Edith Stein ist eine Frau von 27 Jahren, als sie ihr erstes schriftliches Werk
veröffentlicht. Das 140 Seiten umfassende Buch trägt den Titel Zum Problem der
Einfühlung. Es wurde 1917 in Halle/Saale gedruckt und enthält den Hauptteil - die
Kapitel II bis IV - ihrer Inaugural-Dissertation, mit der sie im August 1916 an der
Albert-Ludwig-Universität zu Freiburg i. Br. summa cum laude" zum Doktor der
Philosopie promoviert worden war.
Edith hat diese Arbeit 1914, noch während der
Vorbereitungen auf das Staatsexamen, in Göttingen bei Edmund Husserl begonnen und dann -
unterbrochen durch einen freiwilligen Einsatz im Seuchenlazarett Mährisch-Weißkirchen -
während ihrer Tätigkeit im Schuldienst in Breslau ab dem Herbst 1915 fertiggestellt. Es
sind die Jahre, von denen sie später sagen wird: Ich hatte in Göttingen Ehrfurcht
vor Glaubensfragen und gläubigen Menschen gelernt; ich ging jetzt sogar mit meinen
Freundinnen manchmal in eine protestantische Kirche ...; aber ich hatte den Weg zu Gott
noch nicht gefunden." Es handelt sich bei diesem Werk also um eine Schrift aus der
atheistischen Phase ihres Lebens, die freilich geprägt war von einer geradezu
leidenschaftlichen Suche nach Wahrheit.
Edith hat damals nicht nur unter dem Einfluß ihres Lehrers und Doktorvaters Edmund
Husserl (1859 - 1938) gestanden. Vor allem auch Max Scheler (1874 - 1928) war in jenen
Jahren von richtungweisender Bedeutung für sie geworden. Seine Vorträge in der
Philosophischen Gesellschaft", einem Kreis von Husserl-Schülern, der sich jede
Woche einmal abends traf, um philosophische Probleme zu erörtern, waren, so schreibt sie
rückblickend, für mich von besonderer Bedeutung, da ich gerade anfing, mich um das
Problem der Einfühlung zu bemühen ... Ich weiß nicht, in welchem Jahr
Scheler zur katholischen Kirche zurückgekehrt ist. Es kann damals nicht sehr lange
zurückgelegen haben. Jedenfalls war es die Zeit, in der er ganz erfüllt war von
katholischen Ideen und mit allem Glanz seines Geistes und seiner Sprachgewalt für sie zu
werben verstand. Das war meine erste Berührung mit dieser bis dahin völlig unbekannten
Welt. Sie führte mich noch nicht zum Glauben. Aber sie erschloß mir einen Bereich von
Phänomenen, an denen ich nun nicht mehr blind vorbeigehen konnte." Diese
Offenheit für das Phänomen Glauben" wird sich an einigen, durchaus nicht
unwesentlichen Stellen der Doktorarbeit widerspiegeln.
Ich möchte hier nicht auf die ganze philosophisch-psychologische Problematik eingehen,
mit der sich Edith in ihrer Dissertation auseinandersetzt. Ich möchte nur zusammenfassend
und in grober Skizzierung vortragen, was sie unter Einfühlung versteht und wie sie diesen
Akt des menschlichen Geistes - im Ergebnis ihrer wissenschaftlichen Reflexion - näherhin
umschreibt. Anschließend möchte ich den (meines Wissens bisher noch nicht unternommenen)
Versuch wagen, den von ihr beschriebenen Akt der Einfühlung auf das geistliche Leben des
Christen zu beziehen, und zwar auf den Kern des christlichen Glaubensaktes: auf die
persönlich-personale Beziehung zu dem Gott, der sich uns in Jesus Christus offenbart
hat.
I. Einfühlung" in der
Doktorarbeit Edith Steins
Das deutsche Verb fühlen" (englisch: to feel"; niederländisch:
voelen") ist westgermanischer Herkunft und hat die Grundbedeutung von
tasten". Ursprünglich meint es das Berühren dinghafter Gegenstände; erst im
Laufe des 18. Jahrhunderts wird es auch im Sinne des Fühlens seelischer Empfindungen
gebräuchlich. Der Münchner Gelehrte Theodor Lipps (1851 - 1914) und andere Literaten der
empirischen Psychologie um die Jahrhundertwende benutzen das daraus hergeleitete Wort
Einfühlung" - in der wissenschaftlichen Definition noch mehr oder weniger
unklar - als Fachbegriff für das Bemühen des Menschen, das innere subjektive Erleben,
das eigene oder das eines anderen, wahrzunehmen.
Edmund Husserl hatte diesen Terminus aufgegriffen, um ihn für seine phänomenologische
Methode der philosophischen Wahrheitsfindung nutzbar zu machen; jedoch hatte auch er noch
nicht hinreichend geklärt, was näherhin und wissenschaftlich eindeutig unter
Einfühlung" zu verstehen sei. Dieser Aufgabe wird Edith sich stellen. In
feinsinnigen Analysen, durchwoben von anschaulichen Beispielen, und in Auseinandersetzung
mit den Vorgaben von Theodor Lipps und anderen Autoren kommt sie zu einem Ergebnis, das
bis heute Gültigkeit hat, wenn auch die phänomenologische Forschung über dieses
schwierige Thema inzwischen weitergegangen ist, nicht zuletzt durch Edmund Husserl
selbst.
1. Was meint der Begriff Einfühlung"?
Einfühlung", so definiert Edith Stein einleitend, bezeichnet eine
Grundart von Akten, in denen fremdes Erleben erfaßt wird". Sie gebraucht diesen
Begriff also für bestimmte Wahrnehmungsakte vornehmlich in bezug auf andere Menschen.
(Das Einfühlen in das eigene innere Erleben nennt Edith Stein mit Max Scheler
innere Wahrnehmung".) Im Unterschied zur Ein-Sicht, die darauf gerichtet
ist, die Argumente, die Ideen und denkerischen Konzepte eines anderen (oder die kausalen
Zusammenhänge eines Geschehens in Natur und Geschichte) zu erfassen und zu verstehen,
meint Ein-Fühlung einen Erkenntnisakt - bzw. die Summe von Wahrnehmungsakten -,
der auf das subjektive Empfinden des anderen, auf dessen inneres
Erleben" und damit auch auf seine Persönlichkeit selbst ausgerichtet
ist. Fühlen, und gerade ein-fühlen, ist ein anders geartetes Eindringen in
die Welt, die der Mensch als solcher darstellt", sagt ein Kenner ihrer Philosophie.
Mit der phänomenologischen Schule geht es Edith darum, die uns umgebende Wirklichkeit in
allen ihren Phänomenen" (= Erscheinungsformen) zu erfassen und zu erkennen. Zu
dieser Wirklichkeit gehört auch, daß, so schreibt sie, uns fremde Subjekte und ihr
Erleben gegeben" sind. Der Zugang dahin aber gelingt nicht durch Ein-Sicht allein, es
bedarf dazu der Ein-Fühlung.
So ist die junge Phänomenologin darum bemüht, Ein-Fühlung neben Ein-Sicht so
einzuordnen, daß dem Fühlen auch ein Erkenntniswert zuerkannt werden kann"
(Philibert Secretan). Den konkreten geistigen Vollzug, durch den solches Einfühlen in
einen anderen Menschen geschieht, in größter Wesensallgemeinheit", so Edith,
zu erfassen und zu beschreiben, soll unsere erste Aufgabe sein".
Sie löst diese Aufgabe zunächst dadurch, daß sie den Akt des Einfühlens von
ähnlichen Erkenntnisakten abgrenzt, die ebenfalls das subjektive Erleben eines anderen
zum Gegenstand haben: von der äußeren Wahrnehmung", vom Wissen um
fremdes Erleben", vom Mitfühlen" und vom Einsfühlen":
Äußere Wahrnehmung, so Edith Stein, ist ein Titel für die Akte, in
denen raum-zeitliches, dingliches Sein und Geschehen mir zu leibhaftiger Gegebenheit
kommt". Auf diese Weise kann ich - am Beispiel des Schmerzes demonstriert, den ein
anderer erleidet - die schmerzliche Mine des Betreffenden wahrnehmen. Die Einfühlung aber
hat den Schmerz selbst zum Gegenstand.
Ähnlich verhält es sich mit dem Wissen um fremdes Erleben: In diesem Fall
weiß ich durch die Mitteilung des anderen um seinen Schmerz; der Schmerz selbst aber
bleibt mir wiederum fremd, er ist mir als leeres Wissen ... auf Grund einer
Mitteilung", nicht aber anschaulich gegeben".
Einfühlen ist auch anders geartet als das Mitfühlen. Mitfühlend versetze ich
mich - hier wählt Edith als Beispiel die Freude eines Studenten über ein bestandenes
Examen - in das Ereignis des guten Prüfungsausganges, also in das, worüber er (sc.
der Mitstudent) sich freut"; ich freue mich mit ihm mit an diesem Ereignis.
Einfühlung dagegen heißt, die Freude selbst wahrzunehmen, die der Student in sich hat:
Einfühlend erfasse ich seine Freude, ... indem ich mich in sie
hineinversetze."
Ebenso sind Einfühlen und Einsfühlen zwei verschiedene Akte. Wenn ich mich am
selben Ereignis oder am selben Objekt erfreue, an dem ein anderer sich erfreut, kann das
dazu führen, daß nicht mehr nur ich und er, sondern wir uns freuen, daß wir uns
also eins-fühlen in der Freude am selben Ereignis. Aber auch das ist ein Vorgang, bei dem
der Erkenntnisakt auf das gemeinsame Objekt der Freude, nicht aber auf die Freude des
anderen selbst gerichtet ist. Doch nicht durch das Einsfühlen erfahren wir von
andern, sondern durch das Einfühlen", wobei freilich durch Einfühlung ...
Einsfühlung und Bereicherung des eigenen Erlebens möglich (wird)" oder werden
kann.
Wir haben es bei der Einfühlung also, so resümiert Edith im Verlaufe dieser
Begriffsabgrenzungen, mit eine(r) Art erfahrender Akte sui generis" zu tun:
... die Einfühlung, die wir betrachteten und zu beschreiben suchten, ist Erfahrung
von fremdem Bewußtsein überhaupt".
2. Wie geschieht Einfühlung?
Im Anschluß an diese Begriffsklärung geht Edith der Frage nach, wie sich ein
solches Einfühlen in fremdes Bewußtsein" vollzieht. Dabei nimmt sie ebenfalls
einige Abgrenzungen vor:
Nach der Nachahmungstheorie, mit der Theodor Lipps gearbeitet hatte, kommt die
Erfahrung von fremdem Seelenleben" in mir dadurch zustande, daß ich die
Handlung eines anderen oder seine Reaktion auf ein entsprechendes Widerfahrnis - im
Beispielsfall die an ihm gesehene Gebärde" - nachahme (wenn nicht
äußerlich, so doch innerlich"), um auf diese Weise die dadurch
ausgedrückte innere Erfahrung nachzuempfinden. Doch ich komme auf dem angegebenen
Wege nicht zu dem Phänomen des fremden Erlebnisses, sondern zu einem eigenen Erlebnis,
das die fremde gesehene Gebärde in mir wachruft".
Wie die Nachahmung, so führt auch die damit verwandte Assoziation nicht zu
wirklichem Erfassen von fremdem Seelenleben"; in diesem Fall schließe ich aus
den Empfindungen, die ich selbst bei einer bestimmten Gebärde habe oder hatte, auf die
Empfindungen des anderen. Ediths Beispielsfall: Ich sehe jemanden mit dem Fuß
stampfen, es fällt mir ein, wie ich selbst einmal mit dem Fuß stampfte, zugleich stellt
sich mir die Wut dar, die mich damals erfüllte, und ich sage mir: so wütend ist der
andere jetzt." Nicht das Empfinden des anderen, sondern die eigene, in Erinnerung
gerufene Empfindung habe ich auf diese Weise in den Blick bekommen - und obendrein in den
anderen hineinprojiziert.
Ähnliches gilt für den Analogieschluß, der lediglich aus dem Wissen, daß
normalerweise bestimmten äußeren Verhaltensweisen bestimmte innere Empfindungen
entsprechen, auf das seelische Erleben des anderen schließt. So zutreffend dies im
Einzelfall sein kann, muß doch bedacht werden: Der Analogieschluß tritt an Stelle
der vielleicht versagenden Einfühlung und ergibt nicht Erfahrung, sondern eine mehr oder
minder wahrscheinliche Erkenntnis des fremden Erlebnisses."
Die Einfühlung, wie Edith sie versteht, nimmt einen anderen Weg. Doch der ist nur
schwer zu definieren". Er ist zwar abgrenzbar gegenüber ähnlichen
Erkenntnisakten, aber positiv nur unzureichend faßbar" in definierenden
Sätzen. Wie Einfühlung vor sich geht, läßt sich in der Tat nur
beschreiben" (s.o.), und die beschreibenden Worte sind dabei wie Fenster, durch
die wir hindurchblicken müssen auf die gemeinte Wirklichkeit: auf das Einfühlen, das ein
anderer vollzieht - wie zum Beispiel meisterhaft Edith Stein selbst, die, so Waltraud
Herbstrith, von Natur aus ein Genie der Freundschaft" war -, aber
auch auf die Fähigkeit im eigenen Bewußtsein, sich einfühlen zu können in den anderen,
in dessen Schmerz und in dessen Freude ... Vielleicht braucht es eben - das ist mir
persönlich beim Studium dieses Themas immer mehr klar geworden - die Einfühlung,
um Einfühlung zu verstehen. Ich kann ja durchaus, so weiß Edith selbst, auch
Einfühlungen einfühlen, d. h. unter den Akten eines andern, die ich einfühlend erfasse,
können auch Einfühlungsakte sein, in denen der andere Akte eines anderen erfaßt. Dieser
andere kann ein dritter sein - oder ich selbst."
Solche Fenster zum Verständnis von Einfühlung finden wir in Worten wie
einfühlendes Hineinversetzen", Erfahrung von fremdem Bewußtsein"
oder Einempfinden", in Sätzen wie: Einfühlend ... ziehen wir keine
Schlüsse, sondern haben das Erlebnis als fremdes im Charakter der Erfahrung gegeben"
und: Die Einfühlung ... setzt als erfahrender Akt das Sein unmittelbar und sie
erreicht ihr Objekt direkt", oder wenn Edith den einfühlenden Erkenntnisakt als eine
Wahrnehmung beschreibt, in der ich bei dem fremden Ich bin und sein Erleben
nachlebend expliziere"...
3. Was wird durch Einfühlung wahrgenommen?
Nach und nach zeigt sich in Ediths Erarbeitungen, daß das Erkenntnisobjekt des
Einfühlungsaktes, das fremde Erleben", verschiedenartige Inhalte haben kann.
Entsprechend der Verfaßtheit des Menschen als einer Einheit von Körper, Seele und Geist
kann es sich dabei um ein körperliches, psychisches oder geistiges Erleben des anderen
handeln. Edith widmet daher zwei der drei Kapitel ihres Buches sehr ausführlich der
Reflexion über die Wesenskonstitution des Menschen, den sie als psychophysisches
Individuum" (Kapitel III) und zugleich als geistige Person" (Kapitel IV)
betrachtet, um dadurch zu noch detaillierteren Beschreibungen des Einfühlungsaktes zu
gelangen. So spricht sie zum Beispiel von einfühlender Vergegenwärtigung" in
bezug auf das Körper-Erleben des anderen (wie etwa das Erleiden physischer
Schmerzen), von der Empfindungseinfühlung" bzw. der Einempfindung"
in seine seelischen Gefühle und Empfindungen (wie etwa Freude oder Angst) und von
nachlebendem Verstehen" oder einfühlendem Erfassen" seiner geistigen
Erlebniswelt.
Im Bereich des geistigen Erlebens, das aufgrund der Leibverfaßtheit des Menschen
natürlich immer mit dem psychophysischen Erleben in Verbindung steht, eröffnet sich dem
Einfühlenden nun ein neues Objektreich: die Welt der Werte": Es begegnet mir
die ganze Welt der Geschichte und der Kulturen" (Philibert Secretan), von der
dieser Mensch geprägt ist und die er selbst - wie auch immer - mitprägt und
mitgestaltet, eben die ganze Welt der Werte, in denen er denkt, fühlt und
handelt.
Es begegnet mir aber auch und vor allem der Mensch selbst in seinem ureigenen Wert.
Einfühlung führt zu einem Wertfühlen, in dem uns die Person des anderen gegeben
ist" (Philibert Secretan). Edith schreibt: Wie in den eigenen originären
geistigen Akten die eigene, so konstituiert sich in den einfühlend erlebten Akten die
fremde Person." Es ist letztlich der andere selbst, der durch Einfühlung
wahrgenommen wird.
Edith scheut sich nicht, in diesem Zusammenhang - mittendrin in der nüchternen Sprache
wissenschaftlicher Analyse - von solchem Akt der Einfühlung als von einem Akt der
Liebe" zu sprechen: Im Akt der Liebe" vollzieht sich ein Ergreifen
bzw. Intendieren des personalen Wertes"; und Edith führt aus: Wir lieben eine
Person nicht, weil sie Gutes tut, ihr Wert besteht nicht darin, daß sie Gutes tut (wenn
er auch vielleicht daran zutage tritt), sondern sie selbst ist wertvoll und um ihrer
selbst willen lieben wir sie."
4. Wodurch wird Einfühlung möglich?
In diesem Zusammenhang arbeitet Edith ein entscheidendes Kriterium heraus, das den
Einfühlungsakt in den anderen Menschen und in die verschiedenartigen Inhalte seines
subjektiven Erlebens erst ermöglicht: Einfühlung gelingt mir nur in dem Maße, wie eine Analogie,
eine seinsmäßige Entsprechung zwischen meinem Wesen und dem Wesen des anderen besteht.
Edith spricht vom gleichen Typos", der gegeben sein muß, damit ich mich in ihn
einfühlen kann. Einfühlung wird mir also grundsätzlich nur in den Typos
Mensch" gelingen. Da dieser Typos Mensch aber zumindest in seiner
körperlichen Beschaffenheit anderen Wesen ähnlich ist, kann ich mich in einem gewissen
Grade auch in die Schmerzen eines Tieres einfühlen. Je weiter wir uns (allerdings)
vom Typos Mensch entfernen, desto geringer wird die Zahl der
Erfüllungsmöglichkeiten" des Einfühlungsaktes. Und weil im Bereich des Geistes
jede einzelne Person selbst schon Typus ist", werde ich mich andererseits nur
in soweit in eine andere Person einfühlen können, wie ich selbst Person geworden bin:
Nur wer sich selbst als Person, als sinnvolles Ganzes erlebt, kann andere Personen
verstehen"; sonst sperren wir uns ein in das Gefängnis unserer Eigenart; die
andern werden uns zu Rätseln oder, was noch schlimmer ist, wir modeln sie um nach unserem
Bilde und fälschen so die ... Wahrheit".
Je mehr ein Mensch sein Selbst" gefunden hat, desto eher kann er ein
Meister des Verstehens" - und ich möchte im Sinne Edith Steins hinzufügen:
ein Meister der Liebe - werden.
5. Was bewirkt Einfühlung im Einfühlenden?
Durch Einfühlung nehme ich die andere Person wahr, in ihrem ureigenen Wert und mit der
Wertewelt, die sie sich zueigen gemacht hat. Das aber hat auch eine Rückwirkung auf mich
zur Folge: Im Einfühlen in den anderen konstituiert sich in mir, dem Einfühlenden, ein
neues Ich. Jedes Erfassen andersartiger Personen", so Edith, kann zum
Fundament eines Wertvergleichs werden"; der einfühlend wahrgenommene Mitmensch - in
seinem Wert und mit seinen Werten - klärt uns über das auf, was wir mehr oder
weniger sind als andre." Denn indem wir einfühlend auf uns verschlossene
Wertbereiche stoßen, werden wir uns eines eigenen Mangels oder Unwerts bewußt"; so
kann im Erfühlen des anderen zur Entfaltung kommen, was in uns
schlummert". - Johannes vom Kreuz (1542-1591), der reichlich zwei
Jahrzehnte später durch seine Werke Ediths Lehrer sein wird, hatte wohl dieselbe
Erfahrung gemeint, als er schrieb: Die Liebe schafft Ähnlichkeit zwischen dem
Liebenden und dem Geliebten" - für den spanischen Mystiker ein principio
fundamental indiscutible", das sein ganzes Denken bestimmte.
Es trifft ganz und gar Ediths persönliche Situation zur Zeit der Arbeit an ihrer
Dissertation - ich denke hier etwa an ihre Begegnungen mit Max Scheler, aber auch an ihre
Beziehungen zu Anna und Adolf Reinach und zu Hedwig Conrad-Martius -, wenn sie als
Beispiel für diese Erfahrung nüchtern notiert: So gewinne ich einfühlend den Typ
des homo religiosus, der mir wesensfremd ist, und ich verstehe ihn, obwohl
das, was mir dort neu entgegentritt, immer unerfüllt bleiben wird."
6. Ist Einfühlung auch in Gott hinein möglich?
Am Schluß ihres Erstlingswerkes stellt Edith die Frage: Wie steht es nun aber
mit rein geistigen Personen ...?" D. h.: Ist Einfühlung auch in Gott hinein
möglich? - Solche Überlegungen seien, so hatte sie schon früher eingeräumt,
unabhängig vom Glauben an die Existenz möglich", und grundsätzlich hatte sie
diese Frage bereits positiv beantwortet: Einfühlend erfaßt der Mensch das
Seelenleben seines Mitmenschen, so erfaßt er aber auch als Gläubiger die Liebe, den
Zorn, das Gebot seines Gottes ..." Ja, sie hatte Gott selbst als einer rein
geistigen, nicht an die natürliche psychophysische Kausalität gebundene Person die
Möglichkeit zuerkannt, sich in den Menschen einzufühlen: ... und nicht anders
vermag Gott sein (sc. des Menschen) Leben zu erfassen", wobei Gott als im
Besitze vollkommener Erkenntnis ... sich über die Erlebnisse der Menschen nicht täuschen
(wird), wie sich die Menschen untereinander über ihre Erlebnisse täuschen".
Wäre es dann auch möglich, daß die Einfühlung in Gott auf den einfühlenden
Menschen Ich-konstituierend zurückwirkt? Es hat Menschen gegeben", so
konstatiert die Phänomenologin, die in einem plötzlichen Wandel ihrer Person das
Einwirken göttlicher Gnade zu erfahren meinten, andere, die sich in ihrem Handeln von
einem Schutzgeist geleitet fühlten." Edith läßt die Antwort auf diesen Aspekt
ihrer Frage offen: Ob hier echte Erfahrung vorliegt ..., wer will es
entscheiden?" - Sie beschließt ihre Doktorarbeit mit den Worten: Jedenfalls
scheint mir das Studium des religiösen Bewußtseins als geeignetes Mittel zur
Beantwortung unserer Frage, wie andererseits ihre Beantwortung von höchstem Interesse
für das religiöse Gebiet ist. Indessen überlasse ich die Beantwortung der aufgeworfenen
Frage weiteren Forschungen und bescheide mich hier mit einem non liquet (sc.:
es ist jetzt nicht zu klären)."
II. Einfühlung als Grundakt des
geistlichen Lebens
Ich möchte nun im zweiten Teil meines Beitrages dort ansetzen, wo Edith, die
Doktorandin der Phänomenologie, aufgehört hat: bei der Frage nach der Bedeutung des
Einfühlungsaktes für das religiöse Gebiet". Dabei will ich nicht
unbescheidener sein als Edith selbst und möchte lediglich in Form einiger Thesen
darzustellen versuchen, wie ihre Erarbeitungen zum Problem der Einfühlung"
für die christliche Gottesbeziehung fruchtbar gemacht werden könnten; näheres dazu soll
auch in diesem Fall weiteren Forschungen" überlassen bleiben.
1. Im Zentrum der jüdisch-christlichen Glaubenstradition steht nicht eine Lehre
über Gott, sondern der als Person geglaubte Gott Israels; daher ist nicht Ein-Sicht
allein, sondern Ein-Fühlung erst der ihm gemäße Grundakt des menschlichen
Glaubensvollzugs.
Der historische Ausgangspunkt für das christliche Gottesbild und seine bleibende
theologische Grundlage, die in der langen Geschichte des Christentums niemals vergessen
worden ist, liegt im Glauben des jüdischen Volkes, dem auch Edith Stein angehörte.
Unsere älteren Schwestern und Brüder" (Johannes Paul II.) glauben mit unserem
gemeinsamen Stammvater" Abraham daran - so bezeugen es alle Schriften des Alten
bzw. Ersten Testaments (Erich Zenger) -, daß hinter allem, was lebt und was da ist, eine
höhere Macht" steht: ein Gott, der Ursprung von allem ist, und dem sich das
Dasein von Augenblick zu Augenblick, unser Leben von Pulsschlag zu Pulsschlag verdankt.
Dieser Gott ist der einzige Gott (vgl. Dtn 6, 4), so war man spätestens seit dem
5. Jahrhundert v. Chr. in Israel überzeugt; und er ist ein personaler Gott, nicht
eine bloße alles umfassende Energie", wie viele Menschen in unserem
Kulturkreis heute glauben, sondern ein Gott, der von sich Ich" sagen kann und
den wir Menschen als Du, Gott" anreden können.
Freilich: Wenn wir vom personalen Gott, ja dann spezifisch christlich von drei
Personen in dem einen und einzigen Gott sprechen, ist auch das ein Begriffs-Fenster;
es verweist auf weit Größeres als das, was wir als Person und Persönlichkeit im
menschlichen Bereich kennen. Gott - bzw. die Drei in Gott - ist in einem viel
umfassenderen und vollkommeneren, für uns nicht auslotbaren Sinn Person". Aber
kein anderes Wort wäre angemessener und besser geeignet, um in die richtige Richtung zu
weisen, in der wir von Gott denken und seine Wirklichkeit erahnen dürfen. Kann denn Gott,
der Urgrund von allem, was da ist, kleiner und geringer sein als das, was die Schöpfung
als höchste Daseinsform hervorgebracht hat? Und kann er - können die Drei in Gott - denn
von geringerer Daseinsform sein als der Galiläer Jesus von Nazaret, der uns als eine
menschliche Person und Persönlichkeit Gott nahegebracht und vorgelebt hat? Gott ist - das
meint die theologische Rede von der analogia entis", die allem über Gott
Aussagbaren von jeher zugrundeliegt - mindestens das, was wir Person"
nennen ...
Im Zentrum der jüdisch-christlichen Glaubenstradition steht also nicht eine Lehre
über Gott, sondern die Person Gottes - bzw. die Personen in Gott - selbst:
nicht die Lehre der Kirche", sondern der, über den die Lehre der Kirche
reflektiert, nicht die Theo-Logie, sondern der personale Theos selbst. Der christliche wie
auch der jüdische Glaube sind zudem, wie im deutschen Sprachraum derzeit Eugen Biser
immer wieder betont, keine primäre, sondern eine sekundäre Schriftreligion";
d. h.: Wir, die Juden und die Christen, glauben nicht an ein von Gott diktiertes
Offenbarungsbuch (Verbalinspiration), sondern an seine Selbstoffenbarung in
Schöpfung und Geschichte hinein, die als menschliche Erfahrung und durch Menschen
nach Menschen Art" (Vatikanum II) in den Heiligen Schriften Niederschlag gefunden
hat. Im Zentrum unseres Glaubens steht daher auch nicht die Bibel, sondern der, von dem
die Bibel spricht.
Der menschliche Grundakt des glaubens - glauben als Tätigkeitswort" (im
Deutschen klein geschrieben) - besteht folglich nicht allein in der Ein-Sicht in
Glaubenswahrheiten, sondern darüber hinaus und zuallererst in der Hinkehr zur Person
Gottes, d. h. in einem Akt der persönlich-existentiellen Ich-Du-Beziehung. Thomas von
Aquin, der auch Ediths Lehrer geworden ist, hat deshalb das Gebet den religiösen
Akt im eigentlichen Sinne" genannt (oratio est proprie religionis
actus").
Wenn dem aber so ist, dann entspricht erst die von Edith Stein beschriebene Einfühlung
dem Gott-gemäßen Verhalten des Menschen.
Auch die noch ungläubige", aber dem Phänomen Glauben"
gegenüber aufgeschlossene Philosophin hat, wie oben gezeigt, die Möglichkeit der
Einfühlung in Gott als einer rein geistigen Person" grundsätzlich bejaht.
Offen blieb für sie die Frage, ob hier echte Erfahrung vorliegt" (s.o.), ob
also - hier zunächst unter philosophischem Aspekt betrachtet - die menschlich
eingefühlte Erfahrung Gott" durch objektive Wirklichkeit gedeckt ist. Aber
diese Frage wird, wenn in wahrheitsliebender Redlichkeit an Gott geglaubt wird, immer
offen bleiben müssen.
2. Einfühlung ist ein Wesensaspekt des
inneren Betens".
Schon die Theologen der Väterzeit haben das Beten, den religiösen Akt im
eigentlichen Sinne" (s. o.), als eine Erhebung ..." oder Hinwendung
des Geistes zu Gott" beschrieben, als elevatio mentis in Deum" und
intentio mentis ad Deum". Die hierbei verwendete Vokabel mens" steht
im Sprachempfinden der Lateiner für Denkkraft, Verstand, vernunftbegabter Geist,
Bewußtsein ..., aber auch für Herz, Seele, Gemüt, Wille und Leidenschaft - also für
das Gesamt der inneren" Geistes- und Seelenvermögen des Menschen. Der daraus
hergeleitete scholastische Begriff oratio mentalis", der im germanischen
Sprachraum seit dem 14. Jahrhundert mit dem Terminus inneres Beten" (englisch:
inner prayer") wiedergegeben wird und vor allem durch Teresa von Avila als
oración mental" in die Sprache der christlichen Mystik Eingang gefunden hat,
meint nicht, wie vielfach - auch im Katechismus der Katholischen Kirche" -
mißverstanden, eine spezielle Gebetsform neben anderen, sondern den Kern des Betens
überhaupt. Inneres Beten" - Edith wird diesem Begriff im Kloster als einem
zentralen Stichwort der karmelitanischen Spiritualität begegnen - meint ein Beten
von innen her", ein bewußtes" Beten, ganz gleich, ob es der Form
nach mit oder ohne Worte, laut oder still im Herzen, betrachtend oder bittend / dankend /
lobpreisend, als Liturgie oder in deiner Kammer" (Mt 6, 6) vollzogen wird. Es
ist ein Beten, durch das der Mensch der Gottesliebe Ausdruck verleiht, von der Jesus mit
einem Zitat aus dem Ersten Testament (Dtn 6, 5) sagt, daß sie - gleichrangig mit der
Nächstenliebe - das wichtigste aller Gebote sei und mit ganzem Herzen, mit all
deinen Gedanken und mit all deiner Kraft" (Mk 12, 30 par.) vollzogen werden
solle.
Edith hat die Einfühlung als einen Grundakt" in der Beziehung zu anderen
Personen beschrieben und als einen Akt der Liebe" bezeichnet. Einfühlung wird
also wesensmäßig auch zum Akt der Gottesliebe gehören müssen, und damit zum
inneren Beten", durch das sich die Liebe zu Gott verwirklicht. Einfühlend erst
geht es mir wirklich um den anderen, in diesem Fall um Gott, um seinen
Wert", um seine Person. Unsere Frömmigkeit ist sonst in der Gefahr,
utilitaristisch" zu werden, derart, wie sie schon Meister Eckhart (1260-1328)
in sehr klaren Worten gebrandmarkt hat: Manche Menschen wollen Gott mit den Augen
ansehen, mit denen sie eine Kuh ansehen, und wollen Gott so lieben, wie sie eine Kuh
lieben. Die liebst du wegen der Milch und wegen des Käses und überhaupt wegen deines
eigenen Nutzens. So halten´s alle jene Leute, die Gott um äußeren Reichtums oder
inneren Trostes willen lieben. Die aber lieben Gott nicht recht, sondern sie lieben ihren
Eigennutz." An Aktualität haben diese Zeilen nichts verloren - beschämend nicht
zuerst für die Gläubigen in unseren Gemeinden, sondern vor allem für uns, die
Hirten", soweit wir zu nichts anderem anzuleiten wissen als wie man mit den
Mitteln der Religion zu Milch und Käse" kommt!
Die Gottesliebe verwirklicht sich im inneren Beten", das innere
Beten" aber ist wesentlich Einfühlung.
Konkret wird sich Einfühlung in Gott in der Form des betrachtenden Betens
verwirklichen, das eher ein Hören" als ein Reden ist, ein
Verkosten" und Schmecken" des Wortes Gottes", wie die
spanischen Mystiker sagen; vor allem aber im schweigenden bzw. kontemplativen
Beten, in einem - so Johannes vom Kreuz - liebevollen Aufmerken" in die
verborgene Gegenwart Gottes hinein, durch das sich der Betende offen hält für das
Einströmen Gottes in die Seele", für jene Wissenschaft", in der
Gott (selber) die Seele geheimnisvoll unterweist und belehrt in der Vollkommenheit
der Liebe", und die die Kontemplativen ... eingegossene Kontemplation oder auch
mystische Theologie (nennen)".
3. In Jesus von Nazaret ist Gott einfühlbar -
authentisch einfühlbar - geworden.
Es ist allgemeine christliche Überzeugung von den frühkirchlichen Gemeinden an, daß
Gott in Jesus von Nazaret Mensch geworden ist. Die Konzilien von Nizäa (325) und
Konstantinopel (381) nannten Jesus Gott von Gott", wahrer Gott vom wahren
Gott" und eines Wesens mit dem Vater". Wie auch immer wir uns diese
Glaubenswahrheit im heutigen Denkhorizont verständlich zu machen versuchen - sie bleibt
doch das grundlegende Christliche" in unserem Credo.
Das aber bedeutet, auf unser Thema angewandt: Gott hat sich uns als eine menschliche
Person einfühlbar gemacht. Ist Gott in Jesus, wie das Konzil von Chalcedon (451)
formuliert, in allem uns gleich geworden, außer der Sünde", dann ist er, in
Ediths Worten ausgedrückt, der Typos Mensch" geworden, mit der
gleichen psychophysischen und geistig-personalen Verfaßtheit wie wir. Was Edith über die
Einfühlung in den Mitmenschen erarbeitet hat, gilt dann ausnahmslos auch in Bezug auf den
Mensch-gewordenen Jesus Christus.
Mit ihrer Frage, ob im Einfühlungsakt in Gott hinein echte Erfahrung"
aufgenommen wird, hat Edith sicherlich nicht nur (wenn überhaupt) den grundsätzlichen
philosophischen Zweifel an der objektiven Erkennbarkeit Gottes (s.o.) vor Augen gehabt,
sondern wohl vor allem das anthropologisch-psychologische Problem, daß wir Menschen,
eingesperrt in das Gefängnis unserer Eigenart", uns andere Personen - in
diesem Fall Gott - (um)modeln nach unserem Bilde" (s.o.) und so zu
Trugbildern solcher Erfahrung" gelangen. Wie aktuell Ediths Frage unter diesem
Gesichtspunkt immer war und bis heute ist, muß nicht eigens betont und belegt werden; der
Hinweis auf die gegenwärtig umfangreiche Literatur aus pastoral-psychologischer Sicht,
mit Titeln wie Dunkle Gottesbilder" oder Dämonische Gottesbilder",
darf hier genügen. Um gerade dieser Gefahr des Ummodelns nach unserem Bilde"
und der Projektion allzu menschlicher" Vorstellungen in Gott hinein zu
entgehen, hat unter vielen anderen die Kirchenlehrerin der Mystik, Teresa von Avila, so
vehement auf der unumgänglichen Notwendigkeit der Betrachtung des Menschseins
Jesu" im geistlichen Leben bestanden.
Im Menschen Jesus von Nazaret ist Gott einfühlbar geworden - authentisch in seinem
Wert" und mit seinen Werten".
4. Erst im Zusammenspiel von historisch-kritischer Exegese und einfühlender
Jesus-Bezie-hung begegnet mir die Welt der Werte" Jesu und der Wert"
Jesus.
Seit Erscheinen der Enzyklika Providentissimus Deus" im Jahre 1893 bekennt
sich die Katholische Kirche zur historisch-kritischen Exegese, d. h. zu einer
Bibelauslegung, die wissenschaftlich-kritisch nach dem ursprünglichen - sprich:
historischen" - Sinn der biblischen Texte fragt. Der Schrifterklärer
(muß), um zu erfassen, was Gott uns mitteilen wollte, sorgfältig erforschen, was die
heiligen Schriftsteller wirklich zu sagen beabsichtigten und was Gott mit ihren Worten
kundtun wollte", heißt es später in den Dokumenten des Zweiten Vatikanischen
Konzils. Mit einem Schreiben der Päpstlichen Bibelkommission zur Interpretation der
Bibel in der Kirche" von 1993 hat Papst Johannes Paul II. die Notwendigkeit dieser
Vorgehensweise noch einmal in Erinnerung gebracht und jede grundsätzliche Ablehnung der
historisch-kritischen Methode als Ablehnung der Geheimnisse der Inspiration der
Heiligen Schrift und der Menschwerdung" zurückgewiesen; die Kirche nehme, so der
Papst, den Realismus der Menschwerdung ernst, und daher mißt sie dem
historisch-kritischen Studium der Bibel große Bedeutung zu".
Die biblischen Texte haben ein Recht darauf, so gelesen und verstanden zu werden, wie
sie in ihrer ursprünglichen Aussageabsicht" gemeint sind. Gerade auch
bezüglich der Schriften des Neuen Testaments ist uns in den vergangenen Jahrzehnten auf
diese Weise ein reicher Schatz an Erkenntnis geschenkt worden, der uns hilft, das Leben
und die Botschaft Jesu tiefer und authentischer zu verstehen.
Anfragen an eine gewisse Vereinseitigung der historisch-kritischen Exegese in
Theologie und Verkündigung, wie sie ausdrücklich auch in dem genannten Dokument der
Päpstlichen Bibelkommission vorgebracht werden, sind jedoch durchaus berechtigt. Meines
Erachtens besteht diese Vereinseitigung vor allem darin, daß man bei der (grundsätzlich
richtigen!) Frage: Was hat Jesus wirklich gesagt, was hat er wirklich getan? stehen
bleibt. Hinzukommen muß die Frage: Wer bist du, Jesus? Sie zu stellen aber -
betend, gerichtet an den Christus heute, der der Jesus von damals ist -, ist ein Akt der
Einfühlung; sie heißt dann konkret: Wer bist du, Jesus, wenn du so und so gesprochen
hast, das und das getan hast? Einfühlend horche" ich hinter seine Worte und
hinter seine Taten, in die Person des Redenden und Handelnden selbst hinein ...
Einfühlend erst werde ich ihm wirklich gerecht.
Beide Erkenntnisweisen, die historisch-kritische und die einfühlende, gehören
zusammen und ergänzen einander. Das Bemühen um die Erkenntnis der ursprünglichen
Aussageabsicht eines Textes allein bleibt rein sach"-orientiert; Einfühlung
allein kann leicht dahin führen, daß ich mich aufgrund der zu flach oder gar falsch
verstandenen Texte in eine Schein-Persönlichkeit einfühle, die der Wirklichkeit weder
des historischen" noch des kerygmatischen" Jesus Christus
entspricht. Erst im Zusammenspiel von historisch-kritischer Exegese und einfühlender
Jesus-Beziehung begegnet mir die Welt der Werte" Jesu und der Wert"
Jesus selbst.
Die Frage, inwieweit die Evangelien aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte denn
überhaupt noch einen authentischen Zugang zur ursprünglichen Botschaft Jesu und zu
seiner historischen Persönlichkeit möglich machen, wird inzwischen in der
Bibelwissenschaft mit zunehmendem Konsens positiv beantwortet; freilich ist und bleibt sie
weiterhin das Thema eben dieser historisch-kritischen Methode in der Theologie der Kirche
- ein notwendiges Thema, gerade um der Echtheit" der Einfühlung
willen.
5. Nicht durch Ein-Sicht, sondern durch Ein-Fühlung in Jesus konstituiert sich
im Glaubenden der neue Mensch".
Was Edith schließlich über die Rückwirkung sagt, die das Einfühlen in eine andere
Person auf den Einfühlenden selbst zur Folge hat, ist bezüglich der Einfühlung in Jesus
Christus immer schon erkannt und bestätigt worden. Nicht nur für Johannes vom Kreuz ist
es ein principio fundamental indiscutible", daß einfühlende Liebe
Ähnlichkeit zwischen dem Liebenden und dem Geliebten" schafft; die ganze
geistliche Tradition des Christentums weiß darum. Bereits die Vergöttlichungslehre der
Vätertheologie, nach der Gott Mensch wurde, damit der Mensch Gott werde"
(Augustinus) ist von dieser Erfahrung her geprägt. Angelus Silesius hat sie in den Vers
zusammengefaßt: Mensch, was du liebst, in das wirst du verwandelt werden: Gott
wirst du, liebst du Gott - und Erde, liebst du Erden" (Cherubinischer
Wandersmann).
Nicht durch Ein-Sicht in die Glaubenswahrheiten der Kirche allein, sondern darüber
hinaus durch Ein-Fühlung in den in Jesus Mensch gewordenen Gott konstituiert sich der
neue Mensch" ...
Einfühlung" - ein Thema, das, so scheint mir, für den
Weg des Christentums ins dritte Jahrtausend von fundamentaler Bedeutung sein wird! Unsere
Gottesliebe und unsere Nächstenliebe werden die Gestalt haben, die wir ihnen durch
Einfühlung geben oder nicht geben. Die zur Zeit der Niederschrift der Doktorarbeit noch
ganz unfrommen" Gedanken Edith Steins könnten helfen, das Bild der Kirche und
das Angesicht der Erde" zu erneuern.
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