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SYMPOSIUM INTERNATIONALE
EDITH STEIN
Rom - Teresianum
1998

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by
Felix M. Schandl
Wien

„Ich sah aus meinem Volk die Kirche wachsen"
Ekklesiologische Anregungen der hl. Edith Stein.

Einführung Hermeneutische Schlüssel: Edith Stein verstehen ...
Phänomenologische Annäherung an „Kirche". Kirche als Raum geistlicher Verbindung mit Christus und Körperschaft des fortlebenden Christus
Prophetisches Wirken in der Kirche und als Kirche in der Welt Edith Stein und das 3. Jahrtausend der Kirche


1. Einführung.

Was Edith Stein für die Kirche heute bedeutet, haben schon viele Autoren zum Ausdruck gebracht . Ausgiebig im Vorfeld und anläßlich ihrer Seligsprechung in Köln 1987, zurückhaltender in ihrem 100. Geburts- und 50. Todesjahr 1991/92, und nunmehr - durch die Terminunklarheiten etwas irritiert - zu ihrer Heiligsprechung. Dabei mag man im Einzelnen geteilter Meinung sein, wie weit und wie federführend die jeweils postulierte „Bedeutung" Edith Steins von ihrer authentischen Gestalt - geistig wie biographisch -, oder aber von den Deutungen der Autoren gespeist und geprägt ist (ein Maßstab, der auch folgenden Ausführungen anzulegen ist!). Insgesamt spüre ich den deutlichen Trend zu ernsthafterer Befassung mit Edith Stein (was bei ihr gerade nicht heißen muß: „streng wissenschaftlich"!). Das betrifft den philosophischen Gehalt und Standort ihres Werkes ebenso wie ihr Thema „Frau", ihre Biographie ebenso wie die Erschließung ihrer Spiritualität. In jedem Fall ist dabei der enge und für Edith Stein so charakteristische Zusammenhang ihres Lebens und Werkes zu beachten, um keiner leichtfertigen oder gar Fehlinterpretation zu erliegen. Ich betone dies gleich vorweg, weil ich in mancher Bearbeitung des Bereichs „Spiritualität Edith Steins" und speziell ihrer „Kirchlichkeit" solche überwunden geglaubten Tendenzen teilweise neu aufleben sehe. Vor solcher Sündenstrafe ideologischer Einseitigkeit möge und kann uns bewahren, was Edith Stein selbst an der Kirche auffällt und wichtig ist bzw. wird. 

Selbstverständlich trennen uns von ihrer Sicht nicht bloß ein paar Jahrzehnte und Mentalitätsunterschiede, sondern vor allem die nachhaltigste Zäsur für christliche Theologie und kirchliches Leben und Selbstverständnis: nämlich „Auschwitz"! Nicht bloß als Landsmann des großen und unbequemen Theologen Johann Baptist Metz bin ich dankbar für die Frage, mit der Generalprior P. Camilo Maccise dieses Symposion eröffnet: „Wie von Gott sprechen nach Auschwitz?" Ich möchte sie zuspitzen: Wie von der Kirche sprechen - nach „Auschwitz"? Mit dieser Frage gehe ich nun heran an Edith Stein als eines der Millionen Opfer der „Schoah" und ihre authentische - und „vor Auschwitz" geprägte - Sicht der Kirche - ihrer Kirche! Daß sie dabei fast ausschließlich die katholische Kirche im Blick hat, sei hiermit erinnert und kein Anlaß zu ökumenischem Hindernis! 

Mit dem weiteren Hinweis auf die Prägung meiner Fragestellungen durch meine konkrete derzeitige Tätigkeit in Wien - karmelitanisch orientierte Gemeindepastoral und -caritasarbeit mit Schwerpunkt für kriegsvertriebene und -beschädigte Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien in spürbarer Umbruchszeit - hoffe ich, Ihnen meine Ausgangsposition hinreichend klargelegt zu haben. 

2. Hermeneutische Schlüssel: Edith Stein verstehen ... 

Edith Stein in ihrer ganzen Tiefe und Absicht verstehen zu wollen, bedeutet, wie schon betont: die untrennbare Einheit ihres Lebens und Werkes zu beachten und diese Wechselbeziehung zu würdigen. So hielt sie selbst es bei ihrer „Kreuzeswissenschaft" als Interpretation des hl. Johannes vom Kreuz (vgl. I, 1.295), so empfindet sie sich auch selbst: „Meine Arbeiten sind immer nur Niederschläge dessen, was mich im Leben beschäftigt hat, weil ich nun mal so konstruiert bin, daß ich reflektieren muß" (XIV, 142). Andernfalls drohen alle möglichen, durchaus gut gemeinten, Absichtsverfehlungen und Einseitigkeiten, oder gar das „Ersinnen und Erschaffen von Zerrbildern" (V, 30) - nichts hält Edith Stein selbst für unangebrachter, menschenverachtender und sündhafter (vgl. VII, 2; IX, 10)! Selbst die Tatsache, daß sie in 3 Tagen von der Kirche kanonisiert wird, macht ihre Aussagen, etwa über die Kirche, nicht schlagartig zu abgelöst „dogmatischen"; ihre Aussagen, über die Kirche insbesondere, erfolgen im Zuge ihrer phänomenologisch geprägten Wahrnehmung eben des Phänomens „(katholische) Kirche", wie sie ihr, zumal in ihrer frühen, agnostischen Phase, begegnet (vgl. VII, 121). Im Übrigen beabsichtigt sie weder dogmatische Aussagen noch theologische Analysen, sondern begreift Kirche als organische Körperschaft des fortlebenden Christus und insofern geistlichen Raum und Ausgangspunkt aller Praxis des Glaubens sowie als Brennpunkt der mystischen Erfahrung Gottes und Beziehung zu Jesus Christus. Die verständliche Schwierigkeit, echte mystische Erfahrungen sprachlich auszudrücken bzw. darüber ganz sprachlos verstummen zu müssen, bleibt ihr nicht erspart (vgl. II, 58; XV, 74ff. 100ff.): brieflich klagt sie, wie „farblos" (VIII, 160) und „unzulänglich" (VIII, 161) ihre Worte bleiben. Wiederholt kann sie in ihren Werken „gar nicht zu dem durchstoßen..., was ich sagen und fassen wollte" (IX, 173), und befürchtet gar, im Reden darüber „das Heiligste zu banalisieren" (VIII, 161, vgl. 89). Diese Zurückhaltung entspricht aber auch ihrer diskreten persönlichen Art („secretum meum mihi").  

Beachtenswert für ihre Interpretation ist ein weiterer Ansatz der geistigen Arbeitsweise Edith Steins wie auch ihrer persönlichen Begegnung mit Menschen: Im Sinne ihrer phänomenologischen Erkenntnisgewinnung will sie sich geradezu „selbst auslöschen und die Dinge sehen, wie sie gewesen sind, ... in völlig selbstloser Hingabe die Sachen selbst ... erfassen" (XIII, 22f.). Das zeichnet ihre Fähigkeit als Übersetzerin wie auch als Verfasserin von „Denkschriften" (VII; XI, 1-25. 165-171; WK) aus. Mit der Unbefangenheit der Neo-Katholikin übernimmt sie weithin die gängige zeitgenössische katholische Frömmigkeitssprache zur Beschreibung und Deutung ihrer eigenen Glaubenserfahrungen. Oft hält sie sich eng an Vorlagen wie z.B. das dogmatische „Enchiridion" Denzinger - Bannwart von 1928 beim Erstellen ihrer „Theologischen Anthropologie" 1932/33 (= XVII). Geradezu werkstattmäßig hölzern wirken manche Passagen ihres Werkes, die sie, etwa für eine Drucklegung, nicht mehr eingehend und ausgereift bearbeiten konnte: Paradebeispiel dafür ist ausgerechnet der Abschnitt über die Sakramente und die Kirche (XVII, 116ff.)! Charakteristischerweise steht sie zeitweise im Austausch mit dem Freiburger Dogmatiker E. Krebs, dem die Beziehungen von „Dogma und Leben" (so sein Hauptwerk) ein verwandtes Anliegen sind (vgl. VIII, 62; XVII, 146. 151). 

„Wissen ist die Rache dessen, der nichts versteht!" Mit diesem Bonmot der bedeutendsten deutschsprachigen Theologenpersönlichkeit dieses Jahrhunderts, Karl Rahner, lade ich nun ein: nicht zum möglichst umfassenden Bescheidwissen über Edith Stein, sondern zum Verstehen ihrer ekklesiologischen Anregungen. Diese sind in 3 Tagen zwar nicht unfehlbar, aber zumindest nicht mehr häresieverdächtig. Was es bedeutet, daß Edith Stein an dem Tag heiliggesprochen wird, an welchem vor 36 Jahren (11.10.1962) Papst Johannes XXIII. Im Petersdom feierlich das II. Vatikanische Konzil eröffnete, überlasse ich - wie so manche Datums-„Zufälle" im Leben Edith Steins - Ihrer Einschätzung! 

3. Phänomenologische Annäherung an „Kirche". 

3.1. Gott wirkt über die Grenzen der sichtbaren Kirche hinaus. 

Edith Steins Weg von den ersten Berührungen bis zur bewußten Mitgliedschaft in der Kirche besitzt eine Außen- und eine Innenseite. Unter Innenseite verstehe ich ihre persönliche und geistliche Entwicklung samt den bewußten Konsequenzen, die sie aus ihren Gotteserfahrungen zieht: häufig in krisenhaftem Befinden (vgl. VII, 207. 246f.) und überaus diskret im Reden darüber . Die Außenseite meint dann ihre - phänomenologisch reflektierten - Berührungen mit „Kirche", v.a. in gelebter und spürbarer Glaubenspraxis. Diese verdichten sich fortschreitend und in qualitativen Sprüngen: von rein „informativen" Wahrnehmungen zu „performativen" Begegnungen bis hin zu bewußten und konsequenten „eigen-initiativen" Schritten. Die jüdische Prägung ihrer Jugend spielt in dieser Phase keine bedeutende Rolle, zumal sie sich religiöse Praxis etwa in Gestalt persönlichen Betens als Fünfzehnjährige „ganz bewußt und aus freien Stücken abgewöhnt" (VII, 121) hatte, wie sie rückblickend formulieren wird. Selbstverständlich tragen ihre Enttäuschungen auf politischem, beruflichem und persönlichem Gebiet zur Intensivierung ihrer religiös geprägten Suche bei. Die überzeugte „preußische Staatsangehörige und Jüdin" (PE, 133; vgl. VII, 161. 309; VIII, 43; IX, 188) widmet sich zu Beginn des 1. Weltkrieges ohne „eigenes Leben" und mit ganzer Kraft „dem großen Geschehen" (VII, 265) in Gestalt ihres Lazarettdienstes 1915 in Mährisch-Weißkirchen (VII, 285-329), muß aber schmerzlich erkennen, daß auch die ersehnte neue Zeit der „Weimarer Republik" ihre Habilitationsmöglichkeit als Frau und manche andere Erwartung nicht erfüllt (vgl. VIII, 18.35; XIV, 110ff sowie B). Auch lassen sich zwei engere persönliche Beziehungen nicht so realisieren, wie sie es für möglich und wünschenswert hält. Die Intensivierung der religiösen Frage zum Lebensthema erfolgt freilich nicht als Fluchtbewegung, sondern in umfassender persönlicher Auseinandersetzung und Austausch mit wenigen engsten Freundinnen und Freunden. An die wichtigste ihrer zunächst informativen Wahrnehmungen christlicher und speziell katholischer Glaubenspraxis erinnert Edith Stein sich Jahre später noch ganz genau: „Wir traten für einige Minuten in den Dom, und während wir in ehrfürchtigem Schweigen dort verweilten, kam eine Frau mit ihrem Marktkorb herein und kniete zu kurzem Gebet in einer Bank nieder. Das war für mich etwas ganz Neues. In die Synagogen und in die protestantischen Kirchen, die ich besucht hatte, ging man nur zum Gottesdienst. Hier aber kam jemand mitten aus den Werktagsgeschäften in die menschenleere Kirche wie zu einem vertrauten Gespräch. Das habe ich nie vergessen können" (VII, 362). Hier in der Frankfurter Bartholomäuskirche - Ort mittelalterlicher Kaiserkrönungen und deshalb „Dom" genannt - erlebt sie das praktische Gegenteil ihrer „Abgewöhnung", wie sie es später am dichtesten und folgenschwersten bei Teresa von Avila finden wird (vgl. WK, 20). 

Performative Wirkung auf Edith Stein und ihren Zugang zum christlichen Glauben üben dann unabsichtlich vornehmlich 2 Mitglieder ihres Phänomenologen-Umfeldes in Göttingen (1913-1917) aus. Max Scheler in seiner „katholischen" Periode fasziniert auch sie, wie sie sich später lebhaft erinnert: „ (Es war) die Zeit, in der er ganz erfüllt war von katholischen Ideen und mit allem Glanz seines Geistes und seiner Sprachgewalt für sie zu werben verstand. Das war meine erste Berührung mit dieser bis dahin völlig unbekannten Welt. Sie führte mich noch nicht zum Glauben. Aber sie erschloß mir einen Bereich von `Phänomenen´, an denen ich nun nicht mehr blind vorbeigehen konnte. ... Die Schranken der rationalistischen Vorurteile, in denen ich aufgewachsen war, ohne es zu wissen, fielen, und die Welt des Glaubens stand plötzlich vor mir. Menschen, mit denen ich täglich umging, zu denen ich mit Bewunderung aufblickte, lebten darin. Sie mußten zumindest eines ernsten Nachdenkens wert sein. Vorläufig ging ich noch nicht an eine systematische Beschäftigung mit den Glaubensfragen; dazu war ich noch viel zu sehr von anderen Dingen ausgefüllt. Ich begnügte mich damit, Anregungen aus meiner Umgebung widerstandslos in mich aufzunehmen, und wurde - fast ohne es zu merken - dadurch allmählich umgebildet" (VII, 229f.). 

Tiefer bis in geradezu mystagogische Dimensionen führen sie Persönlichkeit und Umgangsformen Adolf Reinachs. Nach ausführlicher Schilderung der Umstände und Atmosphäre ihrer ersten Begegnung hält sie fest: „Ich war nach dieser ersten Begegnung sehr glücklich und von tiefer Dankbarkeit erfüllt. Es war mir, als sei mir noch nie ein Mensch mit einer so reinen Herzensgüte entgegengekommen. Daß die nächsten Freunde und Angehörigen einem Liebe erweisen, schien mir selbstverständlich. Aber hier lag etwas ganz anderes vor. Es war wie der erste Blick in eine ganz neue Welt" (VII, 218). Diese ganz andere Welt jener überraschenden und unbürgerlichen „Liebe zum Fremden" (XII, 201) wird Edith Stein später d a s Charakteristikum des Christlichen nennen. Weitere Wirkungen entfalten Reinachs religionsphilosophische Notizen, in die sie sich während seines Kriegsdienstes und verstärkt nach seinem Tod 1917 vertieft (vgl. VIII, 14. 33ff.; XIV, 67; B, 74f.). Doch mit Abstand am weitreichendsten beschäftigt und beeindruckt sie die getröstete Trauer der Witwe des gefallenen Reinach: erstmals erlebt sie angesichts der Extremsituation eines tragischen, frühen Todes einen als tragfähig verspürten, christlichen Glauben, wie er ihr aus ihrer eigenen jüdischen Biographie subjektiv (und sicher einseitig) 

unbekannt ist, sie aber in ihrer eigenen Krisis folgenreich anspricht (vgl. VII, 55ff. 154; XI, 175; XIV, 175). 

Aus diesen frühen Erfahrungen resultiert eine bedeutende Erkenntnis Edith Steins über das Wesen der Kirche in Bezug auf das Wirken Gottes. Sie betont: „ Es hat mir immer sehr fern gelegen zu denken, daß Gottes Barmherzigkeit sich an die Grenzen der sichtbaren Kirche binde. Gott ist die Wahrheit. Wer die Wahrheit sucht, der sucht Gott, ob es ihm klar ist oder nicht" (IX, 102; vgl. I, 145. 147f.; VI, 159. 185; XV, 84ff.; CF, 205). Es ist bezeichnend für die geistliche Gestalt und Selbsterfahrung Edith Steins, daß so wie ihr selbst grundsätzlich jedem Menschen Erfahrungen des göttlichen Wirkens an und in der eigenen Person auch v o r einer Taufe und formalen Kirchenzugehörigkeit möglich sind, wie diese umgekehrt nicht automatisch diese Erfahrungen erzeugen oder herbeiführen. Einem Menschen kann - wie ihr - noch unabhängig davon Glauben geschenkt werden, aber er kann ihn niemals - auch nicht in heroischer Anstrengung - erzwingen, bei sich selbst nicht noch bei anderen (vgl. PE, 131f.; B, 42ff.; I, 159. 164; XI, 145f.; XVII, 113, Anm. 2). Nicht oder noch nicht glaubende Menschen können - unbewußt - „Werkzeug" (I, 160; VIII, 55. 60. 77. 87. 129; IX, 42; XI, 144. 148) des göttlichen Wirkens sein, sie können sogar „den unbekannten und angezweifelten Gott bitten" (IX, 186) um die Gabe des Glaubens. Auf dem Weg dahin kommt es ebenso darauf an, die göttliche „Gnade" „frei" zu ergreifen, ihr eine „Stätte" im eigenen Leben, in der eigenen „Seele" anbieten zu können (vgl. VI, 151), wie zugleich „auf Gottes unergründliche Barmherzigkeit (zu) vertrauen" (VIII, 60; vgl. I, 165; VI, 158; IX, 146). Worum es in allem weiteren geistlichen Leben geht, drückt Edith Stein im Vorwort ihres Hauptwerkes schlicht und doch vielsagend aus: „(Ich) hatte den Weg zu Christus und seiner Kirche gefunden und war damit beschäftigt, die praktischen Folgerungen daraus zu ziehen" (II, S.VIII). An anderer Stelle brieflich: „Es ist im Grunde immer eine kleine, einfache Wahrheit, die ich zu sagen habe: w i e m a n e s a n f a n g e n k a n n , a n d e r H a n d d e s H e r r n z u l e b e n" (VIII, 87; vgl. XI, 130f.; XII, 206), oder deutlicher: im „engsten persönlichen Anschluß an Christus" (V, 35). Mit diesen Erkenntnissen ist sie ihrer zeitgenössischen Kirche und Theologie in mehrfacher Hinsicht voraus und kann sie auch in der Gegenwart vor falscher Enge wie falschem Aktionismus bewahren. 

3.2. Kirche als wandelbares und pilgerndes „Reich Gottes" in dieser Welt. 

Edith Steins pädagogischer Einstellung entspricht eine weitere Erkenntnis über das Wesen der Kirche: wohl ist sie für sie „das Reich Gottes in dieser Welt"; genau deshalb aber muß sie „den Wandlungen alles Irdischen Rechnung tragen". Sie kann ihr zeitgenössisches, gesellschaftliches Umfeld nur prägen, „indem sie jedes Zeitalter nimmt, wie es ist, und es seiner Eigenart gemäß behandelt" (V, 116). Edith Stein konstatiert bereits ein notwendiges „Aggiornamento": „Die Unerschütterlichkeit der Kirche beruht ja gerade darauf, daß sie mit der unbedingten Wahrung des Ewigen eine unvergleichliche Elastizität in der Anpassung an die jeweiligen Zeitverhältnisse und -forderungen verbindet" (V, 107). Zuallererst die Kirche soll sich auszeichnen „mit heiliger Scheu vor den Menschenseelen" (V, 78), im Wissen darum, daß „Menschenseelen Gottes Reich" (VI, 39ff.) sind. Nicht zuletzt deshalb findet Edith Stein persönlich, früh und durchgängig zur „Pilgerschaft" (IX, 28; vgl. XI, 146f.; XII, 203. 212ff.) als wesentlichem Grundzug, ja anthropologischer Eigenschaft des persönlichen Christ- wie gemeinsamen Kircheseins, wie ihn das II. Vatikanische Konzil in seiner Charakteristik der Kirche als „pilgerndes" Gottesvolk (LG 48) herausstellt. Bei Edith Stein liegt der Akzent zunehmend auf der alltäglichen und situationsbedingten „Kreuzesnachfolge" (s.u.) der „Gefolgsleute Christi" (XI, 121; vgl. XVII, 86). 

4. Kirche als Raum geistlicher Verbindung mit Christus und Körperschaft des fortlebenden Christus. 

4.1. Eucharistie und Feier der Sakramente und des Kirchenjahres.

„Sich an Christus halten, das kann man nicht, ohne ihm zugleich nachzufolgen" (VI, 197). „Wer Christus angehört, der muß das ganze Christusleben durchleben" (XII, 203). „Eucharistisch leben heißt ganz von selbst aus der Enge des eigenen Lebens herausgehen und in die Weite des Christuslebens hineinwachsen" (XII, 206) - incl. Weltverantwortung (vgl. VIII, 54f. 119f.; V, 88-91; XI, 18). Hinter diesen zentralen „Merksätzen" Edith Steins stehen die Erfahrungen und Grundhaltungen ihrer „kirchlichen" Lebenshälfte: Glauben kann niemals „bloße Theorie" (I, 3) bleiben, sondern verbindet sich notwendig mit konkreter „Orthopraxie", um ein aktuelles Stichwort anzuwenden. Im Folgenden beschränke ich mich auf Grundlinien ihrer entsprechenden Ausführungen, wie sie inzwischen weitgehend veröffentlicht vorliegen. 

Sie betont praktisch wie theoretisch unermüdlich die (möglichst tägliche) Mitfeier der Eucharistie über bloßes „Beiwohnen" (vgl. V, 14. 89; XII, 123ff. 206. 228f.; CF, 201) hinaus als Höchstform geistiger wie praktischer, individueller wie kirchlich-gemeinschaftlicher Verbindung mit Jesus Christus: „Das wichtigste wird sein, daß die heilige Eucharistie in den Mittelpunkt des Lebens tritt" (CF, 204). Die - in zeitgenössischer Theologensprache formulierte - Teilhabe am „Meßopfer" und eben alles „die eucharistischen Wahrheiten praktisch wirksam werden lassen" (XII, 123) will ja nichts anderes als die mystagogische und mystische Vereinigung des Menschen mit Jesus Christus und seiner lebendigen Botschaft verwirklichen im je eigenen Leben, Denken, Fühlen und Handeln. Bloße Bildungsarbeit von außen erreicht den Menschen in seiner Tiefe und Wirkung nicht, es bedarf der „Formung des Menschen durch Christus selbst" (XII, 230) in lebendiger Beziehung. 

Auf gleicher Linie liegt ihre häufige Betonung der Mitfeier des Kirchenjahres und der übrigen Sakramente sowie des persönlichen und gemeinschaftlichen Betens. Dieser Absicht entspringen mehrere Ansprachen und Gelegenheitsschriften: am prägnantesten in ihrer Schrift „Das Weihnachtsgeheimnis" von 1931 (XII, 196-207), das Edith Steins Spiritualität in nuce entwirft, neben vielen anderen Stellen (vgl. I, 16f. 65; V, 88-91; VI, 185; XI, 10-25; XII, 105-108. 123-125. 228f.; XVII, 151ff.). 

4.2. Kirche als „Organismus" mit Christus als Haupt.

Kirche ist für Edith Stein „nicht nur die Gemeinschaft der Gläubigen ..., sondern eben der mystische Leib Christi, d. h. ein Organismus" (V, 189; vgl. XII, 220). Dabei geht sie, wie schon gesagt, durchaus von der Existenz einer „unsichtbaren Kirche" (XI, 145) aus und universalisiert wiederholt den mystischen Leib „in einem weiteren Sinn" auf die ganze „Menschheit", ja sogar auf die „ganze Schöpfung" in ihrer Einheit unter dem „Haupt" Jesus Christus (II, 474. 481f.; V, 26; VI, 163f.; IX, 44; XII, 200. 204; XVII, 102). Dies ist ihr Bedingung der Möglichkeit menschlicher Solidarität und „Stellvertretung" nach „innen" wie nach „außen". Nach innen kann Kirche niemals sich selbst genügen als gutbürgerlicher Verein von „guten Katholiken" (XII, 206; IX, 58), sondern besteht als lebendiges Gefüge, wo „einer für den anderen einsteht" (XII, 204): „... dadurch, daß der einzelne vor Gott steht, vermöge des Gegeneinander und Zueinander von göttlicher und menschlicher Freiheit, ist ihm die Kraft gegeben, für alle dazustehen, und dieses E i n e r f ü r a l l e u n d a l l e f ü r e i n e n macht die Kirche aus" (VI, 163). Solche „Stellvertretung" (VI, 163f.) ist für sie geradezu „Beruf einer Karmelitin" (IX, 9. 19, vgl. 121). Nach außen hin bedeutet es solidarisches, ja „freudiges", aber erklärtermaßen keineswegs masochistisches Leiden mit Christus als Mit-Leiden mit leidenden und verfolgten Menschen (VIII, 125; XI, 123; XII, 203f.). 

4.3. Rollen im kirchlichen Gefüge: „sponsa Christi" und priesterliche Repräsentation Christi.

Zumal für sich persönlich entdeckt Edith Stein in der „sponsa Christi" (V, 12. 43. 151ff. 179. 191f.; IX, 48; XI, 129; CF, 199. 202) die höchste kirchliche Berufung der Frau. Diese steht für sie in einer anderen Kategorie als der christologisch und historisch männlich bestimmte priesterliche Dienst der amtlichen und sakramentalen Repräsentation Christi in der katholischen Kirche. Sie geht aus von der heilsgeschichtlichen Rolle Mariens und will weibliche Eigenart und weiblichen „Eigenwert" ernst nehmen und ihr entsprechen. Im Horizont weiblichen Ordensberufes und (bei ihr eigentlich nur „weiblich" ausgeprägter) „Jungfräulichkeit" im Sinne innerer Unabhängigkeit ohne Berührungsängste und starker, „unüberwindlicher Liebe zu den Sündern" (V, 40. 59. 150ff.; XI, 136ff. 140f. 149; CF, 202f.) entfaltet sie dieses Thema bis hin zu dem, was es angesichts der ausbrechenden Judenverfolgung „heißt, dem Herrn im Zeichen des Kreuzes vermählt zu sein" (IX, 124) - für sie persönlich, und bedauerlicherweise nicht allgemein einsichtig in Kirche und Orden (vgl. XIV, 238. 240). 

Edith Steins sachliche und differenzierte Ausführungen zur Frage des Diakonats und des Priestertums der Frau (V, 42f. 105ff.) bestätigen ihre Einschätzung der weiblichen Rollen im kirchlichen Organismus. Sie eignen sich allerdings nicht zur Bestätigung des lehramtlichen oder gar eines dogmatisch begründeten Diskussionsverbotes in dieser wichtigen Glaubwürdigkeitsfrage innerhalb und an die r. k. Kirche. Untermauert sie selbst doch den spezifischen Berufungscharakter der Frau zur „sponsa Christi" n i c h t mit Traditions- oder kirchenrechtlichen Argumenten, sondern mit der „für mein Gefühl ... geheimnisvolle(n) Tatsache" (V, 43) der in diesem Organismus „verteilten Rollen" der Apostel als Christi männlichen „amtlichen Stellvertretern auf Erden" (V, 43) und der Frauen „unter seinen Jüngern und nächsten Vertrauten" (V, 42), einschließlich „seiner Mutter, der Königin der Apostel" (V, 42). Diese „geheimnisvolle Tatsache" ist unter den veränderten und gewachsenen Einsichten in anthropologische Bedingungen und frühkirchliche Amtsstrukturen neu und sicher nicht kurzschlüssig im Sinne emanzipatorischer „Öffnung" eines „Männerberufes" für Frauen zu verhandeln, sondern im Blick auf möglicherweise durch das Wirken des Hl. Geistes veränderte, erweiterte oder gar neukombinierte und neumodellierte Berufs- und Rollenbilder ebendieses kirchlichen Organismus´ zu ergründen. Edith Stein selbst hat schon klar erkannt: 1) die kirchenrechtliche Entwicklung zur heutigen Stellung der Frau bedeutet „eine Verschlechterung gegenüber den Frühzeiten der Kirche, in denen Frauen amtliche Funktionen als geweihte Diakonissinnen hatten" (V, 106). 2) Diese Negativentwicklung „zeigt die Möglichkeit einer Entwicklung im entgegengesetzten Sinn" (V, 106), für die es Anzeichen gebe; persönlich glaube sie aber aus genannten Gründen nicht „an eine Entwicklung bis zur Ermöglichung des Priestertums der Frau" (V, 106; vgl. CF, 203), da sie von der nicht zeitbedingten, exklusiven Direktübertragung des Priestertums durch Jesus Christus unmittelbar an die Apostel ausgeht (vgl. V, 108). Im Hintergrund steht weiters ihre Vorstellung von der „Rollenverteilung" im Ordensleben: weibliche „sponsa Christi" und männlicher „alter Christus" (Priester wie Laienbruder, vgl. CF, 198f. 202f.); hingegen spricht sie an anderer Stelle vom „alter Christus, in dem die Schranken gefallen und die positiven Werte der männlichen und weiblichen Natur vereint sind"(V, 88). 3) stellt Edith Stein fest: Rechtliche Satzungen sind auch innerhalb der Kirche „in der Regel nachfolgende juristische Festlegungen von Lebensformen, die sich praktisch bereits durchgesetzt haben" (V, 106). Für sie gelte nicht naiv Unabänderlichkeit, vielmehr „Entwicklung ... häufig in Form von Kämpfen ..., oft jahrzehnte- oder jahrhundertelangen Geisteskämpfen" (V, 116). Schlußendlich - und hier sehe ich einen der wichtigsten ekklesiologischen Impulse Edith Steins! - stellt sie sich nachdrücklich hinter Versuche und Gedankengänge, „die weibliche Natur in eine besondere Verbindung mit dem Hl. Geist zu bringen" (CF, 200). Ihre diesbezüglichen Ausführungen treffen - unwissentlich? - die femininen Konnotationen der hebräischen Bezeichnung „ruach" ebenso, wie sie an die jüngsten Interpretationen des spätmittelalterlichen Dreifaltigkeitsbildes im süddeutschen Urschallingerinnern, dem Theologie und Religionspädagogik in jüngster Zeit verstärkt Aufmerksamkeit schenken. 

4.4. Die jüdische Menschheit Jesu und die jüdischen Wurzeln der Kirche.

Ihre eigene jüdische Herkunft sensibilisiert die Christin Edith Stein auf ihrem Glaubensweg stark für den Juden Jesus Christus und den Ursprung der Kirche aus dem jüdischen Volk. In ihren bedeutenden Denkschriften erinnert sie - gegen den wachsenden Nationalsozialismus mit seinen sich steigernden Hetzkampagnen und Verfolgungsmaßnahmen, aber auch gegen manchen unreflektierten oder ausdrücklichen Antisemitismus in den eigenen kirchlichen Reihen - an diese Ursprünge. Das weihnachtliche Geheimnis der Geburt und Menschwerdung Jesu sieht sie untrennbar verbunden mit der „Kirche aus Juden und Heiden" (XI, 146). „Das Gebet der Kirche", ihr 1937 (!) als letztes noch zu Lebzeiten veröffentlichtes „Memorandum" (= XI, 10-25) hält unzweideutig - und riskant - fest, wie sehr „das Gebet des fortlebenden Christus" sein „Urbild im Gebet Christi während seines menschlichen Lebens" habe: „Aus den evangelischen Berichten wissen wir, daß ... (er) wie ein gläubiger und gesetzestreuer Jude betete" (XI, 10). Öffentlich wie klosterintern verweist sie auf die traditionellen Bezüge zum Propheten Elija als „Führer und Vater der Karmeliten" (XI, 1; I, 13; zu dieser Zeit - 1935 (!) - ist diese schon dem Staatsoberhaupt reservierte Bezeichnung nicht weniger brisant und eindeutig zu lesen!), aber auch zu anderen „nichtarischen" biblischen Gestalten wie Abraham (IX, 162f.), Mose (XI, 144) und Ester (XI, 165-171). Letzterer legt sie 1941 in ihrer klassischen „Dialogszene" ihre ureigene Erkenntnis in den Mund: „Ich sah aus meinem Volk die Kirche wachsen" (XI, 170). Daß Edith Stein in ihrer christlichen Theologie des Judentums aber auch manchen fragwürdigen Ansätzen „vor Auschwitz" folgt und aus ihrer eigenen biographischen Rückschau einseitig Defizite des Judentums gewichtet und damit ringt, habe ich an anderer Stelle <früher in dieser Zeitschrift> ausführlich dargestellt. 

5. Prophetisches Wirken in der Kirche und als Kirche in der Welt. 

5.1. „Kreuzeswissenschaft" als „Mystik der offenen Augen", nicht ohne praktische Konsequenzen: 

Wahrnehmung fremder Not und „Kreuzesnachfolge". 

Nüchtern und eindrucksvoll entwirft Edith Stein entlang der ausführlichen „Zeugnisse" (Leben und Werk) des hl. Johannes vom Kreuz und verbunden mit ihren eigenen, von „einem lebenslangen Bemühen" gespeisten „Deutungsversuchen" (I, 1), eine durchaus praktische „Theologie des Kreuzes" (I, 3). Infolge ihrer Deportation bleibt dieser Entwurf unvollendet und, gemeinsam mit der Bearbeitung der symbolischen Theologie des Areopagiten (= XV, 65ff.), ihr bedeutendstes geistliches Vermächtnis. Darin geht es um nicht mehrt und nicht weniger als die Wahrnehmung leidender Menschen, in ihrem Kontext speziell der aktuell verfolgten, vertriebenen und ermordeten Juden. Diese Wahrnehmung ist keine flache oder passive, sondern eine wahrhaft prophetische und mystische, im Sinne dieses gerade von J. B. Metz herausgearbeiteten, oft verfremdeten und verschütteten Grundzugs jüdisch - christlicher Tradition. Diese Wahrnehmung bewegt sich auf dem schmalen, wiewohl einzig gangbaren Grat zwischen purem Widerstand hier und Ergebung in fragwürdiger „Leidensmystik" dort. In diesem Sinn spricht Edith Stein mehrfach vom zupackenden, „freudigen" Kreuztragen (XI, 123). Nach der sog. „Machtergreifung" 1933 - die auch ihr Berufsverbot einbringt - wird ihr bald klar: sie ist in untrennbarer Schicksalsgemeinschaft mit dem jüdischen „Volk Gottes" verbunden (vgl. WK, 12). Als ihrer „Natur" entsprechenden „äußeren Schritt" (WK, 12) interveniert sie um eine päpstliche Stellungnahme gegen diese Judenverfolgung - ohne wirksamen Erfolg. Ihre „eigentliche", ganz persönliche Konsequenz findet sie nach eigenem Bekunden im Gebet, und zwar in zwei Etappen: zuerst die grundsätzliche Erkenntnis, die ausbrechenden Leiden der Judenverfolgung seien mit Christi Leiden und Kreuz identisch, mit folgender Einschränkung: „Die meisten verstünden es nicht; aber die es verstünden, die müßten es im Namen aller bereitwillig auf sich nehmen. Ich wollte das tun ... Aber worin das Kreuztragen bestehen sollte, das wußte ich noch nicht" (WK 14; vgl. IX, 124). Das wird ihr nach ihrem Berufsverbot zur Gewißheit: es sei „jetzt endlich Zeit ..., in den Karmel zu gehen" (WK, 20). Diese aktualisierte Motivation ihres Ordenslebens als Karmelitin wird zu würdigen sein als bedeutendes Vermächtnis Edith Steins an die Kirche „nach Auschwitz": das Leiden akut verfolgter Menschen ist unmittelbare Entsprechung zum Leiden Christi und fordert eine persönliche prophetisch - mystische Reaktion heraus. Ihre philosophische Erkenntnismethode, „ganz offenes Auge" (XIII, 22; vgl. WK, 18) zu sein, vollendet sich in mystischer „Kreuzeswissenschaft" „Auge in Auge mit Gott" (VIII, 100) und praktischer „Kreuzesnachfolge" (vgl. I, 6. 243ff.; XI, 121ff.). 

5.2. „Stellvertretung" und „Sühne".

Ihre organische Ekklesiologie führt Edith Stein unter den Herausforderungen ihrer spezifischen Situation zur biblischen Gestalt der Ester als Identifikationsfigur für ihre persönliche Existenz und Lebensführung als Karmelitin vor Gott (vgl. IX, 121), aber auch als Mahnfigur für ihre Priorin und mithin den Karmelitenorden (XI, 165ff.). Als klare Botschaft inszeniert sie ihren Mitschwestern zum Namenstag der Priorin (13.06.1941) diese Sendung Mariens, der „Königin des Karmel" (XI, 171): das leidende, vertriebene Volk Israel werde vorrangiges Anliegen im Gebet, aber auch im Bewußtsein und Handeln der Schwestern, des Ordens und der Kirche (vgl. ihr sog. „Testament" X, 148f.). Bei Edith Stein schwingt der Wunsch mit, Israel möge „den Herrn" finden; sie selber will in „Sühne" eintreten für den in ihren Augen vorhandenen „Unglauben des jüdischen Volkes" (X, 148; vgl. IX, 13). Diese Sicht hat wiederum sehr viel mit ihrer Deutung der eigenen jüdischen Biographie zu tun, und sie spricht sie aus als betroffene Jüdin. Diese Haltung läßt sie gerade nicht in Missionierungsanstrengungen oder Verwerfungstheorien verfallen, aber durchaus eine „profonda tristezza" spüren: doppelt betroffene Trauer über die aktuelle Verfolgung und das subjektive Empfinden einer vielfachen „Heimatlosigkeit" ihres Volkes. N a c h Edith Stein, „nach Ausschwitz und vor allem von Unbeteiligten sollte in und von der Kirche diese Redeweise mit äußerster Vorsicht behandelt und am besten ganz vermieden werden! Der Inhalt freilich, die aktuelle, persönlich konsequente, mystisch - prophetische Reaktion auf Leiderfahrungen von Menschen bleibt allezeit Herausforderung an die Kirche(n) Christi und ihre Mitglieder. Edith Stein konzentriert und beschränkt sich in akuter Herausforderung auf einen überschaubaren Lebensbereich, ohne „mit Gott ... Geschäfte machen" (VI, 167) zu wollen und ohne den Blick auf die „großen Zusammenhänge" (II, 404) zu verlieren. Gerade mit dem Inhalt von „Stellvertretung" vermag sie Kirche, näherhin auch Pfarrgemeindetheologie und -praxis heute, bewahren vor praktischen „Gotteskomplexen" (H. E. Richter), vor Aktionismen und Betriebsblindheiten aller Art wie auch der volkskirchlichen Trägheit oder der Dämonie der großen Zahl und des großen Zulaufs bei kirchlichen Veranstaltungen. 

5.3. Elija: „Führer und Vater" der Karmeliten, verehrter Prophet für Juden, Muslime und Christen, Patron von Bosnien - Herzegowina. 

Ich füge an dieser Stelle die Frage an, was es aktuell der Kirche und dem Karmelitenorden bedeutet, daß Edith Stein Elija vorstellt als den, der „sammeln kommt die Seinen" (XI, 170); daß sie seine „ökumenische" Bedeutung (schon oder noch 1935) mitten im nationalsozialistischen Deutschland öffentlich herausstellen konnte, und zwar in dieser Reihenfolge: „Juden, Mohammedaner und Christen aller Konfessionen wetteifern in der Verehrung des großen Propheten" (XI, 4); daß Elija aktuell - und wohl infolge dieser Bedeutung - als Patron von Bosnien - Herzegowina erwähnt wird!? Welche Konsequenzen ziehen wir daraus hinsichtlich der Menschen in Israel und Palästina? Welche hinsichtlich der Menschen aus den „geliebten Völkern Bosnien - Herzegowinas", wie Papst Johannes Paul II. sie mehrfach ansprach, aber auch aus dem Kosovo und anderen „Krisenregionen"? 

5.4. Ganzheitliche Bildungsarbeit. 

Durchaus in Geltung ist der Impuls Edith Steins schlechthin für kirchliche Bildungsarbeit an Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen: nämlich den ganzen Menschen im Blick zuhaben, sowohl auf der „Bildnerseite" als auch auf der „Auszubildendenseite". Persönliches Vorbild und vor allem die Wahrung des Freiraums für Gottes Wirken auf und in der individuellen Persönlichkeit kommt vor jeder Methode und Methodenverliebtheit und anstelle des Wahns, Glauben oder andere Erziehungsziele selbst produzieren zu müssen. Das erspart fundamentalistische Anwandlungen und läßt Religion im ganzheitlichen Sinne ihren gebührenden Platz als „Wurzel und Grund allen Lebens" (VIII, 54; vgl. V, 83; XII, 98ff.) (wieder) einnehmen, ohne aktueller „religionsfreundlicher Gott- und Besinnungslosigkeit" (J. B. Metz) zu verfallen. 

5.5. Was „Martyrium" heißen kann.

Die Auseinandersetzungen über Bedeutung und Berechtigung, von Edith Steins Vernichtung als „Martyrium" zu reden, dürften im Umfeld ihrer Seligsprechung 1987 eine Klärung erfahren haben. Edith Stein teilte nicht als Katholikin, sondern als Angehörige des jüdischen Volkes das Schicksal der Millionen Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns! Nach allem, was die letzten - und überwiegend von jüdischen Menschen stammenden - Zeugnisse erkennen lassen, ermöglichte ihr Glaube ihr - nicht exklusiv - die „p r a k t i s c h e 

B e h a u p t u n g G o t t e s als der Wirklichkeit", die angesichts fremder und eigener Bedrohung jeglichen Betroffenen „im Tod nicht vernichtet sein läßt", und die „immer schon ausgeht von der Behauptung der Rettung des Vergangenen, des Vernichteten, vom T o d d e s T o d e s" (H. Peukert). Ohne falsches Pathos und Verklärung: sie konnte - wiederum nicht exklusiv - ihren Glauben an Gott als Schöpfer des einen Menschengeschlechtes praktisch behaupten gegen allen Kriegs- und Rassenwahn, gegen „ethnische Säuberungen" aller Art, aus ihrem Glauben an Jesus Christus und die Kraft seines Kreuzes, in letzter Solidarität bis in die Vernichtung hinein. Schon anläßlich ihrer Seligsprechung 1987 sprach Papst Johannes Paul II. einfühlsam und eindringlich vom „Zeugnis des Lebens und Sterbens von Edith Stein, der herausragenden Tochter Israels und Tochter des Karmel, ... die eine dramatische Synthese unseres Jahrhunderts in ihrem reichen Leben vereint. Die Synthese einer Geschichte voller tiefer Wunden, die noch immer schmerzen, für deren Heilung sich aber verantwortungsbewußte Männer und Frauen bis in unsere Tage immer wieder einsetzen; und zugleich die Synthese der vollen Wahrheit über den Menschen in einem Herzen, das so lange unruhig und unerfüllt blieb, `bis es schließlich Ruhe fand in Gott´." 

6. Edith Stein und das 3. Jahrtausend der Kirche.

Am Ende dieses Jahrhunderts und Jahrtausends erschüttern manche Krisen die Kirchen, zumal in Europa. Erlauben Sie mir abschließend einige dürftige, aber hilfreiche Anregungen Edith Steins auszusprechen: 

Unterscheiden wir die existentielle Gottesfrage und Gotteskrise vieler Menschen auch in den „eigenen Reihen" von hausgemachten und oft selbstverschuldeten Kirchenkrisen. Stehen wir Gott in seinem Handeln an den Menschen und an der Kirche möglichst wenig im Weg durch Bedauern des unwiderruflich Vergangenen; erfahren wir ihn (neu) im eigenen, alltäglichen Leben und Ringen! Strapazieren wir nicht zu sehr die unüberwindliche Liebe vieler Menschen zur Kirche, wenn sie sich aktuell in „Leiden an der Kirche", im „Begehren" und in besorgter Kritik äußert; übersehen wir dabei nicht, daß „Widerwille gegen kirchliche Einrichtungen und Glaubenszweifel" auch im Rahmen des mystischen Prozesses auftauchen können, und fundieren wir diese Fragen aus der Tiefe unseres geschenkten Glaubens! Die westeuropäische Finanzkrise auch der Kirche trägt sicher bald das Ihre bei, manches kirchliche „Leben in Überfluß und bürgerlicher Behaglichkeit", aber auch im geistlichen und praktischen Anspruchsdenken, zurückzufahren zum „Geist der heiligen Armut" und zum Wiederfinden des „armen Gekreuzigten" (XI, 130; vgl. I, 95). Ein schmerzhafter, aber letztlich herzhafter und heilsamer und auch kirchlich lebenssteigernder Prozeß am Ende vorwiegend abendländisch - bürgerlicher Religiosität. Für diese und andere Entwicklungen, die der „Herr" immer offensichtlicher mit „seiner" Kirche vorhat, sind wir um so gerüsteter, je weniger bloß vordergründig „dogmenfest ... im Vertrauen auf die Autorität von Menschen" wir sind, je mehr aber wir „verankert sind im lebendigen Glauben, der nicht folgenlos bleiben kann" (VI, 194f.). 

Ich danke für Ihre Geduld, und hoffe sehr und mit großer Freude, Ihnen hiermit einen authentischen Schlüssel zu Edith Stein und ihren Absichten an die Hand geben zu können. Und eventuell Ihren Appetit angeregt zu haben, mehr von ihr zu erfahren als in diese 45minütige Kostprobe gepaßt hat. 

Felix M. Schandl
Wien

 

     
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Updated 30 ott 2005  by OCD General House
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