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Dieses Mal haben mich meine
missionarischen Reisen an die Ufer des
Baltischen Meeres geführt. Litauen, Lettland
und Estland sind das Erbe des alten
Livonia, welches Papst Innozenz III. im
12. Jahrhundert als “marianisches Land”
bezeichnet hatte. Mit großer Anteilnahme
verfolgten wir während des Kalten Krieges
die Annexion dieser Länder an die ehemalige
Sowjetunion. Mit großer Freude erlebten wir
dann die neue Wende, welche durch die Phase
der “Perestroika” und “Glasnost” durch
Michail Gorbatschow eingeleitet wurde.
Damals gingen die Menschen auf die Straßen
und forderten mit Entschlossenheit die
gerechte Unabhängigkeit und Freiheit. Die
drei baltischen Länder habe ihre eigene
Identität, geprägt durch ihre Geschichte,
Kultur und Geographie.
Zur Zeit befinde ich mich im
karmelitanischen Auftrag in Lettland (Latvija).
Mit seinen bescheidenen 64 598 km2
erreicht es nicht einmal die Fläche der
Insel Irland; dennoch bietet es ausreichend
Raum für seine 2 360 000 Einwohner. Wie auch
die anderen beiden baltischen Länder hat
Lettland eine lange Küste (494 km). Trotz
einiger Schwankungen hat es bis heute die
Grenzen seit der Ausrufung der Republik am
18. November 1918. Dunkle Schatten seiner
Geschichte sind die Naziokkupation, welche
durch den Stalin-Hitler Pakt besiegelt
wurde, sowie die anschließende Zeit
sowjetischer Unterdrückung.
Aus dieser Zeit der sowjetischen
Unterwerfung (1944-1991) besteht noch die
Erinnerung an die Atomwaffenstützpunkte im
Nationalpark von Zematija. Vierzig Jahre
lang wusste niemand etwas von dieser
unterirdischen Gefahr. Erst 1978 kam die
Existenz dieser Waffenarsenale ans
Tageslicht, und die Letten entdeckten erst
Jahre danach, in welcher Gefahr sie während
dieser Zeit des Kalten Krieges gelebt
hatten.
Am 21. August 1991 schlug die
Stunde der hart errungenen Freiheit. Die
ersten parlamentarischen Wahlen fanden 1993
statt. Ein Jahr danach verließ erst das
letzte russische Kontingent das Land. Mit
der wiedererlangten Freiheit setzte auch die
Bewegung “Drang nach Europa” ein. Am 1. Mai
2004 wurde Lettland in die Europäische
Gemeinschaft aufgenommen. Gegenwärtig erlebt
das Land eine Phase der Euphorie, nachdem
die Zeit der Restrukturierung erfolgreich
beendet worden ist und das Land in einer
allgemeinen Normalität leben kann. Dennoch
sind sich die Menschen der anstehenden
Herausforderungen der Zukunft bewusst.
Der erste Apostel Lettlands war der
heilige Meinrad, ein lateranensischer
Kanoniker deutscher Herkunft. Er erbaute
1184 aus Holz die erste Kirche in Ikškile.
Von Papst Klemens III. wurde er zum ersten
Bischof des Landes ernannt. Neun
Jahrhunderte danach gab Papst Johannes Paul
II. anlässlich seiner apostolischen Reise am
8. September 1993 die Verehrung des heiligen
Meinrad (+1196), des Patrons von Lettland,
einen neuen Impuls.
Riga, die Perle des Baltikums
Riga ist die entzückendste der baltischen
Hauptstädte. Es hat das typische Flair von
Küstenstädten. 1201 wurde es vom Nachfolger
des hl. Meinrad, dem Bremer Bischof Albert
gegründet.
Riga ist geprägt von seinen
großzügig angelegten Straßen und Alleen.
Durch Brücken wird die Stadt gleichsam
zusammengehalten. Besonderen Anreiz bietet
die Altstadt von Riga, deren Zentrum die
Kirche zum hl. Petrus mit deren hohen und
runden Turm bildet. In diesem waldreichen
Land überwiegen die Holzbauten. Überraschend
ist auch die Präsenz der architektonischen
Richtung des Jugendstils, welcher eigentlich
eines der Markenzeichen Wiens ist. Bis dato
prägen noch die eher einfallslosen Bauten
für die Arbeiter aus der Sowjetzeit das
Stadtbild. Eine gewaltige Anstrengung der
Renovierung erfolgte 2001 anlässlich der
800-Jahrfeiern von Riga.
Das Diözesanseminar, welches in
eine theologische Hochschule und Institut
für Katechetik umfunktioniert wurde, ist ein
großes Gebäude mit angrenzendem Park. Es
liegt neben der neugotischen Pfarrkirche zum
hl. Franziskus. Dieses Gebäude hat eine
bedeutsame geschichtliche Vergangenheit. Es
wurde während der sowjetischen Herrschaft
errichtet, damit hier alle in der
Sowjetunion lebenden Seminaristen des
lateinischen Ritus konzentriert würden.
Allein aus diesem Grund wurde die Errichtung
dieses Seminars von höchster Stelle vom
Kreml gebilligt.
Während meines Aufenthaltes in
Riga dient mir das Seminar als Unterkunft.
Ich konnte gar keinen besseren Platz finden,
um die Situation der Kirche in diesem Land
besser kennen zu lernen. Im Haus leben 36
Seminaristen und deren Professoren. Die
Sprachbarrieren sind bald überwunden, dank
der Übersetzer, die mich auf Deutsch,
Französisch und Latein verstehen. Die
Predigten und die fünf Stunden am Tag
gemeinsamen Gesprächs über die Situation der
Kirche, der Mission, des Karmels erweisen
sich als nicht ausreichend... Es ist das
Verlangen nach Öffnung hin zur Gesamtkirche
stark zu verspüren. Sie bemerken, dass die
Kirche in Lettland soweit gekommen ist, dass
sie selbst zu geben beginnen kann und nicht
mehr auf das ausschließliche Empfangen von
Außen angewiesen ist.
Die Kirche in Riga steht vor der
Herausforderung, nach 50 Jahren der
Unterdrückung den materiellen und
moralischen Wiederaufbau zu leisten. In den
letzten 14 Jahren seit der Unabhängigkeit
wurden bereits 30 neue Kirchen errichtet,
welche von einem jungen und stark
motivierten Klerus betreut werden.
Die Situation des Karmel
Ich bin vor allem mit der Absicht
nach Lettland gekommen, um Möglichkeiten für
eine karmelitanische Gründung auszumachen.
Es galt herauszufinden, ob einer der 13
Konvente der ehemaligen lettischen Provinz
zum hl. Kasimir (gegründet 1734) im Bereich
des heutigen Lettlands liegt.
Einige spärliche Berufungen zum
Karmel fanden in den letzten Jahren Aufnahme
in Belgien, Deutschland und Polen. Diese
waren Frucht der Berufungspastoral der
beiden Priester Andé Marie Jerumanis und
Andris Kravalis, die sich besonders der
Jugend annahmen. Inzwischen wurde in
Lettland selbst ein Kloster gegründet,
nämlich in Ikškile, welches 28 km von Riga
entfernt liegt. Es ist dies der historische
Ort, an dem durch den hl. Meinrad das
Christentum zum ersten Mal in diesem Land
Fuß fasste. Hier ist nun das Grundstück für
das neue Kloster der Karmelitinnen. Am 16.
Juli dieses Jahres wird Kardinal Jnis
Pujats den Grundstein für 18 Zellen segnen,
die Interessenten am Gebets- und Karmelleben
zur Verfügung stehen sollen. Außerdem sind
die Renovierungsarbeiten am bestehenden
Kloster in Gang. Die Bauzeit ist auf zwei
Jahre geplant, was vor allem wegen des
dortigen Klimas (strenge und lange Winter)
so lange dauern wird.
Große Verdienste in Bezug auf
dieses Projekt erwarb sich Sr. Elija von
Jesus aus dem Karmel Essen. Es gibt auch
große Hoffnungen innerhalb der ökumenischen
Beziehungen. Zudem ist es das erste Kloster
im Land, welches ausschließlich
kontemplativen Lebensstil pflegt. Da es sich
um einen Missionskarmel handelt, steht er
für alle interessierten Karmelitinnen aus
allen Ländern des Ordens offen.
Die Erzdiözese von Riga stellt auch
zwei Wohnungen für eine internationale
Gemeinschaft von Karmeliten zur Verfügung,
die in den kommenden Monaten das
Klosterleben hier beginnen sollen. Das
“Rgas Katolu imnzija” (Katholische
Gymnasium von Riga) wäre ein erstes
Arbeitsfeld für die neue Gemeinschaft. Die
kirchlichen Verantwortlichen warten schon
voller Sehnsucht auf den Beginn des
Apostolates zur Verbreitung der
karmelitanischen Spiritualität. Das
gegenwärtige “Kristgais Kultras Institts
Edtes Šteinas Forums” (Christliches Forum
für Dialog und Religion “Edith Stein”)
könnte dann in die Leitung der Karmeliten
übergehen. Bis jetzt wird dieses Forum von
Frau Inga Reinvalde (Präsidentin der
Theresianischen Karmelgemeinschaft in Riga)
geleitet und ist bekannt für dessen starke
karmelitanische Prägung. Ich selbst habe
einen Vortrag gehalten (“Edtih Stein in der
Schule der heiligen Teresa”), und nach mir
referierte die finnische Professorin, Frau
Heidi Tuorila Kahanpee (Verantwortliche der
Theresianischen Karmelgemeinschaft in
Finnland) zum Thema: “Die Pädagogik des
eigenen Erlernens der theresianischen
Gebetsweise”.
Während meines Aufenthalts in Riga
erreichte mich die Einladung von Msgr.
Lapelis, dem jungen Dominikanerbischof von
Liepaya. Er wünschte, dass die Karmeliten
die Leitung eines Spiritualitätszentrums
übernehmen würden, da es im ganzen Land an
einer solchen Einrichtung bisweilen fehlt;
das Gebäude steht schon bereit.
Mit Hilfe aus Deutschland entstand
in den letzten Jahren eine Gruppe der
Theresianischen Karmelgemeinschaft;
mittlerweile zählt diese Gruppe 20
Mitglieder, von denen zwei Schwestern in
meine Hände ihre ersten Gelübde ablegten.
Außerhalb von Riga bemüht man sich um die
Gründung einer zweiten Gruppe der
Theresianischen Karmelgemeinschaft. Die gute
Seele des Säkularordens in Lettland ist die
Professorin, Frau Inga Reinvalde, die selbst
ein Jahr lang an unserem Internationalen
Institut in Avila Spiritualität studiert
hatte.
Eine junge Lettin hatte erst
kürzlich eine ausgezeichnete Doktorarbeit
über die hl. Thérèse an unserer Fakultät
Teresianum in Rom verteidigt und arbeitet
bereits an der Übersetzung der Werke der hl.
Thérèse ins Lettische. Eine weitere Frau aus
Lettland arbeitet in Spanien an ihrem
Doktorat über den heiligen Johannes vom
Kreuz. Inzwischen gibt es auch die ersten
Ansätze für die
Karmelitanisch-Ökumenische-Bewegung (MEC).
Die Patronin der Missionen ist die
beliebteste Heilige des Landes, dank des
Einsatzes von Bischof B. Sloskan (+ 1981),
der in der nazistischen und kommunistischen
Ära als Zeuge des Glaubens aufgetreten war
und auch die “Geschichte einer Seele”
übersetzt hatte.
Die Kongregation der Karmelitinnen
vom Kinde Jesus, welche von P. Anselm v.
hl.Andreas Corsini 1921 in Polen gegründet
wurde, hat in Lettland bereits zwei
Niederlassungen und schon 15 einheimische
Berufungen. Grund für die Beliebtheit des
Karmels in Lettland ist die qualifizierte
Arbeit von Priestern aus dem
karmelitanischen Säkularinstitut “Notre-Dame
de Vie”.
Der Karmel in Lettland ist im
Aufblühen begriffen, weshalb er die
besondere Unterstützung von Seiten des
Missionssekretariats des Ordens bedarf. |