An
die Schwestern und Brüder im Karmel
An
die Mitglieder der Familia Carmelitana
An
alle Wohltäter der Karmelmissionen
An
alle, die an den Missionen unseres Ordens interessiert sind
An diesem Ur-Missionstag, wie wir das Pfingstfest bezeichnen könnten,
möchte ich an das dreifache Missionsjubiläum erinnern, das wir in diesem
Jahr 2004 begehen:
-
Die erste
Expedition von Karmeliten nach Persien (6. Juli)
-
Die Gründung des
ersten Frauenklosters in Paris (18. Oktober)
-
Die Gründung
eines ersten Frauenklosters auf amerikanischem Boden (27. Dezember)
Diese drei Ereignisse haben eine besondere Bedeutung, denn sie schreiben
die missionarische Dimension des Ordens endgültig fest, brechen
Verkrustungen auf und dehnen die Grenzen oder anfänglichen Einengungen
des Ordens weltweit aus. Sie bringen einen Kultursprung ungeahnten
Ausmaßes mit sich, denn sie bedeuten ja nicht nur, daß die Söhne und
Töchter der Madre Teresa es wagten, die Küsten des Mittelmeers zu
verlassen, um sich nach Mittel- und Nordeuropa zu den germanischen und
slawischen Völkern zu begeben, sondern daß sie auch in fremde Kulturen
eintauchten. Sie brachten den ersten Kontakt mit dem Ökumenismus und dem
Islam mit sich, da sie in den Orient vordrangen, aber auch die
Einpflanzung des kontemplativen Karmels jenseits des Ozeans, und zwar in
Mexiko.
Ich wage zu behaupten, daß 1604 das am meisten von der Mission geprägte
Jahr des Karmel ist, mit den gewagtesten und charismatischsten
Aufbrüchen, die den Weg des Ordens bestimmt und seine Zukunft gestaltet
haben, wovon wir heute noch leben, denn dieses Weitergehen hielt ja an.
So gibt es viele Gründe, in diesem dreifachen Jubiläumsjahr 2004 Dank zu
sagen. Meiner Meinung nach ist es eine Gnade, es eingedenk seiner
Bedeutung bewußt zu feiern, denn es verwurzelt uns in der
missionarischen und universellen Berufung des Karmel. Nachfolgend stelle
ich die historischen Fakten und deren Bedeutung kurz vor.
Für heue begnüge ich mich mit diesem historischen Gedenken. Da es so
gewaltig und anregend ist, scheint mir das auseichend zu sein. Ich
wünschte mir, daß sich ein spontanes Nachdenken über das Vergangene und
eine heilsame Reflexion für die Gegenwart ergebe.
Mit brüderlichen Grüßen
Dámaso
Zuazua OCD
Sekretär für die Missionen.
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1.
1604 – 6. Juli – 2004
400 Jahre Missionsexpedition nach Persien
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Aufgrund der Missionsbegeisterung in der Italienischen Kongregation des
Teresianischen Karmel schlug der Ordensgeneral Pedro de la Madre de Dios
Clemens VIII. vor, Missionare ins Heilige Land zu senden. Doch der Papst
antwortete, daß es im Heimatland Jesu nicht an Missionaren fehle, meinte
aber, daß es die Bestimmung des Karmel wäre, in Persien missionarische
Aufgaben zu übernehmen.
Mit dieser den Karmeliten übertragenen Sendung für Persien wollte Clemens
VIII. auf eine in Rom am 5. April 1601 von Schah Abbas dem Großen
eingegangene Gesandtschaft antworten, die dem Papst eine antitürkische
Allianz vorschlug. Zugleich bat der Schah um Priester für die Betreuung
der Katholiken in Persien. Die erste Mission in Persien mit zwei
Jesuiten 1601 brachte wegen der Einmischung des Vizekönigs in Goa nicht
den gewünschten Erfolg. 1602 ließ sich unter dem Patronat Philipps III.
und mit der finanziellen Unterstützung des Erzbischofs von Goa, Mgr. A.
Meneses, eine Gruppe von spanischen Augustinern in Isfahan nieder.
Auch wenn Ludwig von Pastor von sechs Karmeliten spricht, so waren es
tatsächlich drei Patres und ein Laien-Mitbruder, die sich auf den Weg in
die Mission nach Persien machten: Paolo-Simone (Rivarola) di Gesù aus
Genua, 28 Jahre alt, Juan-Tadeo (Roldán) de San Eliseo aus Calahorra in
Spanien, der der erste Bischof aus dm Teresianischen Karmel werden
sollte, Vicente (Gambart) de San Francisco aus Valencia, und Giovanni
(Angeli) dell’Assunzione, Laien-Mitbruder aus Umbrien. Begleitet wurden
sie von einem Mitglied des spanischen Militärs, Don Francisco Riodolid
de Peralta, der in Neapel stationiert und zur Leistung militärischer
dienste am Hof des Schahs abkommandiert war. Am 4. Juli 1604 wurde die
Expedition vom Papst empfangen, der von ihnen zusätzlich die Ablegung
folgender Gelübde verlangte: 1. Überall dort das Evangelium zu
verkünden, wo es die Oberen verlangten; 2. Falls notwendig, für den
Glauben auch das Leben einzusetzen; 3. Weder Gold, noch Silber, noch
Edelsteine anzunehmen. Am 6. Juli brachen sie vom Konvent Santa Maria
della Scala von Rom aus auf, ausgestattet mit sieben Päpstlichen
Schreiben, mit den sie den Monarchen und Nuntien der Länder, die sie zu
durchqueren hatten, empfohlen wurden.
Bei der Festlegung der Reisroute setzten sie auf Sicherheit, auch wenn es
länger dauerte. Sie zogen durch Deutschland, Böhmen, Polen, Litauen,
Rußland, bis zum Kaspischen Meer, da es galt, wegen der Kriege zwischen
Türken und Persern den Mittelmeerraum, sowie Syrien und Mesopotamien zu
umgehen.
Am 25. August gelangten sie nach Krakau. Während der Regierungszeit von
Sigismund III. Wasa (1587 – 1632) fand 1596 die Synode von Brest statt,
auf der die Union der Ruthenen mit Rom vereinbart wurde. Auch wenn der
Aufenthalt der Karmeliten dieses erste Mal nur kurz war, so blieb er im
Land in guter Erinnerung. Da die Expedition durch den Nuntius Claudio
Rangone dem König vorgestellt wurde, gewährte dieser ihnen Schutzgeleit
für Polen und Litauen und Empfehlungsschreiben für den Herzog von Moskau
und den Schah von Persien. Am 13. September brachen sie von Krakau über
Luck nach Vilnius auf; von dort ging es weiter nach Moskau und Persien.
In Polen waren sie 15 Monate geblieben.
Diese Zeit reichte, um bei den Ruthenen apostolisch zu wirken, wie es der
Bischof von Luck empfohlen hatte. Schon bald waren sich unsere
Missionare der gesamten Problematik bewußt geworden, vor allem in
Vilnius. Sie setzten sich mit den großen Protagonisten der Union und den
Jesuiten von Polock in Verbindung. Wer das okumenische Engagement
unserer Missionare kennen lernen möchte, muß ihre Korrespondenz lesen,
die im Generalarchiv des Ordens aufbewahrt wird. Die „Missio ad
Ruthenos“, über die der für die Expedition nach Persien verantwortliche
Obere, Paolo Simone Rivarola, berichtete, umfaßte die Moskowiter,
Ruthenen und schismatischen und häretischen Griechen. So kam dem Pater
die Idee, ein Seminar für die Ausbildung von Missionaren zu gründen, die
in Moskau, Serbien, der Walachei, in Moldawien und Bulgarien arbeiten
sollten, denn, so lautete die Antwort Clemens’ VIII.: „Die Hoffnung auf
Bekehrung der Moskowiter scheint, menschlich gesprochen, nicht anders
möglich als durch die Ruthenen“. Der Papst hatte die Hoffnung, daß sich
„mit euch, liebe Ruthenen, der gesamte Osten bekehren solle.“ Selbst die
Rekatholisierung der Schweden schloß man nicht aus, falls Sigismund III.
von neuem die schwedische Krone erhielt. So dachte man sogar an
Missionseinsätze in Nordeuropa.
Aufgrund dieses intensiven Apostolats bei den Ruthenen in den Gebieten
östlich von Polen, wie Rußland und das Gebiet um Moskau, beschloß das
Generalkapitel der Italienischen Kongregation am 5. Mai 1605, in Krakau
ein „Hospitium für Missionare“ zu errichten, das als Stützpunkt für die
Missionen des Ordens in Nord- und Osteuropa dienen sollte. Die Gründer
waren Matías (Hurtado de Mendoza) de San Francisco, Juan del Ss.
Sacramento, erster Novizenmeister in Polen, Alfonso de la Madre de Dios
und Giacomo di San Bartolomeo: drei Spanier und ein Neapolitaner.
Bei ihrer Reise durch das Tartarenland erlagen Frater Juan und der Soldat
Riodid den Unbilden der Witterung und anderen Leiden. Die drei anderen
kamen am 2. Dezember 1607 nach eineinhalb Jahren Reisen mit Erfolgen und
Rückschlägen endlich in Isfahan an. Nach dem Tod von Clemens VIII.
(5.3.1605) und dem kurzen Pontifikat Leos X. (1. bis 21.4.1605) bestieg
Paul V. den Papstthron; er erneuerte die Beglaubigungsschreiben, die sie
in der damaligen Hauptstadt von Persien vorlegten. Nach Überwindung der
ersten Schwierigkeiten ließen sie sich nieder, dabei sogar vom Schah
unterstützt.
In Persien waren sie in den Konventen Isfahan (1607-1749), Hormuz
(1612-1622), Shiraz (1623-1738), Giulfa (1691-1752), Kharg (1753-1766),
Bandar Abbas (1688-1775), Bushire (1688-1755) und Hamadam (1720-1752)
tätig. Ihre Arbeit bestand in der Betreuung und Bekehrung der Armenier,
Chaldäer und anderer Häretiker und Schismatiker. Besonders erwähnenswert
ist die Konversion des Anglikaners Sir Robert Sherley, der am 2. Februar
1608 in die katholische Kirche aufgenommen wurde und Madame Sampsonia
Amazonitios heiratete; sie hatte bei der Tuafe den Namen Teresa
erhalten. Das brachte den Karmeliten beim Schah eine noch höhere
Wertschätzung ein. Am 14. April 1624 erhielten sie die Erlaubnis, das
Missale ins Arabische zu übersetzen, am 30. Juni 1627 für das Türkische.
Um 1640 begannen sie mit der Bekehrungsarbeit bei den Mandäern, früher
auch fälschlich Johannes-Christen genannt. Daneben ging das Apostolat
auch bei den Jakobiten und Armeniern weiter, in deren Sprache sie sogar
Messe feiern konnten. Auch den assyrischen Christen in Aserbeidschan
wandten sie sich zu. Die Schwierigkeit von Konversionen bei den Muslimen
lösten sie dadurch, daß sie neugeborene, im Sterben liegende Kinder
tauften, wodurch die „massa candida“ anwuchs, eine Praxis, an der nach
genauer Prüfung durch die Propaganda Fide Kongregation festgehalten
wurde, denn am 13. Februar 1658 hatte sie ihre Zustimmung dazu gegeben.
Auch der berühmte Jesuiten-Missionar, Alexandre Rhodes, übte diese
Pastoral aus, wie aus einem Brief vom 20. Mai 1659 an seinen Bruder
hervorgeht. Er berichtet von der großen Freude, die es ihm bereitet, „so
viele Engelchen in den Himmel zu schicken.“
Dank der Evangelisationsarbeit der Karmeliten errichtete der Hl. Stuhl am
12. Oktober 1632 die Diözese Isfahan, nachdem bereits am 6. September P.
Juan Tadeo de S. Eliseo zu ihrem Bischof ernannt worden war. Die
Bischofsweihe erhielt er am 18. September in Rom, doch kehrte er nicht
mehr in seine Diözese zurück, denn auf dem Weg zur Einschiffung in
Lissabon starb er am 5. September 1633 in Lleida (Lérida) in Spanien. Er
war der erste Bischof des Teresianischen Karmel.
Aufgrund des Missionsauftrags für Persien überschritt der Orden die
Alpen, gelangte nach Mittel- und Osteuropa und begann mit der Gründung
seines ersten Konvents in Polen seine Arbeit bei den Slaven. Durch
diesen Auftrag eröffnete sich ihm auch die weite Welt des Ostens. Durch
sein Apostolat bei den Ruthenen kam er zum ersten Mal mit dem
Ökumenismus in Berührung und machte seine ersten Erfahrungen mit dem
Islam. Deshalb ist es ein Jubiläum, das uns an die „Anfänge des Geistes“
führt.
Auswahlliteratur:
1.
Bertholde-Ignace de
Ste Anne, Histoire de l’etablissement de la Mission de Perse.
Bruxelles-Paris [1885], 372 S.
2.
Florencio del Niño Jesús, ¡A
Persia! Biblioteca Carmelitano-Teresiana de Misiones II.
Pamplona 1929, 167 S.
3.
Ders., En Persia.
Pamplona 1930, 144
S.
4.
[Herbert Chich], A
Chronicle of the Carmelites in Persia and the Papal Mission of the
XVIIth and XVIIIth Century. 2 vol. Eyre a. Spottiswoode.
London 1939.
5.
Carlos Alonso OSA, Los
mandeos y las misiones católicas en la primera mitad del s. XVII.
Orientalia Cristiana Analecta
179, Roma 1967, 263 S.
6.
Ders., Clemente
VIII y la fundación de las Misiones católicas en Persia, in: La
ciudad de Dios 71 (1958) 196-240.
7.
Annibale Bugnini, La Chiesa in Iran.
I Carmelitani (1604-1775). Edizioni Vincenziane, Roma 1981, 137-153.
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2.
1604 – 18.
Oktober – 2004
Vierhundert Jahre Unbeschuhte Karmelitinnen
in Frankreich
|
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Anlässlich der Vierhundertjahrfeier der Einführung der Teresianischen
Karmelreform in Frankreich möchte uns der Orden der Unbeschuhten
Karmeliten und Karmelitinnen zur Mitfeier einladen und an die
missionarische Bedeutung dieses Ereignisses erinnern. Es war ein Echo
der ureigensten Worte Teresas von Jesus, deren Gründungstätigkeit
zutiefst in ihrer Betroffenheit wegen des durch die Religionskriege
verursachten „Unheils in Frankreich“ wurzelte: „Nachdem ich von den
Schäden in Frankreich durch diese Lutheraner erfahren hatte, ... hätte
ich, glaube ich, als Abhilfe für eine der vielen Menschenseelen, die ich
verloren gehen sah, tausend Leben hergegeben“ (Weg der Vollkommenheit
1,2).
Diesen apostolischen Impuls der Madre hatten sich auch die wichtigsten
Protagonisten und Protagonistinnen der Karmelgründung im Jahre 1604 ganz
und gar zu eigen gemacht, wobei sie von sechs grundlegenden
Voraussetzungen ausgingen, die wir euch zur Erwägung geben möchten:
1.
Das missionarische Ideal des Teresianischen Karmel
Als Teresa von Jesus den Karmel reformierte, verlieh sie ihm einen so
ausgeprägten apostolischen und missionarischen Geist, wie es nie zuvor
der Fall war. Das Zweite Vatikanische Konzil hat uns zum Glück wieder
ins Bewusstsein gerufen, dass Kirche immer missionarisch ist. Für das
Ordensleben in all seinen Ausprägungen gilt dies erst recht, denn es ist
im Herzen der Kirche angesiedelt und Ausdruck ihrer tiefsten
Wirklichkeit. Es ist ein Abbild für die innertrinitarischen Beziehungen
zwischen den drei göttlichen Personen, die sich unaufhörlich einander
hingeben, als Quelle der innigen Gemeinschaft innerhalb der Kirche.
In dem Apostolischen Schreiben Vita Consecrata wird dies immer
wieder hervorgehoben. Jede Gemeinschaft ist „missionarisch“, denn die
einzelnen Mitglieder sind zu den anderen gesandt. Umgekehrt aber soll
die Sendung zu einer Quelle der Gemeinschaftsbildung werden. In diese
„mystische Bewegung“ ist jeder Getaufte hineingenommen. Die Mission ist
dem Herzen der Kirche, ihrem tiefsten Geheimnis eingeschrieben. Mission
ist Gemeinschaft und von daher auch Impuls zur Selbsthingabe und
Begegnung mit dem Nächsten. Diese neue Sicht vom Ordensleben spiegelt
die missionarische Intuition Teresas, die an den Ursprung ihres
Charismas steht, genau wider.
2.
Der missionarische Geist der französischen Gründergestalten
Die Teresianische Karmelreform wurde in Frankreich von einer Dame aus dem
Laienstand, Barbe Acarie (der späteren seligen Maria von der
Menschwerdung), zusammen mit Jean de Brétigny eingeführt. Beide hatten
die Nöte und Hoffnungen der französischen Kirche an der Schwelle einer
Phase der Erneuerung erkannt. Die Geschichte belegt, dass die ersten
wichtigen Impulse für die Katholische Reform in Frankreich vom
Privatsalon der Madame Acarie ausgingen.
Indem er die erste französische Übersetzung der Werke Teresas (1601)
bereitstellte, gewann Jean de Brétigny die geistige Welt der
Spiritualität zurück. Wie ein Missionar nahm er seine Landsleute mit auf
seine Reise in einen neuen Kontinent. Als Antwort auf den großen
geistlichen Hunger seiner Zeit ermöglichte er damit den „mystischen
Einbruch“, der genauso prägend für das 17. Jahrhundert in Frankreich
werden sollte, wie er das für das 16. Jahrhundert in Spanien war.
Barbe und Jean waren beide Missionare, insofern sie der französischen
Kirche halfen, sich selbst in der Tiefe zu erneuern. Jenseits aller
nationalistischen Vorurteile hatten sie nach den Religionskriegen
begriffen, dass Spanien Modell stand für das, was es in Frankreich
aufzubauen galt. Der Reformierte Karmel war in ihren Augen eines der
besten Gegenmittel gegen die Häresie der Protestanten.
„Mission“ fängt immer mit der eigenen Bereitschaft zur Umkehr an, also
damit, dass man sich die Mittel besorgt, um einen Neuanfang mit Christus
zu ermöglichen.
3.
Der missionarische Geist der spanischen Gründerinnen
Es bedurfte schon des apostolischen Wagemutes, um im Jahre 1604 die
Pyrenäen zu überwinden und sich auf ein „französisches Abenteuer“
einzulassen. Die Chronik berichtet, dass die spanischen Gründerinnen
sozusagen auf Schritt und Tritt auf das Martyrium gefasst waren; auf der
französischen Reisestrecke bis Paris schwenkten sie, sobald sie sich
außerhalb ihrer Kutsche befanden, immer wieder Kreuze und Rosenkränze.
In einem Brief vom 8. März 1605, in dem sie über ihre Ankunft in
Frankreich berichtet, schreibt Anna de Jesús: „Fast alle Einwohner jener
Dörfer waren Ketzer, was man im übrigen genau von ihren Gesichtern
ablesen konnte, denn sie sahen wirklich wie Verbrecher aus.“ Hinter der
beleidigenden Ausdrucksweise steht, dass Frankreich in den Augen der
sechs spanischen Karmelitinnen wirklich als lebensgefährliches Gebiet
galt. Die Gründung in Paris fiel genau in die Zeit einer tiefen
politischen und wirtschaftlichen Krise zwischen dem Reich des
„Allerkatholischsten“ und dem des „Allerchristlichsten“ Königs
(1603/1604).
Die Klöster der Madre waren immer schon Heimstätten einer vom Gedanken an
das Martyrium geprägten Mystik. Während der gemeinsamen Erholungsstunden
stellten die Töchter Teresas Märtyrerszenen nach. In ihrem apostolischen
Eifer sahen die Schwestern Frankreich mit denselben Augen als etwa den
Kongo oder die Neue Welt („Neuspanien“): eben als Missionsgebiet.
Bereits 1588 schrieb die Schwester Gratians, Juliana de la Madre de Dios,
die Karmelitin in Sevilla war, an Brétigny: „Möge es Gott gefallen,
meine Bitten für Frankreich zu erhören und meine Sehnsucht, dorthin zu
gehen, zu erfüllen ... Ich hoffe, eine gute Schwester zu werden und es
zu verdienen, mich mit mehr Recht als Französin zu bezeichnen, da ich
auf den Titel Kastilierin schon verzichtet habe. Und ich sehne mich nach
keinem größeren Glück als das, für Jesus Christus zu leiden und mein
Blut für den heiligen Glauben zu vergießen, ja, wenn ich könnte, würde
ich tausend Leben dafür hingeben ... Wir sind alle fest entschlossen,
Französinnen zu werden ... Wer wollte denn nicht aus Liebe zu Gott in
Frankreich sterben?“
In den Augen der französischen Gründerinnen war Frankreich der ideale Ort
zur Verwirklichung des Missionsideals der Madre, während Spanien bereits
ein Opfer seines Protektionismus zu werden begann. Die erste Generation
der Teresianischen Karmelitinnen kam innerlich mit den Entwicklungen
nicht mehr mit. Die Unbeschuhten Karmeliten, unter deren Leitung die
Schwestern standen, neigten zum Rigorismus. Maria de San José, eine
Vertraute Teresas, lernte zwanzig Jahre lang Französisch, in der
Hoffnung, das Gründungsprojekt ihres alten Freundes Brétigny
verwirklichen zu können. Sogar vor dem Aufbruch (und nur einige wenige
Schwestern konnten am Ende wirklich aufbrechen) fühlten sich die
spanischen Karmelitinnen als „Missionarinnen“.
„Mission“ steht für Selbstverleugnung und die Fähigkeit, die eigenen
Grenzen zu überwinden. Das ist eine beständige Geisteshaltung, auch wenn
man den „Heimathafen“ nie verlässt.
4.
Jean de Brétigny und die Karmelmissionen
Der erste Übersetzer der Werke Teresas ins Französische hat sich große
Verdienste um den Karmel erworben, auch wenn er immer im Schatten
gestanden ist.
Von allen Franzosen war er derjenige, der Teresa am besten kannte und am
meisten tat, um sie seinen Landsleuten nahe zu bringen. Früher als alle
anderen französischen Gründer erkannte er die missionarische Dimension
des Karmel. Fünfundvierzig Jahre lang (1585 – 1630) setzte Brétigny
alles ins Werk, um Karmelitinnen in den Kongo zu schicken. Er nahm
deswegen schier unvorstellbare Mühen auf sich, ohne dass diese je
fruchteten. Brétigny holte den Karmel gar nicht um dieser Städte selbst
willen nach Paris (1604) und Brüssel (1607), sondern damit eines Tages
von dort aus mit dem missionarischen Feuereifer Teresas beseelte
Schwestern in das Königreich Kongo aufbrechen könnten.
Brétigny starb 1634. Sein Einsatz war zwar nicht von Erfolg gekrönt, doch
war er nicht umsonst. Er hatte ein kleines Feuer entzündet, das
unaufhörlich weiterschwelte, bis eines Tages im Jahre 1934 (also genau
dreihundert Jahre später!) belgische Karmelitinnen den ersten
kongolesischen Karmel gründeten. Trotz des scheinbaren Misserfolgs trägt
die Mission immer Frucht. Einer sät, ein anderer erntet...
5.
Die Spanienreise (26.9.1603 – 15.10.1604) als missionarisches
Zeugnis
Mehrere Beteiligte an der Gründung im Jahre 1604 (Louise Jourdai, Jean
Navet, Anna de Jesús) hinterließen uns einen Bericht über die
Spanienreise der Franzosen, um die Karmelitinnen dort abzuholen. Es ist
dies ein echtes missionarisches Epos, eines Schelmenromans würdig und
sehr humorvoll beschrieben. Die Vierhundertjahrfeier könnte ein Anlass
sein, uns diese herrlichen Seiten, die zu den wichtigsten der
Missionschronik des Karmel gehören, wieder einmal zu Gemüte zu führen.
6. Die
missionarische Bedeutung der Gründung im Jahre 1604: die geistliche
Nachkommenschaft
Der Stammbaum der
teresianischen Karmelklöster zeigt eindeutig, dass die Pariser
Karmelgründung (mittelbar oder unmittelbar) an den Ursprung nahezu
sämtlicher Karmelitinnenklöster der Welt mit Ausnahme der Klöster auf
der iberischen Halbinsel steht.
Als Frucht des wahrhaft
teresianischen missionarischen Geistes wurde der französische Karmel nun
auch selbst missionarisch und stellte sich den Herausforderungen der
Inkulturation, indem er sich auf der ganzen Welt ausbreitete.
Letztlich gibt es nur eine
einzige Mission, nämlich die Sendung Christi, die sich mit jeder Kultur
und jedem Nationalcharakter verbinden lässt. Und jede Mission bringt
auch selbst wieder einen missionarischen Geist hervor, der über neue
Grenzen hinausdrängt. Und so wird es wohl bis zum Ende der Zeiten
weitergehen.
***************
Vierhundert Jahre trennen uns
von dem Jahr 1604. Aber in der Tradition der Apostel Christi, des
Propheten Elija und der hl. Teresa von Jesus bleibt die Mission nach wie
vor eine vordringliche Aufgabe.
Weitere
Informationen siehe:
Chroniques de l’Ordre des
Carmélites, Band I,
Troyes 1846, S. 43-116 mit einem detaillierten Bericht der Spanienreise
1603/1604
Sonderheft der von den
Unbeschuhten Karmeliten der Provinz Avignon Aquitaine herausgegebenen
Zeitschrift CARMEL Nr. 112 (2/2004) zur Vierhundertjahrfeier der
Gründung der Unbeschuhten Karmelitinnen in Frankreich
Website des französischen
Karmel (geschichtlicher Teil):
http://www.carmel.asso.fr/histoire/histoire.shtml
3.
Vierhundertjahrfeier des ersten
Frauenkarmels in Amerika
1604 – Puebla de los Ángeles (Mexiko) - 2004
Am Anfang stand eine Gruppe von Laien. In der bis 1986 unveröffentlichten
Schrift Tesoro escondido en el Monte Carmelo Mexicano – Der im
mexikanischen Berg Karmel verborgene Schatz des P. Agustín de la
Madre de Dios werden darüber wundersame Dinge erzählt., daß es nämlich
eine Gruppe frommer, verwitweter oder unverheirateter Frauen aus
Andalusien war, die es aus familiären oder anderen Gründen nach Mexiko
verschlagen hatte. Ana Núñez, die sich zu Gebet und zum Leben in
Einsamkeit hingezogen fühlte, ist die Initiatorin. Geboren in Gibraleón
kam sie mit ihrer Schwester nach Veracruz, nachdem sie in der Heimat
Waisen geworden waren. Nachdem Tod ihres vermögenden Bruders Pedro
begann Ana, ein zurückgezogenes Leben zu führen, während Beatriz sich
verehelichte. Elvira Suárez, eine Sevillanerin, die auch nach Mexiko
gekommen war, aber bald Witwe wurde, schloß sich Ana an; schließlich kam
noch eine weitere Frau aus Sevilla, Juana Fajardo, dazu.
Zunächst lebten diese drei frommen Andalusierinnen im Haus der Beatriz
Núñez, bezogen aber 1593 ein eigenes Haus. Unter der Leitung des
Jesuiten Alonso Ruiz beschlossen sie, in Klausur zu leben und legten in
die Hände des Bischofsvikars das Gelübde der ehelosen Keuschheit ab. Ihr
Haus wurde 1596 durch den Bischof von Puebla zu einem Recogimiento
(„Klausnerei“) erklärt, in das dann auch die Nichte des Direktors P.
Alonso, María de Vides, eintrat.
1601 zog die Gruppe bedingt durch das Klima nach Puebla um. Inzwischen
waren die Schriften Teresas durch einen Franziskaner, Mitarbeiter
der Inquisition, aus Spanien in die Hände der Klausnerinnen gelangt. Die
beständige und kommentierte Lesung dieser Schriften bildete diese Gruppe
von frommen Frauen allmählich zu einer karmelitanischen Gemeinschaft um.
Der Karmelit Pedro de los Apóstoles, in Spanien noch Gefährte des
Johannes vom Kreuz, war Beichtvater und geistlicher Begleiter der
Gruppe.
Die rechtliche Anerkennung der Gründung durch päpstliche Schreiben war
ein langwieriger Prozeß. In einem vatikanischen Dokument ist von dem vom
Erzbischof von Mexiko und Präsidenten des Indienrates an den General des
Ordens gerichteten Bittgesuch für die Gründung eines Karmels in der
Stadt Mexiko die Rede. Am 29. Mai 1601 entschied die Kongregation für
die Bischöfe und Ordensleute: „Scribatur ad mentem Smi – Es möge gemäß
der Absicht des Allerheiligsten geschrieben werden.“ Doch was war die
Absicht des Sanctissimus, d. h. Papstes? In einem Brief derselben
Kongregation an den Ordensgeneral Francisco de la Madre de Dios heißt
es, daß keine Schwestern nach Mexiko geschickt werden sollen, da „es
sich in keiner Weise gezieme, die Schwestern den Gefahren der Überfahrt
und langen Reise auszusetzen, woraus sich folgenträchtige Skandale und
Mißstände ergeben könnten.“ Dem General gab man Vollmachten, damit er,
falls nötig auch mit Kirchenstrafen, auf Bittgesuche reagieren könnte,
die weiterhin Schwestern für irgendwelche Gebiete Westindiens erbäten.
So wurde die erste Gründung von Unbeschuhten Karmelitinnen auf
amerikanischem Boden nicht von Gründerinnen durchgeführt, die von der
iberischen Halbinsel stammten, sondern erwuchs durch das Wirken des
Geistes nach allmählicher Einführung in den Geist Teresas aus jener
Gruppe von Frauen, die in ihrem Haus in Puebla zusammenwohnten. Papst
Clemens VIII. gewährte am 5. Juli 1602 die Errichtungsbulle, doch konnte
sie aus verschiedenen Gründen erst am 27. Dezember 1604 zur Durchführung
gebracht werden. „Die ganze Stadt ... mit dem Kapitel und dem Herrn
Bischof nahm daran teil“, heißt es im Tesoro escondido (312). Die
fünf Frauen, die geduldig ausgeharrt hatten, erhielten den Habit,
während der Prior des Klosters, Pedro de los Apóstoles, die Predigt
hielt. „Es waren die ersten Karmelitinnen, an denen sich Amerika
erfreute“, berichtet der Tesoro escondido.
Am Tag der Unschuldigen Kinder des folgenden Jahres legten sie ihre
Profeß ab, weitere Frauen traten ein. Priorin war M. Ana Núñez de Jesús,
Suppriorin M. Elvira Suárez de San José, Windnerin María Vides de la
Presentación (von Mariä Opferung), während M. Juana Fajardo de San Pablo
Novizenmeisterin war.
Das Kloster hat aufgrund kirchenfeindlicher Gesetze Verbannung und
Aufhebung erlebt. Glücklicherweise konnte die Kommunität das gesamte
Dokumentenmaterial retten und selbst einen Teil des ersten Klosters
wieder bekommen, was sonst keinem Kloster in Mexiko gelungen ist.
Insgesamt haben in den 400 Jahren 198 Karmelitinnen in ihm gelebt; die
meisten Berufungen sind, abgesehen von den fünf spanischen Gründerinnen,
aus dm Erzbistum Puebla gekommen.
1970 konnte das Gebäude restauriert werden, wobei man es so gut wie
möglich in den ursprünglichen Zustand versetzte. Eine erste Gründung
wurde 1695 in Guadalajara durchgeführt, eine zweite 1748 in derselben
Stadt Puebla, der Karmel de la Soledad (Einsamkeit). 1851 beteiligte
sich das Kloster an der Gründung in Orizaba, und 1984 sogar außerhalb
der Landesgrenzen an der Gründung eines Karmel in Santa Cruz, heute in
Coban in Guatemala.
Das erwähnte Buch Tesoro
escondido berichtet ausführlich über das Leben der Schwestern, die
sich durch ein heiligmäßiges Leben ausgezeichnet haben, besonders M.
Isabel Bonilla de la Encarnación (1594-1633). So feiert der gesamte
Karmel des amerikanischen Kontinents voller Freude das 400jährige
Jubiläum der Einpflanzung des kontemplativen Ordenslebens im Geist der
hl. Teresa. 2004 ist tatsächlich ein Jubeljahr für die Karmelitinnen in
der „neuen Welt“.
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