INHALT
Eine dokumentarische Rarität über den Iran
Elisabeth von der Dreifaltigkeit im Blickfeld der Laien
Die Generaldelegation von Taiwan und Singapur
Ein Beitrag von Kardinal Ratzinger
EINE DOKUMENTARISCHE RARITÄT ÜBER DEN IRAN
Als in den vergangenen Monaten die Stimmen der
iraninischen Politik immer lauter und aggressiver gegen
die Existenz des Staates Israel wurden, unternahm Israel
seinerseits auf diplomatischer Ebene eine Kampagne der
Sympathie gegenüber dem iranischen Volk. Im Zuge dieser
diplomatischen Bemühungen erschien der iranische
Botschafter am Heiligen Stuhl, Dr. Hassan Dehghani
Kodnoeih, in unserem Generalat. Zuvor hatte er von der
Kongregation für die Glaubensverbreitung Name und
Adresse unseres Sekretärs für die Missionen erfragt.
Seine Ansprache war anfangs ziemlich steif, so wie wenn
einer eine Rede auswendig lernt und sie dann
heruntersagt. Es ging ihm dabei um “die Wahrheit über
sein Land”, welche seiner Meinung nach in den
vergangenen Tagen besonders durch die Medien
─ und das nicht ganz ohne Berechtigung
─gegenteilig dargestellt wurde. Langsam wurde der
Diplomat ruhiger und beherrschter, besonders nachdem wir
ihm erzählten, dass die Karmeliten (1604) durch den
Papst zum Shah Abbas dem Großen gesandt wurden; dass der
erste karmelitanische Bischof ein Spanier (P. Juan Tadeo
de San Eliseo) in Isfahan war, und dass ich [P. Damaso
Zuazua] mich in meiner kirchengeschichtlichen
Doktorarbeit in Wien mit diesen Themenbereichen
beschäftigt hatte... Da er sich nun mit jemandem wusste,
der mit ihm über die Geschichte seines Landes sprach,
wechselte sein Verhalten in eine Atmospähre des
Vertrauens und der Freundschaftlichkeit.
Sein berechtigter Patriotismus entfachte sich, als ich
ihm erzählte, dass wir in unserem Generalat für den
Westen einzigartige Dokumente über die Geschichte seines
Landes aufbewahren, nämlich 15 autographische Briefe des
Shah Abbas I. des Großen (1557-1628). In der Tat erfreut
sich unser Generalarchiv dieses seltenen Privilegs,
solch einzigartige Dokumente aufzubewahren: 15
Originaldokumente auf Arabisch und Persisch mit Siegel
und Unterschrift jenes orientalischen Herrschers. Hinzu
kommen die handschriftlichen Übersetzungen ins
Italienische. Darüber hinaus existieren noch weitere 6
Übersetzungen, von denen uns aber die Originale fehlen.
Besagte Briefe sind an Papst Paul V., Urban VIII., an
einige Kardinäle, an den König Philipp II. von Spanien,
an König Sigismund III. von Polen und an den General der
Unbeschuhten Karmeliten adressiert, der ja die
Karmeliten als Missionare nach Persien entsandt hatte.
Die Briefe überspannen den Zeitraum von 1608 bis 1616,
was den Jahren 1019-1024 gemäß dem persischen Kalender
entspricht.
Diese äußerst seltenen Dokumente werden zwar in der
“Bibliografía Misional” (Missionsbibliographie) des P.
Ambrosio de Santa Teresa erwähnt, doch wurden sie erst
1991 ─ unter dem zuständigen Archivar Antonio Fortes
─ zum ersten Mal durch die Professorin, Paola Orsatti
katalogisiert. Auch Francis Richard zitiert diese
Dokumente in der Zeitschrift “Dabireh” (nº
6/1989, pp. 172-178), doch war dem Autor nur die
Existenz von 6 der insgesamt 15 Originalbriefe bekannt.
Der iranische Diplomat bat, diesen archivarischen Schatz
näher überprüfen zu dürfen. Nachdem diese Dokumente mit
entsprechender Technik fotografiert werden, stehen sie
als Kopien auf CD-ROM für die Forscher in seinem Land
sowohl in der Nationalbibliothek als auch in der
Universitätsbibliotek von Teheran zur Verfügung.
ELISABETH VON DER DREIFALTIGKEIT IM BLICKFELD DER LAIEN
Im Laufe des Jubiläumsjahres anlässlich ihres 100.
Todestages mehren sich die verschiedenen Gedenkfeiern,
Kongresse, Konzerte, Publikationen, Gebetstreffen,
Treffen von Jugendlichen, etc. Elisabeth steht während
dieses Jahres klarerweise im karmelitanischen Ambiente
im Mittelpunkt. Im Kloster der Unbeschuhten
Karmelitinnen von Medellín-La Mansión (Kolumbien)
besteht seit dem 13. Februar 1997 die “Casa teresiana de
oración” (“Haus des theresianischen Gebets”), welches
der Karmelit John Jairo Herrera Vargas leitet. Ziel
dieser Einrichtung ist es: “Den Menschen das Charisma
des Karmels zu vermitteln”. Das von den Mitgliedern und
Freunden herausgegebene Kontaktblatt trägt den Titel: “Bajo
la sombra del Carmelo” (“Im Schatten des
Karmel”). Das “Haus des theresianischen Gebetes” nimmt
am Jubiläumsjahr für Elisabeth mittels einer
Sondernummer der Zeitschrift teil. Dabei gedenkt diese
karmelitanische Einrichtung auch des eigenen 10jährigen
Bestehens. Die Sondernummer ist darüber hinaus auch
unserer Schwester aus dem Karmel in Dijon gewidmet:
Abriss ihres Lebens, ihre Botschaft, verschiedene
Kommentare zu ihrer Lehre, Zeugnisse von Laien, welche
die Schriften der Seligen gelesen haben,... Das
pastorale Bemühen um die Verbreitung der Spiritualität
zeigt u.a. seine Früchte darin, dass die selige
Elisabeth unter den Laien ein großes Echo findet.
DIE GENERALDELEGATION VON TAIWAN UND SINGAPUR
Sobald im Karmel über China die Rede ist, erwacht die
Erinnerung an Jerónimo Gracián. Am 9. April 1585, also
im letzten Monat seines Provinzialats, überarbeitete er
eine missionarische Übereinkunft, welche er 1586
gemeinsam mit dem Franziskaner und Neffen des hl.
Ignatius von Loyola, P. Martín Ignacio de Loyola
unterschrieb. Dieses brüderliche Band (“Vínculo de
Hermandad”) veröffentlichte Gracián in seinem “Stímulo
de la Propagación de la Fe” (Impuls zur
Glaubensverbreitung). Darin kommen die beiden
Ordensfamilien überein, ihr Gebet für die
Evangelisierung Chinas zu intensivieren. In ihren
strategischen Vorbereitungen dachten sie daran, einen
“Katechismus der christlichen Lehre in der
Muttersprache, auf Chinesisch und Äthiopisch zu
verfassen”.
Die ersten beiden Karmeliten, die chinesischen Boden
betraten, waren ein Italiener und ein Deutscher. Sie
waren Teil der Gesandtschaft, welche Papst Benedikt
XIII. im Jahre 1719 nach China schickte, um über die
sog. “chinesischen Riten” Klarheit zu erlangen. Mit dem
selben Motiv wurde die Karmeliten 1724 erneut nach China
geschickt, dieses Mal an den chinesischen Herrscherhof.
Zwei weitere Karmeliten, ein Österreicher und ein
Italiener, gelangten zu Zwecken der Evangelisierung ins
Reich von Katai. Einer von ihnen verfasste sogar ein
italienisch-chinesisches Wörterbuch für Missionare. Alle
missionarischen Bemühungen fanden jedoch 1791 ein jehes
Ende. Erst 1947 begannen neun Karmeliten aus der Provinz
Venedig sowie der erste chinesische Karmelit eine neue
Mission in China. Doch wurden sie 1951 von den
kommunistischen Machthabern des Landes verwiesen,
woraufhin sie die erste Mission in Japan gründeten.
Nach diesem historischen Rückblick wollen wir uns jedoch
auf die gegenwärtige Situation in China konzentrieren.
Seitdem er aus China ausgewiesen war, arbeitete P. John
Mary Chin Phen auf den Philippinen. Im Jahr 1980 kam er
gleichsam “nebenbei” nach Taiwan. Mit Unterstützung der
Karmelitinnen, bei denen er als Hausgeistlicher wirkte,
konnte er dort die ersten Berufungen für den Karmel
gewinnen. Schließlich erhielt er vom damaligen
Ordensgeneral, P. General Felipe Sáinz de Baranda, die
Erlaubnis für sein spezielles Apostolat, und als Gehilfe
wurde ihm ein englischer Karmelit beigestellt. Danach
kamen noch zwei Patres aus der Provinz von Malta; diese
Provinz nahm sich schließlich um die Gründung an. Die
Aufgabe bestand für sie darin, den Karmel mit Berufungen
aus Taiwan und der Diaspora langsam zu festigen. Der
Bischof von Hsinchu überließ ihnen die Pfarre “zum hl.
Josef” (danach “zur Jungfrau vom Karmel”).
Schlussendlich konnte 1983 das erste Karmelitenkloster
auf dieser chinesischen Insel gegründet werden. Die
ersten vier Berufungen kamen aus Singapur. Der erst
Postulant, Joseph Koh, begann seinen Ausbildungsweg am
14. Juni 1983. Schon ein Monat danach kam ein zweiter
Postulant, James Wu. Im Jahr 1988 konnte eine zweite
Niederlassung in Taipei eröffnet werden, dieses in der
Funktion eines Studienhauses. 1990 wurden die Häuser zu
einer Generaldelegation zusammengefasst.
Seit 1938 sind die Karmelitinnen in Singapur. Bereits im
Jahre 1988 brachte man die Sehnsucht nach Brüdern zum
Ausdruck, doch verwirklichte sich die Gründung eines
Klosters der Karmeliten erst 1997. Singapur ist
gleichsam die Zentrale der Berufungspastoral, die sich
von dort aus in die chinesische Disaspora (Malaysia,
Thailand, Myanmar) erstreckt. Im Jahr 1999 wurde ein
zweites Kloster gegründet. Gegenwärtig setzt sich die
Generaldefinition wie folgt zusammen: 4 Häuser (2 in
Taiwan und 2 in Singapur), 12 Priester (einschließlich
einem aus Irland und einem aus Tamilnadu (Indien)), 2
Ewigprofessen, 12 Einfachprofessen und 5 Postulanten.
Der Orden muss nämlich
─ sobald es die Umstände erlauben
─ vorbereitet sein, um auf dem chinesischen Festland
─ oder wie es in der programmatischen Formulierung
von P. Gracián heißt: beim “ehrwürdigen Volk der
Chinesen”─ Fuß zu fassen.
EIN KARMELITANISCHER BEITRAG VON KARINDAL JOSEPH RATZINGER
Alle Referenzen des Papstes zum Karmel werden im
offiziellen Organ des Ordens, den “Acta OCD”
veröffentlicht, welche alljährlich in Rom publiziert
werden. Anlässlich des 50. Jahrestages der
Doktoratsarbeit von Karol Wojtyla über den Heiligen
Johannes vom Kreuz und dem 25. Jahrestag des Pontifikats
von Papst Johannes Paul II. verfasste der ehemalige
Kardinal Ratzinger folgenden Beitrag:
“Wie könnten wir über diesen Heiligen Vater sprechen,
ohne daran zu erinnern, wieviele Heilige und Selige
durch ihn zur Ehre der Altäre erhoben wurden? Unter
dieser Vielzahl gibt es zwei Frauen, beide aus dem
Karmelitenorden, die uns helfen können, die
weisheitliche Dimension zu verstehen, welche der
gesamten theologischen Reflexion dieses Papstes zugrunde
liegt. Vielleicht ist es nicht von ungefähr, dass gerade
diese beiden jungen Frauen so mit dem Pontifikat dieses
Papstes verbunden sind. Es handelt sich bei ihnen um
eine Heilige, die er zur “Doktorin” und einer Doktorin,
die er zur Heiligen ernannte: Thérèse Martin und Edith
Stein. Die erste von ihnen, Thérèse vom Kinde Jesus und
vom heiligen Antlitz, war ein Mädchen, welches die
Heiligkeit in der Schlichtheit ihres jungen Herzens
durchscheinen ließ, und Dank der Initiative von Johannes
Paul II. wurde ihre Weisheit offengelegt, sodass sie es
verdiente, zur Kirchenlehrerin ernannt zu werden.
Ihr “Kleiner Weg”
wurde nun zum großen Weg, der den Durchgang durch das
“enge Tor” des Evangeliums erleichtert. Die zweite Frau,
Theresia Benedicta vom Kreuz, war eine junge Gelehrte
und Philosophin, die dann in den Karmel eintrat. Sie
lernte durch die Erkenntnis des Kreuzes bis hin zum
bewusst angenommenen Martyrium jene geheimnisvolle
Weisheit, die aus einer gelebten Heiligkeit entspringt.
Ihre Suche nach Wahrheit führte sie schließlich zur
Entdeckung des Evangeliums vom Kreuz, der Quelle freier
und authentischer Liebe. Diese beiden Frauen haben uns
gelehrt, dass Wahrheit und Liebe untrennbar
zusammengehören. Die eine ist Patronin der Missionen,
ein Zeichen des universalen Heilsplanes, die andere ist
eine vom Judentum konvertierte Katholikin, Zeichen jener
Gemeinschaft der Väter mit ihren Kindern (Lk 1,17),
welche die messianische Epoche einleitet.
Unter dem selben Namen
“Theresia” entdecken wir im Leben beider die Heiligkeit,
die sich in Weisheit wandelt und die Weisheit, die zur
Heiligkeit wird, aufgrund des einheitlichen Plans der
Liebe und Erlösung der Menschen. Thérèse gelangte von
der Weisheit ihres aus Liebe zu Jesus entflammten
Herzens zum mystischen Verstehen. Edith hingegen
gelangte schließlich von einem vielfachen
philosophischen Verstehen des Geheimnisses zu jener
Weisheit des Kreuzes, die sie dahin brachte, ihr Leben
bis zur Hingabe im Tod auszuliefern. Beide Frauen sind
Weise, d.h. sie kennen jene Weisheit, die sich nur denen
offenbart, die das Kreuz als Schlüssel ihrer Existenz
erfasst haben. Und beide sind Heilige, weil ihre Herzen
durch eine lernbereite und liebevolle Nachfolge des
Auferstandenen die Quelle der Wahrheit kennen lernten”.
L’Osservatore Romano, 7. November 1998, S. 4