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Missionary news

News   -  06  ( 20.07.2005 )
 

Usole — Ost-Sibirien
Der Karmel in Russland

P. Dámaso Zuazua,
Generalsekretär der Karmelmissionen OCD

        

Zu Beginn meiner Reise nach Russland versuchte ich, mir den Rat von Fjodor Tjutschew zu eigen zu machen: “Russland erfasst man nicht mit dem Verstand, man muss daran glauben“ — schließlich handelt es sich um das Land mit der größten territorialen Ausdehnung. Ziel meiner Reise ist der Osten Sibiriens, die Umgebung von Irkutsk. Der Zeitunterschied beträgt 7 Stunden, also genauso viel zwischen New York und Madrid. Um den Zielort leichter auf der Karte zu finden, nimmt man den Baikalsee oder die Grenze zur Mongolei als Orientierungspunkte. Moskau ist noch keineswegs Endstation unserer langen Reise, denn es fehlen bis Irkutsk noch sechs Stunden Flug bzw. drei Tage mit der Transsibirischen Eisenbahn. Jules Verne beschreibt in seinem Roman „Michael Strogoff“ diese wunderbare Reise.

 

Wir nehmen den Flug mit einer Maschine vom Typ“Tupolev” der staatlichen Fluggesellschaft „Aeroflot“. Bis zu einer Höhe von 11 000 m steigt das Flugzeug mit einer Geschwindigkeit von 800 km/h auf. Da wir Richtung Osten zur aufgehenden Sonne fliegen, verlängern sich die Stunden unseres Tages. Beeindruckt sind wir auch vom Phänomen der „Weißen Nacht“, die weder vom Mond noch von den Sternen resultiert, sondern ein vom Polarkreis verursachtes Lichtphänomen ist. Unterhalb von uns erstrecken sich auf Tausenden von Kilometern die Taiga, die Tundra, Steppen, Seen, Flüsse, Vulkane und Geysire mit ihrem Warmwasserfontänen...

 

Im Herzen Ost-Sibiriens

 

Der Name „Sibir“ wird etymologisch als „ruhendes, schlafendes Land“ gedeutet.  Aufgrund der enormen Ausdehnung verliert man jegliches Gefühl für Dimensionen. Die statistischen Angaben scheinen alle übertrieben, entsprechend jedoch der Wirklichkeit: Die Fläche beträgt 14 Millionen km2 mit einer Bevölkerungsdichte von 2 Einwohnern pro km2. Allein die Taiga hat eine Fläche von 5 Millionen km2, was ungefähr der Fläche des indischen Subkontinents entspricht. Sibirien hat einen größeren Baumbestand als der Amazonas und wird von 53 000 Flüssen zerfurcht. Im Jahr 1965 entdeckte man in Sibirien Erdöl, und das Gas aus diesen Teilen wird bis in unsere westlichen Länder geliefert. Ein prägendes Bild von Sibirien wurde uns durch das Werk von Boris Pasternak (1890-1960) „Doktor Schiwago“ gezeichnet. Wenn wir von Sibirien sprechen, so müssen wir zwischen dem westlichen und dem östlichen bzw. asiatischen Teil unterscheiden. Im Folgenden konzentrieren wir uns auf den letzteren Teil, das östliche Sibirien, das entferntere, exotischere und weniger bekanntere.

 

Sibirien findet seinen Eingang in die moderne Geschichte durch Iwan den Schrecklichen (1530-1584), der den mongolischen Tartaren 1552 Kazan und 1556 Astrakan entriss und so langsam das gesamte Gebiet entlang der Wolga für sich gewann. Mit der Eroberung Tobolsk im Jahr 1582 öffnete sich ihm das Tor zur Unterwerfung ganz Sibiriens. Das bedeutete zugleich das Ende der Vormachtstellung Dschingis Khans in diesem Gebiet.  Die Kolonialisierung Sibiriens begann mit dem Handel von Fellen und Pelzen; später hingegen kamen Staatsbeamte, um die Steuern von den Händlern einzutreiben. Die militärischen Festungen („Ostrog“) wurden zu den Vorläufern der ersten Städte Sibiriens. Die Gründung von Irkutsk datiert im Jahr 1651.

 

Im Gegensatz zur bisherigen Zurückhaltung, förderte Iwan der Schreckliche Bündnisse und Verträge mit europäischen Staaten und ermöglichte so durch eigene Dekrete, dass Italiener und Österreicher „den Glauben der Päpste“ mit ins Land bringen durften. Die Zarin Katharina II. ermöglichte den ausländischen Nationen, sich frei in allen Regionen Russlands niederzulassen und erlaubte großzügig, „die eigenen Gesetze und Riten mitzubringen, ohne jegliche Einschränkung, sowie Kirchen und Glockentürme zu errichten“. Davon ausgenommen war einzig und allein die Errichtung von neuen Klöstern.

 

Die Ursprünge des Christentums in Sibirien gehen auf die Deportierung deutscher Adeliger zur Zeit Iwan des Schrecklichen sowie auf die Massendeportation von Polen im 17. und 18. Jahrhundert zurück. Der Feldzug Napoleons im Jahr 1812 trug zum Erstarken des katholischen Glaubens bei, da zahlreiche Soldaten und Offiziere in sibirischer Kriegsgefangenschaft endeten. Der Aufstand in Polen 1830 verursachte eine neue Welle von katholischen Gefangenen in Sibirien.

 

Maxim Gorki nannte Sibirien einmal „das Land der Ketten und der Himmel“. Ab 1650 wurde Sibirien zum Exil für die Zaren, ein Schicksal, das auch zahlreiche Persönlichkeiten mit ihnen teilten, wie z.B.: Fjodor Dostojewski, Leo Trozki, Josef Stalin und Lenin. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die Zwangslager geschlossen und erst unter Stalin erneut genützt, der mit bürokratischer Akribie Massen von Menschen in sibirische Arbeits- und Gefangenenlager deportieren ließ. Auf diese Weise entstanden die berühmt berüchtigten Gulags (Glavnoe Upravienie Lagerey), eine Bezeichnung, die euphemistisch das Schreckliche zu kaschieren versucht: „Zentralverwaltung der Lager“. Dank des Buches „Archipel Gulag“ von Alexander Solschenyzin wurden dem Westen die Augen für die Grauen dieses organisierten Verbrechens in den Gulags geöffnet, wo die Sowjetunion die eigenen Gegner — tatsächliche oder bloß vermutete — massenweise eliminierte. Die Zahl der ohne jegliche Möglichkeit zur Verteidigung Verurteilten stieg von 30 000 im Jahr 1928 auf 8 Millionen im Jahr 1938. Schätzungen zufolge haben an die 20 Millionen Menschen ihr Leben in den sibirischen Gulags verloren. Diese Massenvernichtung in den Lagern wurde v.a. durch mangelnde Ernährung, unmenschliche Arbeit, Einsamkeit und unvorstellbarer Kälte herbeigeführt. Noch im Jahr 1992 befreite Boris Jelzin die letzten zehn Gefangenen in Perm. Auf doppelte Weise war Sibirien eine eisige Gegend: zum einen aufgrund der tiefen Temperaturen der langen Winter und zum anderen aufgrund des äußerst unmenschlichen Umgangs mit Millionen von Gefangenen.

 

In diesem Kontext wollen wir auch den heroischen Glauben und das Martyriums zahlreicher Katholiken in diesen Gegenden in Erinnerung rufen. In seiner Doktorarbeit Chiesa Cattolica e la nuova evangelizzazione in Siberia [Katholische Kirche und die Neuevangelisierung in Sibirien].Università Lateranense, Roma 2005, 247 S., dokumentiert Paolo Pezzi mit statistischen Angaben und erschütternden Zeugnissen die Jahrezehnte hindurch andauernde hasserfüllte und systematische Verfolgung des christlichen Glaubens in Sibirien. Das christliche Leben vollzog sich in einer Situation der Katakomben. Absicht der Verfolger war es, Kirche, Tradition und christliches Gewissen offiziell aufzuheben. Das Überleben im Glauben war nur möglich durch Gebete, die teilweise handgeschrieben weitergegeben wurden, durch auswendiggelernte Hymnen und Gesänge, durch den Heroismus und den Mut zum Risiko und den Einfallsreichtum und Improvisationsgeist im Untergrund. Für das historische Andenken des christlichen Glaubens wäre es ratsam, die Details dieser Treue bis zum Äußersten genauer zu studieren. Noch ist es möglich, Überlebende zu treffen, die voll Angst und Schrecken, Einsamkeit und Unsicherheit zu erzählen wagen, was damals alles geschehen ist.

 

Irkutsk — Nahe dem Ziel

 

Die Stadt, die hier als mein Bezugspunkt gilt, ist Irkutsk. In romantischer Weise wurde diese 1651 gegründete Stadt als das „Paris Sibiriens“ bezeichnet und zählt heute 600 000 Einwohner. Irkutsk ist Verwaltungsmittelpunkt für den östlichen Bereich Sibiriens; in ihr befindet sich auch der Bischofssitz dieses weitgedehnten Gebietes, und die Diözese gilt hinsichtlich ihrer geographischen Ausdehnung als die größte der Welt. Bedenken wir, dass wir uns in Asien befinden. Die erste Pfarrkirche wurde 1884 errichtet; aus dem Jahr 1881 datiert eine polnische Kapelle. Im Jahr 1991 wurde eine weitere Kirche errichtet — also noch zu Sowjetzeiten — nämlich die heutige Kathedrale.

 

Mit besonderer Neugierde betrachte ich den Bahnhof von Irkutsk, wo die weltberühmte transsibirische Eisenbahn durchfährt. Zar Alexander III. veranlasste 1886 den Bau des ersten Teilstücks dieser Eisenbahnstrecke. Die Linie von Irkutsk aus wird dann mehr und mehr zur „transmanschurischen“ und später zur „tranmongolischen“ Eisenbahn, und beide Linien führen auf unterschiedlichen Wegen nach Peking, in die Hauptstadt Chinas. Die transsibirische Eisenbahn von Moskau nach Wladiwastok ist mit ihren 9 946 km die längste Bahnstrecke der Welt, und niemand vermag genau zu sagen, wie viele Kilometer es noch bis zur chinesischen Hauptstadt sind. Auf jeden Fall befreite die transsibirische Eisenbahn Sibirien aus seiner Isolierung, indem sie den Handel ermöglichte und nicht zu letzt zahlreiche Touristen auf der Suche nach romantischen Zugfahrten anlockte.

 

Ein weiterer Anziehungspunkt ist der Baikalsee. Bewundernswert ist vor allem das unvergleichliche Szenario der ihn umgebenden Berge. Zum Baikalsee gelangt man auf einer fast geradlinigen Straße, die einmal steigt und das andere Mal wieder abwärts führt und stets von dichten Wäldern umgeben ist. Beachtlich sind auch die Maße des Sees: 600 km lang und 100 km breit — was ungefähr der Fläche von Belgien entspricht. Der Baikalsee ist nicht nur der größte See der Welt, sondern mit seinen 1637m zugleich auch der tiefste See der Welt. Das halbe Jahr über ist er mit Eis bedeckt und dient somit auch als Straße für verschiedenste Fahrzeuge. Die Klarheit des Wassers ist dermaßen, dass man sogar bis auf den Grund des Sees blicken kann. Der Direktor des Instituts für Limnologie (Seenkunde) versichert uns, dass „dieses Wasser so rein sei, dass man es sogar in die Autobatterie füllen kann“. In den Geschäften und Souvenirshops verkauft man gerne geräucherten bzw. gebratenen Fisch aus diesem süßen und zugleich kalten Binnensee.

 

Usole — Am Ziel meiner Reise

 

Usole heißt übersetzt:  „mit Salz“. Diese Stadt erstreckt sich an den Ufern des Flusses Angara, ca. 80 km nordöstlich von Irkutsk. Gegenüber seiner „roten Insel“ befindet sich der Gedenkstein, der an die Gründung der Stadt 1669 erinnert; und genau hier, neben dem Fluss, befindet sich eine der salzhaltigen Quellen, die bis heute einen wesentlichen Unterhalt für die Stadt mit ihren 100 000 Einwohnern beisteuert, nämlich die Salzindustrie. Die Bevölkerung ist jedoch im Abnehmen begriffen, was v.a. auf die mangelnden Arbeitsplätze zurückzuführen ist. Der Stadtkern hat kein wirkliches Zentrum noch eine Hauptstraße, sondern entfaltet sich in verschiedenen Zonen, ohne jedoch eine wirkliche Einheit erahnen zu lassen. Häufig sieht man noch alte Holzhäuser, deren einzige Verzierung an den Fenstern zu finden ist, sowie die zahlreichen leb- und inspirationslosen Wohnblöcke aus der Ära Chruschtschows. Die Stadt entbehrt zudem der notwendigen Infrastruktur, gemessen an der Zahl ihrer Einwohner. Und dennoch wurde gerade hier das erste Karmelitenkloster Russlands der neuen Zeit errichtet.

 

Blicken wir auf die Vorgeschichte. Es gab einmal das wage Bemühen, in Moskau ein Karmelitinnenkloster zu gründen. Die westliche Presse berichtete von den Widerständen der Orthodoxen gegen ein anderes Projekt, nämlich einer Gründung durch litauische Karmelitinnen in Niegegorodcki in den Jahren 2002 und 2004. Gegenwärtig gibt es Bemühungen, Dank des Wohlwollens des Bischofs von Novosibirsk, ein Kloster in Westsibirien zur gründen. Der eigentliche Anfang karmelitanischer Präsenz in Russland liegt jedoch in Taganrog, einer Stadt im nördlichen Kaukasus. Die Ursprünge dieser Gründung reichen weit zurück: Nach der Aufhebung der Provinz zum hl. Kasimir (1795), errichtete nämlich in dieser Stadt ein litauischer Karmelit, P. Serafin Goldfeld, 1812 die Pfarrkirche zur Dreifaltigkeit. Die Verwirklichung dieses Projekts war vor allem durch die Hilfe ausländischer Händler möglich geworden. Bis 1923 blieb die Erinnerung an diese Karmelitenpfarre im Zentrum der Stadt gewahrt. Während der Perestrojka versuchten die polnischen Karmeliten, das Kloster wieder zu erhalten, das in der Zwischenzeit zur Stadtbibliothek umfunktioniert worden war. Nachdem sie sich an den damaligen Präsidenten Boris Jelzin gewandt hatten, erhielten sie von seinem Sekretariat die Zusage zur Rückerstattung der Kirche, und als ehemalige Eigentümer wurden sie von der Zahlung zur Wiedererlangung des Besitzes befreit. Doch die örtlichen Behörden forderten hartnäckig hohe Summen zur Rückerstattung der ehemaligen Kirche. Während der ergebnislosen Verhandlungen siedelten sich dort zuerst ein polnischer Karmelit im Oktober 1997 und dann zwei weitere im Dezember 1999 an. Aus dieser Präsenz entstammt auch die erste karmelitanische Berufung eines Russen, der am 19. Juni 2005 seine Profess in Polen ablegte.

 

Am 14. Dezember 1999 übersiedelte dieses kleine Grüpplein von Karmeliten nach Usole, ins östliche Sibirien. Was waren Gründe dieser Übersiedelung? Es war die Erinnerung und der geistliche Ruf des hl. Raphael Kalinowski (1835-1907). Dieser polnische Heilige verbrachte sein Exil in Sibirien, weil er am polnischen Aufstand im Jänner 1863 gegen Zar Nikolaus I. teilgenommen hatte. In seinen Erinnerungen (veröffentlicht von Ryszard Bender) kommt Kalinowski auch auf seinen Aufenthalt in Irkutsk und Usole von 1865 bis 1872 (Wspomnienia 1835-1877. vol. III, Lublin 1965, SS. 102-124) zu sprechen. Erinnerungen dieser Art finden sich auch in seiner Korrespondenz (Listy vol. I, Lublin 1978, 444 SS.).

 

Gegenwärtig befinden sich in Usole Karmeliten aus der Provinz Warschau und Karmelitinnen aus dem polnischen Kloster Kalisz. Es handelt sich hierbei also um ein gemeinsames Bemühen von Brüdern und Schwestern. Die Brüder haben als Betreuer dieser Gründung P. Kasjan Dezor (73 Jahre), P. Pawel Badzinski, (34 Jahre) und P. Praciak Stanislaw (33Jahre). Alle drei repräsentieren zwei Generationen, die aufgrund verschiedener Begabungen gut zusammenwirken. Der Ältere der beiden hat als Arbeiterpriester in Polen und als Missionar in Burundi gearbeitet, weshalb er auch Französisch spricht. Der zweite Mitbruder hingegen bringt die missionarische Erfahrung in Weißrussland mit und hat als Autodidakt Italienisch gelernt. Beide haben außerdem die Erfahrungen gemeinsamen Lebens in der Gründung von Taganrog im Kauskasus. Und der dritte kam direkt aus Polen hin.

 

Gleichsam als Pioniere einer schwierigen Evangelisation leben sie in materieller Armut und in der Abgeschiedenheit sibirischer Weiten. Ihre Hauptaufgabe in Usole ist vor allem präsent zu sein. Wir hoffen, dass ihre Gegenwart zum Sauerteig wird, wie es auch das Leben eines sel. Charles de Foucauld in Tamanrasset war. Die drei Karmeliten leben zur Zeit in einer Wohnung im ersten Stock eines Arbeiterhauses, dessen Äußeres sehr vernachlässigt ist. Wenige Meter daneben haben sie eine kleine Kapelle errichtet, die einzige Kultstätte in dieser Stadt mit 100 000 Einwohnern.  Das zentrale Kreuz und das Altarbild, welches den Patron der Kapelle — den hl. Raphael Kalinowski darstellt — sind Werke eines Häftlings. Die Nachbarn und ebenso die restliche Bevölkerung sind der klassische Prototyp des homo sovieticus, was sofort an die Frage des Apostels Paulus erinnert: “ Wie sollen sie nun den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündigt?” (Röm 10,14).

 

Haben diese Leute, die wir neugierig am Straßenrand und während der Mittagsruhe beobachten, auch in ihrem Inneren jene Traurigkeit, die sie nach außen zeigen? Einige von hier sind davon überzeugt und betonen es auch, dass die Leute noch immer nicht zur Gänze von der Hoffnungslosigkeit befreit sind, welche ihnen der Kommunismus eingeflößt hatte. Zu meinem großen Trost höre ich jenes Wort aus dem Mund meiner Mitbrüder: „Es ist nicht leicht, die Menschen hier zu verstehen, aber wir lieben sie deswegen genauso“. Diese Aussage ist zugleich das pastorale Prinzip der Karmeliten in Usole.

 

Ungewohnt ist auch der Umstand, dass man in einer Stadt lebt, in der man keinen einzigen Kirchturm zu sehen bekommt. Jegliche Art religiöser Zeichen und Berührungspunkte wurde vom vergangenen Regime unterdrückt und ausgerottet. Es genügt diesbezüglich die alten Fotos zu sehen, auf denen die kommunistische Jugend die kunstvollen orthodoxen Kirchen in die Luft sprengen. Gegenwärtig ist man dabei, eine neue Kirche zu bauen. Zur moralischen und religiösen Wiedererrichtung ist die Hilfe der Kongregation der Schwestern vom hl. Albert (gegründet in Polen vom hl. Adam Albert Chmielowski) im Bereich der Caritas und der Pfarre ein wertvoller Beitrag. Tief betroffen verbleibe ich, wenn ich an die zerstörte Jugend denke, die ich hier sehen konnte. Bereits im Schoß der Familie wirken die zerstörerischen Kräfte. Es sind nicht drogenabhängige, sondern ammoniakabhängige Jugendliche, deren Gesichter auf furchtbare Weise die Zeichen der Zerstörung widerspiegeln. Hätte ich es nicht selbst gesehen, ich würde so etwas nicht für möglich halten!

 

Als die Mitbrüder hier ankamen, galt es, von Null zu beginnen. Viel gibt es noch zu tun, um den gesellschaftlichen Übeln in ihrer Tiefe helfend entgegenzuwirken: dem Alkoholismus mit all seinen negativen Auswirkungen auf das Familienleben, den Straßenkinder, der schrankenlose Korruption und nicht zuletzt auch dem Wirken religiöser Sekten, ...

 

In Usole lebt man die Erfahrung der biblischen „kleinen Herde“. Man muss schon ordentlich hinein pusten, damit aus den in Asche liegenden Gewissen wieder eine Flamme religiösen Lebens auflodert. Mit anderen Worten: Sowohl die Verkündigung des Evangeliums als auch die Pastoral müssen bei Null beginnen. Unsere Mitbrüder zeigen sich hier optimistisch und betonen: „Die Konvertiten bringen die besten Ausgangsbedingungen mit, da sie aus dem Atheismus kommen, und somit keine negativ belastete oder verdrehte Religiosität haben, die wegen mangelnder Bildung oft mit Abergläubischem vermengt ist“. Die Hoffnung der Mitbrüder ist ganz auf die Jugendlichen aus den Katechismus- und Ministrantengruppen gerichtet, da aus diesen künftige Berufungen hervorgehen können. Einen besonderen Schwerpunk bildet darüber hinaus die Erwachsenenkatechese.

 

Das Grundstück zur Neugründung ist schon bereit, genauso wie die Planung einer Kirche zu Ehren des hl. Raphael Kalinowski, der hier sein Exil verbracht hatte; ebenso liegen die Pläne für den neuen Konvent bereits vor. Es ist zu erwarten, dass hier ein großes Zentrum zur Verbreitung des karmelitanischen Leben entstehen wird. Die Verwirklichung der Projekte wird jedoch von einer lahmen Bürokratie gebremst. Weder die sibirische Kälte in den langen Wintermonaten noch die bürokratischen Hindernisse, die z.B. verlangen, dass die Patres als Ausländer einmal pro Jahr das Land verlassen müssen, um ihr Visum zu erneuern, beeinträchtigen ihren christlichen Mut und ihre Zuversicht. Dennoch, diese Hindernisse sind nicht nur lästig, sondern auch kostspielig.

 

Die Karmelitinnen, die 2002 hier nach Usole kamen, haben mittlerweile die anfänglichen Befürchtungen und Überraschungen dieser neuen Umgebung überwunden. So mussten sie verstehen lernen, dass Ausländern oft willkürliche Steuern auferlegt werden. Doch alle Beschwerlichkeiten und Hindernisse ertragen sie für Gott und für das gute Gelingen dieser Gründung. In der Umgebung fehlen Orte monastischer Tradition. Die Karmelitinnen leben derzeit noch in einem provisorisch eingerichteten Haus, dessen Grundstück bereits mit einer Klostermauer umgeben ist. Es gibt zwar Projekte, Pläne, etc., ... aber es fehlt die Erlaubnis von Seiten der Behörden, was immer sehr aufreibend ist. Die beiden Postulantinnen werden zur Zeit in Polen ausgebildet. Auf meine Fragen haben sie folgenderweise geantwortet:

 

- Welches war euer Ideal, um nach Sibirien zu kommen?

- Vereint im Gedenken an den hl. Raphael Kalinowski wollen wir, dass Usole ein besonderer Ort des Gebetes wird. Das bedarf natürlich einer großen Unterscheidungsgabe, um täglich das Ideal des Karmels in dieser Situation und Umgebung inkarnieren zu können.

 

- Fühlt ihr euch als Missionarinnen in Usole?

- Das Christentum hat sich schon vor vielen Jahrhunderten in Russland ausgebreitet. Die Orthodoxen betrachten aber das gesamte Land als ihnen gehörig, doch gibt es noch viele Gebiete ohne Christentum. So hoffen wir, dass unsere bescheidene Präsenz ein wenig hilft, dieses Ziel zu erreichen.

 

- Was war bisher die größte Schwierigkeit für euch?

- Die Aufenthaltsbewilligung zu bekommen. Wir müssen diese jedes Jahr erneuern, wozu wir das Land verlassen und erneut darum ansuchen müssen. Das belastet sowohl das Leben in Klausur und als auch unsere finanzielle Lage. Ebenso herausfordernd ist der Kontakt mit der Armut: hungrige Kinder, die täglich an unserer Tür klopfen …

 

Um das Gedeihen des Karmels in Usole besser einschätzen zu können, hatte ich das Glück, während meines Besuchs das Hochfest U.L.F. vom Berge Karmel dort feiern zu dürfen. Am Morgen hatten wir gemeinsam mit unseren Karmelitinnen das Fest gefeiert. Die Anwesenheit von Priestern und Ordensleuten aus Irkutsk und Angarsk war ein schönes Zeichen der Solidarität der Diözese gegenüber unseren Mitbrüdern während der Eucharistiefeier und der anschließenden Agape am Nachmittag. Es sind das die besten Momente, um Freundschaften zu schließen. Niemals zuvor hatte ich, wie hier in Usole, die Koinonia der Urkirche verspüren können (vgl. Apg 2,42-47). Die Gemeinschaft im Abendmahlsaal ist gewachsen und hat sich ausgebreitet: Das war auch mein Wunsch für die Zukunft dieser Gründung in Usole am Ende dieser denkwürdigen Feier.

 

Die Mission in Usole bedarf eines großen Segens vom Himmel und eines großen und mühevoll getragenen evangelisierenden Einsatzes. Ich durfte mich von der Wichtigkeit beider Bedingungen überzeugen und möchte meinen Reisebericht mit meiner Überzeugung beenden: Der Keim der Anfänge karmelitanischer Präsenz in Russland scheint eine prophetische und programmatische Dimension in sich zu bergen, wie sie einst von der hl. Thérèse vom Kinde Jesus formuliert wurde: „Im Herzen der Kirche, meiner Mutter, möchte ich die Liebe sein...“ (MsB 3v).

 

     
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Updated 13 set 2006  by OCD General House
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