Als Edith Stein am 14. Oktober 1933 nach der feierlichen Ersten Vesper zum Fest der
hl. Teresa von Avila die Schwelle der Klausur des Kölner Karmel, der damals im Stadtteil
Lindenthal lag, überschritt, ging für sie ein langgehegter Wunsch in Erfüllung, bei dem
die hl. Teresa aus Avila gleichsam Pate stand. Sie ist für Edith von besonderer
Bedeutung. Ich möchte in meinem Vortrag dieser Bedeutung in drei Richtungen
nachspüren:
- Edith Stein begegnet Teresa von Avila;
- Edith Steins Teresa-Bild;
- Teresa und Edith Stein im Spiegel ihrer Selbstbiographien.
1. Edith Stein begegnet
Teresa von Avila
Der Bericht von Schw. Teresia Renata Posselt, Edith Steins erster Biographin, über
deren Bekehrung, ist inzwischen weltweit bekannt, obwohl er fast etwas Legendenhaftes an
sich hat. Die Autorin läßt Edith Stein erzählen: ...ich holte ein umfangreiches
Buch hervor. Es trug den Titel Leben der Heiligen Theresia von Avila, von ihr
selbst geschrieben. Ich begann zu lesen, war sofort gefangen und hörte nicht mehr auf bis
zum Ende. Als ich das Buch schloß, sagte ich mir: Das ist die Wahrheit".
Sie selbst hat in ihrem autobiographischen Bericht Wie ich in den Kölner Karmel kam
folgendes geschrieben: Etwa zehn Tage nach meiner Rückkehr aus Beuron kam mir der
Gedanke: Sollte es nicht jetzt endlich Zeit sein, in den Karmel zu gehen? Seit zwölf
Jahren war der Karmel mein Ziel. Seit mir im Sommer 1921 das Leben unserer hl.
Mutter Teresia in die Hände gefallen war und meinem langen Suchen nach dem wahren Glauben
ein Ende gemacht hatte". Die Bedeutung Teresas bei Edith Steins Konversion zum
Katholizismus steht außer Zweifel; das bestätigt auch P. Johannes Hirschmann SJ in einem
Brief vom 13. Mai 1950 an die damalige Priorin des Kölner Karmel, Schw. Teresia Renata
Posselt: Der Grund, warum sie, dem Christentum gewonnen, nicht wie ihr Lehrer
Husserl, ihre Freundin Hedwig Conrad-Martius oder wie Frau Reinach selbst evangelisch
wurde, sondern katholisch, war unmittelbar die Lesung des Lebens der heiligen Theresia.
Sie glaubte aber, daß der Schritt vorbereitet war durch den Einfluß Schelers, durch den
sie besonders in seiner katholischen Zeit angesprochen wurde." Von diesen
vorbereitenden Momenten gibt es mehrere, die ich als Schritte auf die Begegnung mit Teresa
von Avila hin bezeichnen möchte, durch die Edith Sein nicht in einem philosophischen,
sondern existentiellen Sinn die WAHRHEIT gefunden hat.
Als Ausgangspunkt für diese ihre Suche nach der Wahrheit können wir eine Art
religiöser Grundstimmung bezeichnen, die sich bereits in ihren Kinderjahren zeigt, so
wenn sie sagt: Aber in meinem Innern gab es noch eine verborgene Welt. Was ich am
Tage sah und hörte, das wurde dort verarbeitet...Wenn in meiner Gegenwart von einer
Mordtat gesprochen wurde, lag ich nachts stundenlang wach, und das Grauen kroch aus allen
dunklen Ecken auf mich zu...Von all diesen Dingen, an denen ich heimlich litt, sagte ich
niemandem je ein Wort." Edith wußte schon als Kind, daß es, um mit Teresa zu reden,
in uns etwas unvergleichlich Wertvolleres gibt, als was wir außerhalb von uns
sehen". Ausgehend von dieser inneren Welt, die für Edith unverzichtbar, ja geradezu
wesensgemäß war, in der sich ihr eigenes Leben abspielte, ist sogar ihre Entscheidung,
mir das Beten ganz bewußt und aus freiem Entschluß" abzugewöhnen, die sie
als Mädchen mit 15 Jahren getroffen hatte, nachvollziehbar, ja geradezu folgerichtig.
Trotz des tiefen Glaubens ihrer Mutter, die daraus lebte und für ihr Leben Kraft
schöpfte, hatte Edith den jüdischen Glauben offensichtlich niemals verinnerlicht,
sondern vor allem die Äußerlichkeiten an ihm wahrgenommen, die sie eher abstießen, wie
es an ihrer Beschreibung der Beerdigung eines Onkels deutlich wird: Die
Leichenreden...warfen einen Rückblick auf das Leben des Verstorbenen, hoben hervor, was
er Gutes getan...; etwas Tröstendes enthielten sie nicht...Dahinter stand kein Glaube an
ein persönliches Fortleben und an ein Wiedersehen nach dem Tod;" oder auch die
Beschreibung des Paschafestes im Familienkreis: Überhaupt litt die Weihe des Festes
darunter, daß nur meine Mutter und die jüngeren Kinder mit Andacht dabeiwaren. Die
Brüder, die anstelle des verstorbenen Vaters die Gebete zu sprechen hatten, taten es in
wenig würdiger Weise. Wenn der ältere nicht da war und der jüngere die Rolle des
Hausherrn übernehmen mußte, ließ er sogar deutlich merken, daß er sich innerlich über
all das lustig machte"; oder auch ihre Erklärung der relativen Häufigkeit von
Selbstmorden bei Juden und die talmudistischen Spitzfindigkeiten, die mich
abstießen". Bei einer solchen, ihrer Erfahrung nach veräußerlichten Frömmigkeit
kam in ihrem Inneren, wo sie so eigentlich lebte, nichts in Bewegung oder Schwingung; sich
diese Art des Frommseins und Betens abzugewöhnen, konnte ihr eigentlich nicht sehr schwer
gefallen sein, zumal die Entschlüsse aus einer mir selbst unbekannten Tiefe
emporstiegen". Über das, was in dieser Tiefe vor sich ging, konnte sie nicht einfach
verfügen, und das bedeutet, daß die religiöse Frage des entsprechenden Zeitpunkts
bedarf. So schreibt sie über ihre erste Bekanntschaft mit dem Evangelium in Ulfilas
Bibelübersetzung im Rahmen des Studiums des Althochdeutschen an der Breslauer
Universität, daß ich damals nicht religiös davon ergriffen wurde; ...und wir
hätten über religiöse Fragen ebenso offen wie über andere gesprochen, wenn sie uns
bewegt hätten"; und bei der Beschreibung ihres Weges zur Universität verrät sie
uns: In die schönen Kirchen ging ich nicht hinein... Ich hatte ja dort nichts zu
suchen."
Bei der für sie typischen und ausgeprägten Einfühlungsgabe, die sich bei ihr schon
von Kindesbeinen an deutlich zeigte, war es kaum anders zu erwarten, als daß es
Begegnungen mit anderen Menschen sein würden, die sie weiterbrachten, auch in der
religiösen Frage, sobald der richtige Zeitpunkt dafür gekommen war. Die Begegnung mit
der Phänomenologie, die Edith Stein als neue Scholastik" bezeichnet,
weil der Blick sich vom Subjekt ab- und den Sachen zuwendete: die Erkenntis schien
wieder ein Empfangen, das von denDingen sein Gesetz erhielt, nicht...ein Bestimmen, das
den Dingen sein Gesetz aufnötigte", diese Begegnung, allerdings nicht in Form der
Lektüre der Logischen Untersuchungen" Husserls, wiewohl ihre religiöse
Entwicklung ohne ihn undenkbar ist, sondern vermittelt durch Adolf Reinach und vor allem
durch Max Scheler, bewirkte einen Wandel in ihr. Sie schreibt darüber: Das war
meine erste Berührung mit dieser bis dahin völlig unbekannten Welt. Sie führte mich
noch nicht zum Glauben. Aber sie erschloß mir einen Bereich von Phänomenen,
an denen ich nun nicht mehr blind vorbeigehen konnte. Nicht umsonst wurde uns beständig
eingeschärft, daß wir alle Dinge vorurteilsfrei ins Auge fassen, alle
Scheuklappen abwerfen sollten. Die Schranken der rationalistischen Vorurteile,
in denen ich aufgewachsen war, ohne es zu wissen, fielen, und die Welt des Glaubens stand
plötzlich vor mir. Menschen, mit denen ich täglich umging, zu denen ich mit Bewunderung
aufblickte, lebten, darin. Sie mußten zumindest eines ernsten Nachdenkens wert sein.
Vorläufig ging ich noch nicht an eine systematische Beschäftigung mit den
Glaubensfragen; dazu war ich noch viel zu sehr von andern Dingen ausgefüllt. Ich
begnügte mich damit, Anregungen aus meiner Umgebung widerstandslos in mich aufzunehmen,
und wurde - fast ohne es zu merken - dadurch allmählich umgebildet". Im Rückblick
betrachtet war das ein sehr entscheidender Moment im Leben Edith Steins, was sie
allerdings beim Abschied in Breslau schon igendwie geahnt haben mag, denn im
tiefsten Herzen hatte ich aber - wie sie [die Mutter] wohl auch - eine geheime Ahnung,
daß es ein schärfer einschneidender Abschied sei". Es war aber zugleich auch der
Beginn eines schmerzvollen und langen Weges, denn bis zur Taufe in Bad Bergzabern waren es
noch gut vier Jahre. Doch war sie innerlich nun so weit, daß sie alle Dinge
vorurteilsfrei ins Auge faßte". Von dieser Einstellung her ist es verständlich,
daß die drei windzersausten Bäume auf einem kahlen Hügel in der Umgebung von Göttingen
mich immer an die drei Kreuze auf Golgotha erinnerten", daß sie das dreimalige
Läuten der Glocke von St. Albani wahrnahm, ohne dessen Bedeutung zu kennen, daß
ich in Göttingen Ehrfurcht vor Glaubensfragen und gläubigen Menschen gelernt
hatte" und sogar mit meinen Freundinnen manchmal in eine protestantische Kirche
ging, und daß sie selbst beim Lazarettdienst in Mährisch-Weiskirchen 1915 für
religiöse Phänomene" offen war: Als ich die paar Habseligkeiten
ordnete, fiel mir aus dem Notizbuch des Verstorbenen [eines Soldaten] ein Zettelchen
entgegen: es stand ein Gebet um Erhaltung seines Lebens darauf, das ihm seine Frau
mitgegeben hatte. Das ging mir durch und durch. Ich empfand jetzt erst, was dieser
Todesfall menschlich zu bedeuten hatte". Eine solche innerliche Disposition gibt auch
eher unscheinbaren Erlebnissen, die Edith Stein im Sommer 1916 in Frankfurt am Main hatte,
eine besondere Bedeutung: Wir traten für einige Minuten in den Dom, und während
wir in ehrfürchtigem Schweigen dort verweilten, kam eine Frau mit ihrem Marktkorb herein
und kniete zu kurzem Gebet in einer Bank nieder. Das war für mich etwas ganz Neues. In
die Synagogen und in die protestantischen Kirchen, die ich besucht hatte, ging man nur zum
Gottesdienst. Hier aber kam jemand mitten aus den Werktagsgeschäften in die menschenleere
Kirche wie zu einem vertrauten Gespräch. Das habe ich nie vergessen können". Oder
auch der Besuch im Liebiegschen Institut, wo Myrions Athena steht: Aber ehe
wir zu ihr gelangten, kamen wir in einen Raum, wo von einer Flämischen Grablegung aus dem
16. Jahrhundert vier Figuren ausgestellt waren: die Mutter Gottes und Johannes in der
Mitte, Magdalena und Nikodemus an den Seiten. Das Corpus Christi war nicht mehr vorhanden.
Diese Figuren waren von so überwältigendem Ausdruck, daß wir uns lange nicht davon
losreißen konnten. Und als wir von dort zur Athena kamen, fand ich sie nur überaus
anmutig, aber sie ließ mich kalt", das bedeutet, daß Edith Stein in diesem Moment
geradezu Hunger nach religiösen Phänomenen hatte, denn, so sagt sie: Erst viele
Jahre später habe ich bei einem erneuten Besuch den Zugang zu ihr gefunden", oder
auch der Eindruck, den eine Simultankirche in Heidelberg auf sie machte, was sich
tiefer eingeprägt hat als dieses Weltwunder" (die Minnesängerhandschriften in der
Universitätsbibliothek).
Durch diese Erfahrungen gleichsam vorbereitet, konnte es nicht ausbleiben, daß die
Begegnung mit Anne Reinach, deren Mann im Februar 1917 in Flandern gefallen war, in Edith
eine tiefgreifende Umwälzung ausgelöst hat. Davon berichtet als erster P. Johannes
Hirschmann SJ in dem oben zitierten Brief vom 13. Mai 1950 an Schw. Teresia Renata
Posselt: Der entscheidendste Anlaß zu ihrer Konversion zum Christentum war, wie sie
mir erzählte, die Art und Weise, wie die ihr befreundete Frau Reinach in der Kraft des
Kreuzesgeheimnisses das Opfer brachte, das ihr durch den Tod ihres Mannes an der Front des
ersten Weltkrieges auferlegt war. In diesem Opfer erlebte sie den Erweis der Wahrheit der
christlichen Religion und ward ihr geöffnet. Sie weilte damals nach dem Tode von Reinach
in dessen Haus, um seinen Nachlaß durchzusehen". Von diesem Wandel geben auch die in
diesen Jahren, 1918-1921, abgefaßten Schriften Zeugnis, obwohl sie nicht direkt
religiöse Themen behandeln, sowie ihre Briefe. F. J. Sancho Fermín sagt darüber:
Es besteht kein Zweifel, daß sie nun eine bis zu einem gewisen Punkt dramatische
Situation durchlebt: Glauben wollen und es doch nicht vermögen; ein Glauben, das kommt
und geht; ein intellektuelles Erahnen der Wahrheit in Gott, aber sie noch nicht
lebensmäßig zu erfahren; sich von ihr angezogen, aber noch nicht vollständig davon
durchdrungen zu fühlen".
Nach allem, was sie bisher durchgemacht hatte, wäre eine Konversion zum
Protestantismus naheliegend gewesen, sobald sie sich einmal dazu durchgerungen hatte,
zumal verschiedene Freunde aus dem Kreis um Husserl diesen Schritt gemacht haben, doch sie
schreibt, daß die Vermischung von Politik und Religion, die dort [in den
protestantischen Kirchen] vorherrschte, mich freilich nicht zur Kenntnis eines reinen
Glaubens führen konnte und mich auch oft abstieß". Andererseits bedeutete eine
Konversion zum Katholizismus eine noch größere Tragödie für ihre Familie, besonders
für ihre Mutter. Doch Edith ging ihren Weg konsequent weiter; Hilfen dabei waren die
Lektüre von Möhlers Symbolik, die Confessiones von Augustinus und
auch die Exerzitien von Ignatius von Loyola. Doch ist es schließlich erst die
Begegnung mit Teresa von Avila gewesen, im Sommer 1921, die Edith Stein zur
Wahrheit" und somit zur Entscheidung gebracht hat, sich in der katholischen
Kirche taufen zu lassen.
2. Edith Steins Teresa-Bild
Edith Stein hat sich in drei Abhandlungen direkt über Teresa von Avila
geäußert:
- Liebe um Liebe. Leben und Wirken der heiligen Teresa von Jesus, entstanden Ende 1933,
Anfang 1934;
- Eine Meisterin der Erziehungs- und Bildungsarbeit: Teresia von Jesus, entstanden 1935;
- Die Seelenburg, entstanden Anfang 1936, als Ergänzung zu Endliches und Ewiges Sein.
Diese drei, von ihrer Intention und ihrem Aufbau her sehr unterschiedlichen Schriften
bilden die Grundlage für den Versuch, Edith Steins Teresa-Bild nachzuzeichnen. Bei der
ersten Abhandlung geht es darum, Leben und Wirken Teresas von Avila bekannt zu machen; bei
der zweiten, vom angezielten Leserkreis - Lehrerinnen - her, um die Darstellung Teresas
als Meisterin der Erziehungs- und Bildungsarbeit, und bei der dritten möchte die Autorin
mit Hilfe der Seelenburg Teresas etwas darüber sagen, wie sich meine
Ausführungen [in Endliches und Ewiges Sein] über den Bau der menschlichen Seele
zu jenem Werk verhalten".
Angesichts der neuen historischen Erkenntnisse, die wir seit dem Entstehen dieser
Schriften über Teresa von Avila gewonnen haben, erweist sich Edith Stein auf diesem
Gebiet ganz und gar als Kind ihrer Zeit. Das wird besonders deutlich, wenn sie über Heimat
und Elternhaus Teresas berichtet: Als sie [Teresa] zur Welt kam, waren erst etwa
zwanzig Jahre verflossen, seit die letzten Mauren aus Spanien vertrieben waren und die
ganze Halbinsel im katholischen Glauben geeint wurde. Acht Jahrhunderte unablässiger
Kämpfe zwischen Kreuz und Halbmond lagen hinter dem spanischen Volke. In diesen Kämpfen
war es zu einem Heldenvolk, zu einer Heerschar Christi des Königs herangeblüht. Teresas
engere Heimat, das alte Königreich Kastilien, war die feste Burg, von der aus das Kreuz
in zähem Ringen allmählich nach Süden vorgetragen wurde; die kastilischen Ritter
bildeten die Kerntruppe des Glaubenheeres. Aus einem solchen Heldengeschlecht stammt die
kühne Gottesstreiterin...Von altem Adel waren die Eltern, Alonso Sánchez de Cepeda und
seine zweite Gemahlin, Beatriz de Ahumada. Nach der Sitte ihrer Zeit und ihres Landes
wurde sie mit dem Namen der Mutter Teresa de Ahumada genannt". Inzwischen haben wir
gelernt, die Geschichte Spaniens differenzierter zu betrachten, wobei das Zusammenleben
der drei monotheistischen Religionen unter den Mauren über lange Zeit als ein Glücksfall
gilt, der eine hohe kulturelle Blüte hervorgebracht hat, so daß Spanien am Ende der
Reconquista nicht einfach an dem Punkt weitermachen konnte, an dem das westgotische
christliche Reich 711 aufgehört hatte, wie es gemäß der traditionellen Sicht der
spanischen Geschichte gesagt wird. Aber vor allem wissen wir heute, daß Teresa nicht aus
einem alten Adelsgeschlecht stammt, sondern einen Vater hat, der noch als Jude geboren
wurde, so daß sie zur diskriminierten Bevölkerungsschicht der Conversos gehört, was das
Verständnis und die Interpretation ihrer Persönlichkeit und auch ihrer Schriften
grundlegend verändert. Doch als Edith Stein ihre Abhandlungen schrieb, feierte man Teresa
als höchste Synthese der Rasse", wie der Titel eines Buches von Silverio de
Santa Teresa lautet, das 1939 erschien. So wird es verständlich, daß die ersten Hinweise
auf Teresas jüdische Abstammung, die sieben Jahre später auftauchten, also nur vier
Jahre nachdem Edith Stein Opfer eines rassistischen Regimes geworden war, lange Zeit auf
großen Widerstand stießen und nur sehr zögerlich rezipiert wurden. Schade, daß Edith
Stein nicht mehr erfahren hat, daß die von ihr so hochgeschätzte und für sie so
wichtige heilige Mutter" so wie sie jüdischer Abstammung war!
Doch abgesehen von dieser historischen Einordnung Teresas erweist sich Edith Stein in
mehrfacher Hinsicht als eine gute Kennerin ihrer hl. Mutter. Das erste, was in diesem
Zusammenhang auffällt, ist die Bedeutung des Betens, genauer des inneren Betens, das
Edith bei Teresa vorfindet. Davon ist ihr Teresa-Bild in erster Linie geprägt. So
charakterisiert sie die junge Novizin: Aber die vorgeschriebenen Gebetszeiten
genügten ihrem Eifer nicht. Sie verbrachte auch die freien Stunden am liebsten in stiller
Betrachtung vor dem Tabernakel. Es blieb nicht aus,daß ihr dies bei minder
gebetsliebenden Seelen den Vorwurf der Übertriebenheit eintrug. Aber sie ließ sich durch
nichts auf ihrem Wege aufhalten". Und als Teresa auf dem Weg zur heilkundigen
Frau" in Becedeas einige Monate bei ihrer Schwester verbrachte, vermerkt Edith Stein:
Obgleich sie hier wie in früheren Jahren von der Liebe der Ihren umgeben war und
sich ihnen mit aller Herzlichkeit widmete, wußte Teresa doch den Tag so einzuteilen, daß
ihr genügend Zeit zu einsamen Gebet blieb...Trotz aller qualvollen Schmerzen setzte sie
beharrlich das betrachtende Gebet nach der Anleitung ihres Wegweiser [Francisco de Osuna]
fort." Bevor sie nun, dem Aufbau der Vida Teresas folgend, die vier
Gebetsstufen erklärt, gewährt sie uns einen Blick auf ihre Art zu beten: Das Gebet
ist der Verkehr der Seele mit Gott. Gott ist die Liebe, und die Liebe ist sich selbst
verschenkende Güte; eine Seinsfülle, die nicht in sich selbst beschlossen bleiben,
sondern sich andern mitteilen, andere mit sich beschenken und beglücken will. Dieser sich
selbst ausspendenden Gottesliebe verdankt die ganze Schöpfung ihr Dasein. Die höchsten
aller Geschöpfe aber sind die geistbegabten Wesen, die Gottes Liebe verstehend empfangen
und frei erwidern können: die Engel und Menschenseelen. Das Gebet ist die höchste
Leistung, deren der Menschengeist fähig ist. Aber es ist nicht allein menschliche
Leistung. Das Gebet ist eine Jakobsleiter, auf der des Menschen Geist zu Gott empor- und
Gottes Gnade zum Menschen herniedersteigt. Die Stufen des Gebets unterscheiden sich nach
dem Maß des Anteils, den die natürlichen Kräfte der Seele und Gottes Gnade daran haben.
Wo die Seele nicht mehr mit ihren Kräften tätig ist, sondern nur noch ein Gefäß, das
die Gnade in sich empfängt, spricht man von mystischem Geschehen".
Vom inneren Beten her definiert Teresa in Edith Steins Darstellung nun auch ihr
Lebensideal, das in ihren neugegründeten Klöstern gelebt werden und entsprechend
geprägte Menschen anziehen soll: Das Lebensideal war es, wozu es sie [Teresa]
hinzog, seitdem sie erfahren hatte, was der innere Verkehr der Seele mit Gott bedeutet.
Die Lebensform, die das innere Gebet in den Mittelpunkt stellt und alle Hindernisse aus
dem Weg räumt, mit denen sie bisher in den 26 Jahren ihres Klosterlebens hatte kämpfen
müssen, fand sie in der ursprünglichen Regel unseres Ordens, wie sie der heilige
Patriarch Albertus von Jerusalem um das Jahr 1200 für die Einsiedlerbrüder auf dem
Karmel aufgezeichnet hatte."
Das innere Beten ist schließlich auch das erste Kriterium bei der Aufnahme von
Kandidatinnen: Erste Vorbedingung für das Gelingen des Erziehungswerkes ist
Vorsicht bei der Aufnahme von Kandidatinnen: wenn sie nicht dem Gebet ergeben
sind, aufrichtig nach Vollkommenheit streben und die Dinge der Welt verachten,
besteht keine Aussicht, daß sie ans Ziel kommen."
Und selbst bei ihrer Darstellung der Inneren Burg Teresas stellt Edith Stein in
ihrer Schrift Die Seelenburg bei der Auseinandersetzung mit den verschiedenen
Strukturen der Seele die Frage, ob es vielleicht noch eine andere Pforte gebe
als die des Gebets." Nachdem sie drei mögliche Zugänge ins Innere des Menschen
dargestellt hat - Eine Möglichkeit des Zugangs ins Innere ergibt sich aus dem
Verkehr mit anderen Menschen". Ein anderer Antrieb zur Hinwendung auf das
eigene Selbst ergibt sich erfahrungsgemäß rein durch das Erstarken des Eigenwesens in
der Zeit des Reifens vom Kinde zum Jugenlichen". Und denken wir schließlich an
die wissenschaftliche Erforschung der inneren Welt..." - und zum Schluß gekommen
ist, daß man von der Seelenburg nur die Ringmauern stehen ließ, und auch
von ihnen nur Trümmer", drängt sich ihr die Frage auf, ob nicht am Ende doch
die Pforte des Gebets der einzige Zugang zum Innern der Seele sei". Als einen
gewissen Beweis gelten ihr die Bahnbrecher der neuesten Geistes- und Seelenwissenschaftler
- Dilthey, Brentano, Husserl und ihre Schülerkreise -, von denen sie zwar nicht den
Eindruck hat, als ob sie religiös bestimmt wären und...durch die Pforte des
Gebetes eigegangen waren", doch wird man nicht leicht ein bloßes
Nebeneinander annehmen, sondern einen tiefen inneren Zusammenhang vermuten dürfen."
Daraus schließt Edith, daß selbst in der modernen wissenschaftlichen Auseinandersetzung
und der Diskussion über den Aufbau der Seele Teresas zentrale Sicht des
Betens" ihre Gültigkeit behalten hat.
Ein zweiter charakteristischer Zug Teresas, der in Edith Steins Darstellung ins Auge
fällt, ist die pädagogische oder menschenbildnerische Begabung, die sie ihrer heiligen
Mutter zuspricht, und der diese vor allem durch ihre Tätigkeit als Gründerin von neuen
Kommunitäten gerecht wird. Ausgangspunkt dafür ist Ediths Überzeugung, daß einer
so liebevollen Seele es nicht genügen konnte, für ihr eigenes Heil Sorge zu tragen und
durch eigene Vollkommenheit dem Herrn Freude zu bereiten", d. h. Edith Stein ist
überzeugt, daß Teresas Sorge für ihre Mitmenschen, also der apostolische Geist, eine
Frucht ihrer Liebe zu Gott ist, denn wer liebt, den drängt es, etwas für den
Geliebten zu tun". Das bewies sich z. B. bei der Art und Weise, wie Teresa im Oktober
1571 das ihr gegen den Willen der Schwestern auferlegte Amt der Priorin in ihem
Heimatkloster annahm, wo es beim Amtsantritt zu einer offenen Rebellion gegen die neue
Priorin gekommen war. Edith Sein schreibt: Wie groß war ihr [der Schwestern]
Erstaunen, als sie auf das Glockenzeichen hin den Kapitelsaal betraten und auf dem Stuhl
der Priorin die Statue Unserer Lieben Frau, der Königin des Karmel, erblickten, in ihren
Händen die Schlüssel des Klosters, zu ihren Füßen die neue Priorin. Die Herzen waren
überwunden, ehe noch Teresa das Wort ergriff und ihnen in ihrer unwiderstehlich
liebenswürdigen Weise auseinanderlegte, wie sie ihr Amt auffaßte und führen wollte.
Unter ihrer weisen und maßvollen Leitung, vor allem durch den Einfluß ihres Wesens und
Wandelns wurde in kurzer Zeit der Geist des Hauses erneuert."
Noch deutlicher wird Edith Stein, wenn sie von Teresas Einfluß auf Johannes vom Kreuz
spricht: Es ist wohl nicht zu viel gesagt, daß die Begegnung mit der Heiligen für
Johannes vom Kreuz von entscheidender Bedeutung war und daß er in ihrer Schule ein
anderer wurde, als er vorher war. Damit soll nicht gesagt werden, daß er ihr seine
Heiligkeit verdanke. Unsern Vater Johannes möchte man einen geborenen Heiligen
nennen...Nicht das war es also, wozu ihn die heilige Mutter heranbilden mußte. Aber zu
einem Vater der Reform gehörte noch etwas anderes. Er war keine geborene Führernatur wie
Teresia. Er war ein Einsiedler, der nach einem stillen und verborgenen Leben verlangte.
Wenn wir nun sehen, wie er bald nach der Trennung von der heiligen Mutter, von der elenden
Hütte in Duruelo aus - der Wiege der Reform - dem Landvolke der Umgebung predigte, wie er
etwas später im ersten Noviziat des Ordens zu Pastrana den jungen Nachwuchs nach seinem
Bilde formt, im ersten Ordenskolleg zu Alcalá die Studien leitet, im Kloster der
Menschwerdung in Ávila als Beichtvater der Nonnen der heiligen Mutter beisteht, um den
gesunkenen Geist dieses ihres alten Heimatklosters zu erneuern; wenn wir seine Briefe
lesen, in denen er sich als ein erleuchteter und unbeirrter Seelenführer zeigt; wenn wir
in seinen mystischen Schriften den großen Kirchenlehrer kennenlernen, dann glauben wir
das Meisterwerk zu sehen, das die Hand der heiligen Mutter, vom Heiligen Geist geführt,
gebildet hat. Er selbst mag etwas davon empfunden haben, als er vor seinem Aufbruch nach
Duruelo beim Abschied vor ihr niederkniete und um ihren Segen bat".
Teresas Seelenkunde und ihre Erfahrung werden für Edith Stein auch bedeutsam, wenn es
um die verantwortungsvolle Entscheidung des Menschen geht, denn der Mittelpunkt der
Seele ist der Ort, von dem aus die Stimme des Gewissens sich vernehmen läßt, und der Ort
der freien persönlichen Entscheidung. Weil es so ist und weil zur liebenden Vereinigung
mit Gott die freie persönliche Hingabe gehört, darum muß der Ort der freien
Entscheidung zugleich der Ort der freien Vereinigung mit Gott sein. Von hier aus wird auch
verständlich, warum von der heiligen Mutter Teresia...die Hingabe des Willens an den
göttlichen als das Wesentlichste an der Vereinigung angesehen wird: die Hingabe unseres
Willens ist das, was Gott von uns allen verlangt und was wir leisten können. Sie ist das
Maß unserer Heiligkeit. Sie ist zugleich die Bedingung der mystischen Vereinigung, die
nicht in unserer Macht steht, sondern freies Geschenk Gottes ist. Darum ergibt sich aber
auch die Möglichkeit, vom Mittelpunkt der Seele aus zu leben, sich selbst und sein Leben
zu gestalten, ohne mystisch begnadet zu sein". Damit fallen nach Teresas Meinung, so
wie Edith Stein sie sieht, die verantwortungsvolle Entscheidung des Menschen, die sich im
Mittelpunkt der Seele vollzieht, und die freie Vereinigung des Menschen mit Gott, die
ebenfalls im Mittelpunkt der Seele geschieht, zusammen. So wird Teresa für Edith zur
Garantin dafür, daß jemand, der aus Verantwortung heraus Entscheidungen trifft, aus dem
Mittelpunkt seiner Seele heraus handelt, also von da aus, wo Gott wohnt; vielleicht
dürfen wir auch hier anfügen: ...ob es ihm klar ist oder nicht". Und da
die Hingabe unseres Willens das ist, was Gott von uns allen verlangt und was wir
leisten können", wird Teresa zur Lehrmeisterin eines Handelns aus
verantwortungsvoller Entscheidung heraus.
Edith Stein sieht in Teresa vor allem die große Beterin, wobei Beten" bei
ihr ein existentieller Grundvollzug und nicht einfach das Verrichten" von
Gebeten ist, eben ein trato de amistad"; ihm entströmen alle ihre
Aktivitäten, vor allem auch ihr Apostolat, das letzten Endes in der Hinführung der
Menschen zu dieser Art des Betens ist. Das ist die beste Art von Menschenführung, die
Edith Stein mit Recht an ihrer geistlichen Mutter hervorhebt.
3. Teresa von Avila und Edith Stein im Spiegel ihrer
Selbstbiographien
Als Edith Stein im Sommer 1921 die Selbstbiographie Teresas von Avila gelesen hat und
durch sie zur Entscheidung gekommen ist, sich in der katholischen Kirche taufen zu lassen,
hat sie wohl nicht daran gedacht, daß sie eines Tages auch eine Selbstbiographie
schreiben würde, die in unserer Zeit vielen Menschen Licht und Weisung auf ihrem Weg ist.
Im Vorwort erklärt sie, warum sie sich ans Schreiben machte: Die letzten
Monate - Edith schreibt im September 1933 - haben die deutschen Juden aus der ruhigen
Selbstverständlichkeit des Daseins herausgerissen. Sie sind gezwungen worden, über sich
selbst, ihr Wesen und ihr Schicksal, nachzudenken...Ich habe in diesen Monaten immer
wieder an eine Unterredung denken müssen, die ich vor einigen Jahren mit einem Priester
und Ordensmann hatte. Es wurde mir darin nahegelegt aufzuschreiben, was ich als Kind einer
jüdischen Familie an jüdischem Menschentum kennengelernt habe, weil Außenstehende so
wenig von diesen Tatsachen wüßten". Sie schreibt also nicht von sich aus, etwa nach
Art von Memoiren, ähnlich wie auch Teresa, die auch im Auftrag schreibt: Ich wollte
lieber, da man mir aufgetragen und eine umfassende Erlaubnis gab, meine Gebetsweise und
die Gnaden zu beschreiben, die mir der Herr erwiesen hat, daß man mir erlaubt hätte,
ganz genau und klar meine großen Sünden und mein verkommenes Leben zu
beschreiben..." Beide Heiligen erfüllen also mit ihrer Selbstbiographie einen
Auftrag oder gehen auf eine Bitte ein.
Außer dieser eher formalen Übereinstimmung, die allerdings auch ihre Bedeutung hat,
ist es vor allem die Wahrheit oder Wahrhaftigkeit, also das Bemühen, wahrheitsgemäß zu
schreiben und zu berichten, das bei beiden auffällt. So können wir immer wieder
feststellen, daß sie Negatives und Positives über sich berichten, wie in folgenden
Texten von Edith Stein: In den ersten Lebensjahren war ich von einer quecksilbrigen
Lebhaftigkeit..., keck und naseweis, dabei unbezähmbar eigenwillig und zornig, wenn etwas
gegen meinen Willen ging". Aber auch: Die erste große Umwandlung vollzog sich
in mir, als ich etwa 7 Jahre alt war...Der alte Eigenwille schien verschwunden, ich war in
den folgenden Jahren ein leicht lenksames Kind. Hatte ich mir eine Unfolgsamkeit oder eine
ungezogene Antwort erlaubt, so bat ich bald wieder um Verzeihung, obwohl mich das jedesmal
die größte Überwindung kostete..." Als sie ins Gymnasium kam, wußte sie anfangs
nicht Bescheid, ob in puncto Vorsagen und Abschreiben im Gymnasium dieselben
Bräuche herrschten wie in der Mädchenschule. Bei der ersten Klassenarbeit klärte mich
ein freundlicher Rippenstoß meiner Nachbarin darüber auf. Seitdem wußte ich, was ich zu
tun hatte, und legte mein Heft immer so, daß die Nachbarin bequem hineinblicken
konnte". Oder noch negativer: Ja, ich war so albern, daß ich mich der
Arbeitskleidung und der harten Arbeitshände meiner lieben Mutter schämte, wenn sie
gerade vom Holzplatz heimkam". Aber es fehlt auch nicht an positiven Aussagen:
Wenn die Kommilitonen mir von ihren Doktor- und Staatsarbeiten sprachen, so erlaubte
mir eine leichte Auffassungsgabe und eine ungewöhnliche Fähigkeit, sich in andere
hineinzudenken, ihnen im Augenblick zu folgen, vielleicht sogar kritische und anregende
Bemerkungen einzustreuen. Das erweckte den Anschein, daß ich ihnen gleichstünde, und
täuschte auch mich selbst". Ähnlich auch folgende Aussage: Ich hatte ein
ausgezeichnetes Pesonengedächtnis und erkannte jeden Menschen, den ich einmal richtig
erfaßt hatte, noch nach Jahren wieder. Ich hatte auch noch nie etwas von Abtötung
der Augen gehört und sah mir die Leute, die mich interessierten, scharf und
gründlich an". Von ihrem Lazarettdienst berichtet sie: Da ich
selbstverständlich bescheiden, wie es sich gehörte, um das Fehlende bat und versprach,
das Geliehene nach der Benützung zurückzubringen, wurde mir kaum je etwas
abgeschlagen". Oder das Urteil eines Arztes über Edith an seinen Kollegen: Ich
mache dich besonders auf unser Stationstagebuch aufmerksam. Es ist tadellos in Ordnung,
Schwester Edith hat es geführt". Hier und in vielen anderen Texten spürt man das
Bemühen von Edith Stein, wahrheitsgemäß zu berichten, eine Eigenschaft, die ihr sicher
geholfen hat, im Lebensbericht Teresas die Wahrheit zu entdecken.
Die Wahrheit meiner Kindheit" ist es, die beim Lesen der Vida Teresas
gleich in den ersten Kapiteln auffällt, womit die Heilige ihre Vergänglichkeitserfahrung
meint, die sie mit Hilfe der Heiligenlegenden gewonnen hat: Indem wir das [die ewige
Dauer von Lohn und Strafe] lange vor uns hersagten, gefiel es dem Herrn, daß sich in
meiner Kindheit der Weg der Wahrheit eingeprägte". Und so wichtig ist ihr diese
Wahrheit meiner Kindheit", daß sie nach ihrer Jugendkrise durch das Lesen
guter Bücher bei ihrem Onkel Pedro wieder darauf zu sprechen kommt: Ich verstand
allmählich wieder die Wahrheit meiner Kindheit, daß nämlich alles nichts ist, und die
Vergänglichkeit der Welt, und wie alles in kurzer Zeit vergeht". Wahr sein,
wahrhaftig sein" ist wie ein roter Faden, der sich durch die ganze Vida zieht
und sogar in der Sprache seinen Ausdruck findet, wenn Teresa ihre Gedanken immer wieder
mit me parece - es scheint mir" oder ähnlich ausdrückt, um nur ja nicht etwas
zu behaupten, was nicht stimmt, aber dann auch zur rechten Zeit sagt: Über das, was
ich aus Erfahrung weiß, kann ich sprechen, und das ist folgendes..." Ihren
Höhepunkt findet diese Wahrheitsliebe in der Erfahrung Gottes als höchster Wahrheit:
Ich hatte keinen Zweifel, daß das eine Illusion war. Ich sah zwar nichts, aber ich
verstand das große Gut, das darin besteht, auf das, was uns nicht hilft, Gott näher zu
kommen, nichts zu geben, und so verstand ich, was es bedeutet, wenn ein Mensch in Wahrheit
vor der WAHRHEIT selbst wandelt. Das, was ich verstand, ist, daß der Herr mir zu
verstehen gab, daß er die WAHRHEIT selbst ist...Ich verstand ganz große Wahrheiten über
diese WAHRHEIT, mehr als wenn mich viele Theologen darin unterrichtet hätten. Mir
scheint, daß sie sie mir in keiner Weise so einprägen könnten, noch sich mir die
Nichtigkeit der Welt so klar zu verstehen geben könnte. Diese Wahrheit, die ich meine,
und die sich mir zu verstehen gab, ist in sich selbst Wahrheit, und sie ist ohne Anfang
und ohne Ende, und alle anderen Wahrheiten hängen von ihr ab, wie jede andere Liebe von
dieser Liebe, und alle anderen Herrlichkeiten von dieser Herrlichkeit, wenn das auch
unklar ausgedrückt ist im Hinblick auf die Klarheit, mit der der Herr mir all das zu
vestehen geben wollte." Vielleicht können wir nachempfinden, wie es Edith Stein
ergangen ist, als sie - nach all den oben genannten vorbereitenden Schritten - im Sommer
1921 diesen Text gelesen hat: Die Wahrheit, die ich meine, von der alle anderen
Wahrheiten abhängen..." Und Teresa hat keine Scheu, die WAHRHEIT sofort anzureden
als O meine Größe und Majestät! Schau, wem du diese so erhabenen Gnaden
erweisest! Erinnnerst du dich nicht, daß diese Seele ein Abgrund von Lügen und ein Ozean
von Nichtigkeiten gewesen ist, und das alles durch meine Schuld?" Die
WAHRHEIT eine Person, die Teresa Gnaden schenkt: Das hat Edith Stein kein Professor
gesagt!
Unverdienbarkeit, Geschenk, Gnade ist ein zweiter Erfahrungsbereich, der in den
Selbstbiographien der beiden heiligen Karmelitinnen einen breiten Raum einnimmt. Teresa
betont das immer wieder, hat diese Erfahrung aber am meisten im Zusammenhang mit dem
gemacht, was den Sinn ihres Lebens ausmachte, nämlich dem Beten, wo sie auch am meisten
ihre Grenzen zu verspüren bekommen hat. Sie schreibt im Rückblick auf ihre große Krise,
während der sie das innere Beten, also das Leben in einer persönlichen Beziehung mit dem
menschgewordenen Gott, aufgegeben hat: Meine Seele war schon ganz müde, aber ihre
schlechten Angewohnheiten ließen sie immer noch nicht in Ruhe, so sehr sie es auch
wollte". Damit spielt sie auf die fast 20 Jahre währende Zeit an, in der sie sich
bemüht hat, aber immer wieder gestürzt und gefallen ist, so daß ich mich zu
fürchten begann, Gebet zu halten, da ich mich so verkommen sah. Es schien mir besser,
mich so zu verhalten, wie die vielen..., und meine Pflichtgebete zu verrichten und
mündlich zu beten, das innere Beten aber und den vertrauten Umgang mit Gott nicht mehr zu
pflegen", und zwar nicht einfach aus Nachlässigkeit, sondern weil ich mich
schämte, in einer so besonderen Freundschaft, wie es das Beten ist, mich Gott erneut
zuzuwenden". Sie nahm zwar dann das innere Beten wieder auf, doch die mehrere Jahre
andauernde Erfahrung ihres Versagens endete für sie in einer totalen Ohnmacht, die sie so
beschreibt: Ich hatte zu mir gar kein Vertrauen mehr, sondern setzte mein ganzes
Vertrauen auf Gott...Das Vertrauen auf seine Barmherzigkeit habe ich niemals verloren, das
Vertrauen auf mich aber schon oft...Es wird mir heute noch Angst, wie wenig ich von mir
aus fertigbrachte, und wie sehr ich verstrickt war, um mich ja nicht zur Ganzhingabe an
Gott zu entschließen". Das ist Teresas Ohnmachtserfahrung, der Moment in ihrem
Leben, wo sie sich, aufgelöst in Tränen, vor dem Leidensmann niederwarf und ihn
bat, mir ein für allemal Kraft zu geben, ihn nicht mehr zu beleidigen". Wir nennen
dieses Ereignis heute ihre endgültige Bekehrung, denn sie hat von Gott eine dauerhafte
Hilfe erhalten, doch vergessen wir nicht, daß Teresa zunächst einmal am Ende war;
allerdings konnte sie dann umso mehr auch verspüren, was Gnade heißt: unverdientes
Geschenk!
Für Edith Stein brachte offensichtlich das Wintersemester 1913/14, also ihr zweites
Semester in Göttingen, eine ähnliche Erfahrung, die wahrscheinlich darauf
zurückzuführen ist, daß sie sich zu viel vorgenommen hatte. Doch hören wir sie selbst:
Meine Tage waren recht lang; ich stand früh um sechs auf und arbeitete bis
Mitternacht, fast ohne Unterbrechungen...Ich las Buch um Buch, machte große Auszüge, und
je mehr Material sich ansammelte, desto wirbliger wurde es in meinem Kopf....Dieses Ringen
nach Klarheit vollzog sich nun in mir unter großen Qualen und ließ mir Tag und Nacht
keine Ruhe. Damals habe ich das Schlafen verlernt, und es hat viele Jahre gedauert, bis
mir wieder ruhige Nächte geschenkt wurden. Nach und nach arbeitete ich mich in eine
richtige Verzweiflung hinein. Es war zum ersten Mal in meinem Leben, daß ich vor etwas
stand, was ich nicht mit meinem Willen erzwingen konnte. Ohne daß ich es wußte, hatten
sich die Kernsprüche meiner Mutter: Was man will, das kann man und Wie
man sichs vornimmt, so hilft der liebe Gott ganz tief in mir festgesetzt. Oft
hatte ich mich damit gerühmt, daß mein Schädel härter sei als die dicksten Mauern, und
nun rannte ich mir die Stirn wund, und die unerbittliche Wand wollte nicht nachgeben. Das
brachte mich so weit, daß mir das Leben unerträglich schien. Ich sagte mir oft selbst,
daß das ja ganz unsinnig sei...Aber die Vernunftgründe halfen nichts. Ich konnte nicht
mehr über die Straße gehen, ohne zu wünschen, daß ein Wagen über mich hinwegführe.
Und wenn ich einen Ausflug machte, dann hoffte ich, daß ich abstürzen und nicht lebendig
zurückkommen würde. Es ahnte wohl niemand, wie es in mir aussah". Den Ausweg aus
dieser Sackgasse bot Edith Stein Husserls Assistent Adolf Reinach, ihr Retter aus
der Not", der mir wie ein guter Engel erschien".
Bemühen um Wahrhaftigkeit und Erfahrung von Ohnmacht, aus der nicht das eigene
Bemühen, sondern unverdiente Hilfe, religiös gesprochen Gnade, herausführt, sind
zwei Grunderfahrungen, die in den Autobiographien immer wieder durchscheinen. Aber es gibt
natürlich noch mehr Berührungspunkte zwischen beiden Heiligen.
An erster Stelle möchte ich da ihre Gabe nennen, bei anderen Menschen auf Sympathie zu
stoßen, was Edith immer wieder erwähnt: Überhaupt fühlten sich Kinder immer zu
mir hingezogen und hingen an mir, auch wenn ich mich gar nicht um sie bemühte"; oder
wenn sie in der schweren Ehekrise ihrer Schwester Else Gordon als Vermittlerin auftritt
und akzeptiert wird, obwohl sie 17 Jahre jünger ist als diese; oder wenn sie im Gegensatz
zu vielen anderen von Husserls Frau Malwine immer nur große Freundlichkeit erfahren
hat. Wodurch ich das verdient habe, weiß ich nicht. In späteren Jahren hätte man es
darauf zurückführen können, daß ich ihrem Mann wertvolle Dienste leistete. Aber sie
kam mir schon entgegen, als ich noch eine ganz kleine und unbedeutende Studentin
war". Besonders oft erwähnt Edith diesen Charakterzug in ihrem Bericht über ihren
Einsatz als Rotkreuzhelferin, der durch seine Ausführlichkeit überhaupt etwas aus dem
Rahmen fällt: Mit den Schwestern kam ich gut aus...Es schien, daß sie mich gern
mochten"; ebenso auch die Soldaten, denn beim Abschied ging ich von einem Bett
zum anderen und reichte jedem meiner Schützlinge die Hand. Manche waren traurig",
und auch mit den Küchenmädchen, die ihre beste Stütze" waren, fand sie guten
Kontakt: Da sie unter dem aufgeregten Wesen der Schwester zu leiden hatten, faßten
sie zu mir bald eine große Zuneigung und halfen mir, wo sie nur konnten", und das
alles, obwohl Edith Stein fast alles tat, um Abstand zu wahren, was wohl am besten in
ihrem Wort secretum meum mihi" zusammengefaßt ist.
Teresa berichtet im Rückblick auf ihre Kindheit und Jugend auch von dieser
Veranlagung, daß sie der Liebling ihres Vaters war"; daß er mich so
sehr liebte"; daß ihre Vettern sehr an mir hingen"; daß ich [im
Kloster der Augustinerinnen] schon nach acht Tagen, ich glaube sogar noch weniger, viel
zufriedener war als zu Hause bei meinem Vater. Alle meinten es gut mit mir, denn diese
Gnade hatte mir der Herr gegeben, daß ich, wo ich auch weilte, sympathisch wirkte, und so
war ich sehr beliebt"; daß ihre Schwester eine geradezu extreme Liebe zu mir
hatte"; daß man viel Aufhebens um mich machte, besonders vornehme Leute, und
daß sie viel Gutes von mir redeten"; daß man mich dorthin [in den Palast der
Doña Luisa de la Cerda in Toledo] holen wollte, weil man dachte, daß es in mir etwas
Gutes gäbe"; daß ich, als ich im Palast jener Dame weilte,...dort sehr
geschätzt und oft gelobt wurde"; und daß sie eine große Freundschaft zu mir
faßte, und auch ich zu ihr...und stets so frei war, als wäre ich ihresgleichen",
usw. Beide Heiligen hatten offensichtlich diese natürliche Veranlagung, spontan auf
Sympathie zu stoßen und Freundschaften zu knüpfen.
In die gleiche Richtung geht eine weitere Charaktereigenschaft, die Teresa und Edith
nach ihren Selbstzeugnissen gemeinsam haben: ein ausgesprochenes Ehrgefühl. So war es
für mich immer ein sehr peinlicher Moment", berichtet Edith Stein, wenn
ich zwischen den dichtgedrängten Reihen der Schülerinnen hindurchgehen mußte bis ganz
vorn hin vor das Podium, auf dem das versammelte Lehrerkollegium saß; wenn alle Augen von
vorn und von hinten sich auf einen richteten, während der Direktor einige freundliche
Worte sprach", und wenn dann so viel Wesens davon [dem guten Zeugnis] gemacht
wurde und daß alle Verwandten und Bekannten davon erzählt bekamen." Als sie nach
ihrer Rückkehr ans Gymnasium im Herbst 1908 ihre ersten Zensuren erhielt, hielt er
[Professor Olbrich] vor der ganzen Klasse eine kleine Ansprache: ich sei, offenbar infolge
meiner Begabung, bei weitem die Beste. Das solle mich aber nun nicht veranlassen, in
meinen Anstrengungen nachzulassen. Diese sehr wohlmeinenden, aber in seiner gewöhnlichen
rauhen Art vorgebrachten Worte kränkten mich so, daß mir zunächst die Freude an dem
guten Zeugnis ganz verdorben war"; und als ich schon längere Zeitr da war,
hielt er gern mich den andern als Muster vor; das war immer sehr peinlich...", bei
einem Pfänderspiel fand ich nur einen Vorwurf kränkend: jemand hatte gesagt, ich
sei schadenfroh, und dieser Jemand war unser Klassenlehrer. Ich konnte mir kaum etwas
Häßlicheres denken, und daß mir so etwas zugetraut wurde, das ging mir so zu Herzen,
daß mir die Tränen kamen"; bevor sie nach Göttingen ging, sagte man ihr:
Nun wünsche ich Ihnen, daß Sie in Göttingen Menschen treffen möchten, die
Ihnen recht zusagen. Denn hier sind Sie doch etwas gar zu kritisch geworden Über
diese Worte war ich sehr betroffen. Ich war an gar keinen Tadel mehr gewöhnt. Zu Hause
wagte mir kaum noch jemand etwas zu sagen" - ein Verhalten, das schon fast an
Arroganz grenzte.
Zu Teresas Lebzeiten, im Spanien des 16. Jahrhunderts, hatte die honra, das ist
das, was die anderen von einem hielten, also das Ansehen, eine besondere Bedeutung: Die
höchste honra war das reine Blut", das heißt, nicht von Juden oder
Mauren abzustammen, und der größte Mangel an honra, der durch nichts ausgeglichen
werden konnte, war es, jüdischer Abstammung zu sein, was für Teresa zutraf. Von dieser
Art von Ehrendenken war Teresa frei, doch, ähnlich wie Edith, gab es auch bei ihr Dinge,
die ihr sehr zusetzten. Nachdem ihre Mutter gestorben war und sie sich nutzlosem
Zeitvertreib hingab, konnte das doch nicht so geheim bleiben, daß es meinem Ansehen
nicht geschadet hätte und meinem Vater nicht verdächtig vorgekommen wäre"; und als
sie ins Kloster der Augustinerinnen kommen sollte, war ich so sehr um mein Ansehen
besorgt, daß alle meine Bemühungen darin bestanden, daß es geheim blieb." Doch als
Kind ihrer Zeit kämpfte sie vor allem gegen dieses absurde Ehrendenken ihrer Zeit und
versuchte alles, um das von ihren Klöstern fernzuhalten, indem sie die wahre Ehre, das,
was wirklich zählt und Bestand hat, dem damals üblichen Ehrendenken entgegenstellte. Ein
Text möge genügen: Manchmal lacht dieser Mensch [sie selbst] bei sich, wenn er
sieht, wenn Menschen, die dem Gebet ergeben sind oder im Orden leben, großes Aufsehen um
einige Ehrenpunkte machen, die dieser Mensch schon überwunden hat. Sie sagen, daß es die
Klugheit und die Würde des Standes verlangten zu dessen größerem Nutzen. Doch weiß
dieser Mensch sehr gut, daß man mehr erreichen würde, wenn man aus Liebe zu Gott diese
Würde einen Tag lang hintansetzte als man mit ihr in zehn Jahren erreicht."
So haben wir in diesem Punkt eine gewisse Übereinstimmung zwischen beiden Frauen, aber
aufgrund der unterschiedlichen gesellschaftlichen Verhältnisse auch Unterschiede.
Natürlich gibt es noch viel mehr Berührungspunkte, bei denen sich eine
Gegenüberstellung lohnte, wie die Frauenfrage, gerade auch in den Selbstbiographien, die
allerdings vom jeweiligen gesellschaftlichen und kirchlichen Umfeld aus behandelt werden
müßte; die Liebe zur Wissenschaft, die bei beiden sehr unterschiedlich motiviert ist;
der Realitätssinn, also zu tun, was uns möglich ist; der Wert der eigenen Erfahrung; die
Gabe der Einfühlung in andere Menschen, was eine besondere Form von Nächstenliebe ist;
die richtig verstandene Demut, usw., aber es gibt natürlich auch Unterschiede zwischen
beiden heiligen Karmelitinnen, vor allem, wenn man nicht nur ihre Selbstbiographien zum
Vergleich heranzieht.
Schlußgedanken
Da heute dokumentarisch nachgewiesen ist, daß Teresa von Avila einen jüdischen Vater
hatte, also Halbjüdin war, könnte es eine interessante Frage sein, ob es unter diesem
Gesichtspunkt Ähnlichkeiten oder Parallelen zwischen beiden Heiligen gibt. Aus den
Abhandlungen Edith Steins über Teresa von Avila und auch aus ihren anderen Schriften kann
man nach meinem Kenntnisstand nicht herauslesen, ob Edith Stein irgendetwas von Teresas
wahrer Abstammung geahnt hat, und wenn, dann hätte sie es angesichts der politischen
Situation wohlweislich eher ignoriert als herausgestellt. In welche Richtung das
gemeinsame jüdische Erbe der beiden heiligen Karmelitinnen auf jeden Fall gehen könnte,
hat der bekannte und umstrittene spanische Historiker Américo Castro in Bezug auf Teresa
von Avila einmal so formuliert: Heute weiß man, daß Teresa de Cartagena von Pablo
de Santa María abstammt, das heißt von einem konvertierten Juden. Es mutet wunderbar an,
im 15. Jahrhundert ein autobiographisches Bekenntnis zu finden, das ein Bewußtsein und
eine Analyse des innersten Ichs, meines Ichs, enthält. Von hier bis zu
Theresia von Avila ist nur ein Schritt, und es scheint unmöglich, die beiden Frauen nicht
mit der semitischen Tradition in Verbindung zu bringen". Diese Gabe zur
Selbstbeobachtung und Selbstanalyse haben Teresa von Avila und Edith Stein allerdings in
einer sehr ausgeprägten und auffallenden Weise tatsächlich gemeinsam.
Ulrich Dobhan
Rom
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