1. Einleitung
Wir
stehen vor dem Ereignis der Heiligsprechung von Edith Stein. Einige Schwerpunkte ihres
Lebensweges erscheinen mir für das neu-anbrechende Jahrtausend prophetisch zu sein: 1. Es
wird eine Frau heilig gesprochen, die in der gleichen gesellschaftlichen Verantwortung (in
der universitären Lehre) steht, wie zuvor nur Männer. ("Weder Mann noch Frau in
Christus" Gal 3,28). 2. Edith Stein starb als Christin bewusst für ihr jüdisches
Volk, ein prophetischer Hinweis auf das Ziel von Ökumene, nämlich der Einheit der
Christen, mit der die Neubesinnung auf die älteren jüdischen Brüder einhergehen wird.
("Der Ölbaum Israel und die wilden Zweige" Röm 11,17). 3. Als intellektuelle
Atheistin findet sie über den Weg der Vernunft und der religiösen Erlebnisse und
Erschütterungen zum Glauben in der Gemeinschaft der Jesus-Nachfolgenden. ("Dass das
Denken Christus gehorcht" 2 Kor 10,5)
Edith Stein wird im Jahr des Hl. Geistes heiliggesprochen, der u.a. dafür
verantwortlich zeichnet, dass die "Liebe Gottes ausgegossen ist in unseren
Herzen" (Röm 5,5), dass man von der intellektuellen Einsicht zum Bekenntnis
"Jesus ist der Herr" (Röm 10,9) durchdringt, dass die "menschliche
Weisheit sich vor dem Kreuz als Torheit" (1 Kor 1,20) erweist. All das sind Themen,
die Edith Stein sowohl existentiell als auch philosophisch interessierten. Auf ihrer Suche
nach Wahrheit riet ihr eine Freiburger Katholikin, um den Hl. Geist zu beten. Dass Edith
Stein erhört wurde, sehen wir daran, dass sie Erfahrungen mit Gott hatte, die sie
einerseits als Geheimnis hütete. "Secretum mihi meum", antwortete sie
sogar ihrer Patin und Freundin Hedwig Conrad-Martius. Andererseits reflektiert sie
religiöse Erlebnisse in ihren frühen phänomenologischen Schriften und in ihren letzten
Werken zur Mystik, die wohl als ihre eigenen Gottes-Erlebnisse gelten können. Vorbild
für die philosophische und existentielle Beschäftigung mit diesem Ereignis des
religiösen Erlebens war ihr Lehrer Adolf Reinach. Er hinterliess zum Ende seines Lebens
aussergewöhnliche religionsphilosophische Fragmente zur "Phänomenologie des
religiösen Erlebnisses", die uns im folgenden beschäftigen sollen.
Religiöses Erleben wird hier verstanden als spezifische Erfahrungsweise neben der
natürlichen, wissenschaftlichen, ästhethischen und sittlichen Erfahrung, wobei alle
diese eine Hinführung zur religiösen Erfahrung bieten können. Ich ziehe den Ausdruck
Erlebnis oder "er-leben" vor, den auch Reinach und Stein verwenden, vor dem
Begriff der "Erfahrung". Ersterer lässt den lebendig-konkreten Anspruch der
Lebensphilosophie mitschwingen. Zum anderen bezeichnet "er-fahren", dass ein Weg
beschritten wird und beinhaltet damit bereits eine reflektiertere Mittelbarkeit. Es geht
im religiösen Erlebnis um einen bleibenden unmittelbaren Eindruck, der einen Ausschnitt,
Abschnitt oder Einschnitt des Lebens zum Erlebnis werden lässt; um die Bedeutung eines
"Ereignisses". Weder die Unmittelbarkeit des Erlebens (in
phänomenologischer Diktion: Noésis) noch der Gehalt des Erlebnisses (Noéma)
können vollständig rational vermittelt und exakt bestimmt werden. Daher erweist sich die
Methode der phänomenologischen Untersuchung, des Herantastens und Herausschälens, als
angemessen. Das individuelle Erleben bleibt jedoch nicht isoliert, sondern weist jeweils
auf einen Wesenszusammenhang hin: am einzelnen Erleben wird deutlich, "daß das
Erlebnis für ein Ich überhaupt denkbar ist." In einer Phänomenologie des
religiösen Erlebnisses wird somit vorausgesetzt, dass prinzipiell jeder Mensch einen
Zugang zu dieser Erlebnisweise hätte und dass daher ein religiöses Erlebnis nicht als
"rein subjektiv" aus der philosophischen Diskussion dispensiert werden
könnte.
Das "religiöse Erlebnis" ist zunächst ein Begriff der Lebensphilosophie und
Phänomenologie vom Anfang des 20.Jhs. Man verstand unter dem Begriff "Erlebnis"
eine Art Erlösung aus einer mechanisierten und zunehmend technisierten Welt verstand,
eine "Befreiung von dem Bürgerfluch", ein "verschlossener Mensch"
ohne Anspruch auf Seele zu sein. Um 1909 gibt z.B. M. Buber, noch vor seiner dialogischen
Kehre, die "Ekstatischen Konfessionen" heraus, in denen er verschiedene Berichte
von religiösen Erlebnissen aus unterschiedlichen Traditionen nebeneinander reiht. Damals
war der "Konfessionen-Markt" noch eine Art "Schwarzmarkt", während er
nun allerorten gesellschaftsfähig auf den postmodernen Plan getreten ist: Die Religion
ist in das "Zeitalter des Experiments" übergegangen. Sloterdijk und viele
andere feiern einen "Pluralismus von Inspirationsquellen". Der soziologische
Begriff der "Erlebnisgesellschaft" lässt sich somit leicht auch auf das
religiöse Gebiet zu übertragen.
Mystische oder religiöse Erlebnisse im allgemeinen Sinn werden gegenwärtig selten als
"Erlebnis des Heiligen und Begegnung mit ihm" verstanden, sondern als - in
Sloterdijks Worten - "Grenzwert einer normalen Welterfahrung... und nicht als
gespenstisch winkender Durchbruch aus einem vollen Drüben in unsere Welt".
Transzendenz wird also immer stärker in die Immanenz zurückgezogen. Dagegen wird ein
"extraterrestrischer Störer des eigenwilligen zivilisatorischen Betriebs" (also
Gott) in der säkularen Hypothese über die Welt eliminiert. Man versucht, religiöse
Erlebnisse ohne den Gottesbegriff zu reflektieren. Gleichzeitig mit dem Gottesbegriff wird
der metaphysische Begriff der "Seele" als supranaturale Größe abgeschafft,
indem er ignoriert oder unters Wittgensteinsche Schweigegebot gestellt wird. Wenn die Welt
alles ist, was der Fall ist, wären "Gott" und "Seele"
"Un-Fälle", weil "Unwirklichkeiten", oder schlichtweg
"pathologische Projektionen".
Für die kirchliche Situation ergibt sich, dass also diffuse religiöse Erlebnisse in
den 90er Jahren des 20. Jhs mehr Gewicht haben als präzise rational-nachvollziehbare
Lehrinhalte. "Was dir dein Lobpreisgottesdienst ist, ist mir meine Love-Parade, mein
Waldspaziergang, meine transzendentale Meditation usw." Hier muss gefragt und
untersucht werden, wie sich religiöse Erlebnisse unterscheiden lassen, welche
Berechtigung, welchen Wert und welche Geltung und Tragweite in ihnen liegen.
Im folgenden soll es um religiöse Erlebnisse im Sinne Reinachs und Steins gehen, die
sehr wohl über den zeitlichen Abstand hinweg kommunizierbar sind und gerade in
agnostischer intellektueller Umgebung, wie wir sie im Osten Deutschlands haben, ähnliche
Fragen und ähnliche Antworten, nämlich den Schritt zur Taufe, provozieren. Ein
religiöses Erlebnis im Sinne Reinachs und Steins ist der Anlass zur Bekehrung vom
Atheismus zum Christentum, vom indifferenten Unglauben zum lebendigen Glauben, vom
intellektuellen Glaubenswissen und moralisch-ritueller Gewohnheit hin zu einer
Herzensbeziehung und Nachfolge Christi. Die These meines Vortrags ist, dass sich
persönliches Erlebnis und rationale Lehrinhalte nicht widersprechen, sondern sich
vielmehr gegenseitig befruchten können und sollten, wie sich m.E. im Anschluss an Reinach
und Stein zeigen lässt.
2. Adolf Reinach und Edith Stein
als Phänomenologen
Innerhalb der Phänomenologischen Bewegung ging es darum, Gegenstände oder
Sachverhalte als Phänomene in der Form von Erlebnissen im Bereich des Bewußtseins zu
beschreiben, zu analysieren, zu klären und in ihrem Wesen zu schauen. Dass die
phänomenologische Methode für einige Philosophen Anlass zur existentiellen religiösen
Bekehrung war, scheint darauf hinzuweisen, dass hier eine Öffnung für religiöse
Erlebnisse durch ein bestimmtes Denktraining erfolgt ist. Der Begründer und Vater der
Phänomenologie, Edmund Husserl, vergleicht in seiner "Krisis der europäischen
Wissenschaften" die Wende zur Phänomenologie sogar mit einer "religiösen
Umkehrung". Reinach und Stein gehen wie Husserl von der
transzendental-phänomenologischen Voraussetzung aus, bleiben aber nicht bei der
Fragestellung nach dem "reinen Bewußtsein" stehen. Beide sahen vielmehr im
Phänomen des religiösen Erlebnisses einen methodischen Weg, vom Bewußtsein zurück ins
bewußtseinstranszendente Sein als Untersuchungsgebiet der Ontologie und Metaphysik zu
gelangen.
Edith Stein verstand sich als Schülerin des Privatdozenten Adolf Reinach (1885-1917),
der in Göttingen Husserls Assistent war. In seinen bedeutsamen
"Religionsphilosophischen Fragmenten" reflektiert und analysiert er das
Phänomen des "Religiösen Erlebnisses". In Selbstbeobachtung arbeitet er
Strukturen des religiösen Erlebnisses heraus, das sich ereignete, als er seinen
freiwilligen Dienst an der Front im Ersten Weltkrieg leistete. Ihn führte dieses Erlebnis
zu seiner religiösen Bekehrung und christlich-protestantischen Taufe 1916. Das Religiöse
war Reinach bis zum Weltkrieg etwas Geheimnisvolles, für das er "freundliches
Desinteresse" übrighatte. Erst im Krieg öffnet er sich der religiösen Dimension,
wohl durch die aufreibende Todesnähe bedingt. Nun widmete er sich dem phänomenologischen
Erkenntnisgewinn einer Erlebnisse: "Vor allem: den religiösen Erlebnissen ihren
Sinn lassen! Auch wenn er zu Rätseln führt. Gerade diese Rätsel sind vielleicht für
die Erkenntnis von dem höchsten Werte." "Mit welchem Recht wohl", so
fragt er, "verweist man das Gotteserlebnis in eine erkenntnisjenseitige
Gefühlssphäre?"
Edith Stein führt in ihren frühen Untersuchungen zur Struktur der Psyche und später
in ihren religionsphilosophischen Arbeiten diese Fragmente weiter, wohl auch verstärkt
durch ihre eigene religiöse Erfahrung. Sie durfte nach Reinachs Tod (November 1917) im
Frühjahr 1918 Anne Reinach beim Ordnen des Nachlasses ihres Mannes helfen, so dass sie
Reinachs philosophische Vorarbeiten aufgreifen kann. Reinach schrieb kurz vor seinem Tod
an seine Frau: "Mein Plan steht mir klar vor Augen - er ist natürlich ganz
bescheiden. Ich möchte von dem Gotteserlebnis, dem Erlebnis des Geborgenseins in Gott,
ausgehen und nichts weiter tun als zeigen, daß man von dem Standpunkt "objektiver
Wissenschaft" nichts dagegen einwenden kann, möchte darlegen, was im Sinn jener
Erlebnisse eingeschlossen liegt, inwiefern es auf "Objektivität" Anspruch
machen darf, weil es sich als Erkenntnis zwar eigener Art, aber in echtem Sinne darstellt,
und schließlich die Folgen daraus ziehen... Ich meine, eine solche Arbeit in aller Demut
zu leisten, ist heute das Wichtigste ... Denn wozu dieses ungeheure Geschehen, wenn es die
Menschen nicht näher zu Gott heranführen wird?" Diesem Plan Reinachs möchte
ich im folgenden nachgehen in einem Ansatz zu einer "Phänomenologie des religiösen
Erlebnisses".
3. Phänomenologie des religiösen Erlebnisses
Edith Stein beschäftigt sich bereits in ihren frühen phänomenologischen Werken mit
der Frage, wie der "Einfall Gottes ins Denken" (Lévinas) erlebt wird. Beim
Begriff "religiöses Erlebnis" unterscheidet sie zwischen dem gewöhnlichen
Sprachgebrauch, welcher damit etwas "besonders Bedeutungsvolles, die Seele in ihrer
Tiefe Ergreifendes", bezeichnet, und dem phänomenologischen Begriff des Erlebnisses,
das verstanden wird als "einfach eine im Ichleben erwachsende Dauereinheit".
Jegliches Untersuchungsobjekt oder "Ding der Wahrnehmung", auch Gott, wird also
nicht "an sich", sondern im Erleben des wahrnehmenden Subjekts untersucht. Somit
wird eine unfruchtbare Existenzdiskussion umgangen.
Die Deutung der Erlebnisse in der Reflexion erfolgt nach Reinach und Stein in folgender
Analyse: 1. Gehalt des Erlebnisses (Noema), was wird erlebt? 2. Erleben des Gehalts
(Noesis), wie wird es erlebt? 3. Bewußtsein vom Erleben oder die Reflexion. Auf diese Weise
können "Wesensgesetzmäßigkeiten" hinsichtlich des religiösen Erlebnisses
untersucht werden. Dabei muss die Existenz Gottes nicht in persönlichem Glauben
angenommen werden, sondern bleibt zunächst dahingestellt. Edith Stein ist selbst noch
Atheistin, betont das auch deutlich in ihrer Dissertation, und lässt sich dennoch
vorurteilsfrei darauf ein, religiöse Phänomene zu analysieren, die Aufschluss über das
menschliche Seelenleben geben. Die "Einfühlung" als eine Art "erfahrender
Akte sui generis" ist für sie ein Zugang zum eigenen und zum fremden Seelenleben,
auch für die Beziehung zwischen Gott und der menschlichen Seele. Durch Einfühlung
können Erkenntnisse gewonnen werden: Was hier gefühlt wird, hat nicht allein irrationale
Komponenten, die als zufällige zu vernachlässigen sind. Sondern es gibt in jedem
Erlebnis rationale Anteile, die es zu untersuchen gilt. Es wird ein "etwas"
gefühlt und eingefühlt, nämlich die seelischen Vorgänge im fremden Erleben.
3.1 Öffnung für das religiöse Erlebnis
Zunächst muss eine gewisse vorerst inhaltslose Öffnung für religiöse Erlebnisse
stattgefunden haben, damit sie sich überhaupt existentiell ereignen können. Edith Stein
thematisiert das so: "Einzige Voraussetzung für solche geistige
Wiedergeburt scheint eine gewisse Aufnahmefähigkeit zu sein, wie sie in der dem
psychischen Mechanismus enthobenen Struktur der Person gründet." Es muß im
Menschen für ein religiöses Erlebnis eine gewisse Sensibilität oder Empfänglichkeit
vorausgesetzt werden. An anderer Stelle wird Edith Stein auch von einem "religiösen
Sinn" sprechen. Dieser Sinn muß trainiert oder durch großen Schmerz oder andere
tiefe Erfahrungen, wie die Liebe, erst geöffnet werden. Reinach spricht von einem
"inneren Riegel", der gelöst werden muß hin zur "reinen
Geöffnetheit". Durch die Öffnung kann das Ich empfangend hinnehmen, was oder wer
sich schenken will. In einem zweiten Schritt kann es sich dann erst dem Objekt frei
zuwenden.
Das "Sich-öffnen zur Geöffnetheit" ist eine aktive Bestimmung, ermöglicht
aber auch die mediale Interpretation des "Sich-ergreifen-lassens" (Jörg
Splett), bzw. des "Sich-erfüllen-lassens". Hier liegt wohl ein Freiheitsmoment
vor: ob ich mich im Schmerz verschließen oder nach einem Heilmittel suchen will. Je
intensiver die Erfahrung des Geöffnetseins, der offenen Wunde und der Intensität der
Abwesenheit von Trost ist, um so dringlicher liegt die Entscheidung an, "zum
Himmel" aufzuschauen, den Blick "nach oben" zu wenden, oder aber sich mit
dem Blick nach unten welt-immanente Ersatzremeduren zu suchen, oder - mit dem starren
Blick geradeaus - sich dem Leiden zu überlassen und darin auch das eigene Selbst
preiszugeben. Während eines religiösen Erlebnisses liegt auf der Seite des Empfängers
die Möglichkeit, sich zu verschließen (innerer Riegel), und statt dessen sich selbst und
seine menschliche Leistung oder sein Leiden absolut zu setzen.
Die Erweisungen Gottes in den sinnenfälligen Dingen erfordern einerseits die Anlage,
andererseits die Ausbildung des religiösen Sinnes durch die familiäre oder
gesellschaftliche Umgebung. Edith Stein führt hierzu in der Anmerkung die Stelle Röm 1,
20f an, aufgrund der jeder Mensch zur Erkenntnis Gottes gelangen könne, aber nicht
müsse. Unentschuldbarkeit liegt demnach nur vor, wenn echte Gotteserkenntnis vorhanden
ist, aber nicht zur Gottesverehrung führt. Ein natürliches Empfinden für die Spuren
Gottes in der Natur, im Gewissen und im Verlauf der Geschichte spricht E. Stein auch
ungläubig Aufgewachsenen zu. Jede noch so unvollständige Gotteserkenntnis zielt auf eine
persönliche Erfahrungserkenntnis Gottes hin, in der die natürliche selbstverständlich
korrigiert und bereichert, geklärt und verdeutlicht wird. "Es gibt die
mannigfaltigsten Spielarten eines "undogmatischen Glaubens", der aus mancherlei
Bestandteilen zusammengeschmolzen sein mag, meist wohl letztlich, wenn auch auf
verborgenen Wegen, mitgespeist aus Quellen der Offenbarung. Ein solcher "Glaube"
kann unbefangen und geöffnet sein für Bereicherung, Berichtigung und Umwandlung."
Die natürliche Begegnung mit Gott in der Natur, in der Geschichte, in der eigenen Seele
ermöglicht ein späteres Wiedererkennen, wenn Gott sich auf andere, übernatürliche
Weise (z.B. im "Einströmen jenes eigentümlich "dunklen Lichtes"")
zeigt.
Öffnung für Transzendenz kann im ganz generellen Sinne abgelehnt werden: Der bewußt
Ungläubige lehnt nach Edith Stein nicht allein eine positive (d.h. bestimmte)
Religionslehre ab, sondern den transzendenten Verweischarakter der Dinge überhaupt. In
der Folge werden diesem Menschen, folgt man Stein, einerseits intellektuell die
Gottesbeweise nicht mehr "einleuchten". Andererseits wird ihm gemütsmäßig,
gefühlsmäßig die Sprache der Gotteserfahrungen unverständlich bleiben. Hierin liegt
die verbergende Funktion des göttlichen Bereiches, die aber im eigentlichsten dazu dient,
den Nicht-sehenden sehen zu lehren, zur Suche nach Erlebnissen mit Gott zu führen.
3.2 Erlebnis der Geborgenheit und die Reflexion
Folgen wir Reinachs Plan, eine Religionsphilosophie im Ausgang vom
Geborgenheitserlebnis zu entwerfen, bieten uns sowohl Reinach als auch Stein genügend
Material, das sich nach dem Was und dem Wie des Erlebens analysieren und reflektieren
lässt.
3.2.1 Der Gehalt des religiösen Erlebnisses
Reinach beschreibt das Grunderlebnis (mit Schleiermacher) zunächst als das Gefühl der
schlechthinnigen Abhängigkeit. "Natürlich läßt sich die Abhängigkeit des
Menschen von Gott nicht einsehen wie dies, daß die Gerade die kürzeste Verbindungslinie
ist. Vielmehr erleben wir uns abhängig und werten dann dies Erlebnis aus." Nach
Reinach entquillt das Abhängigkeitserlebnis dem Ich und ist Voraussetzung für das
Geborgenheitserlebnis. Aus dem Abhängigkeitserlebnis erwächst für Reinach das
Dankbarkeitserlebnis, aus dem Geborgenheitserlebnis das Vertrauen. Diese Schlüsse sind
recht kurz und unausgegoren. Es wäre ebenso denkbar, dass das Erlebnis der Abhängigkeit
oder Kleinheit ebenso zur Resignation und zum Ressentiment führen kann. Erfolgt aber der
Akt der Dankbarkeit, kann aus dem Dankbarkeitserlebnis direkt ein neues Gotteserlebnis
erwachsen.
Im Gehalt dieses Erlebens entdeckt Reinach Gottes gegenständliche Bestimmtheiten, All-
macht, Allwissenheit, aber auch Existenz, da Gott als existierend, als präsent, als
gegenwärtig erlebt wird. Anschließend bemächtigt sich die Erkenntnis dieser erlebten
Existenz. Der Mensch, dem dieses religiöse Erlebnis zuteil wird, erkennt sich als von
einer allmächtigen Hand geborgen. Man sollte annehmen, dass dazu schon im voraus ein
bewusster Glaubensakt stattgefunden haben müsse, nämlich dass Gott existiert. Aber nach
der Reinachschen Analyse wird zunächst auf unmittelbare Weise das Geborgensein erkannt,
dann auf mittelbar immenente Erkenntnisweise das Dasein Gottes. Ganz ähnlich eine
Erlebnisschilderung Edith Steins aus "Einführung in die Philosophie" im Kapitel
über "Erkenntnis der fremden Person":
"In dem Gefühl der Geborgenheit, das uns oft gerade in
"verzweifelter" Lage ergreift, wenn unser Verstand keinen möglichen Ausweg mehr
sieht und wenn wir auf der ganzen Welt keinen Menschen mehr wissen, der den Willen oder
die Macht hätte, uns zu raten und zu helfen: in diesem Gefühl der Geborgenheit
werden wir uns (sic!) der Existenz einer geistigen Macht inne, die uns keine
äußere Erfahrung lehrt. Wir wissen nicht, was weiter aus uns werden soll, vor uns
scheint ein Abgrund zu gähnen und das Leben reißt uns unerbittlich hinein, denn es geht
vorwärts und duldet keinen Schritt zurück; aber indem wir zu stürzen meinen, fühlen
wir uns "in Gottes Hand", die uns trägt und nicht fallen läßt. Und nicht nur
seine Existenz wird uns in solchem Erleben offenbar, auch was er ist, sein Wesen,
wird in seinen letzten Ausstrahlungen sichtbar: die Kraft, die uns stützt, wo alle
Menschenkräfte versagen, die uns neues Leben schenkt, wenn wir innerlich erstorben zu
sein meinen, die unseren Willen stählt, wenn er zu erlahmen droht - diese Kraft gehört
einem allmächtigen Wesen. Das Vertrauen, das uns einen Sinn unseres
Lebens annehmen läßt, auch wo menschlicher Verstand ihn nicht zu enträtseln vermag,
lehrt uns seine Weisheit kennen. Und die Zuversicht, daß dieser Sinn ein Heilssinn
ist, daß alles, auch das Schwerste, letzten Endes doch unserem Heil dient, und
ferner, daß dieses höchste Wesen sich unser noch erbarmt, wenn die Menschen uns
aufgeben, daß es keine schlechthinnige Verworfenheit kennt, dies alles zeigt uns seine Allgüte."
Der Gehalt des Erlebnisses ist die bergende Macht, die als geistige gefühlt wird.
Nicht nur das Wesen dieser Macht wird erlebt, sondern eine innere, die tiefsten Schichten
der Seele berührende Sicherheit über die Existenz dieser Macht. Das Wesen dieser Macht
zeigt sich als stützende Kraft, die mit menschlicher Bekräftigung durch mitfühlende
Ratschläge oder emotionale Zuwendung nicht aufgewogen werden kann. Als lebensspendend
wird der Gehalt erfahren, und die Intensität dieser Kraftzufuhr weist auf ein
allmächtiges Wesen hin. Im Gefühl der Geborgenheit schwingt ein Vertrauen mit, das auf
Weisheit des bergenden Wesens hinweist. Die erlebte Zuversicht in einen Heilssinn lässt
Edith Stein darauf schließen, dass dieses erlebte geistige Wesen allgütig ist. Hierin
sind bereits personale Eigenschaften mitgedeutet, sodass von einer übermächtigen
Person gesprochen werden kann.
3.2.2 Das "Wie" des Erlebens
Gefühlserlebnisse sind für Edith Stein Quellen belebender Kraft, können sich
allerdings auch in Trauer, Schreck und Angst als Lebensverminderung auswirken. Ohne
Gemütserlebnisse wären jedoch keine lebendig gefühlten Haltungen möglich, wie z. B.
lebendige, echte Dankbarkeit. Ohne lebendig-gefühlte Dankbarkeit würde man nur ein
abstraktes Pflichtbewußtsein von Dankbarkeit erleben. Hieraus würde sich nicht ohne
weiteres eine motiviertes Streben zur Tat ergeben, sich auch in der Tat dankbar zu
erweisen. Die Lebenssphäre muss normalerweise auf bestimmte Art und Weise angespannt
sein, damit überhaupt neue Erlebnisse in den Erlebnisstrom aufgenommen werden können.
Als Ausnahme benennt Stein das Erlebnis des "Ruhens in Gott". Edith Stein
beschreibt dies noch vor ihrer Taufe in ihrem Werk "Psychische Kausalität" im
Jahrbuch von 1922, das wohl schon im März 1918 vorlag. Inzwischen hat sie Schritte auf
den Glauben hin getan, es ist wohl eine noch frühere Analyse als die bereits
zitierte:
"Es gibt einen Zustand des Ruhens in Gott, der völligen Entspannung aller
geistigen Tätigkeit, in dem man keinerlei Pläne macht, keine Entschlüsse faßt und erst
recht nicht handelt, sondern alles Künftige dem göttlichen Willen anheimstellt, sich
gänzlich "dem Schicksal überläßt". Dieser Zustand ist mir etwa zuteil
geworden, nachdem ein Erlebnis, das meine Kräfte überstieg, meine geistige Lebenskraft
völlig aufgezehrt und mich aller Aktivität beraubt hat. Das Ruhen in Gott ist gegenüber
dem Versagen der Aktivität aus Mangel an Lebenskraft etwas völlig Neues und
Eigenartiges. Jenes war Totenstille. An ihre Stelle tritt nun das Gefühl des Geborgenseins,
des aller Sorge und Verantwortung und Verpflichtung zum Handeln Enthobenseins. Und indem
ich mich diesem Gefühl hingebe, beginnt nach und nach neues Leben mich zu erfüllen
und mich - ohne alle willentliche Anspannung - zu neuer Betätigung zu treiben. Dieser
belebende Zustrom erscheint als Ausfluß einer Tätigkeit und einer Kraft, die nicht die
meine ist und, ohne an die meine irgendwelche Anforderungen zu stellen, in mir wirksam
wird."
Das Erleben ist gekennzeichnet durch eine Kraftzufuhr, die nicht aus eigenem Bemühen
herstammen kann. Es ist nicht die eigene Kraft, aus der heraus die eben noch empfundene
Sinnlosigkeit durch einen rationalen Entschluß zu überwinden wäre. In den Geist der
Person strömt fremde, göttliche Energie ein, theologisch gesprochen der "Heilige
Geist", durch den sich eine Wandlung vollzieht, eine "geistige
Wiedergeburt". Sie lässt sich daran erkennen, dass neue Lebenskraft die
innerseelischen Erlebnisse frisch färbt. Wo zuvor Mattigkeit, Niedergedrücktsein von
scheinbarer Sinnlosigkeit die Qualität der Erlebnisse bestimmt haben, erscheinen die Welt
und das Erleben der Welt nun in neuen bunten Farben. Zu den intensivsten Erlebnissen
zählt Edith Stein die "religiöse Ekstase", neben der "liebenden
Hingabe". Diese Parallelisierung erscheint nicht im Druck, im Manuskript schon
löschte Edith Stein mit energischen Strichen die "liebende Hingabe" aus, wohl
aus tiefer Enttäuschung auf diesem Gebiet. Die Erlebnisqualität im religiösen Erlebnis
unterscheidet sich deutlich von zwischenmenschlichen Geborgenheitserfahrungen, da hier ein
absoluter Heilssinn geahnt wird. Das Gefühl, geborgen, sicher,
hoffnungsvoll vertrauend zu sein, weist auf die Erfüllung dieser Empfindungen durch die
höhere Macht hin, die spürbar wurde.
3.2.3 Reflexion des Gehalts
Nach Splett gibt es kein "unbelehrtes Sehen dessen, was sich zeigt". Das
bedeutet, dass jedes Erlebnis auf ein bereits vorhandenes oder neu entdecktes
"Hintergrundsystem" bezogen wird. Es erfolgt also eine Vermittlung zwischen dem
persönlichen, individuellen Erleben und der Tradition, die ihre Deutungskompetenz durch
die Intersubjektivität der religiösen Gemeinschaft in der Kirche gewährleistet.
Da ein religiöses Erlebnis als "von-Gott-kommend" erlebt wird, ist es
zugleich Erkenntnis. Die Weise des Erlebnisses wird z.B. als in "übernatürlichen
Licht" beschrieben. Allerdings bleibt bei diesen Erlebnissen Gott der
"verborgene Gott". Hier kann somit nur von mittelbarer Erkenntnis geprochen
werden, die jedoch ebenfalls eine übernatürliche ist. Die übernatürliche
Gotteserkenntnis, die im religiösen Erleben erfahren werden kann, mag "den Charakter
einer inneren Erschütterung und Umwandlung haben". Hier ist die religiöse Erfahrung
eines zuvor Ungläubigen gemeint, der somit übernatürlich begnadet wurde. Normalerweise
dient der erlernte Glaube als Brücke zwischen einer natürlichen Gotteserkenntnis, in der
Gott in seinen Wirkungen unbewusst dunkel und vage erlebt wird, und einer
übernatürlichen Gotteserkennntis, indem ein Mensch in den Zustand des persönlichen
Bekannt- und Vertrautseins mit Gott übergeht.
Ein wichtiger Punkt in der Reflexion des religiösen Erlebnisses ist bei Reinach die
Deutung der eigenen Person. Das phänomenologische "reine Ich" erfährt die
Auflösung seiner isolierten Stellung. Das Ich erlebt sich als "in Beziehung",
als "schlechthin abhängig", als "verdankt" und zugleich als neu
"in-Stand-gesetzt". "Man möchte von einer erlebten Wesensbeziehung
sprechen, die sich vor anderen dadurch auszeichnet, daß ich sie erfasse - nicht durch
Betrachtung des einen Gliedes der Beziehung, sondern daß der Erfassende selbst das eine
Glied ist, und zwar das seine Beziehung zur Gottheit erlebende Glied." Die
Selbsthabe wird also relativiert, der absolute Standpunkt aufgegeben. So ist ein
Sich-Hingeben, Sich-Ergreifen-lassen erst möglich und wird zugleich erfahren als
"Sich-selbst-empfangen".
3.3 Anerkenntnis
Stein beschreibt den Vorgang der Suche nach dem religiösen Erlebnis als eine Dynamik
von Freiheit und Unfreiheit. Es bleibt dem suchenden Menschen überlassen, sich überhaupt
zu öffnen und dann im nachfolgenden Schritt, falls ein religiöses Erlebnis zuteil wurde,
sich auf den Boden des Glaubens an den Gehalt des Erlebnisses zu stellen, ihn anzuerkennen
im Akt der Anerkenntnis.
"Ich kann mich nach religiösen Glauben sehnen, mich darum bemühen mit allen
Kräften und er braucht mir doch nicht zuteil zu werden. ... Ich bin also in dieser
Hinsicht nicht frei. Dagegen besteht eine Möglichkeit, die bei den bloßen Kenntnisnahmen
nicht vorhanden ist: ich kann zu den Stellungnahmen "Stellung nehmen" in einem
neuen Sinn, ich kann sie auf- nehmen, mich auf ihren Boden stellen, mich zu ihnen bekennen
oder mich ablehnend gegen sie verhalten. Ich nehme sie auf - d.h. ich gebe mich ihnen,
wenn sie in mir auftreten, freudig, ohne Widerstreben hin. Ich lehne sie ab - das bedeutet
nicht: ich beseitige sie. Das steht nicht in meiner Macht. Zur "Durchstreichung"
eines Glaubens bedarf es neuer Motive, durch die die Motive des ursprünglichen Glaubens
entkräftet werden und aus denen sie sich wiederum "von selbst" ergibt. Aber ich
brauche diesen Glauben nicht anzuerkennen, ich kann mich ganz so verhalten, als wäre er
nicht vorhanden, ich kann ihn unwirksam machen. ...(Oder) ein überzeugter Atheist wird in
einem religiösen Erlebnis der Existenz Gottes inne. Dem Glauben kann er sich nicht
entziehen. Aber er stellt sich nicht auf seinen Boden, er läßt ihn nicht in sich wirksam
werden, er bleibt unbeirrt bei seiner "wissenschaftlichen Welt- anschauung", die
durch den unmodifizierten Glauben über den Haufen geworfen würde."
Einerseits muß eine Offenheit für das Einströmen einer "über-ichlichen"
Macht bestehen. Andererseits wird die Person, die ein religiöses Erlebnis hat, daraus
nicht notwendigerweise Folgerungen ziehen. Sie hat die Freiheit, den geistigen Mitvollzug
nach dem aktuellen Erleben abzubrechen. D.h. sie stellt sich nicht "auf den
Boden" des Erlebten, dem sie zwar als einzelnes für sich Glauben schenkt. Aber sie
ist nicht bereit, es weiter einzuordnen, Folgen zur existentiellen Lebensumkehrung zu
ergreifen. Ein Gotteserlebnis nicht anzuerkennen heißt, es nicht im Erlebnisstrom mit
anderen Erlebnissen zu verknüpfen: mit Vorstellungen, Urteilen, Willsensakten,
Gefühlsregungen - und es damit im Leben nicht sichtbar und gültig werden zu
lassen.
Die Anerkenntnis ist ein Schritt im Seeleninneren hin zur Verleiblichung einer
geistigen Erfahrung. Das "Gemüt" oder "Herz" als Schnittstelle
zwischen dem Intellekt und dem Willen - so wird Edith Stein später in "Potenz und
Akt" vertiefen - ist der Ort, an dem "abgewogen" wird, d.h. hier wird die
innere, lebendige Zustimmung zum rational Erkannten erteilt oder verweigert. Und erst
diese erfolgte Herzenszustimmung wird die ausreichende Motivation liefern, um den Willen
zu bewegen, eine Umkehr zu vollziehen. Edith Stein unterscheidet die verschiedenen
Seelenkräfte: "im Verstand ein äußeres Entgegennehmen der Welt, im Gemüt die
innere Auseinandersetzung mit der Welt, im Willen das Hinausgreifen aus sich in die
äußere Welt."
Ein ursprünglicher Glaube, wie z.B. eine atheistische Weltanschauung, lässt sich nur
durch neue, stärkere Motive ablösen. Objektive Gehalte, Wahrheitsansprüche oder
Stringenz der Argumente allein reichen nicht aus, um von einem Glauben in den anderen
überzuwechseln, sich zu bekehren. Die Motivation kann bisher schon von Wahrheitsliebe
geprägt gewesen sein, nur die Inhalte des quasi-wissenschaftlichen Weltbildes waren noch
zu vage. Wenn nun der gesuchte Inhalt, durch den sich viele Fragen klären, in den Blick
gerät, richtet sich die wahrheitsliebende Seele in erfüllter Hoffnung auf die grössere
Erfüllung.
Die Anerkenntnis vollzieht sich, indem das Ich sich freudig und ohne Widerstreben
hingibt an die aufsteigenden Gehalte der religiösen Erlebnisse. Wenn ein Atheist sich zum
religiösen Bereich hingezogen fühlt, aber noch Vorbehalte wegen seines
"irrationalen Rufs" hat, mögen ihm einsichtige Darlegungen vernünftiger
Argumente für den Glauben seine Motivation stärken und eine Anerkenntis desselben
fördern. Andererseits vermag einen Menschen das religiöse Erlebnis in seinen
Gefühlsmomenten so zu erfüllen, dass man eine rationale Auseinandersetzung nicht für
nötig erachtet. Oder man unterlässt sie aus Furcht, dass die Reflexion das Erlebnis
stören möge. Gleichzeitig mag der Gedanke an eine Hingabe an eine absolute Person, an
ein Abhängigkeitsverhältnis seine Motivation derart herabsenken, dass jegliche
Erlebnisreflexionen unterbleiben und die Wahrheitsfrage völlig ignoriert wird.
Da jeder Mensch im Normalfall auf Spuren Gottes in der Welt und in Menschen stößt,
wäre zu erwarten, daß er sich dagegen nicht verschließt, sondern sich bemüht, ihren
Sinn zu verstehen. Es mag auch Trägheit oder Stumpfheit des Geistes oder Leichtsinnigkeit
eine Rolle spielen, all das wäre nach E. Stein als Eigenverantwortlichkeit und Schuld des
Einzelnen zu verstehen, die bis zur "Verblendung" führen kann, d.h. zur
Unfähigkeit, erkennen und glauben zu können.
4. Schluss
Das religiöse Erlebnis nimmt für Edith Stein hinsichtlich der menschlichen
Lebenskraft eine zentrale Stelle ein: Einerseits kann es nicht herbeigezwungen werden.
Andererseits öffnet es, wenn es eintreten sollte, neue Kräfte für die intensive
Bewusstwerdung der Außenwelt. Es erfolgt eine Existenzvergewisserung, nach Reinach, die
nicht nur das Sosein und Dasein Gottes umfasst, sondern auch das der Welt und
des eigenen Ichs, das sich als von Gott abhängig, gewollt und getragen weiss. Eine neue
Bezüglichkeit tut sich auf, die das vormals absolute Bewusstsein in Beziehung zu einer
absoluten guten bergenden Macht erlebt und sich selbst als in die Welt gestellt erfährt,
aufgrund der neuen Lebenskraft-Zufuhr.
Durch die persönliche, vertraute Begegnung und somit durch das Kennenlernen Gottes
wird ein Urteilsvermögen über die Treffsicherheit ermöglicht, mit der unterschieden
werden kann zwischen richtigen und schiefen Gottesbildern, zwischen gefüllten Worte und
leeren Worthülsen, pseudoreligiösen Erlebnissen und echten Gottesbegegnungen. Nur wer "Gott
persönlich kennt", schreibt Edith Stein, "aus und in lebendigem Glauben
Gott kennt und liebt", wird ihn wiedererkennen.
An Edith Steins Phänomenologie des religiösen Erlebnisses besticht zum einen die
Sachlichkeit und Selbstverständlichkeit, mit der sie diesem Erlebnis seinen Platz in der
Struktur der psychi- schen Kausalität und geistigen Motivation zuweist. In einer Zeit, in
der das ehemals christliche Gottesbild zur Karrikatur eines "extraterristrischen
Störers" verzerrt ist, der gespenstisch in den zivilisatorischen Betrieb des
sich-selbst-absolut-setzenden Menschen eingreift, wirkt der phänomenologische Bestand von
Adolf Reinachs und Edith Steins Geborgenheitserlebnissen wohltuend. Die Beziehung zu Gott,
in er ich geborgen bin, gibt neue Impulse, den Menschen "in Beziehung" zu
dneken. hierin kann ein wichtiges Korrektiv liegen für unsere immer stärker
ausdifferenzierte, isolierende Gesellschaft der "Generation X".
Dabei betont Edith Stein in anderen eher religionspädagogischen Schriften, dass das
Gefühlserlebnis nur motivierenden Charakter besitzt. Auf das Gotteserlebnis und seine
Erkenntnis, das also nicht für sich stehen und allein als Gefühlserlebnis gesucht werden
darf, folgen weitere Schritte der Anerkenntnis, hin zur Einübung von religiösen und
ethischen Gewohnheiten, von Habitus.
Der Zugang über Betroffenheit, über das psychische Erleben von Gehalten zu ihren
Korrelaten in der transzendenten Realität, ist m.E. ein notwendiges Desiderum für
Philosophie und auch für Theologie. Das Gotteserlebnis sichert einen Glauben vor dem
intellektualistischen Austrocknen. Und die Möglichkeit des Erkenntnisgewinns aus
religiösen Erlebnissen bewahrt eine philosophische Erkenntnistheorie vor
Vereinseitigungen, die in der philosophischen Anthropologie nicht weiter als bis zum
"einsamen ego" führen könnten. Die philosophische Leistung Reinachs und Steins
liegt m. E. darin, religiöse Erlebnisse nicht in einen anti-intelligiblen Raum zu
verbannen. Werden religiöse Erlebnisse ausgeklammert, wird leicht einer
Ent-Persönlichung Vorschub geleistet: Nämlich indem weder die Betroffenheit der eigenen
Tiefe eingehend thematisiert wird, noch die Gehalte eines Erlebnisses als
Selbstmitteilungen einer absoluten Person zumindest phänomenologisch (nicht dogmatisch)
in Erwägung gezogen werden. Natürlich gibt es keine Anleitungen, wie man sich ein
Gotteserlebnis "verschaffen" könnte. Dennoch weist uns Edith Stein in WGE einen
Weg und ist selbst den Weg gegangen, sich zu öffnen, sich treffen zu lassen, selbst
begegnen zu wollen, zu suchen und sich finden zu lassen und schliesslcih den, der mich
gesucht hat, zu erkennen und anzuerkennen.
Als Schlußwort ein Kommentar Reinachs in Bezug auf seine
religionsphilosophischen Untersuchungen: "Das alles sind dürre theoretische
Ausführungen. Aber was sich dahinter birgt, ist der wertvollste Kern unseres Lebens, das,
was uns allein aufrecht erhalten kann in den Stürmen des Lebens. Hin- und hergeworfen in
Hoffnungen und Enttäuschungen, in Furcht und Angst und Erwartung, in Liebe und Haß, in
Dankbarkeit und Rachsucht, eingeengt in den Stufen des Mehr oder Minder aller sozialen
Beziehungen, ist hier das Gebiet des Unantastbaren und des ewigen Haltes."
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