationale Empfindlichkeiten in das
gegenseitige Verhältnis von Provinzen
und Gruppen von Klöstern hineinbringen,
oft genug aufgrund von unterschiedlichen
spirituellen Traditionen oder
Auffassungen von Ordensdisziplin, oder
noch einfacher aufgrund von Vorurteilen
und Abschottung einzelner. Wir müssen
uns zu einer befreienden Relektüre
bestimmter geschichtlicher Ereignisse
und Epochen aufraffen, die nicht so
glücklich verlaufen sind oder von
Rechthaberei und Mangel an Kommunikation
geprägt waren. Von daher sind wir
aufgerufen, in einen demütigen und
ehrlichen Dialog über Frieden und
gegenseitige Versöhnung, in ein neues
Zeitalter von Brüderlichkeit und des
Aushaltens von Gegensätzen einzutreten.
Die vielfachen Formen des Dialogs, des
Austauschs und der gemeinsamen
Unternehmungen, die in den letzten zehn
Jahren gewachsen sind, müssen
weitergehen und noch mehr Frucht bringen
und schließlich alle Menschen und
Institutionen mit einbeziehen.
Ausgangspunkt für einen Dialog und einen
weitergehenden Austausch, der auch die
Laien, die noch intensiver an der
Spiritualität und Sendung des Karmel
teilhaben wollen, mit einbeziehen kann
und muß, ist immer das Maß an
brüderlichem Leben in der Gemeinschaft“.
Weitergehen in Glaube und Vertrauen
6. Trotz einiger Schwierigkeiten beschlossen wir,
den eingeschlagenen Weg auf jeden Fall
weiterzugehen. Im Licht der Erfahrung
und der Unterweisungen des hl. Paulus
für seinen Dienst akzeptierten wir es,
daß wir unsere Sendung in irdenen
Gefäßen tragen, und versuchten, mit
Gottes Hilfe und gegenseitiger
Unterstützung auf dem Weg nicht zu
erliegen, sondern uns zu bemühen, die
Worte des Apostels zu leben, mit denen
er die Christen in Rom ermahnt: „Eure
Liebe sei ohne Heuchelei. Verabscheut
das Böse, haltet fest am Guten! Seid
einander in brüderlicher Liebe zugetan,
übertrefft euch in gegenseitiger
Achtung! Laßt nicht nach in eurem Eifer,
laßt euch vom Geist entflammen und dient
dem Herrn! Seid fröhlich in der
Hoffnung, geduldig in der Bedrängnis,
beharrlich im Gebet“ (Röm 12,9-12).
Auch das positive Echo, das wir von der
Mehrheit der beiden Orden bekommen
haben, ermutigte uns für unsere
gemeinsame Arbeit.
Bereiche der Zusammenarbeit
7. „In der Hoffnung fröhlich zu sein“ führt
zu lebendiger Hoffnung mit Augenmaß.
Deshalb bemühten wir uns von Anfang an
um ein Minimum an Zusammenarbeit und
Austausch. So bildeten wir zwei
gemischte Kommissionen, eine für
Spiritualität, eine andere für
Ausbildung. Wir kamen überein, Programme
und Initiativen auszutauschen und uns zu
den Internationalen Zusammenkünften der
beiden Orden gegenseitig einzuladen. So
kamen wir zur Erarbeitung eines
Karmel-Lexikons, das demnächst
endlich erscheinen soll; Treffen für
Ausbilder und Auszubildende der beiden
Ordenszweige wurden organisiert,
internationale Symposien für Mariologie
und für Psychologen aus den beiden
Ordenszweigen fanden statt, letzteres
zum Studium des Verhältnisses zwischen
Psychologie und Spiritualität. Bei allen
internationalen Veranstaltungen der
beiden Orden war jeweils ein Vertreter
des anderen Ordens dabei. In
Lateinamerika wurde durch die Initiative
der Generaldefinitorien eine gemischte
theologische Kommission mit je sieben
Mitgliedern aus den beiden Orden ins
Leben gerufen, deren Aufgabe die
Reflexion über Themen der
karmelitanischen Spiritualität im
Kontext Lateinamerikas ist. Diese
Arbeitsgruppe trifft sich seit acht
Jahren einmal jährlich und hat bereits
einige Bücher mit den Ergebnissen ihrer
Arbeit veröffentlicht, wodurch die
Spiritualität des Karmel in einem
lateinamerikanischen Gewand dargestellt
und die Heiligen des Karmels in einer
Sprache präsentiert werden sollen, die
von der Bevölkerung in diesem
soziokulturellen und kirchlichen Kontext
auch verstanden wird.
Anläßlich von Feiern oder Jubiläen der beiden Orden
haben die beiden Generaloberen
gemeinsam, von den beiden Definitorien
erarbeitete Rundbriefe veröffentlicht.
Die Generaloberen haben sich gegenseitig
für jeweils einen Tag zu ihren
Generalkapiteln eingeladen, wo sie an
den Beratungen teilnahmen und der
Eucharistiefeier vorstanden. Außerdem
hat der eine oder andere bei mehr als
einer Gelegenheit bei Außerordentlichen
Generaldefinitorien oder regionalen
Treffen einen Kurs geleitet oder einen
Vortrag gehalten.
II.
DENKE AN DEN GANZEN WEG, DEN GOTT DICH
GEFÜHRT HAT
(Dtn 8,2)
8. In den letzten drei Jahren hatten wir zwei
bemerkenswerte Begegnungen von jeweils
einer Woche, an denen die beiden
Generaldefinitorien teilnahmen: die
erste auf dem Berg Karmel (1999), die
zweite in Aylesford in England (2001).
Bei unseren gemeinsamen Reflexionen
machten wir uns die Ursprünge des
Ordens, die Bedeutung Marias im Karmel
und die verschiedenartige Ausprägung
bewußt, nach der die beiden
Ordensfamilien die Spiritualität des
Karmel leben.
Die Erinnerung an die Ursprünge
9. Die Begegnung auf dem Berg Karmel fand
nach Abschluß des Außerordentlichen
Generaldefinitoriums O.C.D. im Oktober
1999 statt. Eine Woche lang haben wir
zusammen gebetet, mit Hilfe eines von
vier Mitbrüdern aus dem Teresianischen
Karmel verfaßten Buches mit dem Titel
Beten im Heiligen Land die
biblischen Orte besucht, und über die
fernen Ursprünge des Ordens und die
Regel nachgedacht. Wir riefen uns Elija,
Vorbild und Inspirator für die ersten
Karmeliten, in Erinnerung, die im 13.
Jahrhundert an diesem Ort mit ihrem
Leben begannen, und von Albertus, dem
damaligen Patriarchen von Jerusalem, die
Regel bzw. ihre „formula vitae“
erhielten. Wir besichtigten die Ruinen
im Wadi-es-Siah und führten uns das
eremitisch-zönobitische Leben „jener
heiligen Väter“ vor Augen. Wir
meditierten die grundlegenden Werte der
Regel und betrachteten sie aus
unterschiedlichen soziokulturellen und
kirchlichen Perspektiven, die –
verschiedenartigen Fenstern gleich – uns
ihren ganzen Reichtum und ihre
Aktualität entdecken ließen, um so auf
die neuen Herausforderungen zu
antworten, vor die wir uns als
Karmeliten in den verschiedenartigen
Kulturen heute gestellt sehen. Auf diese
Weise entdeckten wir den Wert und die
Aktualität der Erfahrung jener, die uns
vorangegangen sind.
10. Dabei wurden wir uns bewußt, daß der am
Evangelium ausgerichtete, schlichte und
ganzheitliche Lebensentwurf der Regel
auf Jesus Christus und die kirchliche
Gemeinschaft konzentriert ist. Wir
erkannten, daß sie eine tragende
Struktur für den Menschen bietet: mit
Gott (Gebet), den Mitmenschen
(gemeinschaftliche Übungen) und sich
selbst (Verinnerlichung und persönliche
Meditation). Wir stellten fest, daß
beide Orden aufgrund ihrer
unterschiedlichen, Jahrhunderte langen
Erfahrungen mit ihrer Berufung einen je
eigenen Zugang zur Regel haben.
So sind z. B. die Erfahrung der hl.
Teresa und des hl. Johannes vom Kreuz
und deren Interpretation der Regel vom
Teresianischen Karmel notwendigerweise
in einer speziellen Weise aufgenommen
worden. In der geistlichen Offenheit
einer differenzierten Lektüre und
Relektüre der Regel finden auch sie
Anklang und üben auf alle Karmeliten
Einfluß aus, die in ihnen jene Gestalten
sehen, in denen der Karmel zu seiner
größten Fülle gelangt ist. Für uns waren
es wahre Gnadentage, an denen wir unter
Berücksichtigung der derzeitigen
Situation mit Realismus auch einige
praktischen Aspekte in unserem
Miteinander durchdachten.
11. Wir erinnerten uns an die Übersiedlung des
Ordens aus dem Morgen- ins Abendland und
an seine damit verbundene Fähigkeit der
Anpassung an das vorherrschende
Mendikantenmodell, ohne daß er dabei die
kontemplative und eremitische
Ausrichtung seines Ursprungs aufgab. Bei
unserem Gang durch die Geschichte des
Ordens bedachten wir seinen Niedergang
mit den beständigen Reformbemühungen vor
und nach Teresa von Jesus und Johannes
vom Kreuz und auch die von ihnen
durchgeführte „Neubegründung“. Damit
eröffneten sie in kreativer Treue zu den
Ursprüngen für den Karmel neue Horizonte
und gingen so auf die Herausforderungen
ihrer Zeit ein. Der Ausgangspunkt war
ihre Erfahrung, die sie in ihren
Schriften, die Licht für den neuen Weg
sind, zum Ausdruck brachten. Ihr Einfluß
blieb nicht auf den neuen Orden
begrenzt, sondern zeitigte auch im alten
Ordenszweig seine Früchte und darüber
hinaus in der gesamten christlichen
Spiritualität.
Mit Maria, der Mutter Jesu
12. Eineinhalb Jahre später trafen sich die beiden
Generaldefinitorien wieder für eine
Woche, diesmal in Aylesford (England),
dem mit dem Skapulier verbundenen Ort.
Hier konzentrierte sich unser
Miteinander vor allem auf die
Erarbeitung des Briefes der beiden
Generaloberen Mit Maria, der Mutter
Jesu, zu dem das 750jährige
Skapulierjubiläum den Anlaß bot. Die
tiefe Marienverehrung ist ein starkes
gemeinsames Element der beiden
Karmelitenorden. Es ging uns darum,
unser marianisches Erbe mit den
Herausforderungen der Kirche und der
Welt von heute ins Gespräch zu bringen.
Wir hoben hervor, daß Maria im Karmel
als Mutter, Patronin, Schwester und
Vorbild gesehen wird. Wir stellten das
Skapulier als ein Zeichen des
Engagements dar und luden alle
Mitglieder der beiden Orden – Brüder,
Schwestern, Laien und aggregierte
Institute – ein, dieses marianische Jahr
des Karmels weiterhin festlich zu
begehen, um es dann mit der Krönung der
Muttergottes vom Karmel während der
Audienz mit dem Papst auf dem
Petersplatz in Rom am 12. September 1999
zum Abschluß zu bringen.
Beide Begegnungen förderten die Erinnerung an das,
was Gott im Lauf der Geschichte mit dem
Karmel getan hat, und brachten uns dazu,
unser gemeinsames und je eigenes
„historisches Credo“ vorzutragen, nach
dem Stil des „historischen Credos“ des
Volkes Israel (vgl. Dtn 26,5-9).
III.
IM VERGESSEN, WAS HINTER UNS LIEGT,
WOLLEN WIR NACH VORNE BLICKEN
(vgl. Phil 3,13)
Eine positive Bilanz
13. Beim letzten Treffen der beiden
Generaldefinitorien im Jahre 2002 zogen
wir über unseren gemeinsamen Weg des
Dialogs und der Zusammenarbeit Bilanz.
Wir betrachteten, was wir bis jetzt
gemacht haben und was noch zu machen
ist. Für den Stammorden begann vor gut
einem Jahr ein neues Sexennium, in
einigen Monaten geht für den
Teresianischen Karmel ein Sexennium zu
Ende.
Angesichts dieser Tatsache bekräftigen wir, soweit
das von uns abhängt, mit der Vertiefung
unserer brüderlichen Beziehung und
Zusammenarbeit weiter zu machen. Die
Konflikte und Spannungen von einst
müssen endlich überwunden werden, um uns
für die Zukunft zu öffnen, „in die der
Geist euch versetzt, um durch euch noch
große Dinge zu vollbringen“.
Bei der Abwägung dessen, was getan wurde, schien uns
klar zu sein, daß wir an Gemeinsamkeit
und Zusammenarbeit gewachsen sind. In
den beiden Orden sind gegenseitige
Vorurteile allmählich in sich
zusammengebrochen und die Kooperation
auf nationaler und regionaler Ebene ist
gewachsen. Wir verpflichteten uns,
gemeinsame Initiativen zu fördern, wie
das Institut für karmelitanische Studien
in den USA und andere, die da und dort
im Entstehen sind.
Neue Herausforderungen
14. Ähnlich wie die Kirche und das Ordensleben
insgesamt müssen auch wir uns den
Herausforderungen stellen, die eine sich
ständig verändernde Welt mit sich
bringt. Deshalb müssen in nächster Zeit
noch mehr Räume für die Suche und
Reflexion auf der Ebene der
Generaldefinitorien geschaffen werden.
Wir müssen uns fragen, wie wir heute die
großen Ideale der beiden Orden
weitergeben können, wie „Tag und Nacht
im Gesetz des Herrn betrachten“, „in der
Gefolgschaft Jesu Christi leben“, das
Zeugnis und die Weitergabe einer
soliden, biblisch begründeten
Spiritualität, die Erneuerung und
Aktualisierung der Marienverehrung, die
biblischer, anthropologischer,
liturgischer und ökumenischer werden
müßte. Gemeinsam könnten wir Wege für
den interreligiösen Dialog und von
unserer Spiritualität her Antworten auf
die Suche nach dem Sakralen und die
Sehnsucht nach Gott finden. Von der
Gotteserfahrung unseres Herrn Jesus
Christus her sind wir auch zu einem auf
eine vorrangige Option für die Armen
gegründeten Einsatz für Gerechtigkeit
und Frieden aufgerufen, dem „Zeichen
für die Echtheit des Evangeliums und
Ansporn für ständige Umkehr“.
Die Möglichkeit für Initiativen, die bei
Respektierung unserer jeweiligen
Identität in Kooperation durchgeführt
werden, müßte überprüft werden, um
daraus in Zusammenarbeit mit der großen
Familie des Karmel – Brüder, Schwester,
Laien, aggregierte Institute – einen
Multiplikator im Dienst der
Evangelisierung zu machen, der in die
ganze Welt hineinwirkt, denn Gott hat
uns das Charisma und die Spiritualität
des Karmel für den Dienst an unseren
Schwestern und Brüdern gegeben. Das
müßte auf allen Ebenen geschehen: von
der Volksfrömmigkeit bis zur
theologischen und interdisziplinären
Reflexion, von der Arbeit in der Mission
bis in den akademischen Bereich hinein.
Einheit in der Vielfalt
15. Am Ende dieser Gedanken, die wir Euch,
Schwestern und Brüder, hier vortragen,
wollen wir nochmals deutlich sagen, was
für beide Generaldefinitorien von Anfang
an klar war, aber viele nicht verstanden
haben oder nicht verstehen wollten. Wir
meinen damit bestimmte Vorbedingungen,
die notwendig sind, damit der Dialog und
die Zusammenarbeit solide Grundlagen
haben und nicht zum Verlust der
Identität des jeweiligen Ordens führen.
Niemals haben wir eine juridische Zusammenlegung der
Orden angestrebt, noch jemals davon
gesprochen, vielmehr glauben wir, daß
die Vielfalt ein großer Reichtum für die
beiden Orden ist. In Achtung vor unserer
jeweiligen Autonomie und unseren
Lebensräumen wollten wir nichts anderes
tun, als uns unmißverständlich und
unzweideutig den Eingebungen des Hl.
Geistes in den Zeichen der Zeit sowie
den Einladungen der Kirche zu
Gemeinschaftlichkeit und Zusammenarbeit
unter den verschiedenen Instituten zu
öffnen: „Die brüderliche geistliche
Beziehung und die gegenseitige
Zusammenarbeit zwischen den
verschiedenen Instituten des geweihten
Lebens und den Gesellschaften des
apostolischen Lebens werden vom
kirchlichen Gemeinschaftssinn getragen
und genährt. Personen, die durch die
gemeinsame Verpflichtung zur Nachfolge
Christi miteinander verbunden und vom
selben Geist beseelt sind, müssen als
Reben des einen Weinstocks die Fülle des
Evangeliums der Liebe sichtbar bekunden“.
Die neuerliche Instruktion der Kongregation für die
Institute des geweihten Lebens und die
Gesellschaften des apostolischen Lebens
erläßt diesen Aufruf zur
Gemeinschaftlichkeit, indem sie alle
Orden in der Kirche einlädt, ihre
gemeinsamen Wurzeln im Evangelium zu
entdecken, um das beste Charisma zu
erreichen, die Liebe.
Für uns, die wir gemeinsame Wurzeln
haben, gilt das noch viel mehr.
Schluß: Offenheit für den Geist im
Unterscheidungsprozeß des Glaubens
16. Schwestern und Brüder! Wir wollten uns vor dem
Generalkapitel des Teresianischen Karmel
an Euch wenden, um die Erfahrung eines
vor elf Jahren beschrittenen Weges mit
Euch zu teilen. Wenn
Gemeinschaftlichkeit und Brüderlichkeit
Zeichen der Anwesenheit des Geistes
sind, dann können wir Euch versichern,
daß er unter uns anwesend war. Wohin uns
der Geist führen wird, das wissen wir
nicht, doch haben wir die Gewißheit, daß
er uns auf den Weg bringt. „Der Wind
weht, wo er will; du hörst sein Brausen,
weißt aber nicht, woher er kommt und
wohin er geht. So ist es mit jedem, der
aus dem Geist geboren ist“ (Joh
3,8). Wir haben die feste Zuversicht,
daß der Dialog zwischen unseren Orden
auf allen Ebenen weitergeht. Das wird
allen Schwestern und Brüdern des Karmels
helfen, zum Wohl der Kirche zu einer
vertieften Kenntnis der Geschichte und
Spiritualität des Ordens zu kommen. Wir
haben uns bemüht, den Herausforderungen
des gegenwärtigen Augenblicks zu
entsprechen, den neuen Generationen wird
es zukommen, im Glauben das Wehen des
Geistes zu erspüren.
In seinem Apostolischen Schreiben zum Abschluß des
Großen Jubiläums ermutigt Johannes Paul
II. dazu, in der Kirche einen Geist der
Gemeinschaft zu leben; dazu zeigt er
einige Wege auf, die auch uns
weiterhelfen können:
„Spiritualität der Gemeinschaft ist auch
die Fähigkeit, vor allem das Positive im
anderen zu sehen, um es als
Gottesgeschenk anzunehmen und zu
schätzen: nicht nur ein Geschenk für den
anderen, der es direkt empfangen hat,
sondern auch ein ‚Geschenk für mich’.
Spiritualität der Gemeinschaft heißt
schließlich, dem Bruder ‚Platz zu
machen’, indem einer des anderen Last
trägt“
(vgl. Gal 6,2).
„Die Gnade Jesu Christi, des Herrn, die
Liebe Gottes und die Gemeinschaft des
Heiligen Geistes sei mit euch allen“ (2 Kor 13,13).
Rom, Weihnachten 2002 – Neujahr 2003
Fr. Joseph Chalmers O.Carm.,
Generalprior
-Fr.
Camilo Maccise O.C.D.
Generaloberer
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