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1. Einführung.
Was Edith Stein für die Kirche heute bedeutet, haben schon viele Autoren zum Ausdruck
gebracht . Ausgiebig im Vorfeld und anläßlich ihrer
Seligsprechung in Köln 1987, zurückhaltender in ihrem 100. Geburts- und 50. Todesjahr
1991/92, und nunmehr - durch die Terminunklarheiten etwas irritiert - zu ihrer
Heiligsprechung. Dabei mag man im Einzelnen geteilter Meinung sein, wie weit und wie
federführend die jeweils postulierte Bedeutung" Edith Steins von ihrer
authentischen Gestalt - geistig wie biographisch -, oder aber von den Deutungen der
Autoren gespeist und geprägt ist (ein Maßstab, der auch folgenden Ausführungen
anzulegen ist!). Insgesamt spüre ich den deutlichen Trend zu ernsthafterer Befassung mit
Edith Stein (was bei ihr gerade nicht heißen muß: streng wissenschaftlich"!).
Das betrifft den philosophischen Gehalt und Standort ihres Werkes ebenso wie ihr Thema
Frau", ihre Biographie ebenso wie die Erschließung ihrer Spiritualität. In
jedem Fall ist dabei der enge und für Edith Stein so charakteristische Zusammenhang ihres
Lebens und Werkes zu beachten, um keiner leichtfertigen oder gar Fehlinterpretation zu
erliegen. Ich betone dies gleich vorweg, weil ich in mancher Bearbeitung des Bereichs
Spiritualität Edith Steins" und speziell ihrer Kirchlichkeit"
solche überwunden geglaubten Tendenzen teilweise neu aufleben sehe. Vor solcher
Sündenstrafe ideologischer Einseitigkeit möge und kann uns bewahren, was Edith Stein
selbst an der Kirche auffällt und wichtig ist bzw. wird.
Selbstverständlich trennen uns von ihrer Sicht nicht bloß ein paar Jahrzehnte und
Mentalitätsunterschiede, sondern vor allem die nachhaltigste Zäsur für christliche
Theologie und kirchliches Leben und Selbstverständnis: nämlich Auschwitz"!
Nicht bloß als Landsmann des großen und unbequemen Theologen Johann Baptist Metz bin ich
dankbar für die Frage, mit der Generalprior P. Camilo Maccise dieses Symposion eröffnet:
Wie von Gott sprechen nach Auschwitz?" Ich möchte sie zuspitzen: Wie von der
Kirche sprechen - nach Auschwitz"? Mit dieser Frage gehe ich nun heran an Edith
Stein als eines der Millionen Opfer der Schoah" und ihre authentische - und
vor Auschwitz" geprägte - Sicht der Kirche - ihrer Kirche! Daß sie dabei fast
ausschließlich die katholische Kirche im Blick hat, sei hiermit erinnert und kein Anlaß
zu ökumenischem Hindernis!
Mit dem weiteren Hinweis auf die Prägung meiner Fragestellungen durch meine konkrete
derzeitige Tätigkeit in Wien - karmelitanisch orientierte Gemeindepastoral und
-caritasarbeit mit Schwerpunkt für kriegsvertriebene und -beschädigte Menschen aus dem
ehemaligen Jugoslawien in spürbarer Umbruchszeit - hoffe ich, Ihnen meine
Ausgangsposition hinreichend klargelegt zu haben.
2. Hermeneutische Schlüssel:
Edith Stein verstehen ...
Edith Stein in ihrer ganzen Tiefe und Absicht verstehen zu wollen, bedeutet, wie schon
betont: die untrennbare Einheit ihres Lebens und Werkes zu beachten und diese
Wechselbeziehung zu würdigen. So hielt sie selbst es bei ihrer
Kreuzeswissenschaft" als Interpretation des hl. Johannes vom Kreuz (vgl. I,
1.295), so empfindet sie sich auch selbst: Meine Arbeiten sind immer nur
Niederschläge dessen, was mich im Leben beschäftigt hat, weil ich nun mal so konstruiert
bin, daß ich reflektieren muß" (XIV, 142). Andernfalls drohen alle möglichen,
durchaus gut gemeinten, Absichtsverfehlungen und Einseitigkeiten, oder gar das
Ersinnen und Erschaffen von Zerrbildern" (V, 30) - nichts hält Edith Stein
selbst für unangebrachter, menschenverachtender und sündhafter (vgl. VII, 2; IX, 10)!
Selbst die Tatsache, daß sie in 3 Tagen von der Kirche kanonisiert wird, macht ihre
Aussagen, etwa über die Kirche, nicht schlagartig zu abgelöst dogmatischen";
ihre Aussagen, über die Kirche insbesondere, erfolgen im Zuge ihrer phänomenologisch
geprägten Wahrnehmung eben des Phänomens (katholische) Kirche", wie sie ihr,
zumal in ihrer frühen, agnostischen Phase, begegnet (vgl. VII,
121). Im Übrigen beabsichtigt sie weder dogmatische Aussagen noch theologische Analysen,
sondern begreift Kirche als organische Körperschaft des fortlebenden Christus und
insofern geistlichen Raum und Ausgangspunkt aller Praxis des Glaubens sowie als Brennpunkt
der mystischen Erfahrung Gottes und Beziehung zu Jesus Christus. Die verständliche
Schwierigkeit, echte mystische Erfahrungen sprachlich auszudrücken bzw. darüber ganz
sprachlos verstummen zu müssen, bleibt ihr nicht erspart (vgl. II, 58; XV, 74ff. 100ff.):
brieflich klagt sie, wie farblos" (VIII, 160) und unzulänglich"
(VIII, 161) ihre Worte bleiben. Wiederholt kann sie in ihren Werken gar nicht zu dem
durchstoßen..., was ich sagen und fassen wollte" (IX, 173), und befürchtet gar, im
Reden darüber das Heiligste zu banalisieren" (VIII, 161, vgl. 89). Diese
Zurückhaltung entspricht aber auch ihrer diskreten persönlichen Art (secretum meum
mihi").
Beachtenswert für ihre Interpretation ist ein weiterer Ansatz der geistigen
Arbeitsweise Edith Steins wie auch ihrer persönlichen Begegnung mit Menschen: Im Sinne
ihrer phänomenologischen Erkenntnisgewinnung will sie sich geradezu selbst
auslöschen und die Dinge sehen, wie sie gewesen sind, ... in völlig selbstloser Hingabe
die Sachen selbst ... erfassen" (XIII, 22f.). Das zeichnet ihre Fähigkeit als
Übersetzerin wie auch als Verfasserin von Denkschriften" (VII;
XI, 1-25. 165-171; WK) aus. Mit der Unbefangenheit der Neo-Katholikin übernimmt sie
weithin die gängige zeitgenössische katholische Frömmigkeitssprache zur Beschreibung
und Deutung ihrer eigenen Glaubenserfahrungen. Oft hält sie sich eng an Vorlagen wie z.B.
das dogmatische Enchiridion" Denzinger - Bannwart von 1928 beim Erstellen ihrer
Theologischen Anthropologie" 1932/33 (= XVII). Geradezu werkstattmäßig
hölzern wirken manche Passagen ihres Werkes, die sie, etwa für eine Drucklegung, nicht
mehr eingehend und ausgereift bearbeiten konnte: Paradebeispiel dafür ist ausgerechnet
der Abschnitt über die Sakramente und die Kirche (XVII, 116ff.)! Charakteristischerweise
steht sie zeitweise im Austausch mit dem Freiburger Dogmatiker E. Krebs, dem die
Beziehungen von Dogma und Leben" (so sein Hauptwerk) ein verwandtes Anliegen
sind (vgl. VIII, 62; XVII, 146. 151).
Wissen ist die Rache dessen, der nichts versteht!" Mit diesem Bonmot der
bedeutendsten deutschsprachigen Theologenpersönlichkeit dieses Jahrhunderts, Karl Rahner,
lade ich nun ein: nicht zum möglichst umfassenden Bescheidwissen über Edith Stein,
sondern zum Verstehen ihrer ekklesiologischen Anregungen. Diese sind in 3 Tagen zwar nicht
unfehlbar, aber zumindest nicht mehr häresieverdächtig. Was es bedeutet, daß Edith
Stein an dem Tag heiliggesprochen wird, an welchem vor 36 Jahren (11.10.1962) Papst
Johannes XXIII. Im Petersdom feierlich das II. Vatikanische Konzil eröffnete, überlasse
ich - wie so manche Datums-Zufälle" im Leben Edith Steins - Ihrer
Einschätzung!
3. Phänomenologische Annäherung
an Kirche".
3.1. Gott wirkt über die Grenzen der sichtbaren Kirche hinaus.
Edith Steins Weg von den ersten Berührungen bis zur bewußten Mitgliedschaft in der
Kirche besitzt eine Außen- und eine Innenseite. Unter Innenseite verstehe ich ihre
persönliche und geistliche Entwicklung samt den bewußten Konsequenzen, die sie aus ihren
Gotteserfahrungen zieht: häufig in krisenhaftem Befinden (vgl. VII, 207. 246f.) und
überaus diskret im Reden darüber . Die Außenseite meint dann ihre - phänomenologisch
reflektierten - Berührungen mit Kirche", v.a. in gelebter und spürbarer
Glaubenspraxis. Diese verdichten sich fortschreitend und in qualitativen Sprüngen: von
rein informativen" Wahrnehmungen zu performativen" Begegnungen bis
hin zu bewußten und konsequenten eigen-initiativen" Schritten. Die jüdische
Prägung ihrer Jugend spielt in dieser Phase keine bedeutende Rolle, zumal sie sich
religiöse Praxis etwa in Gestalt persönlichen Betens als Fünfzehnjährige ganz
bewußt und aus freien Stücken abgewöhnt" (VII, 121) hatte, wie sie rückblickend
formulieren wird. Selbstverständlich tragen ihre Enttäuschungen auf politischem,
beruflichem und persönlichem Gebiet zur Intensivierung ihrer religiös geprägten Suche
bei. Die überzeugte preußische Staatsangehörige und Jüdin" (PE, 133; vgl.
VII, 161. 309; VIII, 43; IX, 188) widmet sich zu Beginn des 1. Weltkrieges ohne
eigenes Leben" und mit ganzer Kraft dem großen Geschehen" (VII,
265) in Gestalt ihres Lazarettdienstes 1915 in Mährisch-Weißkirchen (VII, 285-329), muß
aber schmerzlich erkennen, daß auch die ersehnte neue Zeit der Weimarer
Republik" ihre Habilitationsmöglichkeit als Frau und manche andere Erwartung nicht
erfüllt (vgl. VIII, 18.35; XIV, 110ff sowie B). Auch lassen sich zwei engere persönliche
Beziehungen nicht so realisieren, wie sie es für möglich und wünschenswert hält. Die
Intensivierung der religiösen Frage zum Lebensthema erfolgt freilich nicht als
Fluchtbewegung, sondern in umfassender persönlicher Auseinandersetzung und Austausch mit
wenigen engsten Freundinnen und Freunden. An die wichtigste ihrer zunächst informativen
Wahrnehmungen christlicher und speziell katholischer Glaubenspraxis erinnert Edith Stein
sich Jahre später noch ganz genau: Wir traten für einige Minuten in den Dom, und
während wir in ehrfürchtigem Schweigen dort verweilten, kam eine Frau mit ihrem
Marktkorb herein und kniete zu kurzem Gebet in einer Bank nieder. Das war für mich etwas
ganz Neues. In die Synagogen und in die protestantischen Kirchen, die ich besucht hatte,
ging man nur zum Gottesdienst. Hier aber kam jemand mitten aus den Werktagsgeschäften in
die menschenleere Kirche wie zu einem vertrauten Gespräch. Das habe ich nie vergessen
können" (VII, 362). Hier in der Frankfurter Bartholomäuskirche - Ort
mittelalterlicher Kaiserkrönungen und deshalb Dom" genannt - erlebt sie das
praktische Gegenteil ihrer Abgewöhnung", wie sie es später am dichtesten und
folgenschwersten bei Teresa von Avila finden wird (vgl. WK, 20).
Performative Wirkung auf Edith Stein und ihren Zugang zum christlichen Glauben üben
dann unabsichtlich vornehmlich 2 Mitglieder ihres Phänomenologen-Umfeldes in Göttingen
(1913-1917) aus. Max Scheler in seiner katholischen" Periode fasziniert auch
sie, wie sie sich später lebhaft erinnert: (Es war) die Zeit, in der er ganz
erfüllt war von katholischen Ideen und mit allem Glanz seines Geistes und seiner
Sprachgewalt für sie zu werben verstand. Das war meine erste Berührung mit dieser bis
dahin völlig unbekannten Welt. Sie führte mich noch nicht zum Glauben. Aber sie
erschloß mir einen Bereich von `Phänomenen´, an denen ich nun nicht mehr blind
vorbeigehen konnte. ... Die Schranken der rationalistischen Vorurteile, in denen ich
aufgewachsen war, ohne es zu wissen, fielen, und die Welt des Glaubens stand plötzlich
vor mir. Menschen, mit denen ich täglich umging, zu denen ich mit Bewunderung aufblickte,
lebten darin. Sie mußten zumindest eines ernsten Nachdenkens wert sein. Vorläufig ging
ich noch nicht an eine systematische Beschäftigung mit den Glaubensfragen; dazu war ich
noch viel zu sehr von anderen Dingen ausgefüllt. Ich begnügte mich damit, Anregungen aus
meiner Umgebung widerstandslos in mich aufzunehmen, und wurde - fast ohne es zu merken -
dadurch allmählich umgebildet" (VII, 229f.).
Tiefer bis in geradezu mystagogische Dimensionen führen sie Persönlichkeit und
Umgangsformen Adolf Reinachs. Nach ausführlicher Schilderung der Umstände und
Atmosphäre ihrer ersten Begegnung hält sie fest: Ich war nach dieser ersten
Begegnung sehr glücklich und von tiefer Dankbarkeit erfüllt. Es war mir, als sei mir
noch nie ein Mensch mit einer so reinen Herzensgüte entgegengekommen. Daß die nächsten
Freunde und Angehörigen einem Liebe erweisen, schien mir selbstverständlich. Aber hier
lag etwas ganz anderes vor. Es war wie der erste Blick in eine ganz neue Welt" (VII,
218). Diese ganz andere Welt jener überraschenden und unbürgerlichen Liebe zum
Fremden" (XII, 201) wird Edith Stein später d a s Charakteristikum des Christlichen
nennen. Weitere Wirkungen entfalten Reinachs religionsphilosophische Notizen, in die sie
sich während seines Kriegsdienstes und verstärkt nach seinem Tod 1917 vertieft (vgl.
VIII, 14. 33ff.; XIV, 67; B, 74f.). Doch mit Abstand am weitreichendsten beschäftigt und
beeindruckt sie die getröstete Trauer der Witwe des gefallenen Reinach: erstmals erlebt
sie angesichts der Extremsituation eines tragischen, frühen Todes einen als tragfähig
verspürten, christlichen Glauben, wie er ihr aus ihrer eigenen jüdischen Biographie
subjektiv (und sicher einseitig)
unbekannt ist, sie aber in ihrer eigenen Krisis folgenreich anspricht (vgl. VII, 55ff.
154; XI, 175; XIV, 175).
Aus diesen frühen Erfahrungen resultiert eine bedeutende Erkenntnis Edith Steins über
das Wesen der Kirche in Bezug auf das Wirken Gottes. Sie betont: Es hat mir immer
sehr fern gelegen zu denken, daß Gottes Barmherzigkeit sich an die Grenzen der sichtbaren
Kirche binde. Gott ist die Wahrheit. Wer die Wahrheit sucht, der sucht Gott, ob es ihm
klar ist oder nicht" (IX, 102; vgl. I, 145. 147f.; VI, 159. 185; XV, 84ff.; CF, 205).
Es ist bezeichnend für die geistliche Gestalt und Selbsterfahrung Edith Steins, daß so
wie ihr selbst grundsätzlich jedem Menschen Erfahrungen des göttlichen Wirkens an und in
der eigenen Person auch v o r einer Taufe und formalen Kirchenzugehörigkeit möglich
sind, wie diese umgekehrt nicht automatisch diese Erfahrungen erzeugen oder herbeiführen.
Einem Menschen kann - wie ihr - noch unabhängig davon Glauben geschenkt werden, aber er
kann ihn niemals - auch nicht in heroischer Anstrengung - erzwingen, bei sich selbst nicht
noch bei anderen (vgl. PE, 131f.; B, 42ff.; I, 159. 164; XI, 145f.; XVII, 113, Anm. 2).
Nicht oder noch nicht glaubende Menschen können - unbewußt - Werkzeug" (I,
160; VIII, 55. 60. 77. 87. 129; IX, 42; XI, 144. 148) des göttlichen Wirkens sein, sie
können sogar den unbekannten und angezweifelten Gott bitten" (IX, 186) um die
Gabe des Glaubens. Auf dem Weg dahin kommt es ebenso darauf an, die göttliche
Gnade" frei" zu ergreifen, ihr eine Stätte" im eigenen
Leben, in der eigenen Seele" anbieten zu können (vgl. VI, 151), wie zugleich
auf Gottes unergründliche Barmherzigkeit (zu) vertrauen" (VIII, 60; vgl. I,
165; VI, 158; IX, 146). Worum es in allem weiteren geistlichen Leben geht, drückt Edith
Stein im Vorwort ihres Hauptwerkes schlicht und doch vielsagend aus: (Ich) hatte den
Weg zu Christus und seiner Kirche gefunden und war damit beschäftigt, die praktischen
Folgerungen daraus zu ziehen" (II, S.VIII). An anderer Stelle brieflich: Es ist
im Grunde immer eine kleine, einfache Wahrheit, die ich zu sagen habe: w i e m a n e s a n
f a n g e n k a n n , a n d e r H a n d d e s H e r r n z u l e b e n" (VIII, 87;
vgl. XI, 130f.; XII, 206), oder deutlicher: im engsten persönlichen Anschluß an
Christus" (V, 35). Mit diesen Erkenntnissen ist sie ihrer zeitgenössischen Kirche
und Theologie in mehrfacher Hinsicht voraus und kann sie auch in der Gegenwart vor
falscher Enge wie falschem Aktionismus bewahren.
3.2. Kirche als wandelbares und pilgerndes Reich Gottes" in dieser Welt.
Edith Steins pädagogischer Einstellung entspricht eine weitere Erkenntnis über das
Wesen der Kirche: wohl ist sie für sie das Reich Gottes in dieser Welt"; genau
deshalb aber muß sie den Wandlungen alles Irdischen Rechnung tragen". Sie kann
ihr zeitgenössisches, gesellschaftliches Umfeld nur prägen, indem sie jedes
Zeitalter nimmt, wie es ist, und es seiner Eigenart gemäß behandelt" (V, 116).
Edith Stein konstatiert bereits ein notwendiges Aggiornamento": Die
Unerschütterlichkeit der Kirche beruht ja gerade darauf, daß sie mit der unbedingten
Wahrung des Ewigen eine unvergleichliche Elastizität in der Anpassung an die jeweiligen
Zeitverhältnisse und -forderungen verbindet" (V, 107). Zuallererst die Kirche soll
sich auszeichnen mit heiliger Scheu vor den Menschenseelen" (V, 78), im Wissen
darum, daß Menschenseelen Gottes Reich" (VI, 39ff.) sind. Nicht zuletzt
deshalb findet Edith Stein persönlich, früh und durchgängig zur
Pilgerschaft" (IX, 28; vgl. XI, 146f.; XII, 203. 212ff.) als wesentlichem
Grundzug, ja anthropologischer Eigenschaft des persönlichen Christ- wie gemeinsamen
Kircheseins, wie ihn das II. Vatikanische Konzil in seiner Charakteristik der Kirche als
pilgerndes" Gottesvolk (LG 48) herausstellt. Bei Edith Stein liegt der Akzent
zunehmend auf der alltäglichen und situationsbedingten Kreuzesnachfolge"
(s.u.) der Gefolgsleute Christi" (XI, 121; vgl. XVII, 86).
4. Kirche als Raum geistlicher
Verbindung mit Christus und Körperschaft des fortlebenden Christus.
4.1. Eucharistie und Feier der Sakramente und des Kirchenjahres.
Sich an Christus halten, das kann man nicht, ohne ihm zugleich nachzufolgen"
(VI, 197). Wer Christus angehört, der muß das ganze Christusleben durchleben"
(XII, 203). Eucharistisch leben heißt ganz von selbst aus der Enge des eigenen
Lebens herausgehen und in die Weite des Christuslebens hineinwachsen" (XII, 206) -
incl. Weltverantwortung (vgl. VIII, 54f. 119f.; V, 88-91; XI, 18). Hinter diesen zentralen
Merksätzen" Edith Steins stehen die Erfahrungen und Grundhaltungen ihrer
kirchlichen" Lebenshälfte: Glauben kann niemals bloße Theorie" (I,
3) bleiben, sondern verbindet sich notwendig mit konkreter Orthopraxie", um ein
aktuelles Stichwort anzuwenden. Im Folgenden beschränke ich mich auf Grundlinien ihrer
entsprechenden Ausführungen, wie sie inzwischen weitgehend veröffentlicht
vorliegen.
Sie betont praktisch wie theoretisch unermüdlich die (möglichst tägliche) Mitfeier
der Eucharistie über bloßes Beiwohnen" (vgl. V, 14. 89; XII, 123ff. 206.
228f.; CF, 201) hinaus als Höchstform geistiger wie praktischer, individueller wie
kirchlich-gemeinschaftlicher Verbindung mit Jesus Christus: Das wichtigste wird
sein, daß die heilige Eucharistie in den Mittelpunkt des Lebens tritt" (CF, 204).
Die - in zeitgenössischer Theologensprache formulierte - Teilhabe am
Meßopfer" und eben alles die eucharistischen Wahrheiten praktisch
wirksam werden lassen" (XII, 123) will ja nichts anderes als die mystagogische und
mystische Vereinigung des Menschen mit Jesus Christus und seiner lebendigen Botschaft
verwirklichen im je eigenen Leben, Denken, Fühlen und Handeln. Bloße Bildungsarbeit von
außen erreicht den Menschen in seiner Tiefe und Wirkung nicht, es bedarf der
Formung des Menschen durch Christus selbst" (XII, 230) in lebendiger
Beziehung.
Auf gleicher Linie liegt ihre häufige Betonung der Mitfeier des Kirchenjahres und der
übrigen Sakramente sowie des persönlichen und gemeinschaftlichen Betens. Dieser Absicht
entspringen mehrere Ansprachen und Gelegenheitsschriften: am prägnantesten in ihrer
Schrift Das Weihnachtsgeheimnis" von 1931 (XII, 196-207), das Edith Steins
Spiritualität in nuce entwirft, neben vielen anderen Stellen (vgl. I, 16f. 65; V, 88-91;
VI, 185; XI, 10-25; XII, 105-108. 123-125. 228f.; XVII, 151ff.).
4.2. Kirche als Organismus" mit Christus als Haupt.
Kirche ist für Edith Stein nicht nur die Gemeinschaft der Gläubigen ...,
sondern eben der mystische Leib Christi, d. h. ein Organismus" (V, 189; vgl. XII,
220). Dabei geht sie, wie schon gesagt, durchaus von der Existenz einer unsichtbaren
Kirche" (XI, 145) aus und universalisiert wiederholt den mystischen Leib in
einem weiteren Sinn" auf die ganze Menschheit", ja sogar auf die
ganze Schöpfung" in ihrer Einheit unter dem Haupt" Jesus Christus
(II, 474. 481f.; V, 26; VI, 163f.; IX, 44; XII, 200. 204; XVII, 102). Dies ist ihr
Bedingung der Möglichkeit menschlicher Solidarität und Stellvertretung" nach
innen" wie nach außen". Nach innen kann Kirche niemals sich selbst
genügen als gutbürgerlicher Verein von guten Katholiken" (XII, 206; IX, 58),
sondern besteht als lebendiges Gefüge, wo einer für den anderen einsteht"
(XII, 204): ... dadurch, daß der einzelne vor Gott steht, vermöge des
Gegeneinander und Zueinander von göttlicher und menschlicher Freiheit, ist ihm die Kraft
gegeben, für alle dazustehen, und dieses E i n e r f ü r a l l e u n d a l l e f ü r e
i n e n macht die Kirche aus" (VI, 163). Solche Stellvertretung" (VI,
163f.) ist für sie geradezu Beruf einer Karmelitin" (IX, 9. 19, vgl. 121).
Nach außen hin bedeutet es solidarisches, ja freudiges", aber erklärtermaßen
keineswegs masochistisches Leiden mit Christus als Mit-Leiden mit leidenden und verfolgten
Menschen (VIII, 125; XI, 123; XII, 203f.).
4.3. Rollen im kirchlichen Gefüge: sponsa Christi" und priesterliche
Repräsentation Christi.
Zumal für sich persönlich entdeckt Edith Stein in der sponsa Christi" (V,
12. 43. 151ff. 179. 191f.; IX, 48; XI, 129; CF, 199. 202) die höchste kirchliche Berufung
der Frau. Diese steht für sie in einer anderen Kategorie als der christologisch und
historisch männlich bestimmte priesterliche Dienst der amtlichen und sakramentalen
Repräsentation Christi in der katholischen Kirche. Sie geht aus von der
heilsgeschichtlichen Rolle Mariens und will weibliche Eigenart und weiblichen
Eigenwert" ernst nehmen und ihr entsprechen. Im Horizont weiblichen
Ordensberufes und (bei ihr eigentlich nur weiblich" ausgeprägter)
Jungfräulichkeit" im Sinne innerer Unabhängigkeit ohne Berührungsängste und
starker, unüberwindlicher Liebe zu den Sündern" (V, 40. 59. 150ff.; XI,
136ff. 140f. 149; CF, 202f.) entfaltet sie dieses Thema bis hin zu dem, was es angesichts
der ausbrechenden Judenverfolgung heißt, dem Herrn im Zeichen des Kreuzes vermählt
zu sein" (IX, 124) - für sie persönlich, und bedauerlicherweise nicht allgemein
einsichtig in Kirche und Orden (vgl. XIV, 238. 240).
Edith Steins sachliche und differenzierte Ausführungen zur Frage des Diakonats und des
Priestertums der Frau (V, 42f. 105ff.) bestätigen ihre Einschätzung der weiblichen
Rollen im kirchlichen Organismus. Sie eignen sich allerdings nicht zur Bestätigung des
lehramtlichen oder gar eines dogmatisch begründeten Diskussionsverbotes in dieser
wichtigen Glaubwürdigkeitsfrage innerhalb und an die r. k. Kirche. Untermauert sie selbst
doch den spezifischen Berufungscharakter der Frau zur sponsa Christi" n i c h t
mit Traditions- oder kirchenrechtlichen Argumenten, sondern mit der für mein
Gefühl ... geheimnisvolle(n) Tatsache" (V, 43) der in diesem Organismus
verteilten Rollen" der Apostel als Christi männlichen amtlichen
Stellvertretern auf Erden" (V, 43) und der Frauen unter seinen Jüngern und
nächsten Vertrauten" (V, 42), einschließlich seiner Mutter, der Königin der
Apostel" (V, 42). Diese geheimnisvolle Tatsache" ist unter den
veränderten und gewachsenen Einsichten in anthropologische Bedingungen und
frühkirchliche Amtsstrukturen neu und sicher nicht kurzschlüssig im Sinne
emanzipatorischer Öffnung" eines Männerberufes" für Frauen zu
verhandeln, sondern im Blick auf möglicherweise durch das Wirken des Hl. Geistes
veränderte, erweiterte oder gar neukombinierte und neumodellierte Berufs- und
Rollenbilder ebendieses kirchlichen Organismus´ zu ergründen. Edith Stein selbst hat
schon klar erkannt: 1) die kirchenrechtliche Entwicklung zur heutigen Stellung der Frau
bedeutet eine Verschlechterung gegenüber den Frühzeiten der Kirche, in denen
Frauen amtliche Funktionen als geweihte Diakonissinnen hatten" (V, 106). 2) Diese
Negativentwicklung zeigt die Möglichkeit einer Entwicklung im entgegengesetzten
Sinn" (V, 106), für die es Anzeichen gebe; persönlich glaube sie aber aus genannten
Gründen nicht an eine Entwicklung bis zur Ermöglichung des Priestertums der
Frau" (V, 106; vgl. CF, 203), da sie von der nicht zeitbedingten, exklusiven
Direktübertragung des Priestertums durch Jesus Christus unmittelbar an die Apostel
ausgeht (vgl. V, 108). Im Hintergrund steht weiters ihre Vorstellung von der
Rollenverteilung" im Ordensleben: weibliche sponsa Christi" und
männlicher alter Christus" (Priester wie Laienbruder, vgl. CF, 198f. 202f.);
hingegen spricht sie an anderer Stelle vom alter Christus, in dem die Schranken
gefallen und die positiven Werte der männlichen und weiblichen Natur vereint
sind"(V, 88). 3) stellt Edith Stein fest: Rechtliche Satzungen sind auch innerhalb
der Kirche in der Regel nachfolgende juristische Festlegungen von Lebensformen, die
sich praktisch bereits durchgesetzt haben" (V, 106). Für sie gelte nicht naiv
Unabänderlichkeit, vielmehr Entwicklung ... häufig in Form von Kämpfen ..., oft
jahrzehnte- oder jahrhundertelangen Geisteskämpfen" (V, 116). Schlußendlich - und
hier sehe ich einen der wichtigsten ekklesiologischen Impulse Edith Steins! - stellt sie
sich nachdrücklich hinter Versuche und Gedankengänge, die weibliche Natur in eine
besondere Verbindung mit dem Hl. Geist zu bringen" (CF, 200). Ihre diesbezüglichen
Ausführungen treffen - unwissentlich? - die femininen Konnotationen der hebräischen
Bezeichnung ruach" ebenso, wie sie an die jüngsten Interpretationen des
spätmittelalterlichen Dreifaltigkeitsbildes im süddeutschen Urschallingerinnern, dem
Theologie und Religionspädagogik in jüngster Zeit verstärkt Aufmerksamkeit
schenken.
4.4. Die jüdische Menschheit Jesu und die jüdischen Wurzeln der Kirche.
Ihre eigene jüdische Herkunft sensibilisiert die Christin Edith Stein auf ihrem
Glaubensweg stark für den Juden Jesus Christus und den Ursprung der Kirche aus dem
jüdischen Volk. In ihren bedeutenden Denkschriften erinnert sie - gegen den wachsenden
Nationalsozialismus mit seinen sich steigernden Hetzkampagnen und Verfolgungsmaßnahmen,
aber auch gegen manchen unreflektierten oder ausdrücklichen Antisemitismus in den eigenen
kirchlichen Reihen - an diese Ursprünge. Das weihnachtliche Geheimnis der Geburt und
Menschwerdung Jesu sieht sie untrennbar verbunden mit der Kirche aus Juden und
Heiden" (XI, 146). Das Gebet der Kirche", ihr 1937 (!) als letztes noch zu
Lebzeiten veröffentlichtes Memorandum" (= XI, 10-25) hält unzweideutig - und
riskant - fest, wie sehr das Gebet des fortlebenden Christus" sein Urbild
im Gebet Christi während seines menschlichen Lebens" habe: Aus den
evangelischen Berichten wissen wir, daß ... (er) wie ein gläubiger und gesetzestreuer
Jude betete" (XI, 10). Öffentlich wie klosterintern verweist sie auf die
traditionellen Bezüge zum Propheten Elija als Führer und Vater der
Karmeliten" (XI, 1; I, 13; zu dieser Zeit - 1935 (!) - ist diese schon dem
Staatsoberhaupt reservierte Bezeichnung nicht weniger brisant und eindeutig zu lesen!),
aber auch zu anderen nichtarischen" biblischen Gestalten wie Abraham (IX,
162f.), Mose (XI, 144) und Ester (XI, 165-171). Letzterer legt sie 1941 in ihrer
klassischen Dialogszene" ihre ureigene Erkenntnis in den Mund: Ich sah
aus meinem Volk die Kirche wachsen" (XI, 170). Daß Edith Stein in ihrer christlichen
Theologie des Judentums aber auch manchen fragwürdigen Ansätzen vor
Auschwitz" folgt und aus ihrer eigenen biographischen Rückschau einseitig Defizite
des Judentums gewichtet und damit ringt, habe ich an anderer Stelle <früher in dieser
Zeitschrift> ausführlich dargestellt.
5. Prophetisches Wirken in der Kirche und als Kirche
in der Welt.
5.1. Kreuzeswissenschaft" als Mystik der offenen Augen", nicht
ohne praktische Konsequenzen:
Wahrnehmung fremder Not und Kreuzesnachfolge".
Nüchtern und eindrucksvoll entwirft Edith Stein entlang der ausführlichen
Zeugnisse" (Leben und Werk) des hl. Johannes vom Kreuz und verbunden mit ihren
eigenen, von einem lebenslangen Bemühen" gespeisten
Deutungsversuchen" (I, 1), eine durchaus praktische Theologie des
Kreuzes" (I, 3). Infolge ihrer Deportation bleibt dieser Entwurf unvollendet und,
gemeinsam mit der Bearbeitung der symbolischen Theologie des Areopagiten (= XV, 65ff.),
ihr bedeutendstes geistliches Vermächtnis. Darin geht es um nicht mehrt und nicht weniger
als die Wahrnehmung leidender Menschen, in ihrem Kontext speziell der aktuell verfolgten,
vertriebenen und ermordeten Juden. Diese Wahrnehmung ist keine flache oder passive,
sondern eine wahrhaft prophetische und mystische, im Sinne dieses gerade von J. B. Metz
herausgearbeiteten, oft verfremdeten und verschütteten Grundzugs jüdisch - christlicher
Tradition. Diese Wahrnehmung bewegt sich auf dem schmalen, wiewohl einzig gangbaren Grat
zwischen purem Widerstand hier und Ergebung in fragwürdiger Leidensmystik"
dort. In diesem Sinn spricht Edith Stein mehrfach vom zupackenden, freudigen"
Kreuztragen (XI, 123). Nach der sog. Machtergreifung" 1933 - die auch ihr
Berufsverbot einbringt - wird ihr bald klar: sie ist in untrennbarer
Schicksalsgemeinschaft mit dem jüdischen Volk Gottes" verbunden (vgl. WK, 12).
Als ihrer Natur" entsprechenden äußeren Schritt" (WK, 12)
interveniert sie um eine päpstliche Stellungnahme gegen diese Judenverfolgung - ohne
wirksamen Erfolg. Ihre eigentliche", ganz persönliche Konsequenz findet sie
nach eigenem Bekunden im Gebet, und zwar in zwei Etappen: zuerst die grundsätzliche
Erkenntnis, die ausbrechenden Leiden der Judenverfolgung seien mit Christi Leiden und
Kreuz identisch, mit folgender Einschränkung: Die meisten verstünden es nicht;
aber die es verstünden, die müßten es im Namen aller bereitwillig auf sich nehmen. Ich
wollte das tun ... Aber worin das Kreuztragen bestehen sollte, das wußte ich noch
nicht" (WK 14; vgl. IX, 124). Das wird ihr nach ihrem Berufsverbot zur Gewißheit: es
sei jetzt endlich Zeit ..., in den Karmel zu gehen" (WK, 20). Diese
aktualisierte Motivation ihres Ordenslebens als Karmelitin wird zu würdigen sein als
bedeutendes Vermächtnis Edith Steins an die Kirche nach Auschwitz": das Leiden
akut verfolgter Menschen ist unmittelbare Entsprechung zum Leiden Christi und fordert eine
persönliche prophetisch - mystische Reaktion heraus. Ihre philosophische
Erkenntnismethode, ganz offenes Auge" (XIII, 22; vgl. WK, 18) zu sein,
vollendet sich in mystischer Kreuzeswissenschaft" Auge in Auge mit
Gott" (VIII, 100) und praktischer Kreuzesnachfolge" (vgl. I, 6. 243ff.;
XI, 121ff.).
5.2. Stellvertretung" und Sühne".
Ihre organische Ekklesiologie führt Edith Stein unter den Herausforderungen ihrer
spezifischen Situation zur biblischen Gestalt der Ester als Identifikationsfigur für ihre
persönliche Existenz und Lebensführung als Karmelitin vor Gott (vgl. IX, 121), aber auch
als Mahnfigur für ihre Priorin und mithin den Karmelitenorden (XI, 165ff.). Als klare
Botschaft inszeniert sie ihren Mitschwestern zum Namenstag der Priorin (13.06.1941) diese
Sendung Mariens, der Königin des Karmel" (XI, 171): das leidende, vertriebene
Volk Israel werde vorrangiges Anliegen im Gebet, aber auch im Bewußtsein und Handeln der
Schwestern, des Ordens und der Kirche (vgl. ihr sog. Testament" X, 148f.). Bei
Edith Stein schwingt der Wunsch mit, Israel möge den Herrn" finden; sie selber
will in Sühne" eintreten für den in ihren Augen vorhandenen Unglauben
des jüdischen Volkes" (X, 148; vgl. IX, 13). Diese Sicht hat wiederum sehr viel mit
ihrer Deutung der eigenen jüdischen Biographie zu tun, und sie spricht sie aus als
betroffene Jüdin. Diese Haltung läßt sie gerade nicht in Missionierungsanstrengungen
oder Verwerfungstheorien verfallen, aber durchaus eine profonda tristezza"
spüren: doppelt betroffene Trauer über die aktuelle Verfolgung und das subjektive
Empfinden einer vielfachen Heimatlosigkeit" ihres Volkes. N a c h Edith Stein,
nach Ausschwitz und vor allem von Unbeteiligten sollte in und von der Kirche diese
Redeweise mit äußerster Vorsicht behandelt und am besten ganz vermieden werden! Der
Inhalt freilich, die aktuelle, persönlich konsequente, mystisch - prophetische Reaktion
auf Leiderfahrungen von Menschen bleibt allezeit Herausforderung an die Kirche(n) Christi
und ihre Mitglieder. Edith Stein konzentriert und beschränkt sich in akuter
Herausforderung auf einen überschaubaren Lebensbereich, ohne mit Gott ...
Geschäfte machen" (VI, 167) zu wollen und ohne den Blick auf die großen
Zusammenhänge" (II, 404) zu verlieren. Gerade mit dem Inhalt von
Stellvertretung" vermag sie Kirche, näherhin auch Pfarrgemeindetheologie und
-praxis heute, bewahren vor praktischen Gotteskomplexen" (H. E. Richter), vor
Aktionismen und Betriebsblindheiten aller Art wie auch der volkskirchlichen Trägheit oder
der Dämonie der großen Zahl und des großen Zulaufs bei kirchlichen
Veranstaltungen.
5.3. Elija: Führer und Vater" der Karmeliten, verehrter Prophet für
Juden, Muslime und Christen, Patron von Bosnien - Herzegowina.
Ich füge an dieser Stelle die Frage an, was es aktuell der Kirche und dem
Karmelitenorden bedeutet, daß Edith Stein Elija vorstellt als den, der sammeln
kommt die Seinen" (XI, 170); daß sie seine ökumenische" Bedeutung (schon
oder noch 1935) mitten im nationalsozialistischen Deutschland öffentlich herausstellen
konnte, und zwar in dieser Reihenfolge: Juden, Mohammedaner und Christen aller
Konfessionen wetteifern in der Verehrung des großen Propheten" (XI, 4); daß Elija
aktuell - und wohl infolge dieser Bedeutung - als Patron von Bosnien - Herzegowina
erwähnt wird!? Welche Konsequenzen ziehen wir daraus hinsichtlich der Menschen in Israel
und Palästina? Welche hinsichtlich der Menschen aus den geliebten Völkern Bosnien
- Herzegowinas", wie Papst Johannes Paul II. sie mehrfach ansprach, aber auch aus dem
Kosovo und anderen Krisenregionen"?
5.4. Ganzheitliche Bildungsarbeit.
Durchaus in Geltung ist der Impuls Edith Steins schlechthin für kirchliche
Bildungsarbeit an Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen: nämlich den ganzen Menschen im
Blick zuhaben, sowohl auf der Bildnerseite" als auch auf der
Auszubildendenseite". Persönliches Vorbild und vor allem die Wahrung des
Freiraums für Gottes Wirken auf und in der individuellen Persönlichkeit kommt vor jeder
Methode und Methodenverliebtheit und anstelle des Wahns, Glauben oder andere
Erziehungsziele selbst produzieren zu müssen. Das erspart fundamentalistische
Anwandlungen und läßt Religion im ganzheitlichen Sinne ihren gebührenden Platz als
Wurzel und Grund allen Lebens" (VIII, 54; vgl. V, 83; XII, 98ff.) (wieder)
einnehmen, ohne aktueller religionsfreundlicher Gott- und Besinnungslosigkeit"
(J. B. Metz) zu verfallen.
5.5. Was Martyrium" heißen kann.
Die Auseinandersetzungen über Bedeutung und Berechtigung, von Edith Steins Vernichtung
als Martyrium" zu reden, dürften im Umfeld ihrer Seligsprechung 1987 eine
Klärung erfahren haben. Edith Stein teilte nicht als Katholikin, sondern als Angehörige
des jüdischen Volkes das Schicksal der Millionen Opfer des nationalsozialistischen
Rassenwahns! Nach allem, was die letzten - und überwiegend von jüdischen Menschen
stammenden - Zeugnisse erkennen lassen, ermöglichte ihr Glaube ihr - nicht exklusiv - die
p r a k t i s c h e
B e h a u p t u n g G o t t e s als der Wirklichkeit", die angesichts fremder und
eigener Bedrohung jeglichen Betroffenen im Tod nicht vernichtet sein läßt",
und die immer schon ausgeht von der Behauptung der Rettung des Vergangenen, des
Vernichteten, vom T o d d e s T o d e s" (H. Peukert). Ohne falsches Pathos und
Verklärung: sie konnte - wiederum nicht exklusiv - ihren Glauben an Gott als Schöpfer
des einen Menschengeschlechtes praktisch behaupten gegen allen Kriegs- und Rassenwahn,
gegen ethnische Säuberungen" aller Art, aus ihrem Glauben an Jesus Christus
und die Kraft seines Kreuzes, in letzter Solidarität bis in die Vernichtung hinein. Schon
anläßlich ihrer Seligsprechung 1987 sprach Papst Johannes Paul II. einfühlsam und
eindringlich vom Zeugnis des Lebens und Sterbens von Edith Stein, der herausragenden
Tochter Israels und Tochter des Karmel, ... die eine dramatische Synthese unseres
Jahrhunderts in ihrem reichen Leben vereint. Die Synthese einer Geschichte voller tiefer
Wunden, die noch immer schmerzen, für deren Heilung sich aber verantwortungsbewußte
Männer und Frauen bis in unsere Tage immer wieder einsetzen; und zugleich die Synthese
der vollen Wahrheit über den Menschen in einem Herzen, das so lange unruhig und
unerfüllt blieb, `bis es schließlich Ruhe fand in Gott´."
6. Edith Stein und das 3.
Jahrtausend der Kirche.
Am Ende dieses Jahrhunderts und Jahrtausends erschüttern manche Krisen die Kirchen,
zumal in Europa. Erlauben Sie mir abschließend einige dürftige, aber hilfreiche
Anregungen Edith Steins auszusprechen:
Unterscheiden wir die existentielle Gottesfrage und Gotteskrise vieler Menschen auch in
den eigenen Reihen" von hausgemachten und oft selbstverschuldeten
Kirchenkrisen. Stehen wir Gott in seinem Handeln an den Menschen und an der Kirche
möglichst wenig im Weg durch Bedauern des unwiderruflich Vergangenen; erfahren wir ihn
(neu) im eigenen, alltäglichen Leben und Ringen! Strapazieren wir nicht zu sehr die
unüberwindliche Liebe vieler Menschen zur Kirche, wenn sie sich aktuell in Leiden
an der Kirche", im Begehren" und in besorgter Kritik äußert; übersehen
wir dabei nicht, daß Widerwille gegen kirchliche Einrichtungen und
Glaubenszweifel" auch im Rahmen des mystischen Prozesses auftauchen können, und
fundieren wir diese Fragen aus der Tiefe unseres geschenkten Glaubens! Die
westeuropäische Finanzkrise auch der Kirche trägt sicher bald das Ihre bei, manches
kirchliche Leben in Überfluß und bürgerlicher Behaglichkeit", aber auch im
geistlichen und praktischen Anspruchsdenken, zurückzufahren zum Geist der heiligen
Armut" und zum Wiederfinden des armen Gekreuzigten" (XI, 130; vgl. I, 95).
Ein schmerzhafter, aber letztlich herzhafter und heilsamer und auch kirchlich
lebenssteigernder Prozeß am Ende vorwiegend abendländisch - bürgerlicher Religiosität.
Für diese und andere Entwicklungen, die der Herr" immer offensichtlicher mit
seiner" Kirche vorhat, sind wir um so gerüsteter, je weniger bloß
vordergründig dogmenfest ... im Vertrauen auf die Autorität von Menschen" wir
sind, je mehr aber wir verankert sind im lebendigen Glauben, der nicht folgenlos
bleiben kann" (VI, 194f.).
Ich danke für Ihre Geduld, und hoffe sehr und mit großer Freude, Ihnen hiermit einen
authentischen Schlüssel zu Edith Stein und ihren Absichten an die Hand geben zu können.
Und eventuell Ihren Appetit angeregt zu haben, mehr von ihr zu erfahren als in diese
45minütige Kostprobe gepaßt hat.
Felix M. Schandl
Wien
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