Beratungsvorlage
für das
Generalkapitel 2003

 RÜCKKEHR ZUM WESENTLICHEN

 mit Teresa von Jesus und Johannes vom Kreuz.
 Ansatz für eine Neuformulierung unseres Charismas 
und eine Umschreibung unserer Präsenz in der Kirche.

 Generalkurie der Unbeschuhten Karmeliten
 Rom - 2000


I - Rückkehr zu den wesentlichen Werten  des Evangeliums II - Rückkehr zum Wesentlichen des Ordenslebens
III. Rückkehr zum Wesentlichen der Regel des hl. Albert   IV - Rückkehr zum Wesentlichen in der Erfahrung und Lehre
der hl. Teresa von Jesus  und des hl. Johannes vom Kreuz
 

 

Brief von P. General

 AN DIE BRÜDER UND SCHWESTERN UND DIE LAIEN  DES TERESIANISCHEN KARMEL

 Liebe Brüder und Schwestern!

   Das Geheimnis der Menschwerdung hat uns beim Überschreiten der Schwelle zum Dritten Jahrtausend begleitet, und so stehen wir nun mitten in der Feier des großen Jubiläumsjahres 2000. [1] Es ist dies für jeden Christen eine Zeit der Gnade, denn wir erhalten die Chance, uns unserer Identität als Jünger und Jüngerinnen Jesu, die durch dieselbe in der Taufe begründete Berufung mit allen anderen Christgläubigen verbunden sind, neu bewußt zu werden. Von Ihm gehen die verschiedenen Charismen aus, die durch das Wirken des Heiligen Geistes im Dienst an Kirche und Welt sichtbar geworden sind.

 Im Ordensleben insgesamt und somit auch in unserem Orden hat das Dritte Jahrtausend den Anstoß zum Neuaufbrauch und zur Reflexion gegeben. Die konkrete Form, wie Charismen gelebt und ausgedrückt werden, nützt sich mit der Zeit ab. Neue Situationen stellen neue Herausforderungen dar und machen Veränderungen notwendig, die es – unter Wahrung des Charismas und der eigenen Identität – ermöglichen, eine angemessene Antwort auf die Zeichen der Zeit und des jeweiligen Ortes zu geben.

 Seit dem Zweiten Vatikanum ist auch der Teresianische Karmel von neuem unterwegs. Unser Weg der Erneuerung ist in mehreren Etappen verlaufen. Die erste war das Sondergeneralkapitel 1968, das uns einlud, auf eine neue Welt zu hören. Es folgte der lange Abfassungsprozeß unserer Konstitutionen, an dessen Ende das Generalkapitel 1979 und dann die Anpassungen standen, die nach der Promulgierung des neuen Kirchenrechts eingearbeitet wurden. Das Generalkapitel 1985 konzentrierte sich auf das Thema Kultur, das vom Generalkapitel 1991 erneut aufgegriffen wurde. Das zentrale Thema des Generalkapitels 1997 war die Reflexion über die Herausforderungen für unsere Berufung und Sendung an der Schwelle zum Dritten Jahrtausend. Als Frucht dreijähriger Überlegungen auf der Ebene des Gesamtordens erschien das Kapitelsdokument Immer wieder neu anfangen. Die darin enthaltenen Richtlinien und Bestimmungen waren richtungweisend für den ersten Teil des gegenwärtigen Sexenniums 1997-2003 und für die verschiedenen Internationalen Kongresse, die wir in den vergangenen drei Jahren abgehalten haben.

 Das jüngste Außerordentliche Definitorium, das vom 4.-14.Oktober 1999 auf dem Berg Karmel stattfand, wollte an der Quelle des Elija zu den Ursprüngen zurückkehren. An der Schwelle zum Dritten Jahrtausend kehrte der Orden an den Ort zurück, wo er gegründet wurde, um dort wieder an die ursprüngliche Inspiration anzuknüpfen. Knapp drei Monate vor dem Jahreswechsel 1999/2000 suchten wir so nach neuen Wegen, um uns in schöpferischer Treue den Herausforderungen des gegenwärtigen Augenblicks zu stellen.

 Als zentrales Thema für den ersten Teil unserer Versammlung wählten wir die Reflexion über die Regel, die Inspirationsquelle für unsere Lebensweise. Als Zeichen für die Universalität unseres Ordens betrachteten wir die Regel zum ersten Mal aus verschiedenen Blickwinkeln, nämlich aus geschichtlicher, biblischer, teresianisch-sanjuanischer Perspektive, aus der Sicht der Frau und aus der Sicht der unterschiedlichen sozio-kulturellen Kontexte. Auf diese Weise folgten wir den Richtlinien des nachsynodalen Schreibens Vita Consecrata, das bei seinem Aufruf zur schöpferischen Treue betont, daß „heute für jedes Institut eine erneuerte Bezugnahme auf die Regel zur dringenden Notwendigkeit [wird], da in ihr und in den Konstitutionen ein Weg der Nachfolge enthalten ist, der von einem eigenen, von der Kirche beglaubigten Charisma gekennzeichnet ist. Eine stärkere Beachtung der Regel wird es nicht versäumen, den Personen des geweihten Lebens ein sicheres Kriterium anzubieten auf der Suche nach geeigneten Formen eines Zeugnisses, das auf die Forderungen der Zeit zu antworten imstande ist, ohne sich von der Anfangsinspiration zu entfernen.“ [2]

 Die nach dem Zweiten Vatikanum begonnene Suche und Reflexion möchten wir nun fortsetzen, indem wir zum Wesentlichen zurückkehren. Je mehr Zeit vergeht, umso komplizierter werden die anfangs sehr schlichten Formen. Die Strukturen, die während der ersten Zeit noch Ausdruck gelebten Lebens sind, werden bald zum festen Bestandteil des Lebens und ersticken es schließlich. Wir neigen dazu, Strukturen auf Strukturen zu häufen. Auf dem Weg, den ein Orden geht, hinterläßt jede Generation ihre Spuren. Zum Glück gibt es Augenblicke – und der gegenwärtige Augenblick ist ein solcher –,  in denen wir uns gezwungen sehen, die Dinge wieder zu vereinfachen, uns dem Wesentlichen zuzuwenden als Ausgangspunkt für eine dynamische Treue und eine authentische Erneuerung.

 Wir verspüren die Notwendigkeit, zum Wesentlichen des Evangeliums, des Ordenslebens, der Regel, der Erfahrung und Lehre der hl. Teresa und des hl. Johannes vom Kreuz, unseres Charismas und unserer Spiritualität zurückzukehren. Zugleich sind wir uns dessen bewußt, daß unsere Antwort armselig und unvollkommen ist und auch immer sein wird, denn wir sind ständig hin- und hergerissen zwischen der Versuchung zum starren Festhalten an der Vergangenheit und dem totalen Brechen mit ihr. Nie werden wir zu einer vollkommenen Antwort fähig sein, wenn der Herr uns in der Geschichte dazu aufruft, den kommenden Generationen die Wege zu bereiten, damit sie sich den Herausforderungen der Zukunft stellen können.

 Wir sind Erben und Erbinnen der Vergangenheit, sind verantwortlich für die Gegenwart und bauen in all unserer Begrenztheit und Armseligkeit an der Zukunft. Der Herr ruft uns, hier und heute in seine Fußspur zu treten. Wir müssen Männer und Frauen sein, die ganz und gar verfügbar sind, um beweglich zu bleiben, ohne uns an Werke oder Traditionen zu klammern, die ihren Sinn verloren haben; dazu bedarf es einer selbstlosen Liebe, die fähig ist, sich neue Ausdrucksformen zu schaffen.

 Das Generaldefinitorium schickt euch dieses Beratungspapier, mit dem wir unsere Vorbereitung auf das nächste Generalkapitel im April 2003 beginnen wollen. Das Dokument ist überschrieben: Rückkehr zum Wesentlichen mit Teresa von Jesus und Johannes vom Kreuz. Ansatz für eine Neuformulierung unseres Charismas und eine Umschreibung unserer Präsenz in der Kirche.

 Nach Erhalt dieses Dokuments mögen die Provinziale und die Verantwortlichen der verschiedenen Zirkumskriptionen es an alle Konvente der Brüder und Schwestern mit den Konstitutionen von 1991 sowie an die Gemeinden des Säkularordens weitergeben, damit es auf persönlicher und gemeinschaftlicher Ebene studiert und durchdacht wird.

 Das Papier enthält eine Reihe von Fragen, die beantwortet werden sollen. Jede Provinz oder Zirkumskription möge dann eine Zusammenfassung der Antworten erstellen und diese bis Ende November 2000 an die Generalkurie schicken. Im Licht dieser Antworten wird eine Kommission den ersten Entwurf des Arbeitspapiers für das Generalkapitel erarbeiten. Dieses Dokument soll den Teilnehmern am Außerordentlichen Generaldefinitorium, das vom 28. Januar bis 7. Februar in Nairobi stattfindet, vorgelegt werden.

 Wir Ihr sicher festgestellt habt, ist an dieser Beratungsvorlage, daß sie auch an die Unbeschuhten Karmelitinnen, die mit dem Orden rechtlich verbunden sind, und die Mitglieder des Säkularordens geht. Das postsynodale Schreiben Vita consecrata hat das Ordensleben inmitten einer als communio verstandenen Kirche dargestellt, in der die gottgeweihte Frau und die Frauenund Männer im Laienstand zur aktiven Teilnahme an Leben, Spiritualität und Apostolat des jeweiligen Instituts auf den verschiedenen Ebenen berufen sind. Die Sichtweise unserer Schwestern wie auch die der Mitglieder der Teresianischen Karmel-Gemeinschaft wird das Teresianische Charisma im Dritten Jahrtausend mit neuen Werten bereichern. [3]

 Vertrauen wir auf Gott, der in uns das Wollen und das Vollbringen bewirkt (vgl. Phil 2,13), der treu ist und uns „zur Gemeinschaft mit seinem Sohn Jesus Christus berufen hat“ (1 Kor 1,9) und der uns helfen wird, Wege zu finden, um dem Charisma der hl. Teresa von Jesus und des hl. Johannes vom Kreuz im eben begonnenen Jahrtausend einen neuen vitalen Impuls zu geben. Maria, unsere Mutter, die „mit ihrem Sohn Jesus und ihrem Mann Josef zum Tempel Gottes gepilgert ist“ [4] , möge uns beschützen bei unserem Bemühen, den Aufforderungen des Heiligen Geistes in dieser Zeit, in der zu leben uns aufgegeben ist, nachzukommen.

 Rom, 2. Februar 2000
Fest der Darstellung Jesu im Tempel
und Jubiläumstag des Ordenslebens
Mit brüderlichen Grüßen im Karmel

 Fr. Camilo Maccise OCD 
Generalobere

Einführun

1.         Das Thema unseres nächsten Generalkapitels ist die Rückkehr zum Wesentlichen mit Teresa von Jesus und Johannes vom Kreuz. Ansatz für eine Neuformulierung  unseres Charismas und eine Umschreibung unserer Präsenz in der Kirche. Das beinhaltet, daß wir zu Beginn des Dritten Jahrtausends über die Zukunft des Karmel sowie über die Zukunft des Ordenslebens überhaupt nachdenken wollen. Wie es im Dokument Vita consecrata heißt, ist dieses ein „wesentlicher Bestandteil des Lebens der Kirche [5] und darf somit in ihr nicht fehlen. [6] Mit Blick auf die Zukunft spricht dieses Dokument zwar realistisch über Institute, „deren Existenz Gefahr läuft, aufzuhören“, während sich für andere „mehr das Problem der Reorganisation der Werke“ [7] stelle oder auch das, das Charisma in neuer Form zu leben.

 2.         Es ist gewiß schwer, die Zukunft vorherzusagen. Wenn wir fähig sind, die Zeichen der Zeit und des jeweiligen Ortes zu deuten, können wir aber immerhin in ihnen die Samenkörner entdecken, die uns doch teilweise etwas von dem erahnen lassen, was auf uns zukommt. Wie stellt sich aus dieser Sicht die Lage des männlichen und weiblichen Karmel sowie unserer Laiengemeinschaft dar? Die Antwort auf diese Frage erfordert an erster Stelle eine Analyse der gegenwärtigen Lage der Welt, der Kirche und der karmelitanischen Familie, die uns die Herausforderungen erkennen läßt, denen wir uns stellen müssen. Diese Herausforderungen können uns zusammen mit der Treue zu den wesentlichen Punkten des teresianisch-sanjuanischen Charismas helfen, zumindest teilweise zu erahnen, wie die nächste Zukunft aussehen wird.

 

1. Eine Situation des Exils

 

3.         Wir leben in einer Zeit, die von manchen Autoren mit der Exilszeit verglichen worden ist. So wie Israel während dieser Phase seiner Geschichte all seiner Sicherheiten (des Tempels als des Ortes der Gegenwart Gottes; der Hauptstadt Jerusalem als des Zentrums, das die Einheit des Volkes gewährleistete; der Monarchie, an der es seine Identität als Nation festmachte) beraubt wurde, so haben auch wir in Kirche und Ordensleben viele Sicherheiten verloren, über die wir in jüngster Vergangenheit noch verfügten. Feste Strukturen, eine feste Organisation, Uniformität, religiöser, kultureller und theologischer Monozentrismus sind der Suche, der Ungewißheit, der Pluralität, der Verunsicherung gewichen. Wie das Volk Israel standen auch die Orden plötzlich ohne die zentralen Symbole da, die eine Quelle der Sicherheit gewesen waren. Das Exil ist aber nicht nur ein äußeres Geschehen, es ist eine geistliche Erfahrung. Menschen, die sich in einer Situation des Exils befinden, haben Grenzen überschreiten müssen, doch bestehen in ihrem Herzen weiterhin geistige Bindungen an das, was sie auf der anderen Seite zurückgelassen haben, nach dem sie auch Heimweh haben. Sie leiden unter dem, was sie verloren haben, doch bleibt dies weiterhin als Teil ihrer Identität in den Verbannten lebendig. In jüngster Zeit mußten die Orden - und damit auch unser Orden - aus einer Situation des Exils heraus neu ihre Grenzen abstecken. Es ist eine tiefe Spiritualität erforderlich, um mit neuen Grenzen und Schranken umzugehen. Weit davon entfernt, unsere Identität verlorengehen zu lassen, werden uns die neuen, in einem betenden Unterscheidungsprozeß gewagten Erfahrungen helfen, sie in neuer Form zu bewahren.

 

4.         Das Exil ist eine Gelegenheit für die Rückkehr zum Wesentlichen, um die geschichtlich bedingten Gegebenheiten kennenzulernen, und im Glauben und in der Erkenntnis Gottes zu reifen. Das Zweite Vatikanum ruft uns dazu auf, beständig die Zeichen der Zeit zu erforschen und in den tiefen Sehnsüchten der Menschheit jeweils Gottes Anfrage zu entdecken. [8] Unter Beachtung der Zeichen der Zeit hat das Konzil selbst eine Veränderung gewaltigen Ausmaßes in der Kirche bewirkt. Es machte uns bewußt, daß wir in eine Geschichte eingebunden sind, die einem raschen und tiefgreifenden Wandel unterworfen ist. Das wirkt sich notgedrungen auch auf unser Ordensleben aus. Das dürfen wir nicht ignorieren, wenn wir unser Ordensleben als Antwort auf die Einladung des Herrn zum Zeugnis und zur Verkündigung der Frohen Botschaft von der Erlösung leben wollen.

 2. Eine Welt in ständigem Wandel und Umbrucht

 

5.         Die Veränderungen in der Welt sind schnellebig und nicht aufzuhalten. Heute finden innerhalb kurzer Zeit Veränderungen statt, die früher Jahrhunderte gebraucht haben. Zugleich handelt es sich aufgrund der wechselseitigen wissenschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und technischen Abhängigkeit um weltweite Veränderungen. Sie haben tiefgreifende Auswirkungen, weil sie das ganze Dasein des Menschen beeinflussen und seine persönliche Situation verändern. Es gibt Menschen und Gruppen, die diese Veränderungen hervorrufen, und andere, die sie erleiden, aber niemand bleibt von ihnen verschont. Statt von Veränderungen spricht man wohl besser von einer Zeitenwende, die von der Moderne und der Postmoderne, vom Subjektivismus und von der Krise der Ideologien geprägt ist. Insbesondere geht es da um Phänomene wie Säkularisierung, Befreiung, Globalisierung und eine neue Ethik.

 6.         Die Säkularisierung bringt eine gewandelte Beziehung des Menschen zur Natur, zu den Mitmenschen und zu Gott mit sich. Sie ist das Phänomen der Entsakralisierung, um die legitime Autonomie der Person, der Kultur und der Technik zu proklamieren. Dadurch gerät manches aus der Balance, es entsteht ein Ungleichgewicht zwischen der Autonomie der menschlichen Person und dem Verlust des Sinnes für Transzendenz, was zum Säkularismus führt, sowie zwischen den religiösen Werten und den neuen Mythen und Idolen.

 7.         Ein weiteres Phänomen, das wir nicht ignorieren dürfen, ist die Befreiung. Menschen, Gruppen, Völker und Kulturen wollen nicht länger ein Spielball in der Hand derer sein, die zu Unrecht Macht über sie ausüben. Sie möchten selbst aus einer Situation der Gleichberechtigung, der Mitverantwortung, der Beteiligung und des Miteinanders heraus ihr Schicksal in die Hand nehmen. Das geschieht überall dort, wo neue Formen der Unterdrückung, der Marginalisierung und der Ausbeutung der Schwächsten aufkommen. Das wachsende Bewußtsein von der Würde der menschlichen Person regt dazu an, Wege zu suchen und diese durch die Ausübung der allgemein anerkannten, geschützten und geförderten Grundrechte der Person zu verwirklichen. In diesen Bereich gehört auch die feministische Bewegung, die der Frau die Stellung zu geben versucht, die ihr in Kirche und Gesellschaft zukommt.

 8.         Zu den prägenden Merkmalen des gegenwärtigen Augenblicks gehört zweifellos die Globalisierung. Aufgrund der wachsenden gegenseitigen Abhängigkeit in allen Bereichen macht die Welt heute einen Prozeß der Vereinheitlichung durch. Die Erde ist ein „Welt-Dorf“ mit vielen wirtschaftlichen, kommerziellen, politischen und militärischen Vernetzungen. In einer Welt voller Informationen, Kontakte und Begegnungen haben die Massenmedien und die Kommunikationsmittel die Menschen einander näher gebracht. Die wirtschaftliche Macht konzentriert sich in den Händen weniger, und genauso ist es mit der Kommunikation und Information. Alles wird kontrolliert. Es entsteht ein großes Ungleichgewicht zwischen reichen und armen Ländern, es gibt das wachsende Phänomen der armen Massen in den reichen Ländern und der reichen Minderheiten in den armen Ländern. Die Globalisierung spielt sich auf verschiedenen Ebenen ab: auf technologischer, wirtschaftlicher, politischer und kultureller Ebene. Positive Aspekte der Globalisierung sind die Möglichkeit, weltweite Verbindungen herzustellen, Zugang zur Information und das Verschwinden von Entfernungen, das zu einer Verbesserung der Lebensqualität beitragen kann. Doch gibt es auch negative Aspekte, namentlich die maßlose wirtschaftliche Gewinnsucht, die den Menschen zum Verbraucher degradiert, die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, den Zusammenbruch von Kulturen und Lebensmodellen, welche die Globalisierung zu vereinheitlichen sucht.

 9.         Die tiefere Ursache dieser Veränderungen ist die Krise der Ethik der Vergangenheit und die Suche nach einer neuen Ethik an den religiösen Institutionen vorbei, wodurch Gott und Religion in die Privatsphäre abgedrängt werden. Wir erleben die Entwicklung der Bioethik mit den gewaltigen Herausforderungen der Gentechnik, die in der Gefahr ist, eine standardisierte Menschheit zu schaffen. Durch Manipulation des menschlichen Genoms erheben die Wissenschaftler gelegentlich den Anspruch, „Gott zu spielen“. Es besteht dringender Bedarf an einer Ethik, die auf der Würde der nach dem Bild Gottes, des einzig Absoluten, geschaffenen menschlichen Person gründet.

 3. Positive Tendenzen

 

 10.      Doch ist in dieser sich wandelnden Welt nicht alles negativ. Es gibt auch positive Tendenzen wie das neue Bewußtsein vom Wert der menschlichen Person und ihren Grundrechten, die Suche nach einer neuen Harmonie zwischen Mensch und Natur, die Sensibilität für die Frage des Lebens, der Gerechtigkeit und des Friedens, das Bewußtsein vom Wert der eigenen Kultur, die Suche nach einer neuen Weltwirtschaftsordnung, das wachsenden Gespür für die Verantwortung des Menschen für die Zukunft, eine größere Sensibilität für religiöse und mystische Erfahrungen als Mittel für einen inneren Prozeß der Befreiung und des persönlichen Wachstums, die veränderte Stellung der Frau in der Gesellschaft.

   4. Eine neue Situation in Kirche und Ordensleben

 

11.            Abgesehen von den ersten drei Jahrhunderten, in denen die Kirche im Nahen Osten eine Blütezeit erlebte, hatte die Kirche bis zum Beginn des vergangenen Jahrhunderts ein europäisches Gesicht. Heute leben jedoch nahezu Dreiviertel der Christen in der Dritten Welt. Das bringt die Notwendigkeit mit sich, vom religiösen, kulturellen und theologischen Monozentrismus (Europa als Zentrum) zu einem Plurizentrismus (mehrere gleichwertige Zentren) in diesen Bereichen und von der als Uniformität verstandenen Einheit zu einer Einheit in der Vielfalt zu kommen. Wir müssen offen sein für die Inkulturation des Evangeliums. Und das gilt auch für das Ordensleben. Auch dieses muß inkulturiert werden. Im Kapitelsdokument 1997 war davon ausführlich die Rede.

 12.       Das Ordensleben existiert in der Kirche und für die Kirche. Die Weise, wie wir unser Ordensleben verstehen und leben, hängt zum Teil mit dem Kirchenbild zusammen, das in einer bestimmten Epoche vorherrscht. Heute muß es schwerpunktmäßig von der Kirche als in Gemeinschaft lebendem Volk Gottes ausgehen, wobei die Aufwertung der Laien und die Rolle der Frau in der Kirche zu berücksichtigen sind. [9]

I.

 Rückkehr zu den wesentlichen Werten  des Evangeliums

13.       Christus ist die Mitte des christlichen Lebens und der christlichen Erfahrung (Kol 1,15-29; Eph 2,20). Er, der Sohn Gottes, wird Mensch, um uns die Absicht des Vaters zu offenbaren und uns neues Leben zu schenken (Joh 1,1-18). Rückkehr zu den wesentlichen Werten des Evangeliums bedeutet an erster Stelle, Christus im Neuen Testament und durch die Erfahrung seiner Gegenwart und Nähe in unserem Leben näherzukommen. Wann immer wir meinen, Christus und seine Anforderungen doch schon ein wenig zu kennen, überrascht uns das Leben mit einem neuen Aspekt. Jesus dringt in unser Dasein ein und verändert die Dinge, denn er ist keine Person aus der Vergangenheit, sondern er lebt. Niemand kennt ihn, außer dem, dem es der Vater offenbaren will (Mt 11,27).

14.       In Christus hat Gott uns alles geoffenbart. Nie können wir sagen, daß wir ihn ganz und gar kennen: „Es gibt viel, was in Christus zu vertiefen ist, denn er ist wie ein überreiches Bergwerk mit vielen Gängen voll von Schätzen; niemals findet man für sie einen Schluß- und Endpunkt, mag man sich noch so sehr in sie vertiefen, im Gegenteil, in jedem Gang kommt man da und dort zum Auffinden von neuen Adern mit neuen Reichtümern.“ [10] Immer müssen wir von Christus ausgehen: „Erstens: Haben Sie eine gewohnheitsmäßige Bestrebung, Jesus Christus in all seinen Werken nachzuahmen, indem Sie mit seinem Leben übereinstimmen, das Sie betrachten müssen, um es nachahmen zu können und sich in allem so zu verhalten, wie er es getan hätte.“ [11] Er ist die Mitte unseres Lebens, in ihm besitzen wir alles: „Mein sind die Himmel und mein ist die Erde; mein sind die Völker, die Gerechten sind mein und mein die Sünder; die Engel sind mein, und die Muttergottes und alle Dinge sind mein, ja Gott selbst ist mein und für mich, denn Christus ist mein und ganz für mich.“ [12] Für jede Generation ist Jesus derjenige, der den endgültigen Plan Gottes mit dem Menschen und der Welt offenbart. Er ruft jeden Menschen, ihm zu folgen, um so von jeglicher Sklaverei frei zu werden, wie Er es war.

 15.       Jesus ist das lebendige Evangelium. Er ist derjenige, den unsere hl. Mutter Teresa als „lebendiges Buch“ erlebte: „Seine Majestät war das lebendige Buch, in dem ich die Wahrheiten fand. Was für ein gesegnetes Buch, welches das, was man lesen und tun soll, so tief einprägt, das man es nicht mehr vergessen kann!“ [13] Jesu ganze Existenz verkündet die Frohbotschaft von Gott, und das nicht nur, wenn er Reden hält, sondern auch, wenn er den Leidenden, den Armen und Sündern zu Hilfe kommt und wenn er alles anprangert, was dem Plan Gottes mit der Menschheitsgeschichte widerspricht. So ist Er ein offenes Buch, in dem wir Inspiration und Orientierung für unser Leben als Menschen, Christen und Ordensmann bzw. Ordensfrau finden.

 16.       Die aufmerksame Lektüre der Evangelien läßt uns die Grundzüge Jesu entdecken. In ihnen erscheint er als ein Mensch, der allen und allem gegenüber frei war, was ihn an seiner Sendung, die Frohbotschaft vom Vater zu verkünden, hätten hindern können: gegenüber sozialem und religiösem Druck, Verwandten und Freunden, der politischen und religiösen Macht, dem Gesetzesdenken. Jesus ist ein Mensch, der für andere lebt. Er ist ein freier Mensch, weil er alle liebt und lebt, um allen, ganz besonders den Ärmsten und Bedürftigsten, zu dienen und sie von jeglicher Sklaverei zu befreien. Er steht immer auf der Seite derer, die vom System ausgeschlossen werden: der öffentlichen Sünder, der Kranken, des einfachen, unwissenden Volkes, der Ausländer. Er kämpft gegen die von Menschen erfundenen Unterschiede: zwischen Juden und Heiden, zwischen dem Heiligen und dem Profanen, zwischen rein und unrein. Er schlägt eine neue Ordnung vor: Er offenbart Gott als Vater, der die Menschen zur Geschwisterlichkeit aufruft, verbindet die Gottesliebe mit der Nächstenliebe, verlangt, daß Macht als Dienst ausgeübt wird. Jesus bleibt der Erfüllung des Willens des Vaters, dem er sich vertrauensvoll im Gebet öffnet, treu bis in den Tod.

 17.       Das Apostolische Schreiben Tertio Millenio Adveniente leitet uns an, ganz besonders die christologische Dimension des christlichen Lebens zu leben. [14] Diese besteht wesentlich in der Nachfolge Jesu. In seinem Dekret über das gottgeweihte Leben hat das Zweite Vatikanum an mehreren Stellen den grundlegenden Aspekt der Nachfolge Jesu hervorgehoben. Diese Nachfolge Christi nannte es das „entscheidende Kriterium“ für den gottgeweihten Menschen. [15]

 18.       Die Analyse der biblischen Grundlage des Ordenslebens war es, die dazu beitrug, daß es als Form der Nachfolge Jesu wiederentdeckt wurde. Bei dieser Reflexion wurde deutlich, daß Christus während seines irdischen Lebens mehrere Gruppen von Menschen hatte, die ihm folgten, und daß dies im Leben der Kirche weiterhin der Fall war. Durch das Wirken des Hl. Geistes, der dem Wort Jesu eine immerwährende Aktualität verleiht, kamen in ihr nach und nach mehrere Formen der konkreten Nachfolge Jesu auf. Eine davon ist das Ordensleben. Wie die Gruppe der Apostel, aber mit einer eigenen Deutung, versuchen auch die Ordensleute so zu leben wie Jesus, und Zeugnis davon abzulegen, daß in ihm die ganze Fülle zu finden ist.

 19.       Das Ordensleben ist nur eine Form der Nachfolge Jesu. Ganz richtig sagte unser hl. Vater Johannes vom Kreuz zu den Karmelitinnen von Córdoba: „Sie sollen deutlich machten, was Sie geloben, nämlich Christus in Entblößung  zu folgen, auf daß diejenigen, die dazu angeregt werden, wissen, mit welchem Geist sie kommen müssen.“ [16]   Damit sind die drei Voraussetzungen der Nachfolge gemeint, wie sie in den Gelübden zum Ausdruck kommen: Relativierung der Familie im Gelübde der Keuschheit und im Gemeinschaftsleben, in dem wir uns als Familie zeigen, die im Namen des Herrn zusammengekommen ist; Relativierung des Besitzes im Gelübde der Armut; Kreuzesnachfolge in der treuen Erfüllung der eigenen Sendung durch das Gelübde des Gehorsams, das uns dazu verpflichtet, die Wege Gottes mit Hilfe des Oberen und der Gemeinschaft zu erforschen.

   

FÜR DIE PERSÖNLICHE UND DIE GEMEINSCHAFTLICHE REFLEXION

 

1. Welche Aspekte der Nachfolge Jesu im Ordensleben sind Ihrer Meinung nach gegenwärtig am vordringlichsten? Und im Leben der Laien?

 2. Wie können wir heute unsere Selbstverpflichtung zur Nachfolge Jesu, der Mitte der Geschichte und der Welt, erneuern und bezeugen?

 3. Welcher Hilfsmittel könnten wir uns konkret bedienen, um auf persönlicher und gemeinschaftlicher Ebene in der Erkenntnis Jesu und der Liebe zu ihm zu wachsen, als Quelle für ein authentisches Engagement?

   

II.

 Rückkehr zum Wesentlichen des Ordenslebens

   

20.       Auch für das Ordensleben gilt, daß es zum Wesentlichen zurückkehren muß. Die Ordensinstitute sind als vom Geist erweckte geschichtlich bedingte Antworten auf Krisensituationen sowie auf die Bedürfnisse der Menschen entstanden. Darum fügten sie sich wunderbar in die Lebensbedingungen der jeweiligen Epoche ein und benutzten eine lebendige Sprache, die von den Zeitgenossen verstanden wurde. Im Einklang mit den religiösen und sozialen Problemen, von denen die Menschheitsgeschichte zu unterschiedlichen Zeiten geprägt war, traten die verschiedenen Orden und Kongregationen auf als vielfältige Antworten des Geistes.

 21.       In ihrer ganzen Vielfalt sind diese Gruppen von Gottgeweihten jeweils die Furcht eines Charismas, das sich zwar in einem bestimmten geschichtlichen Augenblick konkretisiert hat, aber über diesen Augenblick hinausweist. Seine dienende Funktion setzt voraus, daß es für neue Nöte offen bleibt, wenn es nicht verlöschen will, sobald die konkreten Formen, in denen es sich damals ausdrückte, als es vom Geist erweckt wurde, verschwinden. „Tatsächlich erscheinen die Strukturen des Ordenslebens, die in den ländlich geprägten Gesellschaften des Mittelalters oder in der Welt der industriellen Revolution der letzten Jahrhunderte geprägt wurden, nicht immer geeignet, um die Bedürfnisse und Wünsche der Frauen und Männer unserer Zeit auszudrücken.“ [17] Wir erleben gegenwärtig das Verschwinden dieser geschichtlich bedingten Gestalt des Ordenslebens, mit der die Nachfolge Jesu gleichgesetzt wurde. Es war eine leicht verständliche und leistungsfähige Gestalt, die Heilige hervorgebracht hat, heroische Männer und Frauen, deren existentielle Sprache von der heutigen Welt jedoch nicht mehr verstanden wird oder ihr nicht mehr viel zu sagen hat. Dieses Modell des Ordenslebens ist am Auslaufen, weil es ihm nicht mehr so wie in der Vergangenheit, gelingt, eine Antwort auf die großen, berechtigten menschlichen und religiösen Sehnsüchte seiner Mitglieder zu geben, und noch viel weniger, die Aufgabe zu erfüllen, die ihm als Sendung anvertraut wurde. Wer das Ordensleben aus der Sicht der Welt betrachtet, bekommt den Eindruck, daß die Hauptprobleme woanders liegen: Das Ordensleben ist für die heutige Jugend irrelevant und hat nur einen geringen gesellschaftlichen Einfluß und eine nur schwache Kraft für die Welt; zur Neuevangelisierung der modernen Gesellschaft ist es nicht fähig.

 22.       Die Lösung besteht daher nicht in einer Flucht in die Vergangenheit, indem man um jeden Preis die Strukturen der traditionellen Lebensform beibehalten will, so als wären sie die einzigen, die es einem ermöglichen, dieser Berufung in der Kirche treu zu bleiben und die eigene Identität zu bewahren. Mit feinem Gespür für die geschichtliche Entwicklung müssen wir in einem vom Glauben gelenkten Unterscheidungsprozeß offen bleiben für Neues (vgl. 1 Thess 5,9-21). Die nachkonziliare Zeit war von Spannungen sowie vom Bemühen geprägt, die Veränderungen zu bewältigen und uns den mit ihnen verbundenen Herausforderungen zu stellen. Die sakral überhöhten Strukturen waren zu einer bloßen Wiederholung der Vergangenheit verkommen, mit der Folge, daß sie verknöchert waren.

 23.       Das postsynodale Schreiben Vita consecrata hat die wesentlichen Elemente jeglichen Ordenslebens hervorgehoben: Weihe (Hingabe), Gemeinschaft und Sendung. Diese Grundstrukturen des Ordenslebens verstehen wir besser, wenn wir sie aus menschlicher und christlicher Sicht betrachten. „Der Mensch ist mit Gott verbunden, er ist offen für seine Mitmenschen und steht in Beziehung zu den irdischen Wirklichkeiten. Durch sein Leben hat Christus uns neue Möglichkeiten in unserer Beziehung zu Gott (Glaube), zu den Mitmenschen (Liebe), zur geschaffenen Welt (Hoffnung) erschlossen. So werden wir zur Begegnung mit Gott, zur Öffnung für die Mitmenschen und zum schöpferischen, engagierten Einsatz für die Verwandlung der Welt (Hoffnung) geführt. Letztlich ist die Weihe ein Ausdruck des Glaubens an den personalen Gott, den einzig Absoluten, dem wir liebenden Gehorsam schulden; die Gemeinschaft ist ein Mittel, das auf der Liebe gründet und uns eine Familie bilden läßt, die im Namen des Herrn versammelt ist. Die Sendung, das Evangelium mit all seinen sozialen Konsequenzen zu verkünden und zu bezeugen, ist die Berufung eines jeden Christen; der Gottgeweihte möchte dies durch den Einsatz in tätiger Hoffnung unterstreichen, indem er sich ganz und gar dem Dienst an den Mitmenschen widmet.“ [Fundstelle fehlt!]

 24.       Diese drei Schlüsselelemente des menschlichen Lebens und des Ordenslebens – Begegnung mit Gott, Geschwisterlichkeit und konkreter Einsatz für die Verwandlung der Welt im Lichte des Heilsplans Gottes – kann man nicht voneinander trennen. Sie bedingen und verursachen sich gegenseitig. Die Begegnung mit Gott wird sichtbar in der Nächstenliebe, und beide führen zum Einsatz für gesellschaftliche Veränderungen im Licht der Erfordernisse des Reiches Gottes. Im Ordensleben ist der Aspekt der Hingabe an Gott zuinnerst mit dem der Verfügbarkeit verbunden, sich von ihm senden zu lassen. Das Ordensmitglied bewahrt sich für Gott allein, um im Hinblick auf die Verwirklichung des Reiches Gottes ganz und gar für den Dienst am Nächsten verfügbar zu sein. Wenn Gott Menschen für sich beansprucht und sich diese weiht, so nur, um sie um so freier und mit einer Sendung in die Welt zurückzuschicken.

 25.       Die konkrete Form der Weihe der Ordensleute an Gott findet heute durch die Gelübde der Keuschheit, der Armut und des Gehorsams statt. Diese gewährleisten die Dialektik der Hingabe an Gott und Sendung im Dienst an den Nächsten. Insofern sie Inanspruchnahme des Menschen durch Gott sind, beinhalten sie eine selbstlose Hingabe an die göttliche Liebe. Sie stehen für den inneren Impuls eines Menschen, der das Absolute sucht und sich aus diesem Grund allem anderen gegenüber frei fühlt. Der Verzicht auf die Welt ist keine Flucht, sondern eine radikalere Weise, mit ihr in Beziehung zu treten. Durch die Gelübde wird weder die Beziehung zu den Gütern dieser Welt (Armut), noch die zur Gesellschaft (Gehorsam) oder die zum Mann bzw. zur Frau (Keuschheit) abgeschnitten; vielmehr bekommen sie durch die Ganzhingabe an Gott eine neue Dimension. Die Gelübde weihen die betreffenden Personen, ermöglichen ihre Hingabe, machen sie frei und verfügbar für die Sache Gottes und Christi in der Welt.

 26.       Von Anfang an hat das Ordensleben ein Gemeinschaftsideal angestrebt: Es wollte die Gruppe der Zwölf oder auch die Urgemeinde von Jerusalem nachahmen. Im Anschluß an das Zweite Vatikanum wurde diese geschwisterliche Dimension des Ordenslebens wiederentdeckt. Es stellt sich in einer als Gemeinschaft verstandenen und am Evangelium orientierten Kirche als geschwisterliche Lebensweise dar. Dies ist eines seiner wichtigsten Zeugnisse und eine Weise, die Erlösung durch Jesus Christus, der Gemeinschaft unter den Menschen stiftete, gegenwärtig zu setzen. Im Jahr 1994 veröffentlichte die CIVCSVA ein Dokument, das den Titel trug: Das brüderliche und schwesterliche Leben in Gemeinschaft „Congregavit nos in unum Christi amor“. Darin wird an die Veränderungen in Ekklesiologie und Kirchenrecht in bezug auf das Gemeinschaftsleben erinnert, die dazu führten, daß im Ordensleben das Gemeinschaftsleben, das geschwisterliche Zusammenleben in Gemeinschaft stärker hervorgehoben wurde. Ferner wird auf die gesellschaftliche Entwicklung in bezug auf einige Aspekte des menschlichen Lebens hingewiesen, die einen entscheidenden Einfluß auf die Ordensgemeinschaften haben: die politischen und sozialen Emanzipationsbewegungen in der Dritten Welt, die Einforderung der persönlichen Freiheit und der Menschenrechte, die Förderung der Frau, die explosionsartige Entwicklung der Medien und der Kommunikationsmittel, die Konsumhaltung und der Hedonismus. Das Dokument folgert: „Dies alles ist eine Herausforderung und ein Anruf, mit verstärkter Willenskraft nach den evangelischen Räten zu leben, nicht zuletzt auch, um die gesamte christliche Gemeinschaft in ihrem Zeugnis zu bestärken.“ [18]

 27.       Wie im christlichen Leben überhaupt ist in der Ordensberufung „die Aufgabe enthalten, sich vollständig der Sendung zu widmen: ja, das geweihte Leben wird unter dem Wirken des Heiligen Geistes, dem Ursprung jeder Berufung und jedes Charismas, selbst zur Sendung, wie es das ganze Leben Jesu gewesen ist. Das Bekenntnis zu den evangelischen Räten, das die Person des geweihten Lebens für die Sache des Evangeliums völlig frei macht, offenbart auch unter diesem Gesichtspunkt seine Bedeutung. Man darf also behaupten, daß die Sendung für jedes Institut wesentlich ist, nicht nur für die des tätigen apostolischen Lebens, sondern auch für die des beschaulichen Lebens.“ [19]

   

FÜR DIE PERSÖNLICHE UND DIE GEMEINSCHAFTLICHE REFLEXION

 1. Was sind die wichtigsten Folgerungen, die sich für Sie aus diesen Betrachtungen über das Wesen des Ordenslebens ergeben?

 2. Was sind die wichtigsten Defizite in unserer Auffassung von den Gelübden und unserer Weise, sie zu leben?

 3. Vor welche Herausforderungen stellt uns die neue Sicht auf das geschwisterliche Gemeinschaftsleben?

 4. Welche Aspekte der Gelübde und des geschwisterlichen Gemeinschaftslebens sind in dem kirchlichen und sozio-kulturellen Kontext, in dem Sie leben, besonders relevant?

 5. Wie sehen Laien heute das Ordensleben?

III.

 Rückkehr zum Wesentlichen der Regel des hl. Albert

 

28.       Unsere Konstitutionen bringen eine klare Zusammenfassung von den grundlegenden Aspekten der Regel des hl. Albert, wenn sie von der ursprünglichen „Lebensform“ des Karmel sprechen. Diese Zusammenfassung äußert sich in der Aufzählung der wichtigsten Bestimmungen, die als Lebensnorm vorgegeben werden, nämlich:

  a)    in der Gefolgschaft Jesu Christi zu leben und ihm mit reinem Herzen und gutem Gewissen zu dienen; von ihm allein das Heil zu erwarten und im Geist des Glaubens dem Oberen Gehorsam zu erweisen, dabei mehr an Christus als an ihn denkend;

  b)   beständig das Gesetz des Herrn zu betrachten, die geistliche Lesung zu pflegen und das Herz mit heiligen Gedanken zu wappnen, damit das Wort Gottes in reichem Maß auf unseren Lippen und in unseren Herzen sei, und alles im Wort des Herrn geschehe;

  c)    täglich gemeinsam die heilige Liturgie zu feiern;

  d)   die Waffenrüstung Gottes anzulegen; Glaube, Hoffnung und Liebe intensiver zu pflegen und durch eine am Evangelium orientierte Aszese und in freudiger Arbeitsbereitschaft das Beispiel des Apostels nachzuahmen;

  e)    unter der Leitung des zum Dienst an den Brüdern bestellten Oberen eine Lebensgemeinschaft zu gründen, die geprägt ist von der brüderlichen Sorge um das Wohl des Ordens und das Heil der Seelen und von der in Liebe geübten brüderlichen Zurechtweisung und der Gütergemeinschaft;

  f)     vor allem aber beständig das Gebet zu pflegen in Einsamkeit, Schweigen und im Geist evangelischer Wachsamkeit;

  g)    bei allem jedoch, vor allem bei den Werken der Übergebühr, mit klugem Maß vorzugehen, denn dieses lenkt und leitet alle Tugend. [20]

 29.       Diese grundlegenden Elemente der Regel des hl. Albert müssen heute aus dem Blickwinkel verschiedenster sozio-kultureller und kirchlicher Kontexte betrachtet werden; diese sind wie eine Reihe von Fenstern, die uns helfen, ihren ganzen Reichtum und ihre Aktualität zu entdecken, damit wir eine Antwort auf die neuen Herausforderungen finden, die sich unserem Leben im Teresianischen Karmel stellen, wenn es in den verschiedenen Kulturen inkarniert wird. Diese grundlegenden Punkte der Regel bleiben nach wie vor gültig, aber wir müssen sie inkarnieren und in einer den Zeichen der Zeit und des jeweiligen Ortes entsprechenden Form leben. Auf diese Weise entdecken wir bei unserer in dynamischer Treue unternommenen Suche den Wert und die Aktualität der Erfahrung derer, die uns vorausgegangen sind. Eine Neulesung der Karmelregel aus dieser Haltung heraus wird es uns ermöglichen, unsere Erfahrung als Karmeliten von heute mit der Erfahrung unserer Vorfahren zusammenzubringen, die, vom Geist geleitet, ein bestimmtes Charisma und eine bestimmte Spiritualität gelebt und an uns weitergegeben haben: „Halten wir uns unsere wahren Gründer vor Augen, jene heiligen Väter, von denen wir abstammen, denn wir wissen, daß sie durch diesen Weg der Armut und Demut in den Genuß Gottes gekommen sind.“ [21]

 30.       Vor allem ist es wichtig, zu berücksichtigen, wie die hl. Teresa und der Johannes vom Kreuz diese entscheidenden Kerngedanken interpretiert haben. Sie sind prägend für die von ihnen durchgeführte Neubegründung: absoluter Primat Gottes (in der Gefolgschaft Jesu Christi leben); kontemplative Dimension als eifriges Hören auf das Wort Gottes; das persönliche Leben und das Gemeinschaftsleben sollen vom Anziehen der Waffenrüstung Gottes geprägt sein, nicht von „unvernünftigen Bußübungen“ [22] , sondern von dem Bemühen, unser Ich und unser Wir in der freundschaftlich-theologalen Beziehung zu Gott und zu unseren Brüdern und Schwestern umzugestalten (das teresianische Ideal der Liebe, der Losschälung und Demut). Es geht um Offenheit im persönlichen Leben und im Gemeinschaftsleben, als echte Ikone von Gott für Kirche und Welt.

 31.       Als Teresa auf die Regel stößt, ist sie im geistlichen Leben schon weit fortgeschritten; sie ist dabei, einen neuen Entwurf zu skizzieren, wie sie ihre Berufung leben möchte, und ist daran interessiert, aufzuzeigen, wie diese neue Lebensform mit den Ursprüngen des Karmel verknüpft ist. Sie übernimmt die Regel als Grundgesetz für das neue Haus, geht jedoch in der Freiheit des Geistes mit ihr um und gestaltet sie um aufgrund ihrer Erfahrung als Berufene. Wir müssen die Neuansätze unserer heiligen Eltern in bezug auf die Regel übernehmen, zugleich aber, ausgehend von unserer eigenen Erfahrung als Berufene, offen sein für alles, was ihre Struktur und ihren Reichtum für die kommenden Generationen besser sichtbar macht. Beim hl. Johannes vom Kreuz gibt es zwar keine einzige ausdrückliche Anspielung auf die Regel, doch können wir seiner Lehre entnehmen, wie seine neue Interpretation der Regel aussah: Nachfolge Christi, Absolutheit Gottes, Selbstzurücknahme, Hören auf das Wort Gottes.

 32.       Die Regel führt uns hin zum Wesentlichen: Reinheit des Herzens, Schaffung einer inneren Welt, die geläutert und für den lebendigen Gott empfänglich werden muß. Ihre Mitte ist eine Gemeinschaft, die einen konkreten Wohnort hat und im Dialog mit den Autoritäten der Ortskirche lebt, in der die Mitglieder der Gemeinschaft mit Außenstehenden (Gästen oder Menschen, die den Brüdern halfen) und mit anderen Gemeinschaften verbunden ist. Die Regel bietet einen evangeliumsgemäßen, einfachen, einheitlichen Lebensentwurf, der sich auf Jesus Christus und die Gemeinschaft der Kirche konzentriert und sich in die Heilsgeschichte einordnet. Zugleich bietet sie einen Entwurf zum Aufbau der Person. Deutlich und mit nüchternen Worten wird die dreifache Beziehung des Menschen geschildert: zu Gott (Gebet), zu den Mitmenschen (Gemeinschaftsübungen) und zu sich selbst (inneres Leben und persönliche Meditation). Wer in einer inneren Einsamkeit lebt, die isoliert, wird sich auch in Gesellschaft einsam fühlen. In einer Gesellschaft, in der alles seinen Preis hat, weist die Regel daraufhin, daß die Liebe ‘gratis’ (ungeschuldet) ist. Gegenwärtig ist der Orden auf allen Kontinenten und in den verschiedensten Kulturen verbreitet. Das setzt voraus, daß wir ihre wesentlichen Elemente beibehalten und diese zu inkulturieren versuchen. Außerdem ist es wichtig, zu berücksichtigen, wie Frauen die Regel lesen.

   

FÜR DIE PERSÖNLICHE UND DIE GEMEINSCHAFTLICHE REFLEXION

1. Welchen Einfluß müßte die Neulesung der Regel des hl. Albert auf unser Leben im Teresianischen Karmel haben?

 2. Welche praktischen Schlußfolgerungen ergeben sich aus der Lektüre der Regel als der Inspirationsquelle für unser Charisma und unsere Spiritualität?

 3. Was könnte eine Lektüre der Regel aus der Sicht der Frau bzw. der Laien zu unserer Interpretation und Verwirklichung der Regel beitragen?

IV.

 Rückkehr zum Wesentlichen in der Erfahrung und Lehre der hl. Teresa von Jesus  und des hl. Johannes vom Kreuz

 

33.       Unsere heiligen Eltern haben eine „Neubegründung“ durchgeführt. Nachdem sie zu den Wurzeln des Karmel vorgestoßen waren, öffneten sie ihn für neue Horizonte und gaben so eine Antwort auf die Herausforderungen ihrer Zeit. Sie gingen von einer konkreten Erfahrung aus und legten diese in ihren Schriften dar, in denen wir Wegweisung finden. Zu dieser Erfahrung und Lehre müssen wir zurückkehren, wenn wir das Wesen des Charismas und der Spiritualität des Teresianisch-sanjuanischen Karmels neu entdecken wollen. 

1. Das Wesentliche in der Erfahrung und Lehre der hl. Teresa

 

34.       Mit einer großen angeborenen Fähigkeit für Beziehung und Freundschaft begabt, konzentriert sich unsere hl. Mutter, in deren Erfahrung unsere Identität als Berufene in der Kirche ihren Ursprung hat, ganz auf Gott; von ihm, dem Geheimnis der Dreifaltigkeit, läßt sie sich gefangen nehmen und sammelt sich in ihm. Die drei göttlichen Personen (Gott) füllen ihr ganzes Bewußtsein aus, es kommt zu einer starken, lebendigen personalen Beziehung, bis sie ganz in das innertrinitarische Leben hineingenommen wird.

Auf der Erfahrungsebene – später dann auch auf der Ebene der Lehre – bildet das innere Gebet, das freundschaftliche Verweilen bei Gott [23] für sie den Weg und die Art und Weise, diese Beziehung auszudrücken. Es ist das „Mittel“, der bevorzugte „Ort“ ihrer Gotteserfahrung. Freilich schreibt sie auch, wenn sie bereits in der Fülle der Gotteinung lebt, daß „Gott zwischen den Kochtöpfen zu finden ist.“ [24] Gott offenbart sich auf vielen Wegen, [25] nicht nur in den „Winkeln“ [26] .

Das wird zur Mitte und Achse, um die sich ihre ganze geistliche Botschaft dreht. Das innere Gebet, als Freundschaft verstanden, umfaßt die ganze Existenz: Freunde SEIN. Wenn sie ihre Pädagogik des Betens zu entfalten beginnt, betont sie das Sein: „Wie müssen wir aber sein?“ [27] Von der Neugestaltung unseres ganzen Wesens (durch geschwisterliche Liebe, Losschälung, Demut als Wahrheit) spricht sie als von „Dingen, die für diejenigen, die einen Gebetsweg gehen wollen, unerläßlich sind.“ [28]

 35.       Anhand dieser Thematik erzieht sie zum Gemeinschaftsleben, ein weiteres sehr wesentliches Element in den Schriften und in der Erfahrung Teresas: „Kollegium Christi“ [29] ; er „hat uns hier zusammengeführt“, „uns hierher gebracht“ [30] . Durch gemeinschaftliche Hingabe an Ihn ist die Gemeinschaft für Ihn da, der uns zusammengeführt hat: „Uns ganz dem Alles hinzugeben, ohne innerlich geteilt zu sein“. [31] Er schafft unter uns verwandtschaftliche Beziehungen [32] , macht uns zu einer neuen Familie.

 36.       Das als Freundschaft gelebte Gebet konzentriert sich von Anfang an auf Jesus Christus [33] , in dem sie wie in einem „neuen Buch Wahrheiten“ [34] über das Wesen Gottes und unser Wesen sowie über unsere Berufung, ihm „gleichförmig zu werden“ [35] , lernt. Besonders betont sei, daß Teresas Humanismus hier seine wahre Wurzel hat, die zu einer radikalen Herausforderung wird: „[Christus ist und wir sollen werden] Gott und Mensch zugleich.“ [36] Das überträgt sie in unsere Lebensweise hinein. [37]

 37.       Für die Freundin und Braut Jesu muß das Leben zur Selbsthingabe an die anderen, an Kirche und Welt, werden. Die Liebe, die nicht nur auf einige wenige Augenblicke beschränkt ist, duldet auch nicht, daß wir uns in uns selbst verschließen. [38] So lehrte sie es ihre Schwestern: „Sie mögen dem Heil der Seelen und dem Wachstum der Kirche zugetan sein“ [39] . „Wer die Eigenart Gottes versteht“, gibt sich hin. [40] Sie heiligen sich nicht, um sich dann hingeben zu können, sondern sie heiligen sich, indem sie sich hingeben. Und so „kämpfen sie für Christus“. [41]

            2. Das Wesentliche in der Erfahrung und Lehre des hl. Johannes vom Kreuz

 38.       Auch der hl. Vater Johannes vom Kreuz ist – in Wort und Erfahrung – stark vom Geheimnis des sich mitteilenden dreifaltigen Gottes geprägt. Diese Erfahrung läßt ihn aus sich „herausgehen“, sein Leben wagen, um auf die göttliche Initiative zu antworten: „Wenn die Menschenseele Gott sucht, so sucht sie ihr Geliebter noch viel dringlicher.“ [42] „Gott ist die Mitte der Seele.“ [43]

 39.       Die Begegnung mit Gott findet immer über die gottgewirkten (theologalen) Tugenden statt. Diese werden von Gott gewirkt, der dabei zugleich der sich Mitteilende und der Mitgeteilte ist [44] ; in ihrem läuternden und einenden Aspekt befähigen sie den Menschen zur Begegnung mit Gott und sind für ihn der Weg zu ihm. [45] In ihnen drückt sich für den Heiligen die ganze Dynamik der Selbsthingabe Gottes an den Menschen und der menschlichen Antwort aus: Sie sind „das einzige, nächstliegende Mittel zur Gotteinung“. Das christliche Leben ist seinem Wesen nach nichts anderes als theologales Leben.

 40        Auch in diesem Ansatz geht es zutiefst um das innere Gebet bzw. die Kontemplation: In ihnen hat der Mensch „keine andere Stütze mehr, als den Glauben, die Hoffnung und die Liebe.“ [46] Der Heilige Geist, der in der Kontemplation der Handelnde ist, „erleuchtet [den Menschen] durch nichts mehr als durch den Glauben.“ [47] Er ist die „lebendige Liebesflamme“, die läutert (die wahre, in die Tiefe gehende „Aszese“) und mit Gott eint, „vergöttlicht“. Auf dem ganzen geistlichen Weg wird der Mensch vom Geist bewegt.

 41.       Der geistliche Weg ist zugleich ein Weg der Läuterung und der (nicht: zur!) Gotteinung; sowohl im tatsächlichen Vollzug als auch in der Unterweisung des Heiligen ist er entscheidend von der Nachterfahrung geprägt, d. h. von „Phasen“ einer intensiver erfahrenen Läuterung. Dies sind die entscheidenden „Phasen“ des Weges des Gotteinung, die eine besondere Aufmerksamkeit von Seiten des Doctor Mysticus verdienen. Die Gotteinung ist die Berufung des Menschen schlechthin; sie ist ein umfassendes, dynamisches Geschehen, das sich erst nach und nach entfaltet und das alles beherrschende Geschehen auf dem ganzen Weg des Glaubenden ist; von ihr als „Grundvoraussetzung“ gehen sämtliche Ausführungen des Heiligen aus. [48] In ihrer höchsten Ausfaltung kommt die Gotteinung einem tiefen Eindringen in das Geheimnis des trinitarischen Lebens gleich [49] , wodurch wir in Wahrheit zu dem werden, was wir sind: Söhne und Töchter Gottes. [50]

 42.       Im Sohn Jesus Christus nehmen wir nicht nur am Geheimnis der Dreifaltigkeit teil [51] , sondern in seinem Leiden und Sterben ist er auch unser Weg. Von ihm her erhält unser „Leiden und Sterben“, unsere „Aszese“ ihre Rechtfertigung und Beglaubigung: „Folge ihm bis nach Kalvaria und ins Grab“ [52] . Das ist der Sinn von 2 Aufstieg 7, in dem der Heilige uns sagt, wie er das „Geheimnis vom Tor und vom Weg Christi“ [53] , unseres Weges [54] , versteht. Als Überschrift für die Handvoll „Anweisungen“ in 1 Aufstieg 13,3 und als Zusammenfassung der ganzen Nacht könnte gelten: „Gehen wir tiefer in das Dickicht [55] . Es geht darum, „in seinen [Christi] Fußspuren“ allem abzusterben, sofern es „die innerliche Auferstehung des Geistes behindert“. [56]

 

FÜR DIE PERSÖNLICHE UND GEMEINSCHAFTLICHE REFLEXION

1. Welche Züge der gelebten Erfahrung der hl. Teresa und des hl. Johannes vom Kreuz sind Ihrer Meinung nach zum gegenwärtigen Zeitpunkt für das Leben des Teresianischen Karmel (Brüder, Schwestern, Laien) am wichtigsten?

 2. Welche Elemente der Lehre der hl. Teresa und des hl. Johannes vom Kreuz können richtungsweisend für unser gegenwärtiges Bemühen um Erneuerung unserer Lebensform (Brüder, Schwestern, Laien) sein?

 3. Was können wir beim Versuch, zum Wesen unseres christlichen Lebens und unseres Ordenslebens zurückzukehren, von Teresa von Jesus und Johannes vom Kreuz lernen?

 
V

 Rückkehr zum Wesentlichen im Charisma und in der Spiritualität 
des Teresianischen Karmel

 

43.       Vita Consecrata lädt uns ein, „als Antwort auf die in der heutigen Welt auftretenden Zeichen der Zeit mutig den Unternehmungsgeist, die Erfindungsgabe und die Heiligkeit der Gründer und Gründerinnen wieder hervorzuheben.“ [57] Außerdem wird die Tatsache unterstrichen, daß das geistliche Leben „im Programm der Familien des geweihten Lebens an erster Stelle stehen soll, so daß jedes Institut und jede Kommunität sich als Schule einer echten evangeliumsgemäßen Spiritualität darstellen“ [58] , in der für das jeweilige Institut charakteristischen Ausprägung. Ist das Institut einmal von der Kirche anerkannt, so hat es die Gewähr, daß „sich in seinem geistlichen und apostolischen Charisma alle objektiven Anforderungen finden, um die persönliche und gemeinschaftliche Vollkommenheit im Sinne des Evangeliums zu erreichen.“ [59]

 44.       In Nr. 15 unserer Konstitutionen finden wir eine zusammenfassende Darstellung vom Wesen unseres Charismas und unserer Spiritualität. Die Reflexion über diese Abschnitte wird uns helfen, das aufzugreifen, was in unserer Berufung und Sendung wirklich von grundlegender Bedeutung ist.

„Nachdem wir die Ursprünge unserer Berufung und das Teresianische Charisma durchdacht haben, können wir die wichtigsten Elemente unserer Lebensweise aufzählen:

  a)    Wir führen unser Ordensleben ‘in der Gefolgschaft Jesu Christi’; wir bauen es auf die Gemeinschaft mit der seligen Jungfrau, auf ihre Nachfolge und ihren Schutz, denn ihre Lebensweise steht uns als Vorbild für unsere Gleichförmigkeit mit Christus vor Augen.

  b)   Unsere Berufung ist eine Gnade, durch die wir in einer Gemeinschaft brüderlichen Lebens zur ‘geheimnisvollen Vereinigung mit Gott’ gedrängt werden; wir gelangen dorthin durch ein Leben, in dem die Kontemplation und der apostolische Eifer im Dienst der Kirche sich gegenseitig durchdringen.

  c)    Wir sind zum Gebet berufen, das uns durch das Lauschen auf das Wort Gottes und die Liturgie zum freundschaftlichen Verweilen bei Gott führt, und zwar nicht nur, wenn wir gerade beten, sondern auch im alltäglichen Leben; wir nehmen dieses Gebetsleben, das sich vom Glauben, der Hoffnung und vor allem von der Gottesliebe nährt, auf uns, um mit geläutertem Herzen zu einem um so intensiveren Leben in Christus zu gelangen und den überreichen Gnadengaben des Hl. Geistes den Weg zu bereiten. Auf diese Weise haben wir Anteil am Charisma der hl. Teresa und führen die ursprüngliche Geistigkeit des Karmel fort, ergriffen von der Gegenwart und dem Geheimnis des lebendigen Gottes.

  d)   Zum Wesen unseres Charismas gehört es, das Gebet und unser gesamtes gottgeweihtes Leben mit apostolischem Eifer zu beseelen. So arbeiten wir auf vielfältige Weise am Dienst der Kirche und der Menschen mit, damit ‘die apostolische Arbeit tatsächlich aus einer tiefen Verbundenheit mit Christus hervorgehe’, ja sogar jene erhabene Form des Apostolates anstrebe, die der Fülle ‘des Standes der Vereinigung mit Gott’ entströmt.

  e)    Diese beiden Aufgaben  – die Kontemplation und das Apostolat – suchen wir in der Gemeinschaft von Brüdern zu erfüllen. So legen wir – in Übereinstimmung mit der ursprünglichen Idee der hl. Teresa, die ihre kleine Familie als kleines ‘Kollegium Christi’ gründete – durch unser vom Band der Liebe umspanntes Gemeinschaftsleben Zeugnis für die Einheit der Kirche ab.

  f)     Schließlich bemühen wir uns, diese unsere Lebensweise entsprechend der Regel und nach der Lehre unserer hl. Ordenseltern auf das Fundament der evangelischen Selbstverleugnung zu gründen.“

 45.       Die hl. Teresa hat die Art und Weise beschrieben, wie dieses Charisma und diese Spiritualität konkret gelebt werden sollten. „Dies alles sollte, so war es der Wunsch der Heiligen, von einer besonderen Art und Weise des Lebens geprägt sein: Bemühen um die sozialen Tugenden und die übrigen menschlichen Werte; Vertiefung der Freude im Leben der Brüder und des Gutseins zueinander in echtem Familiengeist; Ernstnehmen der Würde der menschlichen Person und des Adels der Seele; Hochschätzung und Förderung der Ausbildung der jungen Brüder und des Studiums; Ausrichtung der Bußübungen und der gemeinschaftlichen Aszese auf ein intensiveres geistliches Leben hin und Anpassung an den apostolischen Dienst; Pflege der Gemeinschaft der verschiedenen Klöster untereinander und einer vom Evangelium geprägten Freundschaft der einzelnen miteinander.“ [60]  

FÜR DIE PERSÖNLICHE UND GEMEINSCHAFTLICHE REFLEXIO

1. Welche Schwachstellen gibt es in der Art und Weise, wie wir heute diese Grundelemente unseres Charismas und unserer Spiritualität leben und ausdrücken?

 2. Was könnten wir tun, damit die Grundelemente unseres Charismas und unserer Spiritualität auf persönlicher und gemeinschaftlicher Ebene stärker zum Zuge kommen?

 3. Welchen Beitrag zu einer neuen Deutung dieser Grundelemente könnten die Frauen und die Laien im Teresianischen Karmel leisten?  

SCHLUSS

Den Weg der Umstrukturierung gehen

 

46.       Die Rückkehr zum Wesentlichen ist wie ein Schlüssel, der uns neue Antworten auf neue Situationen erschließen kann. Wir sind zum Wagnis des Glaubens aufgerufen, um auf den noch ungebahnten Wegen des Geistes zu gehen. Das setzt voraus, daß wir unsere Präsenz auf der Grundlage einiger Kriterien und unter Berücksichtigung verschiedenster Gesichtspunkte und praktischer Wege neu definieren.

 47.       An erster Stelle müssen wir die Identität unseres Charismas zwar bewahren, ihm aber im Dialog mit der konkreten Wirklichkeit einen Ausdruck verleihen, der verstanden wird. Eine echte Umstrukturierung muß sich von diesen beiden Kriterien leiten lassen. Die zu berücksichtigenden Gesichtspunkte sind die Zeichen der Zeit und des jeweiligen Ortes und vor allem die Inkulturation, die zu einer Einheit in der Vielfalt führt.

 48.       Die praktischen Wege umfassen einen ganzen Fächer von Möglichkeiten, angefangen von der inneren Umstrukturierung einiger Formen der Präsenz  und Aktivitäten (neue Prioritäten setzen; uns neuen Adressaten zuwenden; unseren Einsatz überprüfen, d. h. ihn je nach dem reduzieren oder weiter ausbauen; uns der Zusammenarbeit mit der Teresianischen Karmel-Gemeinschaft und mit den dem Orden angegliederten Laien öffnen) bis zur Neuverteilung der Kräfte (einige Formen der Präsenz verstärken, andere abbauen). In anderen Fällen wird es notwendig sein, einige Formen der Präsenz aufzulösen, wenn sie nicht mehr den heutigen Bedingungen unseres Lebens im Teresianischen Karmel, unseren personellen Möglichkeiten bzw. den Anforderungen entsprechen. Schließlich werden wir – und das ist der Weg der schöpferischen Treue – neue Formen der Präsenz schaffen müssen, die mit unserem Charisma sowie mit den Herausforderungen der heutigen Zeit in den verschiedenen sozio-kulturellen und kirchlichen Kontexten besser im Einklang sind.

 49.       Eine ganz bestimmte Art und Weise, unser Charisma und unsere Spiritualität zu leben, ist gegenwärtig am Verschwinden. Wir müssen uns fragen, wie wir eine Antwort auf die großen, berechtigten menschlichen und religiösen Sehnsüchten der kommenden Generationen geben können, damit sie die Sendung des Teresianischen Karmel im Dritten Jahrtausend besser und wirksamer erfüllen können.

Wir dürfen unsere reiche und fruchtbare Vergangenheit nicht verleugnen, auch wenn sie neben ihren Lichtseiten auch viele Schattenseiten hatte. Doch müssen wir uns den neuen, gewaltigen Herausforderungen in Kirche und Gesellschaft stellen. Um das tun zu können, brauchen wir eine klare Identität als Christen, als Ordensleute und als Teresianische Karmeliten. Rückkehr zum Wesentlichen ist der angezeigte Weg, um diese Geistesgabe der Kirche lebendig zu erhalten, und zwar einer universalen, multikulturellen Kirche, die Zeichen und Werkzeug für den Plan Gottes in einer Zeitenwende ist.

Maria, die Jungfrau der Heimsuchung, wie sie in Vita Consecrata genannt wird, möge uns lehren, „auf die Nöte der Menschen einzugehen, um ihnen Hilfe, vor allem aber Jesus zu bringen“ [61] , indem wir seine Wunder verkünden. Sie, die es immer verstand, „bereit im Gehorsam, mutig in der Armut, empfangsbereit in der fruchtbaren Jungfräulichkeit“ [62] den Willen des Vaters zu tun, erbitte uns beim Herrn alles, was wir brauchen, um in der heutigen Welt als Söhne und Töchter Teresas von Jesus und Johannes’ vom Kreuz zu leben.

 

 FÜR DIE PERSÖNLICHE UND DIE GEMEINSCHAFTLICHE REFLEXION

1. Auf welche Schwierigkeiten stoßen wir vor allem, wenn wir eine ernsthafte Umstrukturierung unserer Präsenz in der heutigen Welt vornehmen möchten?

 2. Wie könnte die Umstrukturierung auf Provinzebene und auf der Ebene des Gesamtordens organisiert und durchgeführt werden?


[1] Siehe Incarnationis mysterium, Nr. 1.
[2]
VC 37.
[3]
Vgl. Kapitelsdokument 1997 Immer wieder neu anfangen, Nr. 72.
[4]
Incarnationis mysterium, 14.
[5]
VC 3.
[6]
Vgl. ebd., 63.
[7]
ebd.
[8]
Vgl. GS 4.
[9]
Vgl. VC 57-58.
[10]
Johannes vom Kreuz, Geistlicher Gesang B 37,4 (=  CA 36,3).
[11]
Ders., 1 Aufstieg 13,3.
[12]
Ders., Gebet eines verliebten Menschen (Merksätze 26).
[13]
Teresa von Jesus, Leben 26,6.
[14]
  Siehe Nr. 14.
[15]
Siehe PC 2.
[16]
Brief an Maria de Jesús vom 18. Juli 1589 (Brief 16,1).
[17]
Bisschofssynode für das Ordensleben, Instrumentum laboris 93.
[18]
CIVSCSVA, Das brüderliche und schwesterliche Leben in Gemeinschaft 4.
[19]
VC 72.
[20]
Konstitutionen OCD Nr.3.
[21]
Teresa von Jesus, Klostergründungen 14,4.
[22]
Weg der Vollkommenheit 39,5.
[23]
Leben 8,5.
[24]
  Klostergründungen 5,8.
[25]
ebd. 5,5.
[26]
ebd. 5,16.
[27]
Weg (Valladolid) 4,1.
[28]
ebd. 4,3.
[29]
ebd. 27,6.
[30]
ebd. 8,1.3
[31]
ebd. 8,1.
[32]
ebd. 9,4.
[33]
Leben 4,8; 9,4.
[34]
  ebd. 26,6.
[35]
Weg 22.
[36]
Innere Burg, 6. Wohnung 7,9.
[37]
Weg 41,5-9.
[38]
ebd. 3,10; Gewissensberichte 52,1.
[39]
Klostergründungen 1,6.
[40]
ebd. 5,5.
[41]
Weg 3,5.
[42]
Lebendige Liebesflamme 3,28.
[43]
ebd. 1,12.
[44]
Geistlicher Gesang B 1,10; 12,1-2.4.
[45]
2 Nacht 21,11f; 2 Aufstieg 6.
[46]
Merksätze 118.
[47]
2 Aufstieg 29,6.
[48]
2 Aufstieg 5.
[49]
Geistlicher Gesang B 39; Lebendige Liebesflamme 3,77-79.
[50]
Lebendige Liebesflamme 1,27; 3,10.78.
[51]
Geistlicher Gesang B 39,5-6.
[52]
Merksätze 178.
[53]
2 Aufstieg 7,11.
[54]
ebd. 7,12.
[55]
Geistlicher Gesang B 36,10-13.
[56]
Brief 7,5.
[57]
VC 37.
[58]
ebd. 93.
[59]
ebd.
[60]
Konstitutionen Nr. 10.
[61]
VC 112.
[62]
ebd.



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Updated 17 nov 2002
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