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Einführung
Der lateinische Begriff lectio
divina bedeutet soviel wie betendes Lesen der Schrift. Die
Schriftlektüre soll das Gebet nähren und den Leser an das Geheimnis
heranführen, das im biblischen Text verborgen ist.
Lectio
divina ist etwas anderes als wissenschaftliche Exegese,
als Studium und kritische Auslegung der Schrift, denn unter der
Wirkung des Hl. Geistes gründet sie sich auf den Glaubensdialog
zwischen dem Leser und Gott.
Das Zweite Vatikanische Konzil hat uns wieder auf die zentrale
Rolle des Wortes Gottes aufmerksam gemacht, was in der Folge zur
Wiederentdeckung der Lectio divina führte. Ihre Methode hat je
nach pastoraler Notwendigkeit und entsprechend den Bedürfnissen der
christlichen Gruppe verschiedene Formen angenommen.
Wir haben als Ausgangspunkt für unsere
`Geistlich-theologischen
ReflexionenA die Lectio divina
gewählt, weil in diesem Begriff sowohl das Hören des Wortes als auch
das immerwährende Beten enthalten ist, die uns die Regel und
die Erfahrungen und Lehre unserer Ordenseltern uns als wichtigste
Elemente unseres Charismas in der Kirche ans Herz legen: `Tag und Nacht im Gesetz des
Herrn betrachten und im Gebet wachenA,
indem wir `oft
allein bei dem verweilen, von dem wissen, daß er uns liebtA
[1]
.
Mit dieser geistlich-theologischen, von unserer Erfahrung
ausgehenden Besinnung möchten wir als Karmelitinnen uns die
Notwendigkeit bewußt machen, dem Wort Gottes als dem eigentlichen
Herzen und der wahren Quelle unseres Lebens und unserer Sendung in der
Kirche seinen Platz zurückzugeben. Für unser Leben der Vertrautheit
und Gemeinschaft mit dem Herrn gibt es keine solidere, kräftigere
Nahrung als sein betend bedachtes Wort. Bereits das Zweite Vatikanum
erinnert alle Christen daran,
`daß das Gebet die Lesung der
Heiligen Schrift begleiten muß, damit sie zu einem Gespräch werde
zwischen Gott und Mensch; denn ihn reden wir an, wenn wir beten; ihn
hören wir, wenn wir Gottes Weisungen lesenA
[2]
.
Unsere geistlich-theologischen Reflexio über das genannte Thema
geht von unserer persönlichen und kommunitären Erfahrung aus. Es
geht nicht darum, spekulative Theologie zu betreiben, sondern unsere
Erfahrungen einander mitzuteilen und eine narrative Theologie
[3]
zu entwickeln, an der unsere Schwestern und
Brüder in aller Welt teilhaben können. So wird bei aller
Verschiedenheit in den Stilen und Formen, in denen im weiblichen
Teresianischen Karmel das betende Lesen der Schrift heute praktiziert
wird, die Einheit in der Vielfalt aufscheinen.
Um unsere Erfahrungen ins Wort zu bringen und klar zu
beschreiben, müssen wir über die Lehren der Schrift und Theologie
nachdenken und einen Blick in die Kirchengeschichte im allgemeinen und
die karmelitanische Tradition insbesondere werfen. Daraus werden sich
Schlußfolgerungen für die Praxis ergeben, die uns in dem
soziokulturellen und kirchlichen Umfeld, in dem wir zu Hause sind,
hilfreich sein und uns bereichern können.
Aus diesem Grund wollen wir unsere persönliche und
gemeinschaftliche Reflexion von fünf Perspektive aus angehen:
biblisch, theologisch, geschichtlich, karmelitanisch und praktisch.
Die Ordensleitung bietet diese Orientierungshilfe den Regionen
an, in denen man nicht über die Möglichkeit verfügt, solch
Anleitungen zur geistlich-theologischen Reflexion selbst zu erstellen.
Es besteht von daher KEINE Verpflichtung, sie zu verwenden und erst
recht nicht, ihnen wörtlich zu folgen.
Wir bitten den Herrn, daß er dieses Projekt segne. Er hat uns,
den Schwestern und Brüdern, den Gedanken nahegelegt, uns gegenseitig
zu helfen, von unserem teresianisch-karmelitanischen
Selbstverständnis aus auf sein Wort zu lauschen und es in die Tat
umzusetzen. Als Karmelitinnen werden wir jetzt damit beginnen, uns in
einer uns als kontemplativen Frauen eigenen Sprache unsere
Gotterfahrungen mitzuteilenzu äußern. Der Hl. Vater lädt uns dazu
ein, wenn er schreibt:
`Auch auf dem Gebiet der
theologischen, kulturellen und spirituellen Reflexion darf man sich
vom Genius der Frau viel erwarten, nicht nur in bezug auf die
besondere Eigenart des geweihten Lebens, sondern auch was das
Verständnis des Glaubens in allen seinen Ausdrucksformen betrifftA
[4]
.
I. Die biblische Perspektive der lectio divina
Von der Schrift her gesehen ist die lectio divina
gläubiges und betendes Lesen des Wortes Gottes, ausgehend vom Glauben
an Jesus, der sagt:
`Der
Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden
wird, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich
euch gesagt habeA
(Joh 14,26).
In einer gewissen Weise praktiziert das Neue Testament die Lectio
divina des Alten. Tatsächlich ist das NT zum Teil Frucht der
Lektüre, die die Christen im Licht ihrer Probleme und im Licht der
neuen Offenbarung, die Gott durch die Auferstehung des in der Gemeinde
gegenwärtigen und lebendigen Jesus von sich gewährt hat, gehalten
haben.
Die lectio divina verfolgt den gleichen Zweck wie die
Schrift:
`Weisheit
zu verleihen, damit wir durch den Glauben an Christus Jesus gerettet
werdenA
(2 Tim 3,15) und anzuleiten `zur
Belehrung, Widerlegung, Besserung und zur Erziehung in der
GerechtigkeitA,
denn `so
wird der Mensch Gottes zu jedem guten Werk bereit und gerüstet seinA
(2 Tim 3,16-17). Sie belebt unsere Hoffnung, denn `alles,
was einst geschrieben worden ist, ist zu unserer Belehrung
geschrieben, damit wir durch Geduld und durch den Trost der Schrift
Hoffnung habenA
(Röm 15,4).
Die Lectio divina setzt einige grundlegende Dinge voraus,
die bei der christlichen Bibellektüre immer gegenwärtig sind:
1. Die Einheit der Schrift. Die Bibel bildet eine große
Einheit: jedes Buch, jeder Vers hat seinen Platz und seine Funktion,
um uns Gottes Vorhaben zu enthüllen. Ihre verschiedenen Teile sind
wie die Steine einer riesigen Mauer. Zusammen ergeben sie die
Zeichnung für Gottes Vorhaben. Das Prinzip der Einheit der Schrift
verbietet es, die Texte zu isolieren, sie aus ihrem Kontext
herauszureißen und sie isoliert als absolute Wahrheiten zu
wiederholen. Ein Stein macht noch keine Mauer aus, eine Linie noch
kein Bild. Die Schrift ist kein mit Steinen beladener Lkw, sondern ein
Haus, in dem man wohnen kann.
2. Die Aktualität oder Inkarnierung des Wortes. Als
Christen können wir bei der Bibellektüre nicht von unserem Leben
absehen, sondern müssen es auf uns nehmen, in uns hineinnehmen. Wenn
wir das Leben vor uns haben, entdecken wir in der Bibel den
Widerschein dessen, was wir gerade selbst leben. Die Schrift wird dann
zum Spiegel dessen, was wir selbst erleben und was im Innern jedes
Menschen vor sich geht. Wir machen die Entdeckung, daß sich Gottes
Wort nicht nur in jenen fernen Zeiten inkarniert, sondern auch heute.
Denn er will bei uns sein und uns helfen, unsere Probleme zu
bewältigen und unsere Hoffnungen zu verwirklichen.
`Ach, würdet ihr doch heute auf
seine Stimme hören!A (Ps 95,7).
3. Der Glaube an den in der Gemeinde lebendigen Jesus
Christus.
`Wir
lesen die Schrift im Glauben an den unter uns gegenwärtigen Herrn. Er
ist der Angelpunkt bei unserer Lektüre. Der Glaube an Jesus hilft,
die Schrift besser zu verstehen; die Schrift hilft, die Bedeutung Jesu
für unser Leben besser zu verstehen. Gemeinschaftliche
Schriftlektüre bewirkt, daß Bibel, Tradition und Leben zu einer
lebendigen Einheit verschmelzenA
[5]
.
Fragen
für die persönliche und gemeinschaftliche Reflexion:
Das Zweite Vatikanische Konzil hat die lectio divina
wieder aufgewertet, indem es die Kirche als Hörerin des Wortes
präsentierte:
`Gottes
Wort voll Ehrfurcht hörend und voll Zuversicht verkündigend, folgt
die Heilige Synode den Worten des heiligen Johannes: _Wir
verkünden euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns offenbart
wurde. Was wir gesehen und gehört haben, das verkünden wir auch
euch, damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt. Wir aber haben
Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus>
(1 Joh 1,2-3). Darum will die Synode ... die echte Lehre ... vorlegen,
damit die ganze Welt im Hören auf die Botschaft des Heiles glaubt, im
Glauben hofft und in der Hoffnung liebtA
[6]
.
Eine
weitere Aussage des Konzils erhellt einen inneren Zusammenhang
zwischen Kirche und Wort Gottes, der durch betendes Lesen der Schrift
geschaffen wird. Dieses läßt die Kirche in ihrem Selbstverständnis
wachsen:
`Diese
apostolische Überlieferung kennt in der Kirche unter dem Beistand des
Heiligen Geistes einen Fortschritt: es wächst das Verständnis der
überlieferten Dinge und Worte durch das Nachsinnen und Studium der
Gläubigen, die sie in ihrem Herzen erwägen (vgl. Lk 2,19.51), durch
innere Einsicht, die aus geistlicher Erfahrung stammt, durch die
Verkündigung derer, die mit der Nachfolge im Bischofsamt das sichere
Charisma der Wahrheit empfangen haben; denn die Kirche strebt im Gang
der Jahrhunderte ständig der Fülle der göttlichen Wahrheit
entgegen, bis an ihr sich Gottes Worte erfüllenA
[7]
.
Das Konzil weist auch darauf hin, daß Gott durch die `Zeichen
der ZeitA zu uns spricht
[8]
.
Aus der theologischen Perspektive muß die Schrift im gleichen
Geist gelesen und ausgelegt werden, in dem sie geschrieben wurde, im
Bewußtsein, daß es Gottes Herablassung ist, der sich der
menschlichen Natur anpaßt und nach Menschenart spricht
[9]
. Deshalb ist die Lektüre der erste
Schritt bei der Lectio divina, der zur Meditation und
zum Gebet führt und in der Kontemplation endet. Es ist
nicht leicht, diese vier Schritte auseinanderzuhalten, weil sie
gleichzeitig bestehen, doch ist es gut, die besonderen Merkmale jedes
Schrittes zu kennen, auch wenn man bei der Praxis später merkt, daß
die Schritte ineinander übergehen. `Die Lektüre ist der erste Schritt, um das Wort Gottes kennenzulernen und zu lieben; was man nicht kennt, liebt man nicht. Sie ist auch der erste Schritt im Prozeß der Aneignung des Wortes ... Man muß viel in der Schrift lesen, um mit ihr vertraut zu werden, um dahin zu kommen, daß sie zu unserem Wort wird, das fähig ist, unser Leben und unsere Lebensgeschichte auszudrücken ..
Durch
das Lesen geben wir uns mit der Schrift ab, wie wenn man sich mit
einem Freund abgibt ... Eine Lektüre nach Art eines kritischen
Studiums hilft dem Leser, den Text zu analysieren und ihn in seinen
Ursprungskontext zu stellen. Dieses Studium hat drei Ebenen:
Wenn die Lektüre gut gemacht wird, hilft sie, den
Fundamentalismus zu überwinden; wenn sie schlecht gemacht wird, wird
er verstärkt. Der Fundamentalismus bleibt die große Versuchung, die
sich in den Köpfen vieler Menschen festgesetzt hat. Er löst den Text
aus dem Lebenszusammenhang und der Geschichte des Volkes und
verabsolutiert ihn als einzig mögliche Äußerung des Wortes Gottes
im Leben. Er bedeutet die totale Abwesenheit jeglichen Bewußtseins,
verdreht den Sinn der Schrift und leistet bei deren Auslegung dem
Moralismus, Individualismus und Spiritualismus VorschubA
[10]
.
Der zweite Schritt ist die Meditation. Durch sie kommt es
zur Zwiesprache mit dem Text, wir
`kauen ihn wiederA
und aktualisieren ihn. `Die Lektüre antwortete auf die
Frage: Was sagt der Text? Die Meditation beantwortet die Frage: Was
sagt der Text zu mir, zu
uns? Die Frage, um die es von nun an eigentlich geht, lautet daher:
Was will Gott heute mit diesem Text sagen? ...A
[11]
.
Um diese Frage zu beantworten,
`tritt
man mit dem Text in ein Zwiegespräch ein, indem man Fragen stellt, die
den Einsatz unseres Verstandes verlangen und darauf abzielen, im
Horizont unseres Lebens in den Text einzudringen. Man meditiert,
nachdenkend und fragend: Was für Ähnlichkeiten oder Unterschiede
bestehen zwischen der Situation des Textes und der unsrigen heute? Was
bedeutet der Text für unsere heutige Situation? Welche
Verhaltensveränderung legt er mir nahe? ... Eine andere Art zu
meditieren ist, den Text immer wieder zu
`kauenA,
ihn `wiederzukäuenA,
bis man das entdeckt, was er uns zu sagen hat. So hat Maria meditiert,
wenn sie über die Dinge in ihrem Herzen nachgedacht hat (Lk 2,19) ...
Nach der Beendigung der Lesung und der Entdeckung des Sinnes für uns,
ist es gut, das Gefundene in einem Merksatz zusammenzufassen, am
besten mit den Worten des biblischen Textes selbst, damit wir ihn im
Gedächtnis behalten und ihn den Tag über zu wiederholen und zu `kauenA,
bis er zu unserem geistigen Eigentum wird. Durch dieses Wiederkäuen
unterstellen wir uns dem Urteil des Wortes Gottes und lassen uns
darauf ein, daß es uns wie ein _zweischneidiges Schwert>
durchdringt (Hebr 4,12).
Kassian sagt:
`Unterwiesen durch das, was wir
selbst fühlen, empfinden wir den Text nicht als etwas, was wir nur
hören, sondern als etwas, das wir erleben und mit Händen greifen;
nicht als eine seltsame, beispiellose Geschichte, sondern als etwas,
das wir im Tiefsten unseres Herzens zur Welt bringen, so als seien es
Gefühle, die zu unserem eigenen Sein gehören. Wir sagen es noch
einmal: Es ist nicht das Lesen, das uns in den Sinn der Worte
eindringen läßt, sondern unsere eigene Erfahrung, die wir vorher im
Alltag gemacht habenA (Collationes X,11). Hier
scheint es keinen Unterschied mehr zu geben zwischen Schrift und
Leben, zwischen dem Wort Gottes und unserem eigenen Wort ... Das
Studium legt die Leitungen, die erworbene Erfahrung erzeugt den Strom,
die Meditation drückt auf den Knopf, läßt den Strom durch die
Leitung fließen und die Lampe des Textes aufleuchten. Sowohl Kabel
und Strom sind nötig, damit es Licht gibt. Das Leben wirft Licht auf
den Text; umgekehrt erleuchtet der Text unser Leben. Die Meditation
vertieft auch die persönliche Dimension des Wortes Gottes.
Die Meditation ist individuelles und auch gemeinschaftliches
Tun. Mit anderen zu teilen, was man im Kontakt mit dem Wort Gottes
empfunden, entdeckt und sich zu eigen gemacht hat, ist weit mehr als
die Summe dessen, was ein jeder in der Runde beigetragen hat.
Gemeinsame Suche offenbart den kirchlichen Charakter der Schrift und
stärkt den Gemeinsinn des Glaubens. Deshalb ist es so wichtig, die
Schrift nicht nur für sich allein, sondern auch und vor allem
gemeinsam zu lesen, zu meditieren und zu studieren. Die Schrift ist ja
das Hauptbuch der Kirche, der GemeindeA. Der dritte Schritt ist das Gebet. Durch es bittet, lobt und betet man. `Die Haltung des Betens ist in der Lectio divina von Anfang an da ... die Meditation ist schon fast eine Gebetshaltuing, weil sie von selbst in ein Bitten übergeht. Doch auch wenn die Lectio divina bereits ganz von Gebet durchdrungen ist, muß es in ihr eine Phase geben, die eigens dem Gebet gewidmet ist. Durch das Lesens suchen wir zu entdecken, was uns der Text sagt. Die Meditation konfrontiert unsere Lektüre mit unserem Leben: Was ist das, was der Text mir, uns sagt? Bis hierher war es Gott, der redete. Dann kommt der Moment des eigentlichen Betens: Was läßt der Text mich sagen? Was läßt er uns Gott sagen? ... Das durch die Meditation geförderte Gebet beginnt mit einem schweigenden Staunen und mit der Anbetung des Herrn. Ab hier beginnt unsere Antwort auf das Wort Gottes zu keimen ... Wie bei der Meditation ist wichtig, daß dieses spontane Beten nicht nur individuell geschieht, sondern auch seinen gemeinschaftlichen Ausdruck durch Austausch in der Runde findet. Das durch die Meditation angeregte Beten kann auch im Vortrag vorformulierter Bitten bestehen; hier ist das Stundengebet sehr hilfreich ... Schließlich widerspiegelt sich im Gebet der persönliche Glaubensweg des einzelnen zu Gott hin und sein Bemühen, leer zu werden, um Platz zu machen für Gott, den Nächsten, die Armen, die Kommunität. Hier treten die dunklen Nächte auf den Plan, mit ihren Krisen und Schwierigkeiten, ihrer Wüste und ihren Versuchungen, die durchbetet, meditiert und dem Licht des Wortes Gottes ausgeliefert werden (Mt 4,1-11)A [12] .
Der
vierte und letzte Schritt der lectio divina ist die Kontemplation.
Sie führt zum Beobachten, Genießen und Handeln.
`Die
Kontemplation vereinigt in sich den ganzen von der Lectio divina
zurückgelegten Weg: Wir haben das Wort Gottes gelesen und vernommen,
seinen Sinn studiert und entdeckt. Auf diesen Sinn haben wir uns
eingelassen und begonnen, ihn `wiederzukäuenA,
damit es in unseren Lebensablauf eindringt und vom Kopf ins Herz
gelangt. Wir haben das alles vor Gott zu einem Gebet gemacht, als
Vorsatz für unser Leben ... Nun beginnen wir, mit all dem in unserem
Sinn und Herzen, alles neu zu sehen, um das Leben, die Geschehnisse
und die Geschichte zu beobachten und zu bewerten ... Diese neue
Sehweise ist die Kontemplation. Neu betrachten, neues Verschmecken,
neues Tun! Die Kontemplation bezieht das ganze menschliche Sein mit
ein. Augustinus sagte, daß Gott uns durch das Lesen der Schrift den
Blick der Kontemplation zurückgibt und uns hilft, die Welt zu
entziffern und so zu verändern, daß sie von neuem eine Offenbarung
Gottes, eine Theophanie wird. So verstandene Kontemplation ist gerade
das Gegenteil von der Auffassung, daß man sich aus der Welt
zurückziehen müsse, um Gott `kontemplierenA
zu können.
Die Kontemplation als Frucht der Lectio divina ist das
Verhalten eines Menschen, der sich auf die Geschehnisse einläßt, um
in ihnen die aktive und schöpferische Kraft des Wortes Gottes zu
entdecken und zu verkosten; darüber hinaus verhilft sie dazu, sich
für den Verwandlungsprozeß einzusetzen, den dieses Wort im Raum der
Geschichte anstößt. Die Kontemplation meditiert nicht nur die
Botschaft, sondern verwirklicht sie auch; sie vernimmt sie nicht nur,
sondern setzt sie auch in die Tat um. Sie trennt nicht die beiden
Aspekte Sagen und Tun, Lehren und Animieren; sie ist Licht und Kraft
... Die Kontemplation ist als oberste Sprosse einer Leiter die neue
Ebene, von der aus ein neuer Anfang gemacht wird. Sie ist wie die
Besteigung eines sehr hohen Turms ... Sie macht Lust, immer höher zu
steigen, um die Landschaft noch besser betrachten zu können. Und so
steigen wir immer mehr in einen Prozeß ein, der kein Ende nimmt. Wir
lesen immer die gleiche Bibel und sehen dabei immer die gleiche
Landschaft. Aber je höher wir steigen, desto klarer wird das, was wir
sehen; die Landschaft wird weiter, wirklicher ... Und so steigen wir
zusammen mit unseren Mitschwestern und Mitbrüdern hinauf, tauschen
uns aus und helfen einander, damit niemand zurückbleibt. So steigen
wir höher und höher, bis wir Gott von Angesicht zu Angesicht schauen
(1 Kor 13,12) und in Gott, in einer vollständigen und endgültigen
Schau, unsere Schwestern und Brüder, die Wirklichkeit, die LandschaftA.
Fragen für die persönliche und gemeinschaftliche Reflexion
III. Die historische Perspektive der lectio divina
Die Geschichte mit den zwei Jüngern von Emmaus, wie sie
im Lukasevangelium erzählt wird (Lk 24,13-35), enthält schon all
das, was später in der Kirche lectio divina genannt wird:
Jesus lehrt die Emmausjünger, das Leben mit dem Wort der Schrift zu
verbinden und die Frucht des im Gespräch mit ihm empfangenen Lichts
in konkreter, tätiger Liebe und in der Verkündigung der Frohen
Botschaft zum Ausdruck zu bringen.
Im
Jahre 238 taucht schon der Begriff lectio divina auf,
allerdings in Griechisch, und zwar in einem Brief des Origenes an
seinen Schüler Gregor, der sich auf die Verkündigung des Evangeliums
vorbereitete. Origenes gibt ihm Ratschläge, in welcher Weise er sich
dem Studium der Schriften widmen solle:
`Widme
dich der Lectio der Heiligen Schrift; bleib mit Ausdauer dabei
... Bemühe dich um die Lectio mit der Absicht, an Gott zu
glauben und ihm zu gefallen ... Wenn du dich so der Lectio
widmest, suche redlich und mit unerschütterlichem Gottvertrauen nach
dem Sinn der Heiligen Schriften, der in ihnen sehr ausgiebig enthalten
istA
[13]
.
Zu dieser Zeit verfügte man bestimmt noch nicht über eine
Methodologie, um Lectio divina zu halten; das ist erst das
Ergebnis einer späteren Entwicklung. Die Aszeten und Zönobiten des
2. bis 4. Jahrhunderts maßen der Schriftlesung höchste Bedeutung
bei. Kassian (+435) hat uns folgenden Rat des Abtes Nestor
überliefert:
`Bemühe dich, dich eifrig, ja
beständig der Lectio divina hinzugeben und bestehe darauf, bis
diese ständige Meditation deine Seele durchtränkt und nach seinem
Bild umgeformt hatA
(Collationes XIV,10)
[14]
. Nach und nach wird die Praxis der lectio
divina im klösterlichen Leben gebräuchlich.
Gregor der Große entwickelt eine geistliche Exegese der
Schrift, die in einem sogenannten inneren
`WiederkäuenA
des Wortes besteht. Benedikt verwendet in seiner Regel 48,1 denselben
Ausdruck, wenn er an die Hauptbeschäftigung der Mönche mit der
geistlichen Lesung anspielt und sie einlädt, sich der Lektüre und
dem Studium der Schrift zu widmen.
Im 12. Jahrhundert erarbeitet Guido II., der Prior der
`Grande
ChartreuseA, für die Praxis der lectio
divina eine methodische Darstellung. Er stellt sie als
Himmelsleiter mit vier Sprossen dar: Lektüre, Meditation,
Gebet und Kontemplation. Ab dem 16. Jahrhundert tritt
sie ihren Platz an rationale und spekulative Systeme ab und verkommt
zu einer aus Andachtsübungen bestehenden Spiritualität des inneren
Lebens. Ihren Platz nimmt jetzt das betrachtende Gebet ein, in das die
Menschen auf verschiedene Weisen eingeführt werden.
Das Zweite Vatikanische Konzil hat dem Wort wieder eine zentrale
Bedeutung gegeben und in der Konstitution Dei Verbum gefordert,
daß
`der
Zugang zur Heiligen Schrift den an Christus Glaubenden weit offensteheA.
Es ermahnt alle Gläubigen, `durch häufige Lesung der
Heiligen Schrift sich die _alles übertreffende Erkenntnis
Jesu Christi> anzueignen (Phil 3,8), denn:
die Schrift nicht kennen, heißt, Christus nicht kennenA
[15]
. Die Lectio divina hat heute die
Aufgabe, unser persönliches und gemeinschaftliches Beten zu einer
sicheren Antwort an Gott werden zu lassen, der in den Schriften
weiterhin zu uns spricht: `In
den Heiligen Büchern kommt ja der Vater, der im Himmel ist, seinen
Kindern in Liebe entgegen und nimmt mit ihnen das Gespräch auf. Und
solche Gewalt und Kraft west im Worte Gottes, daß es für die Kirche
Halt und Leben, für die Kinder der Kirche Glaubensstärke,
Seelenspeise und reiner, unversieglicher Quell des geistlichen Lebens
ist. Darum gelten von der Heiligen Schrift in besonderer Weise die
Worte:
_Denn
lebendig ist das Wort Gottes und kraftvoll>
(Hebr 4,12), es hat die Kraft,
_aufzubauen
und das Erbe in der Gemeinschaft der Geheiligten zu verleihen>
(Apg
20,32; vgl. 1 Thess 2,13)A
[16]
.
Seit dem Konzil hat sie in Ordensgemeinschaften, kirchlichen
Bewegungen, christlichen Gemeinden und in der Seelsorge der
Ortskirchen mehr und mehr Fuß gefaßt. So tauchte im Leben der Kirche
wieder deutlich der zentrale Platz der Schrift auf, wie das Zweite
Vatikanische Konzil in Erinnerung ruft:
`Die
Kirche hat die Heiligen Schriften immer verehrt wie den Herrenleib
selbst, weil sie, vor allem in der heiligen Liturgie, vom Tisch des
Wortes Gottes wie des Leibes Christi ohne Unterlaß das Brot des
Lebens nimmt und den Gläubigen reicht. In ihnen zusammen mit der
Heiligen Überlieferung sah sie immer und sieht sie die höchste
Richtschnur ihres Glaubens, weil sie, von Gott eingegeben und ein für
alle Male niedergeschrieben, das Wort Gottes selbst unwandelbar
vermitteln und in den Worten der Propheten und Apostel die Stimme des
Heiligen Geistes vernehmen lassen. Wie die christliche Religion
selbst, so muß auch jede kirchliche Verkündigung sich von der
Heiligen Schrift nähren und sich an ihr orientierenA
[17]
.
Fragen
für die persönliche und gemeinschaftliche Reflexion:
IV. Die karmelitanische Perspektive der lectio divina
1. Die lectio divina und die Regel des Karmel `Die Karmelregel ist zutiefst biblisch, sie ist von ihrem Wesen her bibilisch. Nicht nur wegen der, wie in neueren Arbeiten festgestellt wurde, mehr als hundert direkten oder indirekten Schriftzitate und Anspielungen auf die Schrift. Die extreme Kürze des Textes (ca. 1100 Wörter) verleiht diesen Zitaten große Bedeutung, aber auch die Bilder und der Sprachstil der Regel sind im allgemeinen typisch biblisch. In einigen Abschnitten handelt es sich sogar um eine regelrechte lectio divina mit konkreten Anweisungen für die Praxis ... Heutzutage fällt diese Eigentümlichkeit der Regel ins Auge, früher fiel sie eigentlich niemandem auf, weil man die Regel ideologisch las oder weil man mit Vorurteilen an ihre Lektüre ging: die Regel hatte auszusagen, was man hineinlegen wollte, sei es, daß man sie eremitisch, marianisch oder aszetisch verstehen wollteA [18] .
Wenn
man die Regel liest, stellt man fest, daß die tiefe
Vertrautheit, die die Verfasser mit der Schrift hatten, sie befähigt
hat, ihr Vorhaben mit biblischen Texten zu durchsetzen.
`Zugleich
führt sie die Treue zum Wort dazu, nach praktischen und symbolischen
Ausdrucksformen zu suchen ... Das Dreigestirn Wort B
Projekt B
Organisation ist zudem typisch für den Stil der geistlichen
Strömungen jener Zeit ..., und das zeigt eine auch für uns heute
brauchbare Methode auf. Es geht darum, das Wort sprechen zu lassen, um
das Leben zu deuten, und umgekehrt Leben und Praxis so zu ändern,
daß sie zu Symbolen des Wortes werdenA
[19]
.
`Die
Regel öffnet drei Türen, durch die das Wort Gottes ins Leben
der Karmeliten eintreten kann:
In der Regel sind die vier traditionellen Schritte der lectio
divina leicht wiederzuerkennen:
Die Karmelregel empfiehlt nicht nur die Schriftlesung,
sondern auch das Tun ... Sie ist zugleich Quelle und Frucht der lectio
divina und zeigt uns, wie sie die Schrift anwendet und auslegt ...
Das Ziel, von dem aus und für das die Regel die Bibel liest
und verwendet, ist die Sorge, ein Leben in der Gefolgschaft Jesu
Christi zu führen, wie im Vorwort gesagt wird. Die Nachfolge Christi
ist der Rahmen. Sie erscheint am Anfang, im Vorwort und in den letzten
zwei Kapiteln, wo sie den Prior bittet zu tun, was Christus im
Evangelium sagte, und die Untergebenen, in der Person des Priors
Christus zu sehen ...
Der
Beitrag, den uns die Regel gibt, besteht nicht nur in dem, was
sie über die Schrift sagt, sondern auch in der Art, wie sie die
Schrift anwendet. Sie versteht es, das Wort Gottes zu inkarnieren,
daß sie es als das ihre aufnimmt.A
[21]
2. Die heilige Teresa und die Hl. Schrift
`Einer
der Gründe für den Reichtum und die Aktualität der Spiritualität
Teresas ist ihr tiefer biblischer Bezug. Der biblische Reichtum in
ihrem Gesamtwerk ist erstaunlich groß. Sie zitiert wörtlich aus der
Schrift, spielt häufig indirekt auf sie an, geht mit erstaunlicher
Intuition an die Auslegung der Texte und nimmt in suggestiver Weise
Schriftstellen her oder bedient sich biblischer Gestalten, um
menschliche Verhaltensweisen zu erörtern oder eigene geistliche
Erfahrungen zu erklären ... Der Platz, den die Schrift in ihrem Leben
und ihrer Lehre einnimmt, ist doppelt erstaunlich, wenn man die Zeit
bedenkt, in der Teresa gelebt hat. Wir haben eine Frau vor uns, die
keine Möglichkeit zu einem ordentlichen Bibelstudium hatte und die
Bibel nicht einmal ganz kannte ... Sie lebte in einer Zeit, in der der
Zugang zur Schrift nur beschränkt und indirekt möglich war Ihre
biblische Bildung war lückenhaft und kaum systematisch. Sie hat nie
eine Bibelausgabe zur Verfügung gehabt, die sie hätte lesen,
studieren oder konsultieren können. Zu ihrer Zeit war die Bibel für
das Volk verboten, weil die kirchlichen Behörden fürchteten, sie
könne dem Glauben schaden ... Viele Theologen von damals waren der
Überzeugung, das Wort Gottes sei für ungebildete Leute und besonders
für Frauen eine gefährliche Kost. Einer von ihnen, Melchor Cano,
verstieg sich sogar zu der Ansicht: _Die
Erfahrung lehrt uns, daß es den Frauen und nicht-studierten Leuten
sehr geschadet hat, wenn man ihnen die Hl. Schrift ... in der
Muttersprache in die Hände gibt ... Das haben die Häretiker gemacht.
Da sie die Deutschen gescheit machen wollten, indem sie ihnen die
Augen öffneten, um das zu sehen, was ihre Vorfahren niemals sahen,
begannen sie, die Irrtümer vorzubereiten und auszuarbeiten, die sie
dann später ausgesät haben ... So schön der Baum dieser
theologischen Wissenschaft den Augen erscheinen und so schmeichelhaft
er dem Geschmack sein mag, so sehr die Schlange versprechen mag, dem
Volk mit dieser Frucht doch die Augen zu öffnen, und so sehr die
Frauen mit unersättlichem Appetit danach verlangen, von dieser Frucht
(der Hl. Schrift) zu essen, so notwendig ist es, sie zu verbieten und
ein Flammenschwert aufzustellen, daß das Volk nicht daran kommt>
[22]
.
In diesem feindlichen, gefährlichen Umfeld beweist Teresa
außerordentliche innere Freiheit und zugleich zärtliche Liebe zum
Worte Gottes. Sie wagt sich an die Kommentierung des Vaterunsers
heran, was für sie zum roten Faden für den Wes der Vollkommenheit
wird ... Außerdem schreibt sie Meditationen zum Hohenlied ...
Sie kennt die Schrift nur aus zweiter Hand über geistliche Bücher
... Viele Bibelzitate hatte sie sich aus den Predigten jener Zeit
gemerktA
[23]
.
Teresa begegnete dem Wort Gottes durch Kontakte, die sie mit
Leuten unterhielt, die die Schrift kannten und die verwandelnde Kraft
des Wortes an sich erfahren hatten. Überdies wurde ihr durch eigene
mystische Erfahrungen nach und nach klar, daß
`Gott die Wahrheit ist, eine
Wahrheit, die der Schrift eingegossen, in ihr enthalten ist.
Gott-Wahrheit-Schrift: die Wahrheit, der Teresa auf mystischem Wege
begegnete, liegt in der Schrift verborgen; diese Wahrheit ist die
SchriftA
[24]
.
In ihrer geistlichen Erfahrung führt sie der Herr in nachhaltiger
Weise zu einem Verständnis seines Wortes und bot ihr dabei einen Sinn
an, der weit über die buchstäbliche oder engere Bedeutung der
Textstelle hinausging und oft im Vergleich zu den gängigen
Auslegungen ihrer Zeit geradezu modern war.
Für Teresa von Jesus ist die Schrift nicht Selbstzweck; sie
dient ihr vielmehr dazu, die eigene geistliche Erfahrung zu verstehen
und zu deuten ... Die Schrift ist in ihr lebendiges Wort geworden und
verschmilzt harmonisch mit ihrem Leben, wie zwei Worte aus dem Munde
desselben Gottes. Unbefangen bemerkt sie, daß die Erzählungen der
Schrift ihr vorkommen,
_als
könne sie sie buchstäblich in ihrem Innern lesen>
... Teresa ist ein glaubwürdiger Zeuge der Kraft und des Lichts der
Heiligen Schrift ... Sie hat uns in einem Leben, das vom Wort Gottes
gestützt, vorangetrieben und erleuchtet war und von ihm her zu deuten
ist, ein sehr reiches Zeugnis hinterlassenA
[25]
.
3. Der hl. Johannes vom Kreuz und die lectio divina
Es gibt bei Johannes vom Kreuz ein Wort, das die vier Schritte
der lectio divina aufzählt:
`Sucht beim Lesen und ihr werdet
finden beim Meditieren; klopft an beim Beten und man wird euch öffnen
in der KontemplationA
[26]
.
`Die
Praxis der lectio divina bei Johannes vom Kreuz verbindet sich
mit der Tradition, die ihm vorausgeht ... Während seiner
Gefangenschaft in Toledo hatte er keine andere geistliche Nahrung. Von
dieser Lectio zeugen seine ersten Gedichte: die zwei Romanzen,
das Lied von der Quelle und der Geistliche Gesang. Sie
alle sind Lieder einer biblischen SeeleA.
`Die
Bibel ist für Johannes vom Kreuz Quelle unermeßlichen Reichtums, so
unermeßlich wie die in Christus verborgenen Schätze, dem einzigen
Wort des Vaters. Juans eigenes Wort, das Wort eines Mystikers, ist die
reife Frucht eines ständigen Umgangs mit der Schrift ... Für
Johannes ist das betende Lesen der Bibel die Quelle für alle seine
inneren Reichtümer und Ansatzpunkt für seine am Evangelium
orientierte Radikalität: _Wenn
du den Frieden und Trost der Seele finden und Gott wirklich dienen
möchtest, dann begnüge dich nicht mit dem, was du verlassen hast;
denn vielleicht bist du in dem, womit du erneut umgehst, genauso
behindert oder noch stärker als vorher. Laß vielmehr alle dir noch
verbliebenen Dinge und sondere dich ab in dem einzigen, das alles mit
sich bringt und das das selige Alleinsein ist, das vom Gebet und von
heiliger und geistlicher Lesung begleitet ist>
[27]
.
Das Zeugnis Juans liegt in seinem Wort und in seiner Erfahrung, die
zutiefst in der Schrift verwurzelt sind, nicht weil er sich
klischeehaft an die Schrift hielte oder viel aus der Schrift zitiert,
sondern weil etwas Übernatürliches und Geheimnisvolles in seinen
Worten liegt, das sich jedem Deutungsversuch widersetzt. Es handelt
sich um das Wort eines Mystikers, eines, der das Wort Gottes vom
Studium her und aus Erfahrung kennt. Die Liebe zur Schrift B
nach dem, was von Leuten, die ihn gekannt haben, berichtet wird, hat
er fast nichts anderes gelesen B hat einen neuen Johannes vom
Kreuz hervorgebracht, einen neuen Menschen, der in seinen Worten das
neu schafft, was aus einer unaussprechlichen Erfahrung entsteht ...
Die Lektüre der Schrift im Lichte der neuen geistlichen
Erfahrung Gottes aus der Realität
B auch sie ist Wort Gottes,
wahrhaft Gnade aus Glauben B und begleitet von Johannes vom
Kreuz, beruft auch uns als Karmeliten dazu, das Wort sozusagen neu zu
schaffen. Die Lectio divina ist eine betende Größe,
wesensverwandt mit unserem Charisma ... Mit Johannes vom Kreuz, dessen
Schriften uns zu verstehen geben, wie reich Schrift und Leben sind,
wird die Lectio zu einer tiefen, neuartigen, kreativen
geistlichen Erfahrung. Sie ist kontemplative Lektüre, eng verbunden
mit unserer prophetischen Berufung und offen für Gott in der
GeschichteA
[28]
.
4.
Therese von Lisieux und die lectio divina
`Sehr
wahrscheinlich ist die lectio divina als solche im Karmel von
Lisieux nicht praktiziert worden. Wir haben keinerlei Hinweise, die es
bestätigen oder sich darauf oder auf eine andere Form methodischer
Schriftlektüre beziehen. Therese selbst spricht sich nirgends aus, in
welcher Weise sie das Evangelium gelesen hat. Nur über ihre Schwester
Celine wissen wir, daß sie sich nicht mit unkritischer
Schriftlektüre zufrieden gab, sondern daß sie die Schrift, vor allem
das Evangelium, regelrecht studierte, um Gott zu entdecken.
Aus ihren Schriften können wir immerhin ihre Art der
Bibellektüre herleiten, die allerdings nichts besonderes ist und in
etwa der lectio divina ähnelt ...:
Sie weiß sehr wohl, daß die verschiedenen Ereignisse ihres
Lebens nicht Zufall sind, sondern zu einem Plan gehörten, den Gott
mit ihr hat, so wie auch die Geschichte des Volkes Israel gottgelenkt
ist;
Bei der Schriftlektüre versteht sie Gottes Plan im Verlauf der
Geschichte, und diese Erkenntnis hilft ihr, Gottes Anrufe in ihrer
persönlichen Geschichte und in der Geschichte und den konkreten
Situationen der Menschen zu entschlüsseln ... Bei der Suche nach
ihrer Berufung wird ihr klar, daß das Karmelitin-Sein, und Braut- und
Mutter-Sein ihre Berufung ausmachen. Doch sie fühlt die Berufung zum
Krieger, Priester, Apostel, Kirchenlehrer und Märtyrer in sichA
[29]
.
Dabei schlägt sie die Schrift auf und stößt auf das 12. und 13.
Kapitel des ersten Korintherbriefs. Nun entdeckt sie, daß es ihre
Berufung ist, im Herzen der Kirche die Liebe zu sein.
`Das
Evangelium ist es, das sie angesichts ihrer Armseligkeit den kleinen
Weg der geistlichen Kindheit entdecken läßt ... Alle Entdeckungen,
die Therese im Laufe ihres Lebens gemacht hat, verdankt sie der
Schrift: etwa die von der Barmherzigkeit Gottes, wie sie in den drei
Gleichnissen bei Lukas beschrieben wird (das verlorene Schaf, die
verlorene Drachme, der verlorene Sohn) ... Auf jeder Seite ihrer
Manuskripte finden sich Stellen, die ihre innere Verfassung oder die
anderer durchblicken lassen, und
sie ermutigen, auf dem eingeschlagenen Weg weiterzugehen und
bei der Haltung vollen Vertrauens eines kleinen Kindes vor seinem
Vater zu bleiben. Das Wichtige ist für Therese, auf die Stimme Dessen
zu hören, den man liebt und dem man sich ganz übergeben hat. Beim
Eindringen in die Schrift entdeckt Therese Gottes _Charakter>
jedes Mal besser, wird mit den Gewohnheiten Gottes, mit der Art Gottes
zu _denken>
und zu handeln immer mehr vertraut, und bemüht sich, zu denken und zu
handeln wie Er.
Therese erfährt damit eine Wahrheit, die denen gut bekannt ist,
die die Schrift meditieren: Schriftlektüre mit Meditation, Gebet und
geistgewirkter Kontemplation läßt uns auf immer wieder neue Weise in
das Geheimnis der Liebe Gottes eindringen, und das Licht für unser
Verhältnis zu Gott und den Mitmenschen wird überfließenderA
[30]
.
Fragen
für die persönliche und gemeinschaftliche Reflexion
V. Die praktische Perspektive der lectio divina
Hauptzweck
der lectio divina ist, daß wir mit Hilfe der Schrift das Wort
Gottes entdecken, annehmen und feiern können, denn es ist heute in
unserem Leben vernehmbar, wie es im Psalm heißt:
`Ach,
würdet ihr doch heute auf seine Stimme hören!A
(95,7).
`Die
Geschichte der Kirche zeigt uns, daß zwei gleichzeitig ablaufende
Bewegungen nötig sind, um dieses Ziel zu erreichen: die eine vom
Heute zum Gestern und die andere vom Gestern zum Heute. Die vom Heute
zum Gestern sucht den Wortsinn des Textes zu erforschen, den Text, die
Geschichte, bis sie zur allgemein menschlichen Problematik (des
Gestern) kommt ... Die Bewegung vom Gestern zum Heute versucht, den
geistlichen Sinn freizulegen, den Geist, die Botschaft, die
theologische Aussage, also das, was Gott uns heute durch den Text von
gestern sagen will. In dieser zweiten Bewegung kommt es auf den
Glauben an, wobei uns das Klima des Gebets sehr von Nutzen ist und das
Verständnis des geistlichen Sinnes fördert. Buchstabe und Geist:
diese beiden Bewegungen verhalten sich zueinander wie Leib und Seele;
eine Auslegung ohne sie ist nicht möglich.
Man
sieht leicht, daß die zwei Bewegungen in der lectio divina
durchwegs vorhanden sind. Die Bewegung vom Heute zum Gestern spielt
sich vor allem in den Phasen des Lesens und der Meditation
ab, die Bewegung vom Gestern zum Heute vor allem durch die Meditation
und das Gebet. In der Kontemplation verschmelzen die
beiden Bewegungen zu einer einzigen ... Diese beiden Bewegungen sind
allerdings nur dann möglich, wenn die Lektüre von drei grundlegenden
Voraussetzungen ausgeht:
a) Wir müssen uns die Situation
des Menschen von heute vor Augen halten, mit seinen Problemen und
Herausforderungen, die den Glauben in Frage stellen und das Leben
bedrohen.
Um
die lectio divina in die Tat umzusetzen, sind uns verschiedene
konkrete Anleitungen für die Praxis angeboten worden. Wir verweisen
auf zwei: die eine vom Team für Theologische Reflexion OCarm / OCD
in Lateinamerika vorgeschlagene, die andere von P. Bruno Secondin
O.Carm. seinem oben zitierten Buch.
1. Das Team für Theologische Reflexion OCarm / OCD
unterscheidet zwischen der Anleitung für die persönliche und für
die gemeinschaftliche lectio divina:
A. Für die persönliche lectio divina:
1.
Beginn mit einem Gebet zum Heiligen Geist
B.
Für die gemeinschaftliche lectio divina:
Fragen
für die persönliche und gemeinschaftliche Reflexion:
Hast
du bei einer persönlichen oder gemeinschaftlichen
lectio
divina eine von diesen Methoden oder eine andere benutzt?
Schluß
`Das
Wort Gottes ist zusammen mit den Sakramenten Gedächtnis der
wunderbaren Schritte Gottes in der Geschichte, durch die er uns im
Heute begleitet und uns von uns frei macht und uns mit der Kraft des
Geistes für die Zukunft rüstet ... Wie die Sakramente ist das Wort
Gottes ein gedächtnisstiftendes Zeichen (Gedächtnis des
Vergangenen), ein sinnstiftendes Zeichen (Handeln Gottes in der
Gegenwart) und ein vorausdarstellendes Zeichen
(Zukunftsperspektive). All dies liegt auch im Begriff _prophetisch>.
Verkündet in der Vergangenheit, hat das Wort Gottes bleibende
Gültigkeit in der Gegenwart und richtet den Blick auf eine
überwältigende Zukunft: _das
Große, das Gott denen bereitet hat, die ihn lieben>
(1. Kor 2,9). Dieses Wort nimmt uns in die Pflicht, wie die
Sakramente. Es nimmt uns in die Pflicht, heute und morgen das zu sein,
was wir nach dem Willen Gottes sein sollenA
[34]
.
[1]
Teresa
von Avila, Das
Buch meines Lebens, Herder Spektrum 5211, Freiburg i.Br. 2001,
8,5. |

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